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Archive for November 2013

Auf der Suche nach dem verlorenen Proletariat

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Die Frauenbewegung in der BRD (10)

Was bisher geschah: Die vom Aktionsrat zur Befreiung der Frauen initiierten Kinderläden wurden im Herbst 1968 von einem männlich dominierten Zentralrat der sozialistischen Kinderläden West-Berlin gekapert.

Die heutige und die nächste Folge verweilen noch etwas beim Zentralrat, obwohl dieser nun nicht wirklich direkt etwas mit der Frauenbewegung zu tun hatte. Oder höchstens negativ, indem er ein von Frauen in Gang gebrachtes Projekt übernahm und in eine völlig andere Richtung steuerte. Allerdings ist diese Richtungsänderung keineswegs nur für das Verhältnis des Aktionsrates zum Zentralrat von Bedeutung. Auch innerhalb des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen sollte es in der Folge zu Spaltungen kommen, die den selben Konfliktlinien folgten. Insofern ist es nicht unwichtig, die Entwicklung des Zentralrates etwas genauer zu beleuchten.

Tatsächlich war das emblematische Jahr 1968 für die antiautoritären Bewegungen zumindest in der BRD kein gutes Jahr gewesen. Mitte 1967 hatte der Tod Benno Ohnesorgs ein Fanal gesetzt, das jugendliche Massen aufrüttelte und auf die Straße trieb. Eine beispiellose Politisierung und Massenmobilisierung setzte ein, die im Februar 1968 mit dem zweiten Vietnamkongreß des SDS ihren Höhepunkt fand. Doch von da an ging es bergab. Am 11. April wurde das Attentat auf Rudi Dutschke verübt. Der erste Schock übersetzte sich schnell in die ersten wirklich gewalttätigen Auseinandersetzungen. Zurecht wurde die Hetze der Boulevardpresse, insbesondere die des Springerverlages, für das Attentat verantwortlich gemacht. Während der sogenannten Osterunruhen radikalisierten sich zumindest Teile der noch sehr junge Massenbewegung in Richtung Straßenmilitanz, eine Entwicklung die dann im November mit der sogenannten „Schlacht am Tegeler Weg“ ihren Höhepunkt fand. Doch die in der „Schlacht am Tegeler Weg“ scheinbar siegreiche Massenmilitanz sollte sich in der Folge als Pyrrhus-Sieg erweisen. Dieser „Sieg“ überlagerte die Debatte über politische Strategien durch eine ungute Diskussion über Gewalt, die die Bewegung auf lange Sicht isolierte.

Eine weitere Niederlage gab scheinbar zusätzlich denjenigen Recht, die auf eine derartige Radikalisierung der Bewegung drängten: Die Verabschiedung der Notstandsgesetze am 30. Mai 1968. Fichter und Lönnendonker resümieren nicht zu unrecht in ihrer Kleinen Geschichte des SDS:

„Zehntausende von Studenten gingen nach den euphorisierenden Streik- und Besetzungserlebnissen in die Semesterferien und realisierten, daß der Deutsche Bundestag trotz des massenhaften Widerstandes der akademischen Jugend, der Schüler und großer Teile der Gewerkschaftsbewegung die Notstandsgesetze verabschiedet hatte. Dieser Kampf war verloren. […] Früher waren die Studenten resigniert und unpolitisch. Als sie jetzt aus den Semesterferien zurückkamen, waren sie politisiert, standen links, waren aber wieder resigniert.“ ([2], S. 135)

Dabei war gerade der Kampf gegen die Notstandsgesetze das Thema gewesen, in dem die antiautoritären Bewegungen sich in einem breiten gesellschaftlichen Bündnis engagiert hatten. Offensichtlich ließen sich die bestehenden gesellschaftlichen Mächte davon nicht beeindrucken. Andererseits war aber auch klar, daß man isoliert, als kleine akademische Minderheit, auch nichts bewirken konnte. Und so suchte man sich einen großen, starken Bündnispartner, der nur einen kleinen Nachteil hatte, nämlich den, daß es sich dabei um einen Mythos handelte: Das „Proletariat“.

Dieses mythische „Proletariat“ unterschied sich grundlegend von der ganz normalen Berliner Bevölkerung. Wie sich diese verhielt, war den Antiautoritären aus unmittelbarer Erfahrung bekannt:

„Bei einer antistudentischen Kundgebung des Berliner Senats (21.2.1968) war die Anwesenheit »studentisch« aussehender junger Leute für die betreffenden lebensgefährlich geworden […], öffentliche Verkehrsmittel wurden für »diese Typen« (Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Schütz) zu gefährlichen Transportmitteln, die man besser mied.“ ([1], S. 117)

Doch diese „Bevölkerung“ war natürlich nicht das „Proletariat“, sondern das waren alles „Kleinbürger“, und zwar „faschistische“. Ganz anders stellte sich das hingegen in den Bücher und Aufsätzen vornehmlich aus den 20er Jahren dar, die nun nach und nach entdeckt wurden. Hier war ständig von einem „Proletariat“ die Rede, das so ganz anders war als die arbeitende Bevölkerung, der man auf der Straße eigentlich lieber nicht begegnete. Ich gebe zu, daß ich das hier alles etwas ins Lächerliche ziehe, doch so ganz an den Haaren herbeigezogen ist das nicht. Das „Proletariat“ war etwas, das man in Büchern gefunden hatte und dem diese Bücher eine unglaubliche Macht zuschrieben. Und so brachen viele der resignierten Antiautoritären auf, um sich auf die Suche nach dem „Proletariat“ zu machen. Denn rein empirisch war ihnen dieses „Proletariat“ noch nie begegnet – es hatte sich irgendwo versteckt und man mußte es aus diesem Versteck locken.

Natürlich war auch damals niemand so doof (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel), daß er glaubte, man müsse nur in eine Fabrik gehen, um dort das „Proletariat“ zu finden. Das Versteck, in dem sich das Proletariat aufhielt, war raffinierter getarnt. Die am weitesten verbreitete, recht einfache Vermutung war die der Medienmanipulation: Die Bild-Zeitung korrumpiere das an sich aufrechte „Proletariat“. Wenn man dem „Proletariat“ nur richtig erklärte, daß es von hinten bis vorne belogen und betrogen würde, dann würde es ihm irgendwann wie Schuppen von den Augen fallen, es würde seine brachliegenden Kräfte erkennen und mit diesen Kräften den antiautoritären Bewegungen beistehen. Hatte der Mai ’68 in Frankreich nicht gezeigt, daß so etwas ganz schnell gehen konnte?

Die etwas Klügeren waren sich dagegen bewußt, daß der Mechnismus, auf dem die Tarnkappe beruhte, unter der sich das Proletariat verbarg, so einfach nicht sein konnte. Axel Springer war nicht aus eigener Machtvollkommenheit in der Lage, das Bewußtsein größter Bevölkerungsteile einfach zu manipulieren. Deshalb lieferten die Theorien vom „autoritären Charakter“, die in den letzten Folgen dieses Blogs immer wieder beschworen wurde, eine deutlich bessere Erklärung: Es lag bereits in der Sozialisation der arbeitende Bevölkerung begründet, daß es kein Klassenbewußtsein mehr besaß. Und wenn das so war, dann war die Erziehung ein Schlüssel dafür, um das geheime Versteck, in dem sich das Proletariat verbarg, aufzuschließen.

