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Auf der Suche nach dem verlorenen Proletariat

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Die Frauenbewegung in der BRD (10)

Was bisher geschah: Die vom Aktionsrat zur Befreiung der Frauen initiierten Kinderläden wurden im Herbst 1968 von einem männlich dominierten Zentralrat der sozialistischen Kinderläden West-Berlin gekapert.

Die heutige und die nächste Folge verweilen noch etwas beim Zentralrat, obwohl dieser nun nicht wirklich direkt etwas mit der Frauenbewegung zu tun hatte. Oder höchstens negativ, indem er ein von Frauen in Gang gebrachtes Projekt übernahm und in eine völlig andere Richtung steuerte. Allerdings ist diese Richtungsänderung keineswegs nur für das Verhältnis des Aktionsrates zum Zentralrat von Bedeutung. Auch innerhalb des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen sollte es in der Folge zu Spaltungen kommen, die den selben Konfliktlinien folgten. Insofern ist es nicht unwichtig, die Entwicklung des Zentralrates etwas genauer zu beleuchten.

Tatsächlich war das emblematische Jahr 1968 für die antiautoritären Bewegungen zumindest in der BRD kein gutes Jahr gewesen. Mitte 1967 hatte der Tod Benno Ohnesorgs ein Fanal gesetzt, das jugendliche Massen aufrüttelte und auf die Straße trieb. Eine beispiellose Politisierung und Massenmobilisierung setzte ein, die im Februar 1968 mit dem zweiten Vietnamkongreß des SDS ihren Höhepunkt fand. Doch von da an ging es bergab. Am 11. April wurde das Attentat auf Rudi Dutschke verübt. Der erste Schock übersetzte sich schnell in die ersten wirklich gewalttätigen Auseinandersetzungen. Zurecht wurde die Hetze der Boulevardpresse, insbesondere die des Springerverlages, für das Attentat verantwortlich gemacht. Während der sogenannten Osterunruhen radikalisierten sich zumindest Teile der noch sehr junge Massenbewegung in Richtung Straßenmilitanz, eine Entwicklung die dann im November mit der sogenannten „Schlacht am Tegeler Weg“ ihren Höhepunkt fand. Doch die in der „Schlacht am Tegeler Weg“ scheinbar siegreiche Massenmilitanz sollte sich in der Folge als Pyrrhus-Sieg erweisen. Dieser „Sieg“ überlagerte die Debatte über politische Strategien durch eine ungute Diskussion über Gewalt, die die Bewegung auf lange Sicht isolierte.

Eine weitere Niederlage gab scheinbar zusätzlich denjenigen Recht, die auf eine derartige Radikalisierung der Bewegung drängten: Die Verabschiedung der Notstandsgesetze am 30. Mai 1968. Fichter und Lönnendonker resümieren nicht zu unrecht in ihrer Kleinen Geschichte des SDS:

„Zehntausende von Studenten gingen nach den euphorisierenden Streik- und Besetzungserlebnissen in die Semesterferien und realisierten, daß der Deutsche Bundestag trotz des massenhaften Widerstandes der akademischen Jugend, der Schüler und großer Teile der Gewerkschaftsbewegung die Notstandsgesetze verabschiedet hatte. Dieser Kampf war verloren. […] Früher waren die Studenten resigniert und unpolitisch. Als sie jetzt aus den Semesterferien zurückkamen, waren sie politisiert, standen links, waren aber wieder resigniert.“ ([2], S. 135)

Dabei war gerade der Kampf gegen die Notstandsgesetze das Thema gewesen, in dem die antiautoritären Bewegungen sich in einem breiten gesellschaftlichen Bündnis engagiert hatten. Offensichtlich ließen sich die bestehenden gesellschaftlichen Mächte davon nicht beeindrucken. Andererseits war aber auch klar, daß man isoliert, als kleine akademische Minderheit, auch nichts bewirken konnte. Und so suchte man sich einen großen, starken Bündnispartner, der nur einen kleinen Nachteil hatte, nämlich den, daß es sich dabei um einen Mythos handelte: Das „Proletariat“.

Dieses mythische „Proletariat“ unterschied sich grundlegend von der ganz normalen Berliner Bevölkerung. Wie sich diese verhielt, war den Antiautoritären aus unmittelbarer Erfahrung bekannt:

„Bei einer antistudentischen Kundgebung des Berliner Senats (21.2.1968) war die Anwesenheit »studentisch« aussehender junger Leute für die betreffenden lebensgefährlich geworden […], öffentliche Verkehrsmittel wurden für »diese Typen« (Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Schütz) zu gefährlichen Transportmitteln, die man besser mied.“ ([1], S. 117)

Doch diese „Bevölkerung“ war natürlich nicht das „Proletariat“, sondern das waren alles „Kleinbürger“, und zwar „faschistische“. Ganz anders stellte sich das hingegen in den Bücher und Aufsätzen vornehmlich aus den 20er Jahren dar, die nun nach und nach entdeckt wurden. Hier war ständig von einem „Proletariat“ die Rede, das so ganz anders war als die arbeitende Bevölkerung, der man auf der Straße eigentlich lieber nicht begegnete. Ich gebe zu, daß ich das hier alles etwas ins Lächerliche ziehe, doch so ganz an den Haaren herbeigezogen ist das nicht. Das „Proletariat“ war etwas, das man in Büchern gefunden hatte und dem diese Bücher eine unglaubliche Macht zuschrieben. Und so brachen viele der resignierten Antiautoritären auf, um sich auf die Suche nach dem „Proletariat“ zu machen. Denn rein empirisch war ihnen dieses „Proletariat“ noch nie begegnet – es hatte sich irgendwo versteckt und man mußte es aus diesem Versteck locken.

