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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die Frauenbewegung in der BRD (4)

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„Uns brauchte keine wissenschaftliche Analyse erst klar zu machen, daß sich diese Gesellschaft grundlegend ändern muß.“

Aktionsrat zur Befreiung der Frauen

Was bisher geschah: Letzte Woche geschah eigentlich gar nichts – Helke Sander und Marianne Herzog sitzen immer noch in der WG-Küche und sind kurz davor, die erste wichtige Frauenorganisation in der BRD zu gründen. Statt die Handlung voranzutreiben, wurde letzte Woche lang und breit erläutert, daß es falsch wäre, die Anfänge der Frauenbewegung als Gegenreaktion zum Machismo der radikalen Linken, insbesondere des SDS, zu interpretieren. Stattdessen ging es darum, Lösungen für das Problem der Frauen und insbesondere der Mütter zu finden, daß diese sich aufgrund ihrer gesellschaftlichen Situation nicht am politischen Prozeß beteiligen konnten.

Dementsprechend setzte sich der erste Flugblattentwurf von Sander und Herzog auch überhaupt nicht mit irgendwelchen linken Organisationen auseinander, sondern konzentrierte sich auf das, was sie als die Wurzel des Übels ansahen, den Grund dafür, warum Frauen in der politischen Öffentlichkeit nicht kompetent agieren können: Die Ehe. Der Text ihres ersten Flugblatts lautete:

„Über die Ehe

Was ist das?

Wenn Du noch nicht geheiratet hast, tu es schnellstens. Sei nicht so wählerisch, heirate den ersten besten, um so eher kannst Du Dich befreien.

Du wirst keinen besseren finden, als den ersten besten.

Denn: Hast Du einen Mann, von dem du viel hältst, dauert es viel länger, bis Du Dir die Frage stellst: Wer bin ich?

Wenn Du verheiratet bist und Deinen Mann das erste Mal nicht mehr ausstehen kannst, müßtest Du eigentlich schon gegangen sein.
Jetzt dauert es aber noch 2 – 3 – viele Jahre.
Anscheinend kannst Du es immer noch aushalten.
Dann beklag Dich nicht.
Wenn Du Dich trotzdem beklagst, frage Dich: Was hindert mich daran, abzuhauen?
Ist es die Angst, daß Du nicht weißt, wer Du bist?
Oder ist es die Angst, daß Du nicht weißt, wovon Du frißt?
Oder sind es die Kinder?

Vielleicht denkst Du daran, daß Du das alleine nicht lösen kannst. Vielleicht denkst Du daran, Dich zu organisieren?

Dann komm zu uns.
Wenn Du merkst, daß Du mit Deinen Problemen allein nicht mehr fertig wirst, denkst Du vielleicht daran, Dich zu organisieren. Wir haben damit angefangen.

Aktionskomitee zur Vorbereitung der Befreiung der Frauen“ (zit. nach [5], S. 142)

Dieses Flugblatt blieb allerdings weitestgehend Entwurf. Es kursierte nur in einer winzigen Auflage, „weil es der Freund einer der beteiligten Frauen »unmöglich« fand.“ ([5], S. 142)

In der Folge wurde das Aktionskomitee zum Aktionsrat, die „Vorbereitung“ wurde gestrichen und ein ausführlicheres, differenzierteres, allerdings auch nicht mehr so witziges Positionspapier wurde verfaßt. Darin wird erklärt, warum es Frauen immer schwerer gefallen ist als den Männern, sich emanzipatorisch zu verhalten. Warum der bürgerliche Weg der Frauenemanzipation scheitern muß. Warum die Verfasserinnen sich der antiautoritären Linken angeschlossen haben. Wie die Umstände sie hinderten, sich mehr als nur am Rande in den politischen Prozeß einzubringen.Und was für sie daraus folgte:

„Wir begannen, politische Veranstaltungen zu hassen, da sie nichts daran änderten, daß uns die alltäglichen Probleme zu einem reaktionären Verhalten zwangen. Da wir nicht länger passiv, verkrampft, wehleidig, einsam bleiben wollen, nicht mehr auf den unverbindlichen Zufall eines verständnisvollen Verhältnisses angewiesen sein wollen, müssen wir trotz aller Interessengleichheit unsere ungleiche Situation aufnehmen, artikulieren und organisieren. Diese ungleiche Situation ist äußerlich dadurch gekennzeichnet, daß uns die kommende Generation »am Halse hängt«. Hier müssen wir aufhören, die Misere individuell lösen zu wollen, oder damit auf Zeiten nach der Revolution zu warten.“ ([1])

Das erste Ziel, das sich der Aktionsrat setzte, war also ein ganz praktisches: Das Problem, das sie mit der kommenden Generation hatten, die ihnen am Hals hing, zu lösen. Mit anderen Worten: Die Betreuung der Kinder kollektiv und solidarisch zu organisieren, um dadurch mehr Zeit für die politische Arbeit zu gewinnen.