Und so erhielt die antiautoritäre Erziehung, wie sie in den Berliner Kindergärten propagiert wurde, auf einmal eine strategische Bedeutung, die weit über das hinausging, was der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen beabsichtigt hatte. Die Kinderläden sollte nicht nur einfach selbstbewußte Persönlichkeiten hervorbringen und nebenbei auch noch die Mütter entlasten, sondern sie sollten das grundlegende Problem des verschwundenen „Proletariats“ lösen. Deswegen nannte sich dann auch der Zentralrat der sozialistischen Kinderläden nicht etwa Zentralrat der antiautoritären Kinderläden. Das pädagogische Konzept entwickelte sich, zumindest in der Vorstellung des Zentralrates, in eine ganz neue Richtung, nämlich von der antiautoritären Erziehung zu einer „sozialistischen“ – wobei sich erst nach und nach herausstellte, was man denn unter „sozialistischer“ Erziehung verstanden wissen wollte.

Dieser Prozeß läßt sich anhand der Schriftenreihe des Zentralrates ganz gut nachvollziehen. In der Zeit seines Bestehens gab der Zentralrat sechs Broschüren unter dem Obertitel Anleitung für eine revolutionäre Erziehung heraus. Abgesehen von Band 3 handelte es sich dabei um Wiederauflagen von Texten aus der Weimarer Republik, Band 3 beinhaltete eine sehr ausführliche Bibliographie von sozialistischen Schriften zur Pädagogik.

Interessant sind dabei die Autorinnen und Autoren, die hier neu veröffentlicht wurden. Band 1 dokumentierte weitere Schriften von Vera Schmidt, deren Buch über das Moskauer Kinderlaboratorium zu Beginn der 20er Jahre bereits von der Kommune 2 als Raubdruck herausgegeben worden war und das in diesem Blog bereits ausführlich gewürdigt wurde. Dies paßt noch recht gut in das anti-autoritäre psychoanalytische Erziehungskonzept. Heft zwei bewegt sich ebenfalls im Rahmen des Antiautoritarismus, es versammelt Schriften von Walter Benjamin. Band 3 ist, wie erwähnt, eine Bibliographie. Mit Band 4 geht es dann in die Richtung der SexPol-Bewegung innerhalb der KPD mit der Neuauflage von Annie Reichs Klassiker Wenn dein Kind dich fragt … : Gespräche, Beispiele und Ratschläge zur Sexualerziehung aus dem Jahr 1932 (unter dem Titel Für die Befreiung der kindlichen Sexualität). Band 5 trug den Titel Kinder im Kollektiv und ist mit Texten von Anna Freud und David Rapaport noch einmal eher psychoanalytisch ausgerichtet, während der letzte Band unter dem Titel Soll Erziehung politisch sein? wieder Klassiker aus der Arbeiterbewegung, unter anderen Alice Rühle und Edwin Hörnle erneut zugänglich macht.

Die Arbeit des Zentralrates beschränkte sich dabei nicht nur auf die Wiederveröffentlichung, sondern er kommentierte die veröffentlichen Texte auch. Die nächste Folge wird sich deshalb mit diesen Kommentaren etwas näher beschäftigen. Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn es vom Zentralrat der sozialistischen Kinderläden heißt:

„Sozialistische Erziehung will den bürgerlichen Individualismus durch Kollektiverziehung überwinden. Das Kind soll sich als Gleiches unter Gleichen in einer spielenden, arbeitenden und kämpfenden Gruppe entfalten können.“ ([3], S. VII)

Nachweise

[1] Berliner Autorengruppe, Kinderläden. Revolution der Erziehung oder Erziehung zur Revolution?, Reinbek 1971.

[2] Fichter, T. & Lönnendonker, S., Kleine Geschichte des SDS, Berlin 1977.

[3] Zentralrat der sozialistischen Kinderläden West-Berlin (Hg.), Erziehung und Klassenkampf (Anleitung für eine revolutionäre Erziehung 3), Berlin 1969.

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29. November 2013 at 18:26

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Die Frauenbewegung in der BRD (9)

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„Dort aber, wo Antiautorität zum Konzept erstarrt, führt sie nicht zum Aufstand,sondern verschleiert und zementiert die Wirklichkeit der autoritären Gesellschaft.“

Berliner Autorenkollektiv, 1970

Was bisher geschah: Die Kinderladenbewegung orientierte sich in ihren pädagogischen Konzepten zunächst einmal an der Psychoanalyse. Die Kinder sollten von der als „bürgerlich“ bezeichneten autoritären Erziehung in der Kleinfamilie befreit werden.

Es mag etwas seltsam erscheinen, daß ich seit Wochen unter dem Titel Die Frauenbewegung in der BRD über Kommunen, Kinderläden und antiautoritäre Erziehung schreibe. Doch das ist notwendig, um die Dynamik der ersten Phase der neuen Frauenbewegung in der BRD Ende der 60er Jahre zu verstehen. Ausgegangen war die Gründung der Kinderläden schließlich vom Berliner Aktionsrat zur Befreiung der Frauen, der auf eine Initiative von Helke Sander und Marianne Herzog Anfang 1968 entstanden war. Es hatte zwar auch andere derartige pädagogische Initiativen in Frankfurt und Stuttgart gegeben (vgl. hierzu [4]), doch diesen fehlte der explizit feministische Anspruch, den der Berliner Aktionsrat mit den Kinderläden erhob: Entlastung der Mütter, um diesen politische Teilhabe zu ermöglichen.

Doch dieser Anspruch führte recht schnell zu Konflikten. Helke Sander erklärte später:

„Die bisher private Erziehung der Kinder durch die Mütter wurde in dem Augenblick zur Sache der Männer erklärt, als Mütter die ersten öffentlichen Anstrengungen machten, selber die Ziele der Kindererziehung zu bestimmen und Strategien für ihre Durchsetzung zu erarbeiten. Die Frauen im Aktionsrat verstanden, daß die bald von Männern bestimmte antiautoritäre Politik ihnen weniger als bisher erlaubte, ihre Widersprüche als Mütter den Kindern gegenüber überhaupt noch zu artikulieren. Die Auseinandersetzungen gingen soweit, daß Frauen aus dem Aktionsrat sogar Hausverbot in manchen Kinderläden bekamen, wenn sie diese Widersprüche mit den Kinderladeneltern, d.h. meist mit den Männern, austragen wollten.“ ([3], S. 41)

Tatsächlich entstand schnell eine Organisation, die dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen das Heft aus der Hand nahm. Ein halbes Jahr nach der Gründung des Aktionsrates und der Etablierung der ersten Kinderläden gründete sich am 10. August 1968 der Zentralrat der sozialistischen Kinderläden West-Berlin ([1], S. 28). Diese Frontstellung zwischen Aktionsrat und Zentralrat läßt sich natürlich ganz einfach interpretieren als eine Front zwischen Frauen, die eben anfangen sich zu emanzipieren, und Männern, die ihnen das Mittel zu dieser Emanzipation wieder entwinden. Doch ganz so einfach scheint es nicht gewesen zu sein. Denn neben dem Widerspruch zwischen Frauen und Männer kam noch ein weiterer Faktor ins Spiel: Geld.

