shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Frauenbewegung in der BRD (2)

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„Es ging uns nicht um Gebärfähigkeit an sich, sondern darum dass Frauen dadurch andere Probleme haben und dass es nicht automatisch bedeuten muss, dass sie darunter gesellschaftlich leiden müssen.“

Helke Sander

Was bisher geschah: Im Rahmen der Anti-Springer-Kampagne des SDS 1967/1968 stellt Helke Sander fest, daß das in den Blättern des Springer-Konzerns verbreitete reaktionäre Frauenbild in der Kampagne nicht thematisiert wird. Sie sucht deshalb einen Arbeitskreis der Kampagne auf, um auf dieses Problem aufmerksam zu machen.

Der Erfolg von Betty Friedans Buch über den Weiblichkeitswahn ([1]) hätte die Genossen eigentlich hellhörig werden lassen müssen – wenn sie ihn denn zur Kenntnis genommen hätten. In den Blättern des Springerverlages wurde ein Frauenbild entworfen, in dem sich eine zunehmend größer werdende Masse von Frauen nicht erkennen konnten. Tatsächlich stellte die Springer-Presse in dieser Hinsicht nur die Spitze eines Eisbergs da. Selbst die Bundesregierung strickte hochoffiziell an einem Frauenbild mit, angesichts dessen sich einem heute der Magen hebt. Im Bericht der Bundesregierung über die Situation der Frau in Beruf, Familie und Gesellschaft vom September 1966 wurde genau der Unsinn verzapft, den Friedan bereits drei Jahre zuvor unter großem Zuspruch ihrer Leserinnen komplett demontiert hatte. Zusammen mit der Springerpresse im Chor sang die Bundesregierung das Loblied der Hausfrau als kompetenter Managerin und kam zu dem Schluß:

„Angesichts der Vielfalt geistiger und körperlicher Leistungen, die von der Hausfrau verlangt werden, erscheint es nicht verwunderlich, wenn demoskopische Untersuchungen ergeben haben, daß auch heute noch die Mehrzahl aller Frauen ihre Tätigkeit in Haushalt und Familie als Lebensaufgabe und Berufung verstehen.“ (zit. nach [4], S. 113)

Mit der Realität und der tatsächlichen Erfahrung der Frauen hatte dieses Bild wenig zu tun. Viele Frauen, vor allem die Mütter, waren mit ihrer Rolle keineswegs zufrieden, empfanden sie mitnichten als Berufung, sondern fühlten sich oft genug isoliert und hoffnungslos überfordert. Hier hätte die Springer-Kampagne – was Sander völlig richtig erkannte – eine reale Chance gehabt, weit über das studentische Milieu hinaus Menschen anzusprechen, die mit ihrer Situation massiv unzufrieden waren. Am Beispiel der verlogenen Hausfrauen- und Familienpropaganda wäre es möglich gewesen, exemplarisch zu zeigen, wie die mediale Manipulationsmaschinerie funktioniert, und zwar an einem Thema, bei dem zumindest Frauen die Differenz zwischen medialem Schein und gesellschaftlicher Realität aus eigener Anschauung nur allzu gut kannten.

Doch daraus wurde nichts. Die Genossen hörten sich zwar höflich an, was die Genossin zu sagen hatte (Helke Sander hat diese Situation dann später in ihrem Film Der subjektive Faktor nachgestellt), doch der Bescheid, der dann erteilt wurde, war ernüchternd:

„Sie meinten nur: »Geh mal in die Küche. Da macht die Marianne so was Ähnliches.« In dem Moment blieb mir nur Sprachlosigkeit. Ich ging aber tatsächlich in die Küche.“ ([5] , S. 165)

„Die Marianne“ – das war Marianne Herzog. Mit Helke Sander verband sie, daß auch sie jung geheiratet hatte und Mutter geworden war. Doch war ihre Biographie noch um einiges komplizierter als die von Helke.

Marianne Herzog wurde 1939 in Schlesien geboren, in Breslau, die Familie kam aber aus dem Berliner Raum. Marianne erlebte als Kind die Schrecken des Krieges, die Familie flüchtete vor der anrückenden Roten Armee nach Waren in Mecklenburg-Vorpommern. 1950 machte sich der Vater nach Westen davon und ließ die Mutter mit zwei Kindern sitzen:

„Wir lebten dreizehn Jahre lang zu dritt von dreihundertzwanzig Mark im Monat, dem Gehalt meiner Mutter.“ ([3], S. 188)

Marianne ist bei den Jungen Pionieren und Hürdenläuferin beim Eisenbahnersportverein „Lokomotive Waren“ ([2], S. 94). Sie macht eine Lehre als Buchhändlerin und liest fast alles, was ihr in die Finger kommt. Mit 17 beschließt sie, in den Westen zu gehen, durchaus nicht aus politischen Gründen:

„Ich war, gleich nach meiner Lehre in der Buchhandlung einer Kleinstadt der DDR, in eine Buchhandlung einer Kleinstadt im Westen gegangen, mit 17. Ich wollte nichts anderes, als mehr sehen: mehr sehen, als die Stadt, aus der ich kam, mehr sehen, als die Hauptstraße, die bei uns Lange Straße hieß, ich wollte mehr lesen, mehr Bücher, als bei uns in der Buchhandlung im Regal standen.“ ([2], S. 22)

