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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for Dezember 2013

Selbstverständigung

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Die Frauenbewegung in der BRD (14)

„Was die Studentenbewegung damals so reizvoll machte, war, daß sie, wenn auch nur für eine kurze Zeit, eine lebendige Öffentlichkeit darstellte.“

Ingrid Schmidt-Harzbach

Was bisher geschah: Die letzten Folgen wurden wir von der Arbeit des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen abgelenkt, da sich ein Zentralrat der sozialistischen Kinderläden West-Berlin in die Kinderladenarbeit eingemischt hatte. Glücklicherweise hat der Autor des Blogs versprochen, ab sofort nicht mehr über die Kinderläden zu schreiben.

Zurück zum Aktionsrat zur Befreiung der Frauen; und auch zurück in der Zeit. Mit dem Zentralrat waren wir bereits bis ins Jahr 1970 vorgestoßen, jetzt springen wir noch einmal zurück in das Jahr 1968. Bereits dargestellt wurde, daß sich der Aktionsrat im Januar 1968 konstituierte und zunächst einmal die Gründung von Kinderläden in die Wege leitete. Doch die Kinderläden waren nicht die einzige bemerkenswerte Errungenschaft des Aktionsrates. Drei weitere Themen müssen angesprochen werden, für die der Aktionsrat stand. Zum ersten: Der Aktionsrat war ein Forum der Selbstverständigung der Frauen über das, was sie ganz konkret nervte, an der Universität, an der Gesellschaft aber auch an der Linken. Zum zweiten muß die Rede von Helke Sander gewürdigt werden, die diese im Auftrag des Aktionsrates auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt hielt. Mit dieser Rede begann sich der Aktionsrat in die beginnende Organisationsdebatte innerhalb des SDS einzumischen. Und zu guter Letzt muß natürlich darauf hingewiesen werden, daß der Aktionsrat nicht umsonst so hieß: Für das Jahr 1969 plante der Rat eine Aktion, die für einen Tag praktisch das gesamte wirtschaftliche Leben Berlins lahmgelegt hätte. Was dieser Plan war und warum er scheiterte, werden Sie, geneigte Leserin, geneigter Leser, demnächst in diesem Blog erfahren.

Doch zurück zum ersten Punkt, der Selbstverständigung. Das war keineswegs eine Kleinigkeit. Für viele Frauen war es extrem wichtig, aus ihrer Isolierung herauszukommen und das, was sie für individuelle Unzufriedenheit hielten, zu artikulieren und zu erfahren, daß es anderen Frauen ganz genau so ging. Helke Sander berichtet über die Treffen des Aktionsrates, die immer Mittwochs im Republikanischen Club stattfanden:

„Es war so neu, mit Frauen zu sprechen. Eine Frau sagte: »Wenn ich am Mittwochabend nach Hause komme, fühle ich mich so glücklich, das hält dann vor bis Donnerstag, Freitag, Sonnabend. Am Sonntag wird das Selbstbewußtsein schwächer, und ab Montag freue ich mich nur noch auf den Mittwoch«“ ([5], S. 166)

Aus diesem allgemeinen Plenum heraus wurden dann Arbeitskreise gegründet, die sich mit verschiedenen Themen befaßten. Beispielsweise gab es im Sommersemester 1968 einen Arbeitskreis „Theorie der Emanzipation.“ Den Protokollen zufolge wurde über Mutterrechtstheorien diskutiert, über anti-autoritäre Erziehung anhand des englischen Internats Summerhill und des Moskauer Kinderlaboratoriums, über Max Horkheimers Text Autorität und Familie ([3]) und über Friedrich Engels‘ Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats ([2]).

Bemerkenswert sind dabei vor allem die Diskussionen über die antiautoritäre Erziehung und die über den Horkheimer-Text. Die Kritik an der bloß anti-autoritären Erziehung, die der Zentralrat der sozialistischen Kinderläden später an die Adresse des Aktionsrates richten sollte, war von diesem bereits vorweggenommen worden. So vermerkt das Protokoll vom 6. Juni 1968:

