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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die Frauenbewegung in der BRD (8)

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„Wenn aber die infantile Sexualität eine biologisch begründete, gesetzmäßige Erscheinung ist, dann sind auch ihre Äußerungen normale und notwendige Phänomene, mit denen wir bei unserer erzieherischen Arbeit rechnen müssen.“

Vera Schmidt, 1924

Was bisher geschah: Die Kinderläden, die zunächst zur Entlastung der Frauen gedacht waren, werden recht schnell überfrachtet. Sie sollen nun auch neue pädagogische Konzepte entwickeln.

Ich hatte schon einmal erwähnt, daß in der zweiten Hälfte der 60er Jahre die Situation in den öffentlichen Kindergärten katastrophal war. Nicht nur, daß es zu wenige davon gab, die Betreuungssituation war denkbar ungünstig:

„In Großstädten wie Berlin standen im Jahr 1966 30.000 Plätze für Kinder zur Verfügung, 20.000 standen auf Wartelisten. […] Die existierenden Kindergärten waren überbelegt, noch 1970 kamen auf eine Fachkraft 52 Kinder.“ ([1], S. 22)

Damit Mütter ihre Kinder ohne schlechtes Gewissen zur Aufbewahrung abgeben konnten, mußten sie sich sicher sein, daß deren Betreuung halbwegs kindgerecht war. Denn wenn man das Kind in einen staatlichen Kindergarten gab, dann überkam viele das Gefühl, eine Rabenmutter zu sein. Deswegen herrschte, auch bei den pragmatischen Müttern, durchaus der Wunsch, daß die Kinderläden pädagogisch anders funktionieren möchten als die staatlichen Bewahranstalten. Und so richtete sich auf der Suche nach anderen Modellen der Kinderbetreuung der Blick zurück auf die Vorkriegszeit. Den Psychoanalytiker Wilhelm Reich hatte ich schon erwähnt, ebenso Vera Schmidt, die zu Beginn der 20er Jahre im Moskauer Kinderlaboratorium aktiv war.

Das Kinderlaboratorium war aus mehrerlei Gründen interessant: Zum einen wegen dessen psychoanalytischer Ausrichtung. Ende der 60er Jahre wurde eine psychoanalytisch angeleitete Erziehung für notwendig erachtet, um einem Problem der deutschen Geschichte zu entkommen. nämlich dem autoritären Charakter. Nur die Psychoanalyse schien hier eine Strategie dafür zu bieten, daß die Kinder nicht in der unseligen deutschen Tradition des Untertanengeistes erzogen würden. Anhand von Wilhelm Reich habe ich das ja auch bereits ausführlich dargestellt.

Doch es gibt noch einen anderen wichtigen Grund, warum das Kinderlaboratorium Schmidts so interessant war. Es war Teil des Versuches, nach der russischen Revolution in der Sowjetunion einige Dinge anders und besser zu machen als in den kapitalistischen Staaten. Das hatte natürlich etwas damit zu tun, daß hier ein neuer, sozialistischer Mensch erzogen werden sollte:

„Das Interesse für Erziehungsfragen, insbesondere für die Gemeinschaftserziehung im Kindesalter, hat sich in Rußland während der Ereignisse der letzten Jahre bedeutend gesteigert. So kam es, daß in unserem kleinen, für die Psychoanalyse interessierten Kreise der Gedanke auftauchte, ein Kinderheim zu gründen, das neben einer Gelegenheit für wissenschaftliche Beobachtung die Möglichkeit bieten sollte, auf Grund psychoanalytischer Erkenntnisse neue Wege der Erziehung zu suchen. Zu diesem Zweck wurde eine Villa zur Verfügung gestellt, das Volkskommissariat für Aufklärung gab die Geldmittel und wir konnten am 19. August 1921 das Kinderheim-Laboratorium eröffnen.“ ([2], S. 3)

Diese Verbindung von Erziehungsfragen mit dem sozialistischen Aufbau war natürlich genau das, was in den antiautoritären Bewegungen gesucht wurde. Und daß das Laboratorium dann 1925 geschlossen wurde, erhöhte nur seinen Nimbus. Schließlich wollte man nichts mit dem Stalinismus zu tun haben, und so schlug man das Kinderlaboratorium der frühen, guten und wirklich revolutionären Sowjetunion zu, während die Schließung dann Stalin und seinen Schergen angelastet werden konnte – was ja auch nicht ganz falsch war.

Es war keineswegs so, daß die Kinder in Schmidts Laboratorium marxistisch indoktriniert worden und einer Art Gehirnwäsche unterzogen worden wären. Von sozialistischer Erziehung in einem kruden, indoktrinierendem Sinn läßt sich in Schmidts Bericht nichts finden. Das Ziel des Laboratoriums war es, ein pädagogisches Konzept zu entwickeln, das reife Persönlichkeiten hervorbringen sollte. Gestützt auf die Erkenntnisse der Psychoanalyse sollten die Kinder so erzogen werden, daß sie später nicht an den Neurosen zu leiden hätten, die das System der bürgerlichen Erziehung hervorbringen mußte. Das Bild des „sozialistischen“ Menschen bei Schmidt ist einfach das Bild eines Menschen, der ohne Schuldgefühle und Verdrängung aufwächst und deshalb mit sich und seinesgleichen im Einklang ist.

