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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die Frauenbewegung in der BRD (6)

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„Die patriarchale Familie ist die strukturelle und ideologische Reproduktionsstätte aller gesellschaftlichen Ordnungen, die auf dem Autoritätsprinzip beruhen.“

Wilhelm Reich

Was bisher geschah: Helke Sander und Marianne Herzog hatten Anfang 1968 den Aktionsrat zur Befreiung der Frauen und die ersten Kinderläden gegründet. Diese Kinderläden sollten – im Gegensatz zu den bisher existierenden Kindergärten – nicht einfach Verwahranstalten für die Kinder sein, sondern diesen auch ein Umfeld bieten, in denen sie nicht zu autoritätsfixierten Untertanen dressiert würden. Dieser Anspruch ließ sich allerdings in vielerlei Richtungen interpretieren, auch in solche, die den Initiatorinnen keineswegs in den Sinn gekommen wären; und so wurde letzte Woche bereits in Ansätzen dargestellt, wie in der Kommunebewegung eine sehr spezielle Interpretation eines antiautoritären Erziehungsanspruchs formuliert und auch gelebt wurde.

Die antiautoritären Bewegungen wurden nicht zufällig so genannt. Natürlich kann man diesen Namen ganz naiv dahingehend interpretieren, daß diese Bewegungen sich gegen die gesellschaftlichen Autoritäten wandten. Doch steckt letztendlich mehr dahinter, nämlich die Bezugnahme auf eine Kategorie, die in den 30er Jahren vom Institut für Sozialforschung geprägt worden war. Es handelt sich dabei um die Kategorie des „autoritären Charakters“. In einer breit angelegten, auch empirisch unterfütterten Studie war bereits in der ersten Hälfte der dreißiger Jahre untersucht worden, ob das Proletariat sich in Sachen Untertanengeist vom Rest der Gesellschaft unterscheide. Das Ergebnis war niederschmetternd:

„Während in ökonomischer Hinsicht eine klare Linie zwischen Mittelstand und Arbeiterschaft zu ziehen ist, ist dies in sozialpsychologischer Hinsicht nicht der Fall. Schon die Arbeiter- und Angestelltenerhebung zeigte, wie weitgehend sich typisch kleinbürgerliche Charakterstrukturen auch bei Arbeitern vorfinden.“ (zit. nach [5], S. 162)

Diese Einsicht, daß die Arbeiterklasse dem Faschismus nichts entgegenzusetzen hatte, führte dann zur Analyse des sogenannten „autoritären Charakters“, Untersuchungen, die bis in die 50er Jahre hinein fortgesetzt wurden. In der Einleitung zu den Studien über den autoritären Charakter umriß Theodor W. Adorno die Fragestellung:

„Wenn es ein potentiell faschistisches Individuum gibt, wie sieht es, genau betrachtet, aus? Wie kommt antidemokratisches Denken zustande? Welche Kräfte im Individuum gibt es, die sein Denken strukturieren? Wenn es solche Individuen gibt, sind sie in unserer Gesellschaft weit verbreitet? Und welches sind ihre Determinanten, wie der Gang ihrer Entwicklung?“ ([1], S. 2)

Der Faschismus – und erst recht der deutsche Nationalsozialismus – war nicht einfach „die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“([3]), wie es in der Kommunistischen Internationale verkürzt behauptet worden war. Er reichte vielmehr bis tief in die Psyche der Menschen, in die Struktur ihres Charakters hinein. Damit stellten sich die kritischen Theoretiker gegen die marxistische Orthodoxie, die sich den fehlenden Widerstand der Arbeiterklasse nur durch eine Mischung von Repression und Verblendung durch Propaganda erklären konnte. Die revolutionäre Substanz der Arbeiterklasse sollte allem gegenteiligen äußeren Anschein zum Trotz unangetastet geblieben sein. Dem setzten die Theoretiker des Instituts für Sozialforschung die Einsicht entgegen, daß die Unterwerfung unter faschistische Autoritäten keineswegs nur durch äußeren Zwang und Verblendung zu erklären sei. Vielmehr bringen autoritär sozialisierte Charaktere gewisse sado-masochistische Charakterzüge mit, die sie die Unterwerfung unter die faschistischen Autoritäten genießen lassen.