„Bei gleichzeitigem Weiterbestehen der bürgerlichen, autoritären Gesellschaftsstruktur ist einer solchen Enklaven-Erziehung ihr Scheitern vorauszusagen:
– entweder werden die Kinder nach der Entlassung aus dem Internat von der Gesellschaft geschluckt, an die sie sich anpassen müssen, um sich zu erhalten: Die Erziehung wäre also für die Katz.
– oder die Kinder zeigen sich – unter dem starken Einfluß ihrer anti-autoritären Erziehung – unfähig zur Anpassung und werden, auf sich gestellt, notwendig ich-schwach, neurotisch, vielleicht sogar irrsinnig: Die Erziehung würde also Schlimmeres als die gängige autoritäre bewirken.“ ([1], S. 39)

Ein naives Selbstvertrauen auf die segensreichen Kräfte der anti-autoritären Erziehung läßt sich hier beim besten Willen nicht feststellen. Auch mit dem Horkheimer-Text wurde sehr kritisch umgegangen. Die beliebte rhetorische Wendung der Kritischen Theorie, die Ideale des frühen Bürgertums hochzuhalten als zwar historisch begrenzte, aber doch reale Utopie angesichts einer verwalteten Welt, in der es noch nicht einmal mehr ein Bürgertum gibt, verfing bei den Frauen nicht. Gerade der von Horkheimer beschworene utopische Gehalt der bürgerlichen Familie erntete vehementen Widerspruch:

„Denn wenn anti-autoritärer Impetus und Familie Korrelate sind, ist als Voraussetzung unabdingbar Unterdrückung und Triebhemmung der Frau. »Uneigennützige« mütterliche Glucken-Zärtlichkeit, Trost, Sorge, Schutz, ausschließlich altruistische Liebe – die H. feiert als einen »besseren menschlichen Zustand« antizipierende – sind Ausdruck eben der Unterdrückung und Triebhemmung der Frau, sind Ersatzbefriedigungen, Verschleierungen der realen Glücklosigkeit, Verdinglichung und Entfremdung der Frau. Sie als Utopie verheißende zu glorifizieren, bedeutet, ein Resultat anzusteuern, das dem von H. erhofften entgegensteht: Verdinglichung und Entindividualisierung aller Menschen; ein Resultat, zu dem es keiner Utopie bedürfte.“ ([1], S. 43)

Diese zwei kurzen Protokollauszüge sollen hier nur als Beispiel dafür stehen, was und wie in den Arbeitsgruppen des Aktionsrates diskutiert wurde, von denen es dann irgendwann achtzehn verschiedene gab ([6], S. 55). Über die Qualität dieser Diskussionen äußerte sich dann später eine der Beteiligten:

„Wenn ich heute unsere Schriften und Diskussionspapiere von damals lese, dann fällt mir auf, daß sie eine widersprüchliche Mixtur sind aus Klassenkampftheorien unterschiedlichster Prägung, Konzepten der alten sozialistischen Frauenbewegung, des neuen Feminismus und der propagierten sexuellen Freizügigkeit der Männerlinken im Zusammenhang der damaligen Sex-Pol-Bewegung. Und das alles in einer vom Frauenalltag abgehobenen Sprache, hinter der sich Unsicherheit und das Legitimationsbedürfnis gegenüber den Genossen verbargen.“ ([6], S. 56)

Mit wöchentlichem Plenum, Kinderläden und Arbeitskreisen war der Aktionsrat dann zwar ein organisatorisches Erfolgsmodell, doch der massive Zustrom neuer Frauen brachte die eher gewachsenen als geplanten Strukturen ziemlich schnell in die Krise. In dieser Situation setzte sich Helke Sander in den Kopf, die Erfahrungen aus dem ersten dreiviertel Jahr des Aktionsrates auf einer Delegiertenkonferenz des SDS vorzustellen und den Versuch zu machen, den SDS in Richtung Frauenpolitik zu schubsen, um so die ersten Ansätze einer Frauenpolitik mit einem mächtigen Bündnispartner weiterzutreiben.

Doch natürlich war das nicht so einfach. Helke Sander war zwar Mitglied im SDS, doch das gab ihr noch nicht das Recht, auf einer Delegiertenkonferenz zu reden. Als Sander mit ihrem Vorschlag auf einem Treffen des Berliner SDS auftauchte, sah es nicht so aus, als ob sie damit durchkommen würde:

„Der kleine Kreis der männlichen Genossen, der über meinen Auftritt befinden sollte, war geschüttelt von Gelächter, in das sich Bemerkungen über die zu erwartende Blamage des Berliner SDS-Landesverbandes in Frankfurt mischten, wenn so eine wie ich dort plötzlich auftauchen würde, einen Platz des Berliner SDS besetzen und mit ihm identifiziert werden würde.“ ([4], S. 50)