Kinderläden waren ein mit öffentlichen Kindergärten vergleichsweise teures Unternehmen. Die Räume mußten erst einmal hergerichtet werden, was einen erheblichen finanziellen Aufwand bedeutete. Zwar wurde viel in Eigenleistung erledigt, doch stieß das schnell an gewisse Grenzen:

„Daß man möglichst kostensparend vorging, versteht sich von selbst. Problematisch erwies sich die Arbeit dennoch für Studenten, die das Handwerk nur vom Zuschauen aus dem bürgerlichen Elternhaus kannten und nun selbst Hand anlegen wollten. Es wurden einige Genossen engagiert, die etwas mehr handwerkliche Erfahrung hatten.“ ([2], S. 40)

So wurden dann auch Kredite aufgenommen, die über den Monatsbeitrag abgestottert werden sollten. Die Betreuung der Kinder selbst wurde dann von den Eltern in einem rotierenden System übernommen, doch einige Kinderläden beschäftigten zusätzlich noch professionelle Kindergärtnerinnen – was ebenfalls ins Geld ging. Die Kosten sollten dann solidarisch zwischen den Eltern aufgeteilt werden:

„In zermürbenden Sitzungen fand man schließlich einen Modus für die finanzielle Regelung: Die Beteiligung an den Einrichtungskosten, wie an den laufenden Kosten wurde prozentual zum Einkommen festgelegt. Jeder zahlte pro Monat 12 Prozent seines Verdienstes womit im Laufe eines dreiviertel Jahres der Kredit, der für die Einrichtung aufgenommen worden war, getilgt werden konnte.“ ([2], S. 42)

Und diese 12% des Einkommens wurden in einem Kinderladen gezahlt, bei dem keine Kindergärtnerin angestellt war. Kurz und gut: Es war ein teures Vergnügen, die eigenen Kindern in einen Kinderladen zu schicken. Und eine wesentliche Intention bei der Gründung des Zentralrates war es, dieser finanziellen Misere abzuhelfen:

„Im Herbst 1968 beschloß der Zentralrat der Westberliner Kinderläden, den Senat für die Finanzierung oder wenigstens teilweise Unterstützung der sozialistischen Kinderläden zu gewinnen. Diesem nur scheinbar von vornherein zum Scheitern verurteilten Versuch lag die richtige Erkenntnis zu Grunde, daß der Berliner Senat daran interessiert war, sein erziehungsreformerisches Image […] weiter zu pflegen. Dabei konnte es nur gelegen kommen, wenn auch aus den Reihen der APO Mitarbeit angeboten wurde.“ ([2], S. 85)

Der Berliner Senat war bereit, 80.000 DM für Kinderläden bereitzustellen. Das ist nicht unbedingt wenig, da zu dem Zeitpunkt, an dem der Zentralrat an den Familiensenator schrieb (6. November 1968) gerade einmal fünf Kinderläden existierten, wenn auch noch weitere acht in Planung waren ([2], S. 87).

Diesen Erfolg schrieb sich der Zentralrat – wohl nicht ganz zu unrecht – auf seine Fahnen. Das wurde jedoch verbunden mit dem Vorwurf an den Aktionsrat der Frauen, daß dieser es weder vermocht habe, die einzelnen Kinderläden zusammenzuschließen noch daraus eine politische Perspektive abzuleiten:

„Es bestand die große Gefahr, daß die einzelnen Läden zur reinen Selbstzweckorganisation regredierten, ihr pädagogisches Konzept über den psychoanalytischen Ansatz nicht hinausginge und den Zusammenhang zur politischen Realität damit verlöre. Die Vereinzelung der verschiedenen Läden wurden immer deutlicher sichtbar. Der Versuch des Aktionsrates zur Befreiung der Frau [sic!], die Kommunikation, über was auch immer, auf breiter Basis herzustellen, war gescheitert.“ ([2], S. 35)

Die Herren der Schöpfung im Zentralrat meinen hingegen, im Gegensatz zu den Frauen im Aktionsrat, über einen Masterplan zu verfügen. Ende des Jahres 1968 waren die antiautoritären Bewegungen in der Krise. Die Mobilisierungen zu Beginn des Jahres – der Vietnamkongreß, die Osterunruhen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke, die Strahlkraft des Pariser Mai – waren verpufft. Als Ausweg aus dem Dilemma wurden deshalb sogenannte „Basisgruppen“ propagiert. Und der Zentralrat versuchte in seiner ersten Publikation, sich in dieser Basisgruppen-Bewegung zu verorten:

„Die Organisationsform des Zentralrates könnte für zukünftige Organisationen der sozialistischen Bewegung modellhaft sein, und zwar aus folgenden Gründen:
a) Sie setzt an einem konkreten materiellen Bedürfnis an, und gewinnt durch die so garantierte Kontinuität der Arbeit im Gegensatz zu anderen Gruppen ein hohes Maß an Verbindlichkeit.
b) Das Bedürfnis nach Kommunikation und Zentralisation entsteht in den einzelnen Gruppen an der Basis, wobei die politisch bewußtesten Gruppen auf diese Organisationsform hinarbeiten.
Es hat sich […] am Beispiel der Kinderläden, die nicht mehr vom Aktionsrat zur Befreiung der Frau erfaßt wurden, gezeigt, daß die »Basisgruppen« eine eigene zentrale Organisation entwickeln, die von ihnen selbst ausgeht und nicht von einer übergeordneten Gruppe.“ (zit. nach [2], S. 36)

Genau darauf lief es mit dem Zentralrat hinaus: Zentralisation durch die „politisch bewußtesten Gruppen“. Bereits in dieser ersten Publikation des Zentralrates konnte man schon die leninistischen Kaderschmieden trapsen hören, die in der Folge versuchten, das Erbe der antiautoritären Bewegungen anzutreten.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn das Rote Kollektiv Proletarische Erziehung meint:

„Unsere Aufgabe heute ist es zu untersuchen, welchen Beitrag die proletarischen Kinder selbst und welchen Beitrag die Kinderfrage für das erwachsene Proletariat, in Hinsicht auf die Reorganisation der Arbeiterklasse, aber auch in Hinsicht auf die Entstehung einer Kindermassenorganisation leisten kann.“ ([5], S. 186)

Nachweise

[1] Baader, M. S.: „Von der sozialistischen Erziehung zum buddhistischen Om. Kinderläden zwischen Gegen- und Elitekulturen“, in: Baader, M. S. (Hg.), „Seid realistisch, verlangt das Unmögliche!“, Weinheim und Basel 2008, S. 16 – 35.