Doch war das nicht ganz so pragmatisch gedacht, wie es auf den ersten Blick scheint. Es ging nicht ausschließlich darum, die Kinder zu verwahren, um mehr Zeit für sich selbst zu bekommen. Denn dafür gab es auch damals schon Kindergärten. Der Aktionsrat wollte aber nicht nur die Mütter entlasten, sondern auch den Kindern eine bessere Erziehung angedeihen lassen, als sie die städtischen Kindergärten boten. Denn diese wurden als wenig kindgerecht empfunden. Wie es damals zuging, kann man einem Bericht der Kommune 2 entnehmen. Darin wird recht eindrücklich der Kindergarten beschrieben, in den die zwei Kinder der Kommune zunächst geschickt wurden:

„Die Kinder waren in winzigen Zimmern zusammengepfercht. Die Spielmöglichkeiten waren weitgehend begrenzt auf das Spielen an Tischen. Ein trostloser Hinterhof, der mit einigen Stangen und Sandkästen ausgerüstet war, diente als Spielplatz. Es gab keinen eigenen Schlafraum, sondern mittags wurden militärähnliche Feldbetten in die Zimmer gestellt und nach der Mittagsruhe wieder weggeräumt. Eine einzige Kindergärtnerin mußte sich um mindestens zwölf Kinder (manchmal über zwanzig) kümmern. […] Die Kindergärtnerinnen stellten für die Kinder wesentlich eine disziplinierende, verbietende und gebietende Instanz dar. Sie ordneten die Spiele an, die gespielt werden sollten. Längere Spielabläufe waren unmöglich; die Spiele wurden immer wieder durch den starren Tagesplan unterbrochen. Alle an sich lustvollen Betätigungsmöglichkeiten der Kinder verkehrten sich im Kindergarten in demütigende, unlustvolle Zwangshandlungen. Gegessen wurde unter dem Zwang, alles aufessen zu müssen. Der letzte beim Essen wurde als »Bummelletzter« gedemütigt. Das Essen war damit zu einer Art Leistungskonkurrenz gemacht.“ ([2], S. 93f)

Bei den Plänen des Aktionsrates ging es, angesichts derartiger Zustände, nicht nur darum, sich die Kinder wenigstens für eine gewisse Zeit vom Hals zu schaffen. Die Betreuung sollte auch so aussehen, daß die Kinder während dieser Zeit keinem autoritären Regime unterworfen sind. Helke Sander hatte vor Gründung des Aktionsrates bereits zwei Anläufe unternommen, die Problematik in den Griff zu bekommen. Den ersten Versuch startete sie, bevor sie Mitglied im SDS wurde:

„Durch das Buch »Summerhill« wusste ich von diesem gleichnamigen Internat in England, und obwohl die Schule sehr teuer war, fuhr ich hin, um es mir anzusehen. Ich musste in London übernachten, und in dieser Nacht wurde mir schlagartig bewusst, wie pervers es ist, ein Land wechseln zu müssen, nur um sein Kind einigermaßen anständig aufwachsen zu lassen. Also brach ich die Reise ab und fuhr mit dem festen Vorsatz wieder nach Deutschland zurück, dass man das irgendwie anders regeln muss. Aber ich wusste nicht wie. Also trat ich erst einmal in den SDS ein.“ ([3], S. 163)

Der nächste Versuch bestand dann darin, innerhalb des SDS Unterstützung zu finden. Sie heftete Zettel an das schwarze Brett des SDS, um andere Frauen in ähnlicher Lage zu finden:

„Dass es nicht einfach werden würde, war mir klar, denn die meisten Frauen waren jünger als ich. Aber ich dachte, wir könnten vielleicht erst einmal so etwas wie die skandinavischen »Parktanten« einrichten. Dort konnten die Kinder nach der Schule in bestimmte Parks gehen und unter Aufsicht von Frauen spielen, die eben »Parktanten« genannt wurden. Die Frauen kriegten dafür ein bisschen Geld.“ ([3], S. 163f)

Doch die Resonanz von Frauen blieb aus, stattdessen standen „blöde Bemerkungen von blöden Jungs“ ([3], S. 164) auf dem Aushang.

Erst der dritte Anlauf erwies sich als erfolgreich. Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn Ingrid Schmid-Harzbach meint:

„Wenige erinnern sich heute noch daran, daß es Frauen, nämlich diese Mütter im Aktionsrat waren, die als erste autonome Kinderläden gründeten.“ ([4], S. 52)

Nachweise

[1] Aktionsrat zur Befreiung der Frauen, „Papier vom 15. 1. 1968 für das Frauentreffen am 26. 1. 1968 an der TU Berlin“, in: Courage, Jg.3 (1978), Nr.9 (9, September 1978), S.43.

[2] Bookhagen, C.; Hemmer, E.; Raspe, J.; Schulz, E. & Stergar, M., Kommune 2. Versuch der Revolutionierung des bürgerlichen Individuums, Berlin 1969.

[3] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

[4] Schmidt-Harzbach, I.: „»Frauen erhebt euch«. Als Frau im SDS und im Aktionsrat“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 49 – 57.

[5] Dietz, G.; Schmidt, M.; Honkomb, A. & Schmiel, E. (Hg.), Klamm, Heimlich & Freunde. Die siebziger Jahre, Berlin 1987.

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Written by alterbolschewik

18. Oktober 2013 um 14:58

Veröffentlicht in Feminismus

2 Antworten

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  1. Aus den antiautoritär erzogenen Summerhill-Zöglingen wurden Bomberpiloten.

    che2001

    26. Oktober 2013 at 23:00


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