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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Frauenbewegung in der BRD (3)

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„Das war das Kernproblem: Wie soll eine Gesellschaft aussehen, in der es kein Nachteil ist, daß eine Frau ein Kind bekommt.“

Helke Sander

Was bisher geschah: Der SDS interessiert sich im Rahmen der Springer-Kampagne nicht für das von Bild-Zeitung und Co. verbreitete Frauenbild. Deshalb tut sich Helke Sander mit Marianne Herzog zusammen, um ein eigenes Projekt zu entwickeln.

Man kann gar nicht oft genug betonen, daß die Anfänge der Frauenbewegung tief im 68er-Aufbruch verankert waren. Das ist deshalb so wichtig, weil später von großen Teilen der Frauenbewegung ganz andere historische Thesen vertreten wurden: Daß die Frauenbewegung deshalb enstanden sei, weil sich die Frauen von den autoritären SDS-Machos abgrenzen wollten.

Doch das ist bestenfalls die Hälfte der Geschichte. Sicherlich: Daß Helke Sanders Vorschlag, doch auch einmal das Frauenbild der Springerpresse zum Thema zu machen, ignoriert wurde, zeigt deutlich, daß bestimmte Themen einfach nicht ernst genommen wurden, daß Vorschläge von Frauen ignoriert oder – noch schlimmer – lächerlich gemacht wurden.

Es griffe aber zu kurz, wollte man diese Problematik einfach auf die Behauptung reduzieren, daß der SDS eben eine männerdominierte patriarchalische Organisation gewesen sei, in der Frauen keine Rolle spielen sollten. Tatsächlich war die aggressive Dominanz männlicher Klugscheißer selbst ein Resultat der historischen Entwicklung. Die aggressiven Hähnchenkämpfe im SDS, die nicht nur viele Frauen, sondern auch viele männliche Sympathisanten von der Diskussion ausschlossen, sind auf das explosive Wachstum des SDS im Jahr 1967 zurückzuführen. Der SDS war Ende 1967 nicht mehr die Organisation, die er noch zu Beginn des Jahres gewesen war.

Denn dazwischen lag der 2. Juni 1967, die Ermordung Benno Ohnesorgs während der Anti-Schahdemonstrationen in Berlin. Nach diesem Ereignis explodierten die Mitgliederzahlen des SDS. Davor war der SDS ein weitgehend ernsthafter Studentenverband gewesen, in dem vor allem über sozialistische Theorien diskutiert wurden, und das durchaus in einer Art und Weise, die Frauen nicht ausschloß, im Gegenteil. Jetzt war der SDS auf einmal eine Massenorganisation, bei der es um Führungsanspruch und Macht ging. Die Fraktionskämpfe – die es auch vorher schon gegeben hatte – brachen nun mit einer Wucht aus, die größtenteils über die Köpfe der neu Hinzugekommenen, seien es nun Frauen oder Männer, ausgetragen wurden.

Das läßt sich sehr leicht anhand autobiographischer Rückblicke verifizieren. Die Aussagen der Frauen, die vor dem 2. Juni im SDS aktiv waren, unterscheiden sich grundlegend von denen, die dazustießen, als der SDS zu einer Massenorganisation wurde.

Elke Regehr, die eben durch den Mord an Benno Ohnesorg politisiert wurde, berichtet etwa über ihre Erfahrungen im SDS:

„Dort dominierten einige wenige »Chefideologen« mit ihrem Soziologenkauderwelsch. Ich habe mich nicht getraut zu sagen: »Jetzt lasst mich doch auch mal reden, ich rede wenigstens verständlich.« Es war überhaupt nicht selbstverständlich, als Frau mitzudiskutieren. Die meisten Frauen saßen oder standen stumm und lauschten.“ ([2], S. 85f)

Doch das sind typische Erfahrungen für die Zeit nach dem 2. Juni 1967. Frauen, die sich schon früher im SDS organisiert hatten, schildern die Erfahrungen im SDS völlig anders. Susanne Kleemann etwa, die bereits in der ersten Hälfte der 60er Jahre zum SDS stieß, hat in dieser Hinsicht ziemlich konträre Erinnerungen:

„Häufig wird kolportiert, dass der SDS damals ein reiner Männerverband gewesen sei. Doch das stimmt nicht. Männer waren zwar immer deutlich in der Mehrheit, aber bei allen Sitzungen waren immer auch viele Frauen dabei. Einige Frauen spielten auf Bundesebene eine führende Rolle, wie Ursula Schmiederer, und auch in den Landesverbänden waren Frauen in führender Rolle aktiv, wie im Frankfurter SDS Annegret Steinhauer und in München Marina Achenbach, um mal einige Frauennamen zu nennen. […] Viele Frauen beschreiben, wie sehr sie im SDS diskriminiert oder missachtet worden sind. Das habe ich wirklich ganz anders erlebt. Für mich war der SDS ein Verband, in dem ich absolut gefördert wurde.“ ([5], S. 104)

Selbst Helke Sander, der doch der Aufstand gegen den SDS zugeschrieben wird, distanziert sich von den üblichen Klischees:

„Im SDS redeten tatsächlich damals hauptsächlich Männer, und es stimmt auch, dass es ein paar Frauen gab, die tippten. Aber das machten eben nicht alle. Ich würde sogar sagen, wenn damals überhaupt irgendetwas für Frauen attraktiv war, dann war es der SDS, weil Frauen dort intellektuell eine andere Position innehatten.“ ([4], S. 164)