Das heißt nun nicht, daß die Kinder alles tun und lassen können sollten, was sie wollten. Natürlich sollten die Kinder erzogen werden, aber eben nicht durch Zwang und Strafen. Denn derartige schwarze Pädagogik führt, so zumindest die Ansicht von Schmidt, zu Verdrängung und Neurosen. Die Alternative konnte aber auch nicht sein, die Kinder einfach machen zu lassen, was sie wollten. Pädagogik hat die Aufgabe, den Kindern den notwendigen Weg vom Lustprinzip zum Realitätsprinzip so einfach wie möglich zu machen. Wenn dies ohne Zwang vonstatten gehen sollte, dann durfte die Lust nicht einfach unterdrückt werden. Stattdessen mußte, so zumindest Schmidts Überzeugung, den Kindern die Möglichkeit zur Sublimierung gegeben werden. Der Trieb sollte nicht unterdrückt, sondern auf ein höheres, realitätsgerechteres Niveau gehoben werden. Was damit gemeint war, erläuterte Schmidt an einem Beispiel:

„In Beziehung zur Hauterotik steht das Bestreben eines unserer Mädchen, sich am ganzen Körper mit dem eigenen Kot zu beschmieren. Sie pflegte das frühmorgens zu machen, wenn alle noch schliefen. Tagsüber behielt sie dann eine deutlich gehobene Stimmung und einen freudigen Glanz in den Augen. Wir tadelten sie nicht dafür, wuschen sie einfach und wechselten ihre Wäsche; nur bemühten wir uns, sie im richtigen Augenblick auf den Topf zu setzen, um ihr Tun sozusagen auf natürlichem Wege zu verhindern. Im Alter von zweieinhalb Jahren bekam sie Farben zur Verfügung. Anfangs verschmierte sie sie einfach mit dem Finger über das Papier, später lernte sie, den Pinsel dazu zu gebrauchen. Es stellte sich heraus, daß sie ein feines Farbengefühl besaß und die Farben mit viel Vergnügen und Verständnis wählte und kombinierte. Ihre Malerei war immer gegenstandslos, bestand nur aus gut zusammengestellten Farbenflecken, die aber einen geradezu künstlerischen Eindruck machten. Diese Beschäftigung wurde mit der Zeit so anziehend für sie, daß sie ihr früheres Vergnügen ohne Schwierigkeiten aufgab; es war durch das neue, dem Wesen nach analoge, aber kulturell und sozial höherstehende ersetzt worden.“ ([2], S. 24)

Sozialistisch war diese Pädagogik nur insofern, als sie sich gegen gängige bürgerliche Vorstellungen von Erziehung wandte. Das betraf nicht nur den ganzen Bereich des Zwangs und der Strafen, sondern auch die Gegenstände der Erziehung, also das, was an kindlichen Trieben überhaupt erzieherisch verhindert oder transformiert werden sollte. Das betraf vor allem den bürgerlichen Tabubereich der kindlichen Sexualität. Ein Beispiel mag zur Erläuterung dienen. Bekanntlich war die bürgerliche Pädagogik seit dem 18. Jahrhundert davon besessen, Onanie um jeden Preis zu verhinden. Im Kinderlaboratorium wurde das hingegen völlig locker gehandhabt:

„Unsere Kinder onanieren verhältnismäßig wenig. Man kann beobachten, daß die Neigung dazu periodisch und bei den Knaben häufiger als bei den Mädchen auftritt. Bei keinem der Kinder aber ist die onanistische Betätigung zu einer ständigen Gewohnheit geworden. […] Auch die onanistische Betätigung geht, wo sie vorkommt, ohne Heimlichkeit vor den Augen der Erzieherinnen vor sich. Die Kinder werden nicht gelehrt, diese Strebungen zu verurteilen, überhaupt nicht eigens auf ihre Existenz aufmerksam gemacht.“ ([2], S. 25f)

Doch diese Abwendung von den Methoden und Themen der bürgerlichen Pädagogik begründete natürlich noch keine sozialistische Pädagogik per se. Und so war eine Reihe von Aktivisten recht schnell der Meinung, daß die unter anderem auf Vera Schmidt zurückgehenden antiautoritären Konzepte in den Kinderläden zu überwinden seien. Und so kam es zu einer Spaltung zwischen denen, die eine antiautoritäre Erziehung befürworteten, die einfach die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes fördern sollte, und anderen, die die Kinder zu kleinen Klassenkämpfern ausbilden wollten.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn Teile der Kinderladenbewegung erklären:

„Die liberalen Eltern […] die das Ideal eines individualistischen, schöpferischen Kindes hochhielten, waren notwendig daran interessiert, den Kindern Einsichten in unsere Klassengesellschaft zu verwehren und die politischen Fragen der linken Bewegung aus der Diskussion zu verdrängen. Während der Arbeitskonferenz der Kinderläden auf einem SDS-Kongreß im Mai 1969 begann ein Teil der Kinderläden die antiautoritäre Erziehung zu kritisieren und eine sozialistische Erziehung zu entwickeln.“ ([3], S. IV)

Nachweise

[1] Baader, M. S.: „Von der sozialistischen Erziehung zum buddhistischen Om. Kinderläden zwischen Gegen- und Elitekulturen“, in: Baader, M. S. (Hg.), „Seid realistisch, verlangt das Unmögliche!“, Weinheim und Basel 2008, S. 16 – 35.

[2] Schmidt, V., Psychoanalytische Erziehung in Sowjetrussland. Bericht über das Kinderheim-Laboratorium in Moskau, Leipzig, Wien, Zürich 1924.

[3] Zentralrat der sozialistischen Kinderländen West-Berlin, Der utopische Sozialismus der Berliner Kinderläden, Berlin o. J. [1969].

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Written by alterbolschewik

16. November 2013 um 17:21

Veröffentlicht in Feminismus, Kinderläden

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