Die Männer im SDS waren aber nicht so dämlich, daß sie die Macht des Aktionsrates nicht gesehen hätten. Das wußte Sander auch und drohte:

„Wenn sie es mir nicht erlauben würden, dort zu reden, würden wir eben mit 500 Frauen anreisen, und dann würden wir ja sehen.“ ([4], S. 47)

Das war natürlich eine leere Drohung – nicht weil der Aktionsrat keine 500 Frauen hätte mobilisieren können; aber sie hätten niemals das Geld für die Fahrt gehabt und auch die notwendige Kinderbetreuung nicht organisiert bekommen.

„Daß mir […] diese Invasionsdrohung, mit 500 Frauen zu kommen, geglaubt wurde, enttäuschte mich sehr. Die schlauen Jungs hätten eigentlich die Gründe dafür, daß es leere Drohungen waren, wissen müssen, wenn sie schon so viel von der arbeitenden Bevölkerung redeten, zu der wir eindeutig gehörten.“ ([4], S. 50)

Und so versuchte es der Berliner SDS mit Kompromißvorschlägen. Oder daß Sander ihre Rede wenigstens vorher zur Durchsicht an den Landesverband gebe. Die Diskussion begann, sich im Kreis zu drehen.

Freuen Sie sich auf nächste Woche, wenn Sigrid Rüger den gordischen Knoten durchschlägt:

„In das allgemeine Chaos hinein sagte plötzlich diese Frau mit den roten Haaren, deren Beine auf einen Stuhl hochgelegt waren, die einen dicken Bauch hatte: »Wenn die Genossin nicht reden darf, komme ich mit Buttersäure.« […] Alle waren platt. Ich auch.“ ([4], S. 51)

Nachweise

[1] Arbeitskreis „Theorie der Emanzipation“: „Protokolle Sommersemester 1968“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 37 – 48.

[2] Engels, F.: „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 21, Berlin 1956ff, S. 25 – 173.

[3] Horkheimer, M.: „Autorität und Familie“, in: Horkheimer, M., Gesammelte Schriften Bd. 3, Frankfurt 1985ff, S. 336 – 417.

[4] Sander, H.: „Der Seele ist das Gemeinsame eigen, das sich mehrt“, in: Heinrich-Böll-Stiftung und Feministisches Institut (Hg.), Wie weit flog die Tomate?, Berlin 1999, S. 43 – 56.

[5] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

[6] Schmidt-Harzbach, I.: „»Frauen erhebt euch«. Als Frau im SDS und im Aktionsrat“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 49 – 57.

Written by alterbolschewik

27. Dezember 2013 at 16:39

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Die tatsächlichen Spaltungen im Zentralrat der sozialistischen Kinderläden

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Die Frauenbewegung in der BRD (13)

„Die proletarische Familie ist die zuverlässigste Agentur des Kapitalismus.“

Arbeitsgruppe Proletariat und Kultur

Was bisher geschah: Im Niedergang suchen die antiautoritäre Bewegungen nach neuen Bündnispartnern. Während der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen auf Frauen mit Kindern setzt, glaubt der Zentralrat der sozialistischen Kinderläden West-Berlin daran, daß er das Proletariat aus seinem Dornröschenschlaf erwecken könne.

Es ist heute, beinahe ein halbes Jahrhundert nach den hier diskutierten Ereignissen, wenig originell, wenn man sich darüber lustig macht, wie sich die Antiautoritären auf einmal auf ein imaginäres „Proletariat“ stürzten. Aber diesem uns heute lächerlich erscheinenden Irrtum lag eine durchaus richtige Einsicht zu Grunde: Der Kapitalismus kann nur überleben, indem er die Mehrwertproduktion steigert. Und der Mehrwert wird ausschließlich durch lebendige Arbeitskraft geschaffen. So lag es nahe, die Träger der mehrwertschaffenden Arbeitskraft, die Arbeiterinnen und Arbeiter, zu Totengräbern des Kapitalismus zu erklären. Das war die falsche Hoffnung von Karl Marx, allerdings eine Hoffnung, die zu seinen Lebzeiten einige Evidenz für sich hatte. Die historischen Ereignisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts straften diese Evidenz Lügen.