[2] Berliner Autorengruppe, Kinderläden. Revolution der Erziehung oder Erziehung zur Revolution?, Reinbek 1971.

[3] Sander, H., „Mütter sind politische Personen“, in: Courage, Jg.3 (1978), Nr.9 (September 1978), S.38 – 42.

[4] Bott, G. (Hg.), Erziehung zum Ungehorsam. Kinderläden berichten aus der Praxis der antiautoritären Erziehung, Frankfurt a.M. 1970.

[5] Rotes Kollektiv Proletarische Erziehung (Hg.), Soll Erziehung politisch sein?, Frankfurt a.M. 1970.

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22. November 2013 at 21:11

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Die Frauenbewegung in der BRD (8)

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„Wenn aber die infantile Sexualität eine biologisch begründete, gesetzmäßige Erscheinung ist, dann sind auch ihre Äußerungen normale und notwendige Phänomene, mit denen wir bei unserer erzieherischen Arbeit rechnen müssen.“

Vera Schmidt, 1924

Was bisher geschah: Die Kinderläden, die zunächst zur Entlastung der Frauen gedacht waren, werden recht schnell überfrachtet. Sie sollen nun auch neue pädagogische Konzepte entwickeln.

Ich hatte schon einmal erwähnt, daß in der zweiten Hälfte der 60er Jahre die Situation in den öffentlichen Kindergärten katastrophal war. Nicht nur, daß es zu wenige davon gab, die Betreuungssituation war denkbar ungünstig:

„In Großstädten wie Berlin standen im Jahr 1966 30.000 Plätze für Kinder zur Verfügung, 20.000 standen auf Wartelisten. […] Die existierenden Kindergärten waren überbelegt, noch 1970 kamen auf eine Fachkraft 52 Kinder.“ ([1], S. 22)

Damit Mütter ihre Kinder ohne schlechtes Gewissen zur Aufbewahrung abgeben konnten, mußten sie sich sicher sein, daß deren Betreuung halbwegs kindgerecht war. Denn wenn man das Kind in einen staatlichen Kindergarten gab, dann überkam viele das Gefühl, eine Rabenmutter zu sein. Deswegen herrschte, auch bei den pragmatischen Müttern, durchaus der Wunsch, daß die Kinderläden pädagogisch anders funktionieren möchten als die staatlichen Bewahranstalten. Und so richtete sich auf der Suche nach anderen Modellen der Kinderbetreuung der Blick zurück auf die Vorkriegszeit. Den Psychoanalytiker Wilhelm Reich hatte ich schon erwähnt, ebenso Vera Schmidt, die zu Beginn der 20er Jahre im Moskauer Kinderlaboratorium aktiv war.

Das Kinderlaboratorium war aus mehrerlei Gründen interessant: Zum einen wegen dessen psychoanalytischer Ausrichtung. Ende der 60er Jahre wurde eine psychoanalytisch angeleitete Erziehung für notwendig erachtet, um einem Problem der deutschen Geschichte zu entkommen. nämlich dem autoritären Charakter. Nur die Psychoanalyse schien hier eine Strategie dafür zu bieten, daß die Kinder nicht in der unseligen deutschen Tradition des Untertanengeistes erzogen würden. Anhand von Wilhelm Reich habe ich das ja auch bereits ausführlich dargestellt.

Doch es gibt noch einen anderen wichtigen Grund, warum das Kinderlaboratorium Schmidts so interessant war. Es war Teil des Versuches, nach der russischen Revolution in der Sowjetunion einige Dinge anders und besser zu machen als in den kapitalistischen Staaten. Das hatte natürlich etwas damit zu tun, daß hier ein neuer, sozialistischer Mensch erzogen werden sollte:

„Das Interesse für Erziehungsfragen, insbesondere für die Gemeinschaftserziehung im Kindesalter, hat sich in Rußland während der Ereignisse der letzten Jahre bedeutend gesteigert. So kam es, daß in unserem kleinen, für die Psychoanalyse interessierten Kreise der Gedanke auftauchte, ein Kinderheim zu gründen, das neben einer Gelegenheit für wissenschaftliche Beobachtung die Möglichkeit bieten sollte, auf Grund psychoanalytischer Erkenntnisse neue Wege der Erziehung zu suchen. Zu diesem Zweck wurde eine Villa zur Verfügung gestellt, das Volkskommissariat für Aufklärung gab die Geldmittel und wir konnten am 19. August 1921 das Kinderheim-Laboratorium eröffnen.“ ([2], S. 3)

Diese Verbindung von Erziehungsfragen mit dem sozialistischen Aufbau war natürlich genau das, was in den antiautoritären Bewegungen gesucht wurde. Und daß das Laboratorium dann 1925 geschlossen wurde, erhöhte nur seinen Nimbus. Schließlich wollte man nichts mit dem Stalinismus zu tun haben, und so schlug man das Kinderlaboratorium der frühen, guten und wirklich revolutionären Sowjetunion zu, während die Schließung dann Stalin und seinen Schergen angelastet werden konnte – was ja auch nicht ganz falsch war.

Es war keineswegs so, daß die Kinder in Schmidts Laboratorium marxistisch indoktriniert worden und einer Art Gehirnwäsche unterzogen worden wären. Von sozialistischer Erziehung in einem kruden, indoktrinierendem Sinn läßt sich in Schmidts Bericht nichts finden. Das Ziel des Laboratoriums war es, ein pädagogisches Konzept zu entwickeln, das reife Persönlichkeiten hervorbringen sollte. Gestützt auf die Erkenntnisse der Psychoanalyse sollten die Kinder so erzogen werden, daß sie später nicht an den Neurosen zu leiden hätten, die das System der bürgerlichen Erziehung hervorbringen mußte. Das Bild des „sozialistischen“ Menschen bei Schmidt ist einfach das Bild eines Menschen, der ohne Schuldgefühle und Verdrängung aufwächst und deshalb mit sich und seinesgleichen im Einklang ist.