Natürlich war auch damals niemand so doof (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel), daß er glaubte, man müsse nur in eine Fabrik gehen, um dort das „Proletariat“ zu finden. Das Versteck, in dem sich das Proletariat aufhielt, war raffinierter getarnt. Die am weitesten verbreitete, recht einfache Vermutung war die der Medienmanipulation: Die Bild-Zeitung korrumpiere das an sich aufrechte „Proletariat“. Wenn man dem „Proletariat“ nur richtig erklärte, daß es von hinten bis vorne belogen und betrogen würde, dann würde es ihm irgendwann wie Schuppen von den Augen fallen, es würde seine brachliegenden Kräfte erkennen und mit diesen Kräften den antiautoritären Bewegungen beistehen. Hatte der Mai ’68 in Frankreich nicht gezeigt, daß so etwas ganz schnell gehen konnte?

Die etwas Klügeren waren sich dagegen bewußt, daß der Mechnismus, auf dem die Tarnkappe beruhte, unter der sich das Proletariat verbarg, so einfach nicht sein konnte. Axel Springer war nicht aus eigener Machtvollkommenheit in der Lage, das Bewußtsein größter Bevölkerungsteile einfach zu manipulieren. Deshalb lieferten die Theorien vom „autoritären Charakter“, die in den letzten Folgen dieses Blogs immer wieder beschworen wurde, eine deutlich bessere Erklärung: Es lag bereits in der Sozialisation der arbeitende Bevölkerung begründet, daß es kein Klassenbewußtsein mehr besaß. Und wenn das so war, dann war die Erziehung ein Schlüssel dafür, um das geheime Versteck, in dem sich das Proletariat verbarg, aufzuschließen.

Und so erhielt die antiautoritäre Erziehung, wie sie in den Berliner Kindergärten propagiert wurde, auf einmal eine strategische Bedeutung, die weit über das hinausging, was der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen beabsichtigt hatte. Die Kinderläden sollte nicht nur einfach selbstbewußte Persönlichkeiten hervorbringen und nebenbei auch noch die Mütter entlasten, sondern sie sollten das grundlegende Problem des verschwundenen „Proletariats“ lösen. Deswegen nannte sich dann auch der Zentralrat der sozialistischen Kinderläden nicht etwa Zentralrat der antiautoritären Kinderläden. Das pädagogische Konzept entwickelte sich, zumindest in der Vorstellung des Zentralrates, in eine ganz neue Richtung, nämlich von der antiautoritären Erziehung zu einer „sozialistischen“ – wobei sich erst nach und nach herausstellte, was man denn unter „sozialistischer“ Erziehung verstanden wissen wollte.

Dieser Prozeß läßt sich anhand der Schriftenreihe des Zentralrates ganz gut nachvollziehen. In der Zeit seines Bestehens gab der Zentralrat sechs Broschüren unter dem Obertitel Anleitung für eine revolutionäre Erziehung heraus. Abgesehen von Band 3 handelte es sich dabei um Wiederauflagen von Texten aus der Weimarer Republik, Band 3 beinhaltete eine sehr ausführliche Bibliographie von sozialistischen Schriften zur Pädagogik.

Interessant sind dabei die Autorinnen und Autoren, die hier neu veröffentlicht wurden. Band 1 dokumentierte weitere Schriften von Vera Schmidt, deren Buch über das Moskauer Kinderlaboratorium zu Beginn der 20er Jahre bereits von der Kommune 2 als Raubdruck herausgegeben worden war und das in diesem Blog bereits ausführlich gewürdigt wurde. Dies paßt noch recht gut in das anti-autoritäre psychoanalytische Erziehungskonzept. Heft zwei bewegt sich ebenfalls im Rahmen des Antiautoritarismus, es versammelt Schriften von Walter Benjamin. Band 3 ist, wie erwähnt, eine Bibliographie. Mit Band 4 geht es dann in die Richtung der SexPol-Bewegung innerhalb der KPD mit der Neuauflage von Annie Reichs Klassiker Wenn dein Kind dich fragt … : Gespräche, Beispiele und Ratschläge zur Sexualerziehung aus dem Jahr 1932 (unter dem Titel Für die Befreiung der kindlichen Sexualität). Band 5 trug den Titel Kinder im Kollektiv und ist mit Texten von Anna Freud und David Rapaport noch einmal eher psychoanalytisch ausgerichtet, während der letzte Band unter dem Titel Soll Erziehung politisch sein? wieder Klassiker aus der Arbeiterbewegung, unter anderen Alice Rühle und Edwin Hörnle erneut zugänglich macht.

Die Arbeit des Zentralrates beschränkte sich dabei nicht nur auf die Wiederveröffentlichung, sondern er kommentierte die veröffentlichen Texte auch. Die nächste Folge wird sich deshalb mit diesen Kommentaren etwas näher beschäftigen. Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn es vom Zentralrat der sozialistischen Kinderläden heißt:

„Sozialistische Erziehung will den bürgerlichen Individualismus durch Kollektiverziehung überwinden. Das Kind soll sich als Gleiches unter Gleichen in einer spielenden, arbeitenden und kämpfenden Gruppe entfalten können.“ ([3], S. VII)

Nachweise

[1] Berliner Autorengruppe, Kinderläden. Revolution der Erziehung oder Erziehung zur Revolution?, Reinbek 1971.

[2] Fichter, T. & Lönnendonker, S., Kleine Geschichte des SDS, Berlin 1977.

[3] Zentralrat der sozialistischen Kinderläden West-Berlin (Hg.), Erziehung und Klassenkampf (Anleitung für eine revolutionäre Erziehung 3), Berlin 1969.

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Written by alterbolschewik

29. November 2013 um 18:26

Veröffentlicht in Feminismus

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