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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die Frauenbewegung in der BRD (5)

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„Die Familie [ist] immer noch die bedeutsamste Sozialisationsinstanz des kapitalistischen Herrschaftssystems, weil sie durch autoritäre und lustfeindliche Erziehung den herrschaftskonformen, passiven bürgerlichen Charakter formt.“

Kommune 2, 1969

Was bisher geschah: In einer Wohngemeinschaftsküche haben sich Helke Sander und Marianne Herzog zusammengesetzt, um das Problem der Mütter in der linken Bewegung kollektiv anzugehen.

Recht schnell holten sie sich weitere Mitstreiterinnen ins Boot, darunter Dorothea Ridder, die zur Kommune I gehörte, und Ludmilla Müller. Die ersten Flugblätter (die ich letzte Woche schon zitiert habe) wurden Mitte Januar 1968 an der TU Berlin verteilt, und zwar nur an Frauen. Was natürlich einige Männer als skandalös empfanden. Die Gruppe rief zu einer Frauenversammlung am 26. Januar 1968 auf. Nervös warteten sie darauf, ob denn überhaupt jemand kommen würde – Helke Sander hat das in Der subjektive Faktor sehr schön dargestellt. In der Hinsicht mußten sie unbesorgt sein:

„Zu diesem Treffen kamen ungefähr 100 Leute. Es waren auch ein paar Männer dabei, die wir nicht wegschickten, und schon da gründeten wir die ersten fünf Berliner Kinderläden.“ ([2], S. 165)

Ob es wirklich gleich fünf Kinderläden waren oder zwei, wie andere Quellen behaupten ([1], S. 95), ist nicht so ausschlaggebend. Entscheidend ist: Bei dem Treffen ging es nicht um ein Bejammern der eigenen Situation, sondern darum, tatkräftig etwas daran zu ändern. Und diese Änderung bestand darin, die Kindererziehung zu kollektivieren.

In Ansätzen war das schon vorher geschehen. In den ersten Wohngemeinschaften und Kommunen war das Thema kollektiver Erziehung bereits vorher präsent. Dazu ist ein kleiner Exkurs angebracht.

Die Gründung von Wohngemeinschaften begann so um 1966. Dabei sind – wie dann später auch bei den Kinderläden – zwei Motivationen zu unterscheiden. Zum einen die pragmatische, für die noch einmal Helke Sander exemplarisch sein soll:

„Ich wohnte in einer der ersten Kommunen in der Dernburgstraße, nicht aus Lust, sondern aus Not heraus. Denn als allein stehende Frau mit Kind bekam ich keine Wohnung. Abends wegzugehen war also nicht so schlimm, weil immer jemand zu Hause war. Anfangs war es keine Kommune, sondern nur eine große Wohnung, wo viele Leute aus der Filmakademie, deren Freundinnen und ein paar andere wohnten.“ ([2], S. 163)

Dieser pragmatische Nutzung des großen Berliner Altbaubestandes für Wohngemeinschaften stand die Kommune als politisches Projekt gegenüber. Die Inspiration kam dazu aus der Gruppe der Subversiven Aktion um Dieter Kunzelmann in München und Rudi Dutschke in der Berlin. Diese Subversiven trafen sich 1966 in Kochel. Das Treffen fand paradoxerweise in der Ferienvilla eines Unternehmers statt, und zwar auf Einladung von dessen Sohn, der Mitglied im SDS war. Bei diesem Treffen wurde über neue, den historischen Umständen angepaßte Organisationsmöglichkeiten der Linken diskutiert.

Die alte, autoritäre Parteihierarchie der Kommunisten schien den Teilnehmern des Treffens offensichtlich kein der Gegenwart mehr angemessenes Organisationsmodell zu sein (unbeschadet der traurigen Tatsache, daß zur selben Zeit andere schon wieder fleißig an neuen kommunistischen Parteigründungen bastelten). Eines der wichtigsten Argumente gegen diese Form der Organisation war ein historisches: Deren Versagen angesichts des Nationalsozialismus. Offensichtlich war es vor allem der KPD nicht gelungen, ihre Anhänger gegen die Ideologie der Nazis zu immunisieren. Das Bewußtsein dieses Versagens war dann Ausgangpunkt für eine kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Sozialisationsinstanzen.

Dafür konnte man bereits auf historisches Material zurückgreifen. Das Frankfurter Institut für Sozialforschung hatte bereits Anfang der dreißiger Jahren eine Studie über Autorität und Familie durchgeführt. Im Gegensatz zum traditionellen Marxismus, der immer nur auf die objektiven Bedingungen gesellschaftlichen Aufbegehrens gestarrt hatte, wurden hier mit Hilfe der Psychoanalyse auch die subjektiven Bedingungen untersucht. Und das Untersuchungsergebnis war verheerend gewesen. Mit Hilfe der Psychoanalyse war der fehlende Widerstand gegen autoritäre Herrschaft unter anderem auf die spezifische Sozialisation in der Familie zurückgeführt worden. Ganz verkürzt: Die Unterordnung unter die väterliche Autorität, die im entwickelten Kapitalismus irrational geworden ist, setzt sich in der politischen Sphäre fort als Unterordnung unter irrationale autoritäre Regime. Diese Diagnose aus den 30er Jahren bewog dann das Institut für Sozialforschung, rechtzeitig Maßnahmen im Falle einer Machtergreifung der Nazis und die dann notwendige Flucht ins Exil zu ergreifen.