Das Problem ist eher die Geschichtsschreibung. Und zwar sowohl die männliche wie die weibliche. Der historische Mainstream ignoriert weitgehend die Frauen in der Geschichte der antiautoritären Bewegungen. Susanne Kleemann regt sich zurecht darüber auf:

„Dabei war eine Frau wie Sigrid Rüger in den Jahren von 1965 bis 1967 an der FU in Berlin bekannter als Rudi Dutschke, weil sie unsere Sprecherin war und ständig öffentlich auftrat. Gerade bei Sigrid Rüger und auch bei Sigrid Fronius als Asta-Chefin ist es absurd, sie zu verschweigen.“ ([5], S. 118f)

Doch wenn man in die Kleine Geschichte des SDS von Tilman Fichter und Siegward Lönnendonker hineinschaut, wird man nicht viel über diese zentralen Figuren finden. Rüger einmal im Vorbeigehen erwähnt ([1], S. 98), während Fronius im Haupttext überhaupt nicht auftaucht, sondern nur in einer Anmerkung Erwähnung findet ([1], S. 182).

Der eigentlich traurige Witz ist jedoch, daß auch die feministische Geschichtsschreibung diese Frauen ignoriert. Und zwar deshalb, weil sie auch nicht in ihr Klischeebild von der Frauenbewegung passen. Sigrid Rüger wird darauf reduziert, die Frau gewesen zu sein, die Hans-Jürgen Krahl eine Tomate an den Kopf pfefferte; unterschlagen wird, daß sie eine der wichtigsten öffentlichen Führungsfiguren des Berliner SDS war.

Diese mangelnde Differenzierung verfälscht auch die Geschichte des Aktionsrates, den Sander und Herzog im Dezember 1967 am Küchentisch entwarfen. Ja, es ging bei den Planungen von Sander und Herzog darum, etwas dagegen zu tun, daß Wortmeldungen und Vorschläge von Frauen nicht ernst genommen wurden. Doch weder war die Diagnose: Der SDS besteht nur aus aufgeblasenen, patriarchale Machos. Noch war ihr Lösungsvorschlag: Dann machen wir eben unser eigenes politisches Ding.

Denn es ging Sander und Herzog gar nicht um die Frauen an sich. Es gab, wie gesagt, genügend Frauen im SDS, die eine herausragende Rolle spielten, auch wenn diese in den sich anbahnenden Fraktionskämpfen zurückgedrängt wurde. Sander und Herzog ging es um eine ganz bestimmte Gruppe von Frauen, nämlich um die Mütter. Und ihre Diagnose war um einiges differenzierter als die langweilige Männer-Frauen-Dichotomie. Sander und Herzog stellten fest, daß Mütter, aufgrund ihrer Lebensumstände, nicht in der Lage sind, kompetent in politische Diskussionen einzugreifen. Sie müssen sich, neben dem Studium, zusätzlich um Kind und Haushalt kümmern, womöglich auch noch arbeiten, um ihr Auskommen zu finanzieren. Da bleibt nicht viel übrig für politische Bildung und politisches Engagement. Ihre gesellschaftliche Situation verschlingt so viel von ihrer Lebensenergie, daß es nicht dazu reicht, auch noch Marcuse und Habermas zu lesen oder nächtelang in Kneipen herumzudiskutieren.

Ziel mußte es also sein, die Lebensumstände vor allem der Mütter so zu verändern, daß sie die gleiche Chance bekamen, innerhalb des existierenden Politisierungsprozesses als eigenständige Persönlichkeiten präsent zu sein. Es ging also nicht darum, gegen den SDS zu agieren. Sondern eine Aktionsplattform zu schaffen, damit Frauen im SDS – oder auch anderen politischen Organisationen – gleichberechtigt mitarbeiten könnten, ohne daß die Tatsache ihrer Mutterschaft auf dieses Engagement negativ Auswirkungen hätte.

Und damit entstand im doppelten Sinn etwas Neues: Um Müttern die Möglichkeit politischer Teilhabe überhaupt zu ermöglichen, mußte auch eine neue Form von Politik entwickelt werden. Und so wurde das Mittel selbst zu einem Zweck.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn Helke Sander schreibt:

„Der »Aktionsrat zur Befreiung der Frauen« hat mit seinem Entstehen im Januar 1968 bis zu seiner Auflösung für ca. zwei Jahre ein politisches Konzept entwickelt, das zum ersten Mal die Bedürfnisse von Müttern zur Grundlage von Politik gemacht hat.“ ([3], S. 38)

Nachweise

[1] Fichter, T. & Lönnendonker, S., Kleine Geschichte des SDS, Berlin 1977.

[2] Regehr, E.: „»Für viele Männer des SDS war die Psyche Weiberkram«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 81 – 99.

[3] Sander, H., „Mütter sind politische Personen“, in: Courage, Jg.3 (1978), Nr.9 (September 1978), S.38 – 42.

[4] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

[5] Schunter-Kleemann, S.: „»Wir waren Akteurinnen und nicht etwa die Anhängsel«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 101 – 119.

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Written by alterbolschewik

11. Oktober 2013 um 9:30

Veröffentlicht in Feminismus

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