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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die Frauenbewegung in der BRD (7)

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„Für uns war wichtig, daß Kinder auch verpflichten und deshalb wegen der Unzuverlässigkeit der Eltern noch eine sichere Institution außerhalb der Familie brauchen.“

Monika Seifert

Was bisher geschah: In der letzten Folge machten wir einen Ausflug in die 20er und 30er Jahre, als Theorien darüber entwickelt wurden, wie faschistische Charaktereigenschaften und eine bestimmte Sozialisation in der Familie zusammenhängen könnten. Als wichtige Person wurde dabei der Mediziner und Psychoanalytiker Wilhelm Reich herausgestellt, der nicht nur eine Verbindung von Psychoanalyse und Marxismus herzustellen versuchte, sondern im Rahmen der kommunistischen Partei auch praktische Programme entwickelte.

Bislang wurden Reichs Bemühungen nur historisch-biographisch gestreift, nicht aber auf ihren theoretischen und praktischen Kern hin untersucht. Tatsächlich sind Reichs Positionen mehr als problematisch. Mit der Freudschen Psychoanalyse geht Reich zwar insofern konform, daß er die Ursache von Neurosen in der Unterdrückung libidinöser Regungen zu finden meint. Doch dieses Konzept wird von Reich ungemein vergröbert und biologistisch reduziert. In letzter Instanz sind bei Reich alle Probleme – auch das des faschistisch-autoritären Charakters – auf die Unterdrückung genitaler Sexualität zurückzuführen; zudem wird diese genitale Sexualität völlig ahistorisch-naturalistisch aufgefaßt. Tatsächlich argumentiert Reich als eine Art sexualpolitischer Rousseau: Es gibt eine ursprüngliche, natürliche, gesunde Sexualität, die in der Natur des Menschen liegt; doch diese wird durch die Herrschenden unterdrückt:

„Mit der Einschränkung und Unterdrückung der Geschlechtlichkeit verändert das menschliche Fühlen seine Art, es entsteht die sexualfeindliche Religion, und allmählich baut die herrschende Klasse eine eigene sexualpolitische Organisation auf, die Kirche mit allen ihren Vorläufern, die nichts als die Ausrottung der sexuellen Lust der Menschen und mithin des geringen Glücks auf Erden hat.“ (zit. nach [3], S. 99)

Der Sinn dieser Unterdrückung sei die Erzeugung von gehorsamen, autoritätshörigen Untertanen:

„An die Stelle des freien, furchtlosen Wesens treten Gehorsam und Leichtbeeinflußbarkeit. Die Niederhaltung der sexuellen Regungen erfordert viel Energie, Aufmerksamkeit, »Selbstbeherrschung«. In dem Maße, wie die biologischen Kräfte des Kindes sich nicht mehr ganz der Außenwelt und der Triebbefriedigung zuwenden können, verliert es auch an motorischer Kraft, Beweglichkeit, Mut und Realitätssinn.“ (zit. nach [3], S. 97)

Und daraus ließ sich dann eine Programmatik ableiten, die die jugendlichen Rebellen Ende der 60er Jahre ansprach:

„Die sexuelle Verelendung der heutigen Jugend ist unermeßlich. Das meiste daran spielt sich unterirdisch ab, gelangt nicht an die Oberfläche der Erscheinungen, weil die herrschenden Zustände das nicht zulassen. […] Wir sind entschlossen, der Jugend die volle, unverfälschte Wirklichkeit zu zeigen, sie verstehen zu lehren, in welcher Lage sie sich befindet, und daß sie ihre Sache selbst in die Hand nehmen muß…“ (zit. nach [3], S. 85)

Die von Reich verbreitete Holzhammer-These, autoritäre Charaktere seien das Resultat davon, daß abstrakt genital gedeutete Sexualität unterdrückt würde, wurde so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner der sexualpolitischen Bestrebungen im Umfeld der antiautoritären Bewegungen. Wir hatten schon bei der Kommune 2 gesehen, daß in einem völligen Fehlverständnis kindlicher Sexualität diese bereits im Kindergartenalter auf Genitalität reduziert worden war. So meinten sie etwa in ihrem Rechenschaftsbericht:

„Der Geschlechtsunterschied wird von den Kindern sehr früh bemerkt. Seine emotionale und rationale Verarbeitung gehört zu den wichtigsten Leistungen in der kindlichen Persönlichkeitentwicklung. Wie aus dem Protokoll hervorgeht, versuchten wir uns so zu verhalten, daß der Geschlechtsunterschied von den Kindern nicht als angsteinflößende Bedrohung erlebt wurde, sondern als Möglichkeit, eine zärtliche Beziehung zu anderen Menschen aufzunehmen.“ ([2], S. 86)

Wenn ich mir hier in der Tradition der späten 60er Jahre einmal erlauben darf, selbst als Amateurpsychoanalytiker aufzutreten, dann erscheint es mir recht evident, daß es sich dabei eher um eine Projektion handelte, daß die Kommunemitglieder ihre eigenen Probleme mit genitaler Sexualität auf die Kinder projizierten. Eigentlich sprechen sie das selbst auch ganz unverblümt aus:

„Die verdrängten Triebregungen, die uns in der Analyse bewußt wurden, entdeckten wir bei den Kindern wieder und entwickelten damit ein viel weiteres Verständnis für ihre nichtverbalen Lebensäußerungen. Die größere Sensibilität, die wir durch die Analyse und durch die intensive Beobachtung der Kinder erwarben, half uns, auch unsere eigenen verdeckten Wünsche und Bedürfnisse besser verstehen zu lernen.“ ([2], S. 85)

Die Differenz ist nur die zwischen entdecken und projizieren.