Doch letztlich kommt sie im Westen nicht wirklich an. Nach zwei Jahren treibt es sie zurück in die DDR:

„Ich hatte Heimweh nach unserem Ort, nach der Müritz, meiner Familie, nach den Jugendlichen, mit denen ich zweimal in der Woche trainierte und jedes Wochenende, eng eingekeilt, mit der Bahn zu Leichtathletikwettkämpfen gefahren war. Ich hatte Sehnsucht, auf eine bestimmte Art zu sprechen, die ich im Westen nicht gefunden hatte.
Ich wollte nach Hause.“ ([2], S. 26)

Doch die Rückkehr in die DDR wird zur Katastrophe. Das paranoide stalinistische System verdächtigte die Rückkehrerin, eine Westspionin zu sein. Und so wird sie in ein Lager in Mecklenburg gesteckt. Um aus dem Lager zu kommen gibt sie einen Jugendfreund als ihren Verlobten aus. Damit kommt sie aus dem Lager.

„Ich bekam keinen Ausweis. Ich sollte mich »bewähren«. Es war ganz einfach: sie glaubten […] mir nicht, daß ich in der DDR leben wollte. So wenig liebten sie ihr Land.“ ([2], S. 32)

Sie zieht, weniger aus Neigung, sondern eher weil ihr sonst nichts übrig bleibt, mit diesem Freund zusammen. Sie hausen zu zweit in eine Dachkammer mit einem Feldbett. Er will sie irgendwann heiraten, sie fügt sich aus pragmatischen Gründen:

„Wir bekamen einen »Einweisungsschein« für ein Zimmer bei einem jungen Paar. […] Wir schliefen in richtigen Betten. Und aßen an einem viereckigen Tisch.“ ([3], S. 103)

1961 wird sie schwanger. Und hält es nicht mehr aus. Sie flieht. Vor der DDR. Vor ihrem Mann. Für ihre 900 Ostmark bekommt sie in Westberlin 187 D-Mark. Diese gibt sie für ein Paar Schuhe, eine Übernachtung und einen Flug in den Westen aus. Als sie in Süddeutschland ankommt, ist sie ist allein, hochschwanger und hat noch 20 Mark in der Tasche. Sie findet Aufnahme in einer kirchlichen Institution. Es ist Sonntag, der 13. August 1961. In Berlin wird die Mauer hochgezogen.

Im Oktober wird ihr Sohn geboren, doch als alleinstehende Mutter ist sie den Belastungen nicht gewachsen. Nach zwei Jahren gibt sie das Kind zur Adoption frei:

„In dieser Pflegestelle mit sieben Kindern, in Solln bei München, habe ich Dich allein gelassen.
Als ich Dich verließ, habe ich mich gerettet.
Wie hätte ich uns beide retten können?“ ([3], S. 111)

Vier Jahre später, im Dezember 1967, kommt Helke Sander zu ihr in die Küche. Das war keine Begegnung von zwei Studentinnen, die planten, einen Aufstand gegen das SDS-Establishment anzuzetteln. Es trafen sich zunächst einmal zwei Mütter. Sie wußten beide, was es heißt, in dieser Gesellschaft ein Kind zu haben: Helke Sander war 1965 ohne ihren Ehemann, aber mit Kind aus Finnland zurückgekommen und schlug sich neben ihrem Studium mit Übersetzungsarbeiten durch. Beiden war durch eigene Erfahrung klar, daß sie, allein durch die Tatsache, daß sie Mütter geworden waren, eigentlich aus der Öffentlichkeit verbannt worden waren. Marianne Herzog hatte die Notbremse gezogen und ihr Kind zur Adoption freigegeben – eine Entscheidung, die sie auch zwanzig Jahre später noch zutiefst quälte und die sie in ihrem Buch Suche dargestellt hat. Sander versuchte sich, so gut es ging, mit Kind durchzuschlagen. Aber beiden war klar: Das ist kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Problem. Und zwar ein gesellschaftliches Problem, das nicht eine Minderheit, sondern eine Mehrheit anging.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn es in einem ersten Flugblattentwurf heißt:

„wenn du noch nicht geheiratet hast, tu es schnellstens. sei nicht wählerisch, heirate den ersten besten. um so eher kannst du dich befreien.“ ([6], S. 142)

Nachweise

[1] Friedan, B., Der Weiblichkeitswahn oder Die Selbstbefreiung der Frau, Reinbek 1970.

[2] Herzog, M., Nicht den Hunger verlieren, Berlin 1980.

[3] Herzog, M., Suche, Darmstadt 1988.

[4] Langer, I.: „Vor dem Aufbruch. Die soziale Stellung der Frauen in den 60er Jahren“, in: Becker, B. (Hg.), Unbekannte Wesen. Frauen in den 60er Jahren, Berlin 1987, S. 113 – 130.

[5] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

[6] Dietz, G.; Schmidt, M.; Honkomb, A. & Schmiel, E. (Hg.), Klamm, Heimlich & Freunde. Die siebziger Jahre, Berlin 1987.

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Written by alterbolschewik

4. Oktober 2013 um 15:19

Veröffentlicht in Feminismus

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