Wenn aber die autoritäre Charakterstruktur schon in der Sozialisation angelegt ist, so stellte sich Ende der 60er Jahre die Frage, wie sollte man sich dann als Antiautoritärer davon befreien können? Und vor allem: Wie sollte man seine eigenen Kinder erziehen, damit sie nicht ebenfalls unter dieser charakterlichen Deformation zu leiden hatten? Die kritischen Theoretiker des Instituts für Sozialforschung hatten darauf keine Antwort gegeben. Oder zumindest keine Antwort, die man ohne weiteres in eine erzieherische Praxis hätte umsetzen können. Und so griff man in der Bewegung auf einen anderen Autor zurück, der auf diese ganzen Fragen eine verführerisch einfache Antwort hatte: Wilhelm Reich.

Wilhelm Reich wurde 1897 in Österreich-Ungarn geboren. Sein Vater Leon war eine dominante, autoritäre Persönlichkeit, während die Mutter, nach Aussage von Wilhelm Reich selbst, „einfältig war und in der Hausarbeit ihre Befriedigung gefunden hat.“ ([2], S. 37) Als Wilhelm 14 Jahre alt war, brachte sich seine Mutter um, der Vater starb drei Jahre später an Tuberkulose. Im ersten Weltkrieg wurde er Offizier und erlebte das Kriegsende in Wien, wo er wegen eines schweren Hautleidens in Behandlung war. Nach dem Krieg studierte er Medizin, wobei er sich vor allem auf die Sexualität konzentrierte. In seinem gerade in der antiautoritären Bewegung durch Raubdrucke weitverbreiteten Buch Die Funktion des Orgasmus von 1927 schrieb er:

„Ich bin aus eigener Erfahrung, durch Beobachtung an mir und anderen zur Überzeugung gekommen, daß die Sexualität der Mittelpunkt ist, um den herum das gesamte soziale Leben wie die innere Geisteswelt des Einzelnen […] sich abspielen.“ (zit. nach [2], S. 40)

Daß ihn dieses Interesse an der menschlichen Sexualität im Wien der zwanziger Jahre dann in die Kreise der Psychoanalyse führte, verwundert nicht; allerdings war Reichs Herangehensweise von ihrer Grundhaltung eher biologisch-medizinisch als psychoanalytisch: „Die ersten Aufsätze Reichs werden in der »Zeitschrift für Sexualwissenschaften« publiziert, obwohl Reich schon als Psychoanalytiker arbeitet.“ ([2], S. 43) Er wurde 1922 promoviert, jedoch nicht als Psychoanalytiker, sondern als Mediziner. Im selben Jahr wurde er klinischer Assistent an der psychoanalytischen Poliklinik, 1928 erhielt er die Stellung eines stellvertretenden Direktors.

„Die Arbeit in der Poliklinik verändert Reichs Haltung zur Arbeiterbewegung, er lernt ihre Probleme kennen und begreift das massenhafte Vorkommen der Neurose als gesellschaftliches Phänomen. Hinzu kommt die breite Strömung von Intellektuellen aus der jüdischen Bourgeoisie zur österreichischen Arbeiterbewegung. Reich wird Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs und beschäftigt sich erstmals mit Marx und der marxistischen Theorie.“ ([2], S. 53)

1927 verließ er die Sozialdemokratische Partei zugunsten der Kommunistischen Partei Österreichs. Auslöser waren blutige Demonstration gewesen, die nach dem skandalösen Freispruch kaisertreue Attentäter Wien erschütterten:

„Die Polizei, die an diesen zwei Tagen 100 Menschen erschoß, war sozialdemokratisch organisiert. Der Schutzbund war sozialdemokratisch organisiert. Die Menge war überweigend sozialdemokratisch organisiert. Klassenkampf? Innerhalb der selben Klasse? In einer sozialistisch verwalteten Stadt? Hier, 1927, keimte zum ersten Male die […] Ahnung von dem Irrationalismus in der Politik.“ (zit. nach [6], S. 152)