Das heißt nun nicht, daß die Kinder alles tun und lassen können sollten, was sie wollten. Natürlich sollten die Kinder erzogen werden, aber eben nicht durch Zwang und Strafen. Denn derartige schwarze Pädagogik führt, so zumindest die Ansicht von Schmidt, zu Verdrängung und Neurosen. Die Alternative konnte aber auch nicht sein, die Kinder einfach machen zu lassen, was sie wollten. Pädagogik hat die Aufgabe, den Kindern den notwendigen Weg vom Lustprinzip zum Realitätsprinzip so einfach wie möglich zu machen. Wenn dies ohne Zwang vonstatten gehen sollte, dann durfte die Lust nicht einfach unterdrückt werden. Stattdessen mußte, so zumindest Schmidts Überzeugung, den Kindern die Möglichkeit zur Sublimierung gegeben werden. Der Trieb sollte nicht unterdrückt, sondern auf ein höheres, realitätsgerechteres Niveau gehoben werden. Was damit gemeint war, erläuterte Schmidt an einem Beispiel:

„In Beziehung zur Hauterotik steht das Bestreben eines unserer Mädchen, sich am ganzen Körper mit dem eigenen Kot zu beschmieren. Sie pflegte das frühmorgens zu machen, wenn alle noch schliefen. Tagsüber behielt sie dann eine deutlich gehobene Stimmung und einen freudigen Glanz in den Augen. Wir tadelten sie nicht dafür, wuschen sie einfach und wechselten ihre Wäsche; nur bemühten wir uns, sie im richtigen Augenblick auf den Topf zu setzen, um ihr Tun sozusagen auf natürlichem Wege zu verhindern. Im Alter von zweieinhalb Jahren bekam sie Farben zur Verfügung. Anfangs verschmierte sie sie einfach mit dem Finger über das Papier, später lernte sie, den Pinsel dazu zu gebrauchen. Es stellte sich heraus, daß sie ein feines Farbengefühl besaß und die Farben mit viel Vergnügen und Verständnis wählte und kombinierte. Ihre Malerei war immer gegenstandslos, bestand nur aus gut zusammengestellten Farbenflecken, die aber einen geradezu künstlerischen Eindruck machten. Diese Beschäftigung wurde mit der Zeit so anziehend für sie, daß sie ihr früheres Vergnügen ohne Schwierigkeiten aufgab; es war durch das neue, dem Wesen nach analoge, aber kulturell und sozial höherstehende ersetzt worden.“ ([2], S. 24)

Sozialistisch war diese Pädagogik nur insofern, als sie sich gegen gängige bürgerliche Vorstellungen von Erziehung wandte. Das betraf nicht nur den ganzen Bereich des Zwangs und der Strafen, sondern auch die Gegenstände der Erziehung, also das, was an kindlichen Trieben überhaupt erzieherisch verhindert oder transformiert werden sollte. Das betraf vor allem den bürgerlichen Tabubereich der kindlichen Sexualität. Ein Beispiel mag zur Erläuterung dienen. Bekanntlich war die bürgerliche Pädagogik seit dem 18. Jahrhundert davon besessen, Onanie um jeden Preis zu verhinden. Im Kinderlaboratorium wurde das hingegen völlig locker gehandhabt:

„Unsere Kinder onanieren verhältnismäßig wenig. Man kann beobachten, daß die Neigung dazu periodisch und bei den Knaben häufiger als bei den Mädchen auftritt. Bei keinem der Kinder aber ist die onanistische Betätigung zu einer ständigen Gewohnheit geworden. […] Auch die onanistische Betätigung geht, wo sie vorkommt, ohne Heimlichkeit vor den Augen der Erzieherinnen vor sich. Die Kinder werden nicht gelehrt, diese Strebungen zu verurteilen, überhaupt nicht eigens auf ihre Existenz aufmerksam gemacht.“ ([2], S. 25f)

Doch diese Abwendung von den Methoden und Themen der bürgerlichen Pädagogik begründete natürlich noch keine sozialistische Pädagogik per se. Und so war eine Reihe von Aktivisten recht schnell der Meinung, daß die unter anderem auf Vera Schmidt zurückgehenden antiautoritären Konzepte in den Kinderläden zu überwinden seien. Und so kam es zu einer Spaltung zwischen denen, die eine antiautoritäre Erziehung befürworteten, die einfach die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes fördern sollte, und anderen, die die Kinder zu kleinen Klassenkämpfern ausbilden wollten.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn Teile der Kinderladenbewegung erklären:

„Die liberalen Eltern […] die das Ideal eines individualistischen, schöpferischen Kindes hochhielten, waren notwendig daran interessiert, den Kindern Einsichten in unsere Klassengesellschaft zu verwehren und die politischen Fragen der linken Bewegung aus der Diskussion zu verdrängen. Während der Arbeitskonferenz der Kinderläden auf einem SDS-Kongreß im Mai 1969 begann ein Teil der Kinderläden die antiautoritäre Erziehung zu kritisieren und eine sozialistische Erziehung zu entwickeln.“ ([3], S. IV)

Nachweise

[1] Baader, M. S.: „Von der sozialistischen Erziehung zum buddhistischen Om. Kinderläden zwischen Gegen- und Elitekulturen“, in: Baader, M. S. (Hg.), „Seid realistisch, verlangt das Unmögliche!“, Weinheim und Basel 2008, S. 16 – 35.

[2] Schmidt, V., Psychoanalytische Erziehung in Sowjetrussland. Bericht über das Kinderheim-Laboratorium in Moskau, Leipzig, Wien, Zürich 1924.

[3] Zentralrat der sozialistischen Kinderländen West-Berlin, Der utopische Sozialismus der Berliner Kinderläden, Berlin o. J. [1969].

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16. November 2013 at 17:21

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Die Frauenbewegung in der BRD (7)

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„Für uns war wichtig, daß Kinder auch verpflichten und deshalb wegen der Unzuverlässigkeit der Eltern noch eine sichere Institution außerhalb der Familie brauchen.“

Monika Seifert

Was bisher geschah: In der letzten Folge machten wir einen Ausflug in die 20er und 30er Jahre, als Theorien darüber entwickelt wurden, wie faschistische Charaktereigenschaften und eine bestimmte Sozialisation in der Familie zusammenhängen könnten. Als wichtige Person wurde dabei der Mediziner und Psychoanalytiker Wilhelm Reich herausgestellt, der nicht nur eine Verbindung von Psychoanalyse und Marxismus herzustellen versuchte, sondern im Rahmen der kommunistischen Partei auch praktische Programme entwickelte.

Bislang wurden Reichs Bemühungen nur historisch-biographisch gestreift, nicht aber auf ihren theoretischen und praktischen Kern hin untersucht. Tatsächlich sind Reichs Positionen mehr als problematisch. Mit der Freudschen Psychoanalyse geht Reich zwar insofern konform, daß er die Ursache von Neurosen in der Unterdrückung libidinöser Regungen zu finden meint. Doch dieses Konzept wird von Reich ungemein vergröbert und biologistisch reduziert. In letzter Instanz sind bei Reich alle Probleme – auch das des faschistisch-autoritären Charakters – auf die Unterdrückung genitaler Sexualität zurückzuführen; zudem wird diese genitale Sexualität völlig ahistorisch-naturalistisch aufgefaßt. Tatsächlich argumentiert Reich als eine Art sexualpolitischer Rousseau: Es gibt eine ursprüngliche, natürliche, gesunde Sexualität, die in der Natur des Menschen liegt; doch diese wird durch die Herrschenden unterdrückt:

„Mit der Einschränkung und Unterdrückung der Geschlechtlichkeit verändert das menschliche Fühlen seine Art, es entsteht die sexualfeindliche Religion, und allmählich baut die herrschende Klasse eine eigene sexualpolitische Organisation auf, die Kirche mit allen ihren Vorläufern, die nichts als die Ausrottung der sexuellen Lust der Menschen und mithin des geringen Glücks auf Erden hat.“ (zit. nach [3], S. 99)