Doch nicht nur in Berlin bezog man sich auf Reich. In Frankfurt wurden ähnliche Ideen gewälzt, wohl ohne daß die Gruppen gegenseitig voneinander wußten. Am Main war es Monika Seifert, die in diese Richtung dachte und das Problem der Kinderbetreuung mit den Ideen antiautoritärer Erziehung zusammenführte:

„Als ich mit meiner Tochter in England war, da stand sie immer am Zaun einer Grundschule und sagte – »Auch Schule gehen wollen«. Und als wir dann zurückkamen, hab ich gesagt, ich muß unbedingt etwas machen – also, sie in einen normalen Kindergarten zu schicken, das wäre nicht in Frage gekommen. Zumal ich ja über autoritäre Charakterstrukturen gearbeitet hatte. Das war im Institut mein Job, meine Diplomarbeit und mein privates Interesse. Ich war die Entdeckerin von Wilhelm Reich gewesen. Über ihn wurde auch im Institut nicht geredet, er war auch bei Adorno tabu. Es gab in Frankfurt noch zwei, drei Schriften von Reich mit dem Stempel: »Von der SS beschlagnahmt«.“ ([5], S. 75f)

Mit gleichgesinnten Frauen im SDS gründet sie noch im Herbst 1967 die „Kinderschule“ – zunächst mit fünf Kindern; doch die Zahl der Kinder steigt rasch auf 15 an. Die Kinderschule in Frankfurt trifft wie die Kinderläden in Berlin einen Nerv. Allerdings: Der Pragmatismus, mit dem Helke Sander und ihre Mitstreiterinnen das Projekt in Berlin ursprünglich angegangen waren, bei dem das Hauptziel gewesen war, die Mütter zu entlasten, fehlte in Frankfurt von Anfang an:

„Es war primär ein anderer Kindergarten für die Kinder und nicht zur Entlastung der Mütter.“ ([5], S. 76)

Auch in Berlin kippte der ursprünglich pragmatische Ansatz recht schnell. Bald ging es in vielen Berliner Kinderläden nicht mehr darum, den Nachwuchs in einem kindgerechten Umfeld unterzubringen, um den Müttern ein größeres Maß an Autonomie zu erlauben. Statt ein Mittel für mehr politische Mitsprache der Mütter zu sein, wurden mit den Kinderläden weitergehende Zwecke verbunden:

„Das Modell antiautoritärer Erziehung, auf das sich die arbeitenden Kinderläden und –kollektive in erster Linie beziehen, ist der Versuch des Kinder-Laboratoriums von Vera Schmidt in Moskau. Ziel dieser Erziehung war, das bürgerliche Triebschicksal in der traditionellen Dreiecksbeziehung Vater-Mutter-Kind zu verhindern.“ ([1], S. 48)

1924 hatte die russische Psychoanalytikerin Vera Schmidt auf Deutsch einen Bericht über ein einzigartiges reformpädagogisches Kinderheim in Moskau veröffentlicht. In diesem Heim, das am 19. August 1921 eröffnet worden war, sollten die Kinder nach psychoanalytischen Gesichtspunkten erzogen werden. Doch mit der zunehmenden Stalinisierung der Sowjetunion wurde auch die Psychoanalyse geächtet, das Experiment wurde 1925 gestoppt.

Auch Wilhelm Reich hatte, zusammen mit seiner Frau Annie, das Moskauer Kinderlaboratorium besucht und in seinen Schriften darauf verwiesen, wodurch dann das Interesse der antiautoritären Bewegung geweckt wurde. Schmidts Bericht wurde daraufhin zu einer Blaupause für die antiautoriären Kinderläden.

Und tatsächlich waren die in Moskau propagierten pädagogischen Vorstellungen deutlich ausgereifter als die plumpen Versuche der Kommune 2, die Vorstellungen Wilhelm Reichs auf die Kindererziehung zu übertragen. Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn Vera Schmidt schreibt:

„Die Erzieherinnen müssen den Kindern gegenüber mit Zärtlichkeiten und Liebkosungen äußerst sparsam umgehen. Sie müssen sich darauf beschränken, Liebesbeweise, die das Kind ihnen gibt, herzlich, aber zurückhaltend zu erwidern. Stürmische Liebesäußerungen von Seiten der Erwachsenen (heiße Küsse, innige Umarmungen u. dergl.), die das Kind sexuell erregen und sein Selbstgefühl erniedrigen, sind im Kinderheim-Laboratorium streng verboten. Sie dienen viel mehr der Befriedigung der Erwachsenen als dem Bedürfnis der Kinder.“ ([4], S. 15)

Nachweise

[1] Anonym, „Von der antiautoritären zur sozialistischen Erziehung (Ergänzung)“, in: SDS-Info, Jg.2 (1969), Nr.11/12 (2. Mai 1969), S.48 – 50.

[2] Bookhagen, C.; Hemmer, E.; Raspe, J.; Schulz, E. & Stergar, M., Kommune 2. Versuch der Revolutionierung des bürgerlichen Individuums, Berlin 1969.

[3] Burian, W., Sexualität, Natur, Gesellschaft. Eine psycho-politische Biographie Wilhelm Reichs, Freiburg i.Br. 1985.

[4] Schmidt, V., Psychoanalytische Erziehung in Sowjetrussland. Bericht über das Kinderheim-Laboratorium in Moskau, Leipzig, Wien, Zürich 1924.

[5] Seifert, M.: „Diese Wiederholungen zu durchbrechen, individuell und politisch, dazu muß eine Veränderung in der Situation von Kindern kommen“, in: Heinemann, K.-H. & Jaitner, T., Ein langer Marsch. ’68 und die Folgen, Köln 1993, S. 72 – 82.

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Written by alterbolschewik

8. November 2013 um 14:51

Veröffentlicht in Feminismus, Kinderläden

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