Sein kommunistisches Engagement führte dann endgültig zum Bruch mit dem Wiener psychoanalytischen Milieu, auch mit Freud selbst. 1930 siedelte Reich nach Berlin um und wurde Mitglied KPD. Innerhalb der KPD gründete er dann 1931 den „Deutschen Reichsverband für proletarische Sexualpolitik“, einer Art Nachfolgeprojekt der „Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung“, die Reich 1928 noch in Wien ins Leben gerufen hatte. Diese sexualpolitische Ausrichtung war jedoch in der zunehmend stalinisierten KPD mehr als umstritten, Reich weitgehend isoliert. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten zwang ihn 1933 ins zunächst dänische Exil. In seinem wohl berühmtesten Buch, Massenpsychologie des Faschismus, versuchte er dann zu analysieren, wie es zur nationalsozialistischen Machtübernahme kommen konnte – was die Kommunistische Internationale dann zum Anlaß nahm, ihn auszuschließen:

„Die Parteibürokraten werfen ihm u.a. den ersten Satz aus der »Massenpsychologie des Faschismus« vor; dort heißt es: »Die deutsche Arbeiterklasse hat eine schwere Niederlage erlitten.« Diese Formulierung bezeichnet die Komintern als konterrevolutionär. Die deutsche Arbeiterklasse habe 1933 keine Niederlage erlitten, sondern erlebe, so der offizielle Sprachgebrauch, »nur eine vorübergehende Niederlage im revolutionären Aufschwung«.“ ([6], S. 531)

Im Institut für Sozialforschung wurde Reichs Buch hingegen positiv rezipiert. Max Horkheimer schrieb 1936:

„Eine theoretisch wichtige Fortführung innerhalb der Psychoanalyse stammt von Wilhelm Reich. Cf. vor allem Massenpsychologie des Faschismus, Kopenhagen 1933. Wir stimmen in vielen Punkten mit seiner psychologischen Deutung einzelner Züge des bürgerlichen Charakters überein.“ ([4], S. 80)

Allerdings wies Horkheimer schon damals auf eine Beschränkung des Reichschen Ansatzes hin, die dann in der späteren Rezeption Reichs durch die antiautoritäre Bewegung fatale Folgen haben sollte. Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn wir Horkheimers früher Reich-Kritik nachgehen, die folgendermaßen lautete:

„Reich leitet [die bürgerlichen Charakterzüge] allerdings, hierin ein echter Schüler Freuds, im wesentlichen aus der Sexualunterdrückung ab; der Enthemmung der genitalen Sexualität schreibt er bei der Veränderung der gegenwärtigen Zustände eine fast utopische Bedeutung zu.“ ([4], S. 80)

Nachweise

[1] Adorno, T. W., Studien zum autoritären Charakter, Frankfurt a.M. 1973.

[2] Burian, W., Sexualität, Natur, Gesellschaft. Eine psycho-politische Biographie Wilhelm Reichs, Freiburg i.Br. 1985.

[3] Dimitrow, G.: „Bericht auf dem VII. Weltkongress der Komintern, 2. August 1935“, URL: http://www.mlwerke.de/gd/gd_001.htm, abgerufen am 1. November 2013.

[4] Horkheimer, M.: „Egoismus und Freiheitsbewegung“, in: Horkheimer, M., Gesammelte Schriften Bd. 4, Frankfurt 1985ff, S. 9 – 88.

[5] Wiggershaus, R., Die Frankfurter Schule, München 1993.

[6] Rieger, W.: „Nachwort“, in: Burian, W., Sexualität, Natur, Gesellschaft. Eine psycho-politische Biographie Wilhelm Reichs, Freiburg i.Br. 1985, S. 146 – 159.