Dennoch: Man würde die antiautoritären Bewegungen unterschätzen, würde man die Hinwendung zum Proletariat als bloße Verirrung ansehen, als gedanklichen Rückschritt ins 19. Jahrhundert, der die Erfahrungen des 20. einfach verdrängte. Gerade in der Kinderladenbewegung wurden zwei Fragen aufgeworfen, die ganz entscheidend von den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts geprägt worden waren.

Die erste Frage ist die hier im Blog bereits ausführlich gewürdigte nach der autoritären Charakterstruktur. Ohne diese hätte die Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten nicht funktionieren können. Durch eine psychoanalytisch angeleitete Erziehung sollte die Entstehung autoritärer Charakterstrukturen für die zukünftige Generation verhindert werden. Die zweite Frage ist die nach dem Versagen er Arbeiterbewegung angesichts des Nationalsozialismus, eine Frage, deren Zusammenhang mit der ersten evident ist.

Denn, trotz der Bemühungen, sich nun auf das „Proletariat“ zu beziehen, wurde die Geschichte der kommunistischen Bewegung zunächst durchaus kritisch gesehen:

„Die Geschichte der bisherigen Revolutionen zeigt, daß die Umwälzung der ökonomischen Basis nicht automatisch eine durchgreifende Veränderung der Sozialstruktur mit sich gebracht hat. Solange die revolutionären Organisationen die Trennung von Privat und Öffentlich in ihrer Agitation und politischen Praxis haben weiterbestehen lassen, sind die bürgerlichen Sozialstrukturen auch nach der Machtübernahme des Proletariats wieder in die politische Wirklichkeit der sozialistischen Staaten eingeflossen. Die autoritäre und passive Charakterstruktur lähmt die Selbsttätigkeit, die revolutionären Organisationen erstarren zur Bürokratie.“ ([6], S. 91)

Das Problem der sozialistischen Erziehung konnte deshalb nicht auf den Tag nach der Revolution verschoben werden. Es mußte bereits im Hier und Jetzt darauf hingearbeitet werden, die Kinder potentiell zu sozialistische Persönlichkeiten zu erziehen. Und das ging an einem entscheidenden Punkt tatsächlich über eine bloß antiautoritäre Erziehung hinaus: Die Kinder sollten im und zum Kollektiv erzogen werden.

Durchaus makaber ist, was dabei als Modell für ein funktionierendes Kinderkollektiv genommen wurde. 1951 hatte Anna Freud in einem längeren Aufsatz über eine Gruppe von Kindern berichtet, die das Konzentrationslager Theresienstadt überlebt hatten und nach dem Krieg in einem emglischen Kinderheim untergekommen waren. Der Zentralrat kommentierte Freuds Bericht:

„Die Beobachtungen zeigen, daß eine ausgesprochen hierarchische Ordnung im Kinderkollektiv nicht vorhanden ist. […] Die Gruppe der KZ-Kinder hatte dem Einzelnen geholfen, seine individuellen Fähigkeiten auszubilden und sie auszuleben. Einschränkungen, die daraus für die ganze Gruppe resultierten, wurden gern hingenommen.“ ([6], S. 84)

Und daraus wurde der Schluß gezogen:

„Das bezeugt, daß die bürgerliche Angst vor der kollektiven Erziehung, welche eine Gleichmacherei und Unterdrückung der Individualität bedeute, in Wirklichkeit die Angst um die Erhaltung der eigenen Privilegien sind. Diese Privilegien machen es dem Bürger möglich, seinem Kind eine »angemessene« – teure – Erziehung angedeihen zu lassen, die es später aus der Gleichheit vor dem Fließband und der Unterdrückung durch die Stechkarte heraushebt.“ ([6], S. 84)

In der zitierten Broschüre vom September 1969 wurde noch einmal versucht, die psychoanalytischen Theorien mit der neuen „proletarischen“ Linie zu versöhnen, antiautoritäre Erziehung und die Erziehung zu einem solidarischen Kollektiv unter einen Hut zu bringen. Doch danach wurden die Differenzen innerhalb des Zentralrates so stark, daß dieser auseinanderfiel und sich Ende 1969, Anfang 1970 auflöste.

