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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die Frauenbewegung in der BRD (9)

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„Dort aber, wo Antiautorität zum Konzept erstarrt, führt sie nicht zum Aufstand,sondern verschleiert und zementiert die Wirklichkeit der autoritären Gesellschaft.“

Berliner Autorenkollektiv, 1970

Was bisher geschah: Die Kinderladenbewegung orientierte sich in ihren pädagogischen Konzepten zunächst einmal an der Psychoanalyse. Die Kinder sollten von der als „bürgerlich“ bezeichneten autoritären Erziehung in der Kleinfamilie befreit werden.

Es mag etwas seltsam erscheinen, daß ich seit Wochen unter dem Titel Die Frauenbewegung in der BRD über Kommunen, Kinderläden und antiautoritäre Erziehung schreibe. Doch das ist notwendig, um die Dynamik der ersten Phase der neuen Frauenbewegung in der BRD Ende der 60er Jahre zu verstehen. Ausgegangen war die Gründung der Kinderläden schließlich vom Berliner Aktionsrat zur Befreiung der Frauen, der auf eine Initiative von Helke Sander und Marianne Herzog Anfang 1968 entstanden war. Es hatte zwar auch andere derartige pädagogische Initiativen in Frankfurt und Stuttgart gegeben (vgl. hierzu [4]), doch diesen fehlte der explizit feministische Anspruch, den der Berliner Aktionsrat mit den Kinderläden erhob: Entlastung der Mütter, um diesen politische Teilhabe zu ermöglichen.

Doch dieser Anspruch führte recht schnell zu Konflikten. Helke Sander erklärte später:

„Die bisher private Erziehung der Kinder durch die Mütter wurde in dem Augenblick zur Sache der Männer erklärt, als Mütter die ersten öffentlichen Anstrengungen machten, selber die Ziele der Kindererziehung zu bestimmen und Strategien für ihre Durchsetzung zu erarbeiten. Die Frauen im Aktionsrat verstanden, daß die bald von Männern bestimmte antiautoritäre Politik ihnen weniger als bisher erlaubte, ihre Widersprüche als Mütter den Kindern gegenüber überhaupt noch zu artikulieren. Die Auseinandersetzungen gingen soweit, daß Frauen aus dem Aktionsrat sogar Hausverbot in manchen Kinderläden bekamen, wenn sie diese Widersprüche mit den Kinderladeneltern, d.h. meist mit den Männern, austragen wollten.“ ([3], S. 41)

Tatsächlich entstand schnell eine Organisation, die dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen das Heft aus der Hand nahm. Ein halbes Jahr nach der Gründung des Aktionsrates und der Etablierung der ersten Kinderläden gründete sich am 10. August 1968 der Zentralrat der sozialistischen Kinderläden West-Berlin ([1], S. 28). Diese Frontstellung zwischen Aktionsrat und Zentralrat läßt sich natürlich ganz einfach interpretieren als eine Front zwischen Frauen, die eben anfangen sich zu emanzipieren, und Männern, die ihnen das Mittel zu dieser Emanzipation wieder entwinden. Doch ganz so einfach scheint es nicht gewesen zu sein. Denn neben dem Widerspruch zwischen Frauen und Männer kam noch ein weiterer Faktor ins Spiel: Geld.

Kinderläden waren ein mit öffentlichen Kindergärten vergleichsweise teures Unternehmen. Die Räume mußten erst einmal hergerichtet werden, was einen erheblichen finanziellen Aufwand bedeutete. Zwar wurde viel in Eigenleistung erledigt, doch stieß das schnell an gewisse Grenzen:

„Daß man möglichst kostensparend vorging, versteht sich von selbst. Problematisch erwies sich die Arbeit dennoch für Studenten, die das Handwerk nur vom Zuschauen aus dem bürgerlichen Elternhaus kannten und nun selbst Hand anlegen wollten. Es wurden einige Genossen engagiert, die etwas mehr handwerkliche Erfahrung hatten.“ ([2], S. 40)

So wurden dann auch Kredite aufgenommen, die über den Monatsbeitrag abgestottert werden sollten. Die Betreuung der Kinder selbst wurde dann von den Eltern in einem rotierenden System übernommen, doch einige Kinderläden beschäftigten zusätzlich noch professionelle Kindergärtnerinnen – was ebenfalls ins Geld ging. Die Kosten sollten dann solidarisch zwischen den Eltern aufgeteilt werden:

„In zermürbenden Sitzungen fand man schließlich einen Modus für die finanzielle Regelung: Die Beteiligung an den Einrichtungskosten, wie an den laufenden Kosten wurde prozentual zum Einkommen festgelegt. Jeder zahlte pro Monat 12 Prozent seines Verdienstes womit im Laufe eines dreiviertel Jahres der Kredit, der für die Einrichtung aufgenommen worden war, getilgt werden konnte.“ ([2], S. 42)

Und diese 12% des Einkommens wurden in einem Kinderladen gezahlt, bei dem keine Kindergärtnerin angestellt war. Kurz und gut: Es war ein teures Vergnügen, die eigenen Kindern in einen Kinderladen zu schicken. Und eine wesentliche Intention bei der Gründung des Zentralrates war es, dieser finanziellen Misere abzuhelfen:

„Im Herbst 1968 beschloß der Zentralrat der Westberliner Kinderläden, den Senat für die Finanzierung oder wenigstens teilweise Unterstützung der sozialistischen Kinderläden zu gewinnen. Diesem nur scheinbar von vornherein zum Scheitern verurteilten Versuch lag die richtige Erkenntnis zu Grunde, daß der Berliner Senat daran interessiert war, sein erziehungsreformerisches Image […] weiter zu pflegen. Dabei konnte es nur gelegen kommen, wenn auch aus den Reihen der APO Mitarbeit angeboten wurde.“ ([2], S. 85)

Der Berliner Senat war bereit, 80.000 DM für Kinderläden bereitzustellen. Das ist nicht unbedingt wenig, da zu dem Zeitpunkt, an dem der Zentralrat an den Familiensenator schrieb (6. November 1968) gerade einmal fünf Kinderläden existierten, wenn auch noch weitere acht in Planung waren ([2], S. 87).

Diesen Erfolg schrieb sich der Zentralrat – wohl nicht ganz zu unrecht – auf seine Fahnen. Das wurde jedoch verbunden mit dem Vorwurf an den Aktionsrat der Frauen, daß dieser es weder vermocht habe, die einzelnen Kinderläden zusammenzuschließen noch daraus eine politische Perspektive abzuleiten:

„Es bestand die große Gefahr, daß die einzelnen Läden zur reinen Selbstzweckorganisation regredierten, ihr pädagogisches Konzept über den psychoanalytischen Ansatz nicht hinausginge und den Zusammenhang zur politischen Realität damit verlöre. Die Vereinzelung der verschiedenen Läden wurden immer deutlicher sichtbar. Der Versuch des Aktionsrates zur Befreiung der Frau [sic!], die Kommunikation, über was auch immer, auf breiter Basis herzustellen, war gescheitert.“ ([2], S. 35)

Die Herren der Schöpfung im Zentralrat meinen hingegen, im Gegensatz zu den Frauen im Aktionsrat, über einen Masterplan zu verfügen. Ende des Jahres 1968 waren die antiautoritären Bewegungen in der Krise. Die Mobilisierungen zu Beginn des Jahres – der Vietnamkongreß, die Osterunruhen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke, die Strahlkraft des Pariser Mai – waren verpufft. Als Ausweg aus dem Dilemma wurden deshalb sogenannte „Basisgruppen“ propagiert. Und der Zentralrat versuchte in seiner ersten Publikation, sich in dieser Basisgruppen-Bewegung zu verorten:

„Die Organisationsform des Zentralrates könnte für zukünftige Organisationen der sozialistischen Bewegung modellhaft sein, und zwar aus folgenden Gründen:
a) Sie setzt an einem konkreten materiellen Bedürfnis an, und gewinnt durch die so garantierte Kontinuität der Arbeit im Gegensatz zu anderen Gruppen ein hohes Maß an Verbindlichkeit.
b) Das Bedürfnis nach Kommunikation und Zentralisation entsteht in den einzelnen Gruppen an der Basis, wobei die politisch bewußtesten Gruppen auf diese Organisationsform hinarbeiten.
Es hat sich […] am Beispiel der Kinderläden, die nicht mehr vom Aktionsrat zur Befreiung der Frau erfaßt wurden, gezeigt, daß die »Basisgruppen« eine eigene zentrale Organisation entwickeln, die von ihnen selbst ausgeht und nicht von einer übergeordneten Gruppe.“ (zit. nach [2], S. 36)

Genau darauf lief es mit dem Zentralrat hinaus: Zentralisation durch die „politisch bewußtesten Gruppen“. Bereits in dieser ersten Publikation des Zentralrates konnte man schon die leninistischen Kaderschmieden trapsen hören, die in der Folge versuchten, das Erbe der antiautoritären Bewegungen anzutreten.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn das Rote Kollektiv Proletarische Erziehung meint:

„Unsere Aufgabe heute ist es zu untersuchen, welchen Beitrag die proletarischen Kinder selbst und welchen Beitrag die Kinderfrage für das erwachsene Proletariat, in Hinsicht auf die Reorganisation der Arbeiterklasse, aber auch in Hinsicht auf die Entstehung einer Kindermassenorganisation leisten kann.“ ([5], S. 186)

Nachweise

[1] Baader, M. S.: „Von der sozialistischen Erziehung zum buddhistischen Om. Kinderläden zwischen Gegen- und Elitekulturen“, in: Baader, M. S. (Hg.), „Seid realistisch, verlangt das Unmögliche!“, Weinheim und Basel 2008, S. 16 – 35.

[2] Berliner Autorengruppe, Kinderläden. Revolution der Erziehung oder Erziehung zur Revolution?, Reinbek 1971.

[3] Sander, H., „Mütter sind politische Personen“, in: Courage, Jg.3 (1978), Nr.9 (September 1978), S.38 – 42.

[4] Bott, G. (Hg.), Erziehung zum Ungehorsam. Kinderläden berichten aus der Praxis der antiautoritären Erziehung, Frankfurt a.M. 1970.

[5] Rotes Kollektiv Proletarische Erziehung (Hg.), Soll Erziehung politisch sein?, Frankfurt a.M. 1970.

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Written by alterbolschewik

22. November 2013 um 21:11

Veröffentlicht in Feminismus

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