Der Sinn dieser Unterdrückung sei die Erzeugung von gehorsamen, autoritätshörigen Untertanen:

„An die Stelle des freien, furchtlosen Wesens treten Gehorsam und Leichtbeeinflußbarkeit. Die Niederhaltung der sexuellen Regungen erfordert viel Energie, Aufmerksamkeit, »Selbstbeherrschung«. In dem Maße, wie die biologischen Kräfte des Kindes sich nicht mehr ganz der Außenwelt und der Triebbefriedigung zuwenden können, verliert es auch an motorischer Kraft, Beweglichkeit, Mut und Realitätssinn.“ (zit. nach [3], S. 97)

Und daraus ließ sich dann eine Programmatik ableiten, die die jugendlichen Rebellen Ende der 60er Jahre ansprach:

„Die sexuelle Verelendung der heutigen Jugend ist unermeßlich. Das meiste daran spielt sich unterirdisch ab, gelangt nicht an die Oberfläche der Erscheinungen, weil die herrschenden Zustände das nicht zulassen. […] Wir sind entschlossen, der Jugend die volle, unverfälschte Wirklichkeit zu zeigen, sie verstehen zu lehren, in welcher Lage sie sich befindet, und daß sie ihre Sache selbst in die Hand nehmen muß…“ (zit. nach [3], S. 85)

Die von Reich verbreitete Holzhammer-These, autoritäre Charaktere seien das Resultat davon, daß abstrakt genital gedeutete Sexualität unterdrückt würde, wurde so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner der sexualpolitischen Bestrebungen im Umfeld der antiautoritären Bewegungen. Wir hatten schon bei der Kommune 2 gesehen, daß in einem völligen Fehlverständnis kindlicher Sexualität diese bereits im Kindergartenalter auf Genitalität reduziert worden war. So meinten sie etwa in ihrem Rechenschaftsbericht:

„Der Geschlechtsunterschied wird von den Kindern sehr früh bemerkt. Seine emotionale und rationale Verarbeitung gehört zu den wichtigsten Leistungen in der kindlichen Persönlichkeitentwicklung. Wie aus dem Protokoll hervorgeht, versuchten wir uns so zu verhalten, daß der Geschlechtsunterschied von den Kindern nicht als angsteinflößende Bedrohung erlebt wurde, sondern als Möglichkeit, eine zärtliche Beziehung zu anderen Menschen aufzunehmen.“ ([2], S. 86)

Wenn ich mir hier in der Tradition der späten 60er Jahre einmal erlauben darf, selbst als Amateurpsychoanalytiker aufzutreten, dann erscheint es mir recht evident, daß es sich dabei eher um eine Projektion handelte, daß die Kommunemitglieder ihre eigenen Probleme mit genitaler Sexualität auf die Kinder projizierten. Eigentlich sprechen sie das selbst auch ganz unverblümt aus:

„Die verdrängten Triebregungen, die uns in der Analyse bewußt wurden, entdeckten wir bei den Kindern wieder und entwickelten damit ein viel weiteres Verständnis für ihre nichtverbalen Lebensäußerungen. Die größere Sensibilität, die wir durch die Analyse und durch die intensive Beobachtung der Kinder erwarben, half uns, auch unsere eigenen verdeckten Wünsche und Bedürfnisse besser verstehen zu lernen.“ ([2], S. 85)

Die Differenz ist nur die zwischen entdecken und projizieren.

Doch nicht nur in Berlin bezog man sich auf Reich. In Frankfurt wurden ähnliche Ideen gewälzt, wohl ohne daß die Gruppen gegenseitig voneinander wußten. Am Main war es Monika Seifert, die in diese Richtung dachte und das Problem der Kinderbetreuung mit den Ideen antiautoritärer Erziehung zusammenführte:

„Als ich mit meiner Tochter in England war, da stand sie immer am Zaun einer Grundschule und sagte – »Auch Schule gehen wollen«. Und als wir dann zurückkamen, hab ich gesagt, ich muß unbedingt etwas machen – also, sie in einen normalen Kindergarten zu schicken, das wäre nicht in Frage gekommen. Zumal ich ja über autoritäre Charakterstrukturen gearbeitet hatte. Das war im Institut mein Job, meine Diplomarbeit und mein privates Interesse. Ich war die Entdeckerin von Wilhelm Reich gewesen. Über ihn wurde auch im Institut nicht geredet, er war auch bei Adorno tabu. Es gab in Frankfurt noch zwei, drei Schriften von Reich mit dem Stempel: »Von der SS beschlagnahmt«.“ ([5], S. 75f)

Mit gleichgesinnten Frauen im SDS gründet sie noch im Herbst 1967 die „Kinderschule“ – zunächst mit fünf Kindern; doch die Zahl der Kinder steigt rasch auf 15 an. Die Kinderschule in Frankfurt trifft wie die Kinderläden in Berlin einen Nerv. Allerdings: Der Pragmatismus, mit dem Helke Sander und ihre Mitstreiterinnen das Projekt in Berlin ursprünglich angegangen waren, bei dem das Hauptziel gewesen war, die Mütter zu entlasten, fehlte in Frankfurt von Anfang an:

„Es war primär ein anderer Kindergarten für die Kinder und nicht zur Entlastung der Mütter.“ ([5], S. 76)

Auch in Berlin kippte der ursprünglich pragmatische Ansatz recht schnell. Bald ging es in vielen Berliner Kinderläden nicht mehr darum, den Nachwuchs in einem kindgerechten Umfeld unterzubringen, um den Müttern ein größeres Maß an Autonomie zu erlauben. Statt ein Mittel für mehr politische Mitsprache der Mütter zu sein, wurden mit den Kinderläden weitergehende Zwecke verbunden:

„Das Modell antiautoritärer Erziehung, auf das sich die arbeitenden Kinderläden und –kollektive in erster Linie beziehen, ist der Versuch des Kinder-Laboratoriums von Vera Schmidt in Moskau. Ziel dieser Erziehung war, das bürgerliche Triebschicksal in der traditionellen Dreiecksbeziehung Vater-Mutter-Kind zu verhindern.“ ([1], S. 48)

1924 hatte die russische Psychoanalytikerin Vera Schmidt auf Deutsch einen Bericht über ein einzigartiges reformpädagogisches Kinderheim in Moskau veröffentlicht. In diesem Heim, das am 19. August 1921 eröffnet worden war, sollten die Kinder nach psychoanalytischen Gesichtspunkten erzogen werden. Doch mit der zunehmenden Stalinisierung der Sowjetunion wurde auch die Psychoanalyse geächtet, das Experiment wurde 1925 gestoppt.

Auch Wilhelm Reich hatte, zusammen mit seiner Frau Annie, das Moskauer Kinderlaboratorium besucht und in seinen Schriften darauf verwiesen, wodurch dann das Interesse der antiautoritären Bewegung geweckt wurde. Schmidts Bericht wurde daraufhin zu einer Blaupause für die antiautoriären Kinderläden.