Als die größten Maulhelden erwiesen sich in dieser Situation wie immer die Sektierer, die genau wußten, wo es lang ging und was die richtige Linie war. Eine Fraktion aus dem Verfallsprozeß des Zentralrates bekannte sich in einer „Selbstkritik“-Broschüre voll und ganz zur KPD/ML und zum Prinzip „daß die Partei von oben nach unten aufzubauen ist“ ([4], S. XXII). Das widersprach natürlich der ursprünglichen Linie des Zentralrates diametral, der Anfang 1969 noch verkündet hatte:

„Die Praxis der Basisarbeit in Westberlin hat damit vorläufig die Konzeptionen einer von oben her zentralisierenden Partei zur Organisierung der Bedürfnisse der Massen widerlegt.“ ([3], S. 8)

Gerade die Kinderläden sollten ja dazu dienen, auch breitere Bevölkerungsschichten anzusprechen und eine neue Organisationsform zu schaffen, die sich autonom von unten nach oben organisierte. Und es sollte nicht nur organisiert werden, sondern im Prozeß der Organisierung sollten sich auch die Individuen verändern. Die Kinderladenbewegung galt als exemplarisches Modell, um die Themen Erziehung und Organisation zu vereinigen. Das waren auch Lehren, die aus dem Versagen der Arbeiterbewegung im Angesicht des Nationalsozialismus gezogen wurden.

Die neuen Parteiaufbauer fielen weit hinter diese Einsichten zurück. Die Form der leninistischen Partei erschien ihnen völlig unproblematisch, die ganzen Versuche, mit Hilfe der Psychoanalyse das Problem der autoritären Charakterstruktur zu lösen, als „antiproletarisch“:

„Eine kollektive Selbststeuerung auf der Grundlage freier Triebbefriedigung ist in der gegenwärtigen Situation der proletarischen Familie zynisch. […] Freiheit zur Onanie bleibt ein bürgerliches Privileg! Der antiproletarische Charakter dieser antiautoritären Erziehung zeigt sich gerade daran, daß Aufhebung der Triebunterdrückung und die damit bestenfalls verbundene Ich-Stärkung der Kinder sie nur zu fähigeren Mitgliedern der privilegierten bürgerlichen Klasse machten.“ ([4], S. IX)

Gegen die geballte Ladung von Marx, Engels, Lenin und Mao-Zitaten, die über sie ausgeschüttet wurden, verteidigten sich diejenigen, die dennoch mit Erziehungsprojekten weitermachten, nur recht zaghaft:

„Wir haben uns – vielleicht zu Unrecht – zuerst die Frage gestellt: »Wie können wir aus unseren kaputten, isolierten und verzogenen Einzelkindern, die so zu werden drohen wie wir, ein Kollektiv bilden, in dem die Grundlagen für wirkliche Solidarität und Widerstand gelegt sind?« Dabei, so meinten wir, könnten uns einige Erkenntnisse der Psychoanalyse weiterhelfen; erst darauf aufbauend wollten wir bürgerliche Erziehung bekämpfen und sozialistische Erziehungsnormen entwickeln.“ ([5])

Doch der Zeitgeist war gegen sie. 1971 mußten sie sich dann von ehemaligen Genossen anhören,

„daß die relative Überbetonung der Wichtigkeit des Erziehungssektors typisch ist für kleinbürgerliche Phasen sozialistischer Bewegungen, besonders dann, wenn im unmittelbaren Kampf gegen das Kapital in den Fabriken, bedingt durch die gegenwärtige Desorganisation der Arbeiterklasse, schwierigste Bedingungen angetroffen wurden.“ ([1], S. 147)

Die Kinderläden als politische Organisationsform waren Geschichte.

Damit schließe ich das Kapitel über den Zentralrat der sozialistischen Kinderläden West-Berlin ab, obwohl es noch eine Menge zu schreiben gäbe, was aber außer mich kein Schwein interessiert. Mit Rücksicht auf das geschätzte Publikum werde ich mich ab nächste Woche wieder dem Gegenspieler des Zentralrats zuwenden, dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen. Freuen Sie sich also darauf, wenn Helke Sander meint:

„Wir waren ein erkenntnishungriger Haufen, dem es Tag für Tag gewissermaßen wie Schuppen von den Augen fiel. Nach einem halben Jahr wöchentlicher Versammlungen waren wir immerhin so weit, erkennen zu können, daß die Gesellschaft nicht nur durch die verschiedenen Klassen, sondern auch vertikal durch die Geschlechterfrage geteilt war.“ ([2], S. 53)

Nachweise

[1] Berliner Autorengruppe, Kinderläden. Revolution der Erziehung oder Erziehung zur Revolution?, Reinbek 1971.