Diese Thesen über den autoritären Charakter lagen auch den Diskussionen beim Treffen in Kochel 1966 zu Grunde. Die Teilnehmer waren sich darüber einig: Man brauchte nicht einfach eine neue Organisationsform, sondern eine Organisationsform, die auch der subjektiven Dimension gerecht wurde:

„Äußerer Anlaß dazu war, daß Rudi Dutschke einige Tage später kam, weil seine Eltern ihn besucht hatten. Das schien dem großartigen revolutionären Anspruch, den die Gruppe an sich stellen wollte, ins Gesicht zu schlagen. Wegen der Eltern, Repräsentanten der bürgerlichen Autorität, die man bekämpfen wollte, durfte niemand zu einem so wichtigen politischen Treffen zu spät kommen.“ ([1], S. 17)

Der Lösungsansatz war, daß man die Vereinzelung der bürgerlichen Individuen, ihre Einkapselung in die Struktur der Kleinfamilie, aufbrechen wollte. An die Stelle von Ehe und Familie sollten die Kommunen treten – größere, verbindlichere Lebenszusammenhänge, in denen die bürgerliche Trennung von Öffentlichem und Privatem aufgehoben sein sollte. Unter anderem – doch das ist gerade der Aspekt, der in unserem Zusammenhang interessiert – sollte die Kommune das Problem der autoritären Sozialisation lösen.

Daß dieser Aspekt in der Rückschau weitgehend ausgeblendet wird, liegt daran, daß in der Rückschau die Kommune 1 als prototypische Umsetzung des Kommunegedankens erscheint. Diese rieb sich aber weitgehend im politischen Aktionismus auf. Dem ursprünglichen Kommune-Gedanken, nämlich die Kommune nicht nur als politische Organisationseinheit anzusehen, sondern auch die subjektiven Bedingungen der Revolte zu reflektieren und, wenn möglich, in einem solidarischen Zusammenleben die eigene bürgerliche Sozialisation zu überwinden, wurde aber viel eher die Kommune 2 gerecht. Weil die Kommune 2 keine spektakulären Aktionen machte und sich mit der Springer-Presse kein Katz-und-Mausspiel lieferte, blieb sie im Rückblick weitgehend unbeachtet.

Erst im Rahmen der Debatte über Pädophilie und inwieweit die Grünen in ihrer Anfangsphase von pädophilen Netzwerken unterwandert wurden, kam die Kommune 2 wieder ins Gerede, als angeblicher Beweis dafür, daß die ganze 68er-Bewegung aus Kinderschändern bestand. Das ist natürlich blühender Unsinn.

Allerdings berichtete die Kommne 2 in einem 1969 veröffentlichten Bericht über ihren Umgang mit kindlicher Sexualität – oder eher den Umgang mit der kindlichen Neugier an den Geschlechtsorganen. Dabei kam es dann auch zu Szenen, bei denen es sich einem aus heutiger Sicht den Magen umdreht. Eines der Kommunemitglieder erzählt, wie das dreijährige Mädchen in der Kommune bei ihm im Bett schlafen will und sie sich dann gegenseitig streicheln:

„Dann will sie meinen »Popo« streicheln. Ich muß mich umdrehen. Sie zieht mir die Unterhose runter und streichelt meinen Popo. Als ich mich wieder umdrehe, um den ihren wie gewünscht zu streicheln, konzentriert sich ihr Interesse sofort auf »Penis«. Sie streichelt ihn und will ihn »zumachen« (Vorhaut über die Eichel ziehen), bis ich ganz erregt bin und mein Pimmel steif wird. Sie strahlt und streichelt ein paar Minuten lang mit Kommentaren wie »Streicheln! Guck ma Penis! Groß! Ma ssumachen! Mach ma klein!«“ ([1], S. 92)

Tatsächlich wird genau diese Stelle im Rahmen der Pädophilie-Debatten immer wieder angeführt und dabei völlig aus dem Kontext gerissen. Es geht dem Erzähler aber überhaupt nicht darum, sexuelle Befriedigung daraus zu ziehen, sondern ihm ist die ganze Sache mehr als peinlich. Aber er ist der Meinung, daß er aus pädagogischen Gründen der Neugier der Kinder keine Schranken setzen darf.

Was für seltsame pädagogische Gründe das waren und auf wen diese Ideen zurückgehen erfahren Sie nächste Woche, wenn Wilhelm Reich meint:

„So geringfügig der Unterschied zwischen bloßer Duldung und Bejahung des kindlichen und und puberilen Geschlechtslebens äußerlich erscheinen mag, für die psychische Strukturbildung im Zögling ist er entscheidend. […] Das bloße Dulden oder »Gestatten« des sexuellen Spiels bietet kein Gegengewicht gegen den übermächtigen Druck der gesellschaftlichen Atmosphäre. Die ausdrückliche und unmißverständliche Bejahung des kindlichen Geschlechslebens seitens der Erzieher dagegen vermag auch dann die Grundlage sexualbejahender Ichstruktur-Bestandteile zu werden, wenn sie die gesellschaftlichen Einflüsse nicht zu entkräften vermag.“ (zit. nach [1], S. 86f)

Nachweise

[1] Bookhagen, C.; Hemmer, E.; Raspe, J.; Schulz, E. & Stergar, M., Kommune 2. Versuch der Revolutionierung des bürgerlichen Individuums, Berlin 1969.

[2] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

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Written by alterbolschewik

28. Oktober 2013 um 14:30

Veröffentlicht in Feminismus

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