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Written by alterbolschewik

1. November 2013 um 17:23

Veröffentlicht in Feminismus

4 Antworten

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  1. Die Massenpsychologie des Faschsismus war für mich als 17 Jährigen eines der Initialwerke. Wobei solche alltagsnahen Elemente wie der SM-Reiz von Leder und Stiefeln als Anziehungspunkt der faschistischen Massenpsychologie für uns als SchülerInnen am Ehesten den Zugang zu diesem Werk eröffneten, neben der Vorstellung, der Orgasmus sei sozusagen der erste Meilenstein auf dem Weg zur Erlösung. Hdeute denke ich, das müsste im Abgleich zu Gramsci und Poulantzas gelesen werden. Zum Freudomarxismus wäre es in der Tat eine Alternative, mal Reich, Poulantzas, Foucault und Roth/Hartmann zueinander in Relation zu setzen.

    che2001

    1. November 2013 at 23:57

    • In Freiburg war Reich von vornherein völlig verbrannt – hier gab’s seit Anfang der 70er Jahre die Marxistisch-Reichistische-Initiative (MRI), bei der die Bezeichnung „Sekte“ nicht einfach eine Analogie war, sondern den Sachverhalt präzise beschrieb. Wobei diese Ende der 70er Jahre dann einen echten politischen Coup landete: Sie trat als „Bunte Liste – Wehrt Euch!“ an; damals gab es in diversen Städten Bunte oder Alternative Listen (die als Vorläufer-Organisationen der Grünen gelten können). Mit diesem Trick gelang es der MRI tatsächlich, in den Gemeinderat zu kommen. Das funktionierte natürlich nur für eine Legislaturperiode. Später firmierten sie dann als „Bund gegen Anpassung“ – der bis heute existiert und einem gelegentlich unfreiwillig komische Flugblätter in den Briefkasten steckt oder skurrile Plakate klebt, die kein Mensch versteht, wenn er die Sektengeschichte nicht kennt. Über Freiburg hinaus bekannt wurden sie in den 90er Jahren, als sie die Tätowierung von AIDS-Infizierten forderten…

      alterbolschewik

      2. November 2013 at 16:09

  2. Ist mir alles bestens bekannt, die Göttinger Antifa informierte damals über die Bunte Liste als faschismusähnliche, nämlich totalitäre Organisation, und mein damals engster Genosse war mit einer BuLi-Frau liiert. Die Frage ist, ob es Berührungspunkte zwischen denen und dem Ahriman-Verlag/ISF gibt, gab. Kann der Sektenbeauftragte für Freiburg das beantworten?

    Ansonsten gab es anderswo noch gleich bizarres: Die Indianerkommune, der Pädophilenzirkel der bis in die erste grüne Bundestagsfraktion aktiv war (Titanic damals: „Die Quote: Drei Frauen, drei Männern, ein Schwuler, eine Lesbe, ein Pädophilo“), die AA-Kommune von Otto Muehl und in Südniedersachsen eine lokale Niederlassung des Bund gegen Anpassung mit einer bekennenden Hexe an der Spitze, die vorher bei den Jusos gewesen war. Dummerweise berichtete ein alternatives, aber im Gegensatz zur linken Stadtzeitung kommerzielles Stadtmagazin positiv über die.

    che2001

    4. November 2013 at 16:13

    • Der Ahriman-Verlag ist der Verlag des Bundes gegen Anpassung (ex-Bunte-Liste, ex-MRI). Mit der ISF haben die nichts zu tun, im Gegenteil, die ISF gehörte in den 80ern zu den schärfsten Kritikern der Reichisten. Die von mir im Text zitierte Reich-Biographie erschien im ça-ira-Verlag der ISF. Und dieser Reprint eines 1972 im Makol-Verlag erschienenen Buches war explizit gegen die Spinner von der MRI gerichtet. Daß die ISF nach 1989 selbst abdrehte, ist eine andere Geschichte (wobei ich die ISF dennoch nicht als Sekte beschreiben würde).

      alterbolschewik

      4. November 2013 at 17:16


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