[2] Sander, H.: „Der Seele ist das Gemeinsame eigen, das sich mehrt“, in: Heinrich-Böll-Stiftung und Feministisches Institut (Hg.), Wie weit flog die Tomate?, Berlin 1999, S. 43 – 56.

[3] Schmidt, V., 3 Aufsätze [Anleitung für eine revolutionäre Erziehung 1], Berlin Februar 1969.

[4] Zentralrat der sozialistischen Kinderländen West-Berlin, Der utopische Sozialismus der Berliner Kinderläden, Berlin o. J. [1969].

[5] Arbeitsgruppe „Revolutionäre Erziehung“ (Hg.), Proletarisches Spielbuch [Anleitung für eine revolutionäre Erziehung 7], Berlin November 1969.

[6] Autorenkollektiv im sozialistischen Kinderladen Charlottenburg I (Hg.), Kinder im Kollektiv [Anleitung für eine revolutionäre Erziehung 5], Berlin September 1969.

Written by alterbolschewik

20. Dezember 2013 at 16:50

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Strategien

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Die Frauenbewegung in der BRD (12)

„Unser Ziel ist zunächst, die Frauen zu politisieren, die schon ein bestimmtes Problembewußtsein haben.“

Helke Sander, 1968

Was bisher geschah: Letzte Woche ließ sich der Autor lang und ausführlich über die innere Differenzierung des Zentralrates der sozialistischen Kinderländen West-Berlin aus.

Okay, ich gebe es zu: Letzte Woche war echt langweilig. Und natürlich interessiert das, außer mir, auch niemanden. Aber ich will begründen, warum ich das für wichtig halte. Es geht mir hier in diesem Blog ja nicht darum, die üblichen Klischees über die antiautoritären Bewegungen weiterzuverbreiten, sondern genauer hinzuschauen. Es genügt nicht einfach zu sagen, daß eine Abstraktion wie „Die 68er“ sinnentleert ist, weil damit so viel Unterschiedliches, das sich zudem auch noch ständig im Fluß befand, unzulässig zusammengeklammert wird. Sondern es ist notwendig, die Vielfalt und Dynamik der Bewegungen nicht nur zu behaupten, sondern auch nachzuzeichnen.

Ich will deshalb diese Woche kurz etwas von der quellenkritischen Detailarbeit zurücktreten und die Dynamik der Bewegung verdeutlichen; und dies dann noch einmal etwas spezifischer zu der Kinderladenbewegung und der beginnenden Frauenbewegung in einen Bezug setzen. Ein bißchen huldige ich damit selbst einem groben Schematismus, indem ich recht komplexe Prozesse einfach in ein Korsett von Jahreszahlen zwänge. Doch dieses sehr grobe Raster ist nur als Krücke zu verstehen, die nicht nur meinen Leserinnen, sondern auch mir selbst helfen soll, die Orientierung zu behalten.

1967 war das Jahr des Ereignisses, des Schocks gewesen: Als der Polizist Kurras den harmlosen Demonstranten Benno Ohnesorg am 2. Juni in Berlin erschoß, traumatisierte das eine ganze Generation. Ganz abstrakt hatte man schon mitbekommen, daß die gute, freie, demokratische westliche Welt, die einen heldenhaften Kampf mit dem Kommunismus ausfocht, vielleicht doch nicht so ganz auf der Seite der Engel stand. Doch dies manifestierte sich weitgehend in einem weit entfernten, internationalen Kontext, in der Unterdrückung antikolonialer Befreiungsbewegungen. Legitimiert wurde die Gewalt, wie sie etwa in Vietnam ausgeübt wurde, immer mit dem Kampf gegen den „Kommunismus“. So wie heute der stereotype Verweis auf den „islamischen Terrorismus“ für militärische Interventionen herhalten muß, so damals der „Kommunismus“. Das gleiche gilt für die Bürgerrechte. Doch die vagen Zweifel an dieser Propaganda waren nicht stark genug, um eine Massenbewegung in Gang zu setzen. Mit der Ermordung von Benno Ohnesorg wurde der abstrakte Verdacht, daß die westlichen Mächte nicht unbedingt die Guten waren, schlagartig zu einer konkreten Gewissheit. Der von der Staatsmacht kaltblütig erschossene Benno Ohnesorg, das hätte man auch selbst sein könnnen. Und die auf diesen Tod folgende Propaganda, die den Demonstranten die Schuld am Tod Ohnesorgs zuschreiben wollte, tat ein übriges. Aus dem seit mehreren Jahren kontinuierlich gewachsenen Unbehagen wurde durch das Ereignis eine Massenbewegung.

War 1967 das Jahr des initiierenden Schocks, so 1968 das Jahr der Bewegung. Der Vietnamkongreß im Februar 1968 stellte für die BRD den Höhepunkt der 68er-Bewegung dar. Das Bild des strahlenden Rudi Dutschke auf dem Podium des Kongresses ist emblematisch für den scheinbar unaufhaltsamen Fortschritt, den die Bewegung seit dem Juni 1967 gemacht hatte. Dieser Fortschrittsoptimismus erhielt dann einen gewaltigen Dämpfer mit dem Attentat auf Rudi Dutschke im April 1968. Dieses Attentat leitete die Polarisierung zwischen Bewegung und Gesellschaft ein. „Wir“ – die Bewegung – gegen „Die“ – die Masse der autoritär strukturierten Gesellschaft. Wobei die Bewegung zu dieser Zeit eben eine recht heterogene Masse war, in der die unterschiedlichsten politischen Vorstellungen munter durcheinandergingen. Höhe- und Bruchpunkt dieser „Wir gegen Die“-Haltung war dann die berüchtigte Schlacht am Tegeler Weg 4. November 1968, mit der in unserem Schema das Jahr 1969 eingeleitet wurde.

Das Jahr 1969 brachte Veränderungen in zwei Richtungen. Zum einen ist dies die Ausdifferenzierung der Bewegung, oder weniger höflich ausgedrückt: Ihr Zerfall in unterschiedliche ideologische Fraktionen, die anfingen, sich gegenseitig zu bekriegen. Dieser Dynamik der Ausdifferenzierung korrespondierte auf der andern Seite die zunehmenden Auflösung der gesellschaftlichen Polarisierung. Viele der aus der Bewegung geborenen Ideen wurden vom gesellschaftlichen Mainstream aufgesogen. Die Wahl Willy Brandts zum Bundeskanzler im September 1969 steht symptomatisch für das gegenseitige Aufeinanderzugehen von Teilen der Rebellen auf der einen und der Gesellschaft auf der anderen Seite.

Dieser Versöhnungsprozess hatte zwangsläufig Rückwirkungen auf den Ausdifferenzierungsprozeß innerhalb der Bewegung. Er produzierte die wichtigste und unversöhnlichste Trennlinie innerhalb dessen, was ein Jahr zuvor noch eine heterogene Bewegung war. Es war dies die Trennlinie zwischen „Reformisten“ auf der einen und „Revolutionären“ auf der anderen Seite. Anhand dieser Linie wurden dann die Gräben innerhalb der Bewegung gegraben. Da bei den Revolutionären niemand so recht wußte, was denn diese Revolution sein sollte, die man propagierte, behalf man sich zu Definitionszwecken mit der folgenden Dialektik: Indem man den Reformismus der anderen denunzierte war die eigene Position, da sie ja den Reformismus der anderen schonungslos aufdeckte, automatisch revolutionär.

Dem Ganzen lag natürlich ein Paradoxon zu Grunde. Einerseits war klar, daß man als kleine radikale Minderheit keine Chance hatte. Deshalb wollte man seine gesellschaftliche Basis erweitern. Andererseits führte natürlich die Öffnung der Bewegung in die Restgesellschaft hinein zu einer Verwässerung der politischen Ziele. Und so stand man vor dem Paradox, einerseits das eigene Bewegungsghetto verlassen zu wollen, fürchtete andererseits aber immer, dadurch die eigene revolutionäre Position aufzugeben. Es mußte also der Stein der Weisen gefunden werden: Einerseits wollte man die „normale“ Bevölkerung irgendwie erreichen. Andererseits war der Teil der Bevölkerung, der nicht sowieso durch und durch reaktionär war, fest in den Klauen der Reformisten. Was also tun?

Auf diese Fragestellung gaben die unterschiedlichen Gruppen, die sich nun innerhalb der Bewegung auskristallisierten, sehr unterschiedliche Antworten. Alle wollten irgendwelche Bevölkerungsgruppen entdecken, die sich den Sirenengesängen des Reformismus gegenüber als immun erwiesen. Für den Aktionsrat zur