Und tatsächlich waren die in Moskau propagierten pädagogischen Vorstellungen deutlich ausgereifter als die plumpen Versuche der Kommune 2, die Vorstellungen Wilhelm Reichs auf die Kindererziehung zu übertragen. Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn Vera Schmidt schreibt:

„Die Erzieherinnen müssen den Kindern gegenüber mit Zärtlichkeiten und Liebkosungen äußerst sparsam umgehen. Sie müssen sich darauf beschränken, Liebesbeweise, die das Kind ihnen gibt, herzlich, aber zurückhaltend zu erwidern. Stürmische Liebesäußerungen von Seiten der Erwachsenen (heiße Küsse, innige Umarmungen u. dergl.), die das Kind sexuell erregen und sein Selbstgefühl erniedrigen, sind im Kinderheim-Laboratorium streng verboten. Sie dienen viel mehr der Befriedigung der Erwachsenen als dem Bedürfnis der Kinder.“ ([4], S. 15)

Nachweise

[1] Anonym, „Von der antiautoritären zur sozialistischen Erziehung (Ergänzung)“, in: SDS-Info, Jg.2 (1969), Nr.11/12 (2. Mai 1969), S.48 – 50.

[2] Bookhagen, C.; Hemmer, E.; Raspe, J.; Schulz, E. & Stergar, M., Kommune 2. Versuch der Revolutionierung des bürgerlichen Individuums, Berlin 1969.

[3] Burian, W., Sexualität, Natur, Gesellschaft. Eine psycho-politische Biographie Wilhelm Reichs, Freiburg i.Br. 1985.

[4] Schmidt, V., Psychoanalytische Erziehung in Sowjetrussland. Bericht über das Kinderheim-Laboratorium in Moskau, Leipzig, Wien, Zürich 1924.

[5] Seifert, M.: „Diese Wiederholungen zu durchbrechen, individuell und politisch, dazu muß eine Veränderung in der Situation von Kindern kommen“, in: Heinemann, K.-H. & Jaitner, T., Ein langer Marsch. ’68 und die Folgen, Köln 1993, S. 72 – 82.

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8. November 2013 at 14:51

Veröffentlicht in Feminismus, Kinderläden

Die Frauenbewegung in der BRD (6)

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„Die patriarchale Familie ist die strukturelle und ideologische Reproduktionsstätte aller gesellschaftlichen Ordnungen, die auf dem Autoritätsprinzip beruhen.“

Wilhelm Reich

Was bisher geschah: Helke Sander und Marianne Herzog hatten Anfang 1968 den Aktionsrat zur Befreiung der Frauen und die ersten Kinderläden gegründet. Diese Kinderläden sollten – im Gegensatz zu den bisher existierenden Kindergärten – nicht einfach Verwahranstalten für die Kinder sein, sondern diesen auch ein Umfeld bieten, in denen sie nicht zu autoritätsfixierten Untertanen dressiert würden. Dieser Anspruch ließ sich allerdings in vielerlei Richtungen interpretieren, auch in solche, die den Initiatorinnen keineswegs in den Sinn gekommen wären; und so wurde letzte Woche bereits in Ansätzen dargestellt, wie in der Kommunebewegung eine sehr spezielle Interpretation eines antiautoritären Erziehungsanspruchs formuliert und auch gelebt wurde.

Die antiautoritären Bewegungen wurden nicht zufällig so genannt. Natürlich kann man diesen Namen ganz naiv dahingehend interpretieren, daß diese Bewegungen sich gegen die gesellschaftlichen Autoritäten wandten. Doch steckt letztendlich mehr dahinter, nämlich die Bezugnahme auf eine Kategorie, die in den 30er Jahren vom Institut für Sozialforschung geprägt worden war. Es handelt sich dabei um die Kategorie des „autoritären Charakters“. In einer breit angelegten, auch empirisch unterfütterten Studie war bereits in der ersten Hälfte der dreißiger Jahre untersucht worden, ob das Proletariat sich in Sachen Untertanengeist vom Rest der Gesellschaft unterscheide. Das Ergebnis war niederschmetternd:

„Während in ökonomischer Hinsicht eine klare Linie zwischen Mittelstand und Arbeiterschaft zu ziehen ist, ist dies in sozialpsychologischer Hinsicht nicht der Fall. Schon die Arbeiter- und Angestelltenerhebung zeigte, wie weitgehend sich typisch kleinbürgerliche Charakterstrukturen auch bei Arbeitern vorfinden.“ (zit. nach [5], S. 162)

Diese Einsicht, daß die Arbeiterklasse dem Faschismus nichts entgegenzusetzen hatte, führte dann zur Analyse des sogenannten „autoritären Charakters“, Untersuchungen, die bis in die 50er Jahre hinein fortgesetzt wurden. In der Einleitung zu den Studien über den autoritären Charakter umriß Theodor W. Adorno die Fragestellung:

„Wenn es ein potentiell faschistisches Individuum gibt, wie sieht es, genau betrachtet, aus? Wie kommt antidemokratisches Denken zustande? Welche Kräfte im Individuum gibt es, die sein Denken strukturieren? Wenn es solche Individuen gibt, sind sie in unserer Gesellschaft weit verbreitet? Und welches sind ihre Determinanten, wie der Gang ihrer Entwicklung?“ ([1], S. 2)

Der Faschismus – und erst recht der deutsche Nationalsozialismus – war nicht einfach „die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“([3]), wie es in der Kommunistischen Internationale verkürzt behauptet worden war. Er reichte vielmehr bis tief in die Psyche der Menschen, in die Struktur ihres Charakters hinein. Damit stellten sich die kritischen Theoretiker gegen die marxistische Orthodoxie, die sich den fehlenden Widerstand der Arbeiterklasse nur durch eine Mischung von Repression und Verblendung durch Propaganda erklären konnte. Die revolutionäre Substanz der Arbeiterklasse sollte allem gegenteiligen äußeren Anschein zum Trotz unangetastet geblieben sein. Dem setzten die Theoretiker des Instituts für Sozialforschung die Einsicht entgegen, daß die Unterwerfung unter faschistische Autoritäten keineswegs nur durch äußeren Zwang und Verblendung zu erklären sei. Vielmehr bringen autoritär sozialisierte Charaktere gewisse sado-masochistische Charakterzüge mit, die sie die Unterwerfung unter die faschistischen Autoritäten genießen lassen.

Wenn aber die autoritäre Charakterstruktur schon in der Sozialisation angelegt ist, so stellte sich Ende der 60er Jahre die Frage, wie sollte man sich dann als Antiautoritärer davon befreien können? Und vor allem: Wie sollte man seine eigenen Kinder erziehen, damit sie nicht ebenfalls unter dieser charakterlichen Deformation zu leiden hatten? Die kritischen Theoretiker des Instituts für Sozialforschung hatten darauf keine Antwort gegeben. Oder zumindest keine Antwort, die man ohne weiteres in eine erzieherische Praxis hätte umsetzen können. Und so griff man in der Bewegung auf einen anderen Autor zurück, der auf diese ganzen Fragen eine verführerisch einfache Antwort hatte: Wilhelm Reich.

Wilhelm Reich wurde 1897 in Österreich-Ungarn geboren. Sein Vater Leon war eine dominante, autoritäre Persönlichkeit, während die Mutter, nach Aussage von Wilhelm Reich selbst, „einfältig war und in der Hausarbeit ihre Befriedigung gefunden hat.“ ([2], S. 37) Als Wilhelm 14 Jahre alt war, brachte sich seine Mutter um, der Vater starb drei Jahre später an Tuberkulose. Im ersten Weltkrieg wurde er Offizier und erlebte das Kriegsende in Wien, wo er wegen eines schweren Hautleidens in Behandlung war. Nach dem Krieg studierte er Medizin, wobei er sich vor allem auf die Sexualität konzentrierte. In seinem gerade in der antiautoritären Bewegung durch Raubdrucke weitverbreiteten Buch Die Funktion des Orgasmus von 1927 schrieb er:

„Ich bin aus eigener Erfahrung, durch Beobachtung an mir und anderen zur Überzeugung gekommen, daß die Sexualität der Mittelpunkt ist, um den herum das gesamte soziale Leben wie die innere Geisteswelt des Einzelnen […] sich abspielen.“ (zit. nach [2], S. 40)

Daß ihn dieses Interesse an der menschlichen Sexualität im Wien der zwanziger Jahre dann in die Kreise der Psychoanalyse führte, verwundert nicht; allerdings war Reichs Herangehensweise von ihrer Grundhaltung eher biologisch-medizinisch als psychoanalytisch: „Die ersten Aufsätze Reichs werden in der »Zeitschrift für Sexualwissenschaften« publiziert, obwohl Reich schon als Psychoanalytiker arbeitet.“ ([2], S. 43) Er wurde 1922 promoviert, jedoch nicht als Psychoanalytiker, sondern als Mediziner. Im selben Jahr wurde er klinischer Assistent an der psychoanalytischen Poliklinik, 1928 erhielt er die Stellung eines stellvertretenden Direktors.

„Die Arbeit in der Poliklinik verändert Reichs Haltung zur Arbeiterbewegung, er lernt ihre Probleme kennen und begreift das massenhafte Vorkommen der Neurose als gesellschaftliches Phänomen. Hinzu kommt die breite Strömung von Intellektuellen aus der jüdischen Bourgeoisie zur österreichischen Arbeiterbewegung. Reich wird Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs und beschäftigt sich erstmals mit Marx und der marxistischen Theorie.“ ([2], S. 53)

1927 verließ er die Sozialdemokratische Partei zugunsten der Kommunistischen Partei Österreichs. Auslöser waren blutige Demonstration gewesen, die nach dem skandalösen Freispruch kaisertreue Attentäter Wien erschütterten:

„Die Polizei, die an diesen zwei Tagen 100 Menschen erschoß, war sozialdemokratisch organisiert. Der Schutzbund war sozialdemokratisch organisiert. Die Menge war überweigend sozialdemokratisch organisiert. Klassenkampf? Innerhalb der selben Klasse? In einer sozialistisch verwalteten Stadt? Hier, 1927, keimte zum ersten Male die […] Ahnung von dem Irrationalismus in der Politik.“ (zit. nach [6], S. 152)

Sein kommunistisches Engagement führte dann endgültig zum Bruch mit dem Wiener psychoanalytischen Milieu, auch mit Freud selbst. 1930 siedelte Reich nach Berlin um und wurde Mitglied KPD. Innerhalb der KPD gründete er dann 1931 den „Deutschen Reichsverband für proletarische Sexualpolitik“, einer Art Nachfolgeprojekt der „Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung“, die Reich 1928 noch in Wien ins Leben gerufen hatte. Diese sexualpolitische Ausrichtung war jedoch in der zunehmend stalinisierten KPD mehr als umstritten, Reich weitgehend isoliert. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten zwang ihn 1933 ins zunächst dänische Exil. In seinem wohl berühmtesten Buch, Massenpsychologie des Faschismus, versuchte er dann zu analysieren, wie es zur nationalsozialistischen Machtübernahme kommen konnte – was die Kommunistische Internationale dann zum Anlaß nahm, ihn auszuschließen:

„Die Parteibürokraten werfen ihm u.a. den ersten Satz aus der »Massenpsychologie des Faschismus« vor; dort heißt es: »Die deutsche Arbeiterklasse hat eine schwere Niederlage erlitten.« Diese Formulierung bezeichnet die Komintern als konterrevolutionär. Die deutsche Arbeiterklasse habe 1933 keine Niederlage erlitten, sondern erlebe, so der offizielle Sprachgebrauch, »nur eine vorübergehende Niederlage im revolutionären Aufschwung«.“ ([6], S. 531)

Im Institut für Sozialforschung wurde Reichs Buch hingegen positiv rezipiert. Max Horkheimer schrieb 1936:

„Eine theoretisch wichtige Fortführung innerhalb der Psychoanalyse stammt von Wilhelm Reich. Cf. vor allem Massenpsychologie des Faschismus, Kopenhagen 1933. Wir stimmen in vielen Punkten mit seiner psychologischen Deutung einzelner Züge des bürgerlichen Charakters überein.“ ([4], S. 80)

Allerdings wies Horkheimer schon damals auf eine Beschränkung des Reichschen Ansatzes hin, die dann in der späteren Rezeption Reichs durch die antiautoritäre Bewegung fatale Folgen haben sollte. Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn wir Horkheimers früher Reich-Kritik nachgehen, die folgendermaßen lautete:

„Reich leitet [die bürgerlichen Charakterzüge] allerdings, hierin ein echter Schüler Freuds, im wesentlichen aus der Sexualunterdrückung ab; der Enthemmung der genitalen Sexualität schreibt er bei der Veränderung der gegenwärtigen Zustände eine fast utopische Bedeutung zu.“ ([4], S. 80)

Nachweise

[1] Adorno, T. W., Studien zum autoritären Charakter, Frankfurt a.M. 1973.

[2] Burian, W., Sexualität, Natur, Gesellschaft. Eine psycho-politische Biographie Wilhelm Reichs, Freiburg i.Br. 1985.

[3] Dimitrow, G.: „Bericht auf dem VII. Weltkongress der Komintern, 2. August 1935“, URL: http://www.mlwerke.de/gd/gd_001.htm, abgerufen am 1. November 2013.

[4] Horkheimer, M.: „Egoismus und Freiheitsbewegung“, in: Horkheimer, M., Gesammelte Schriften Bd. 4, Frankfurt 1985ff, S. 9 – 88.

[5] Wiggershaus, R., Die Frankfurter Schule, München 1993.

[6] Rieger, W.: „Nachwort“, in: Burian, W., Sexualität, Natur, Gesellschaft. Eine psycho-politische Biographie Wilhelm Reichs, Freiburg i.Br. 1985, S. 146 – 159.

Written by alterbolschewik

1. November 2013 at 17:23

Veröffentlicht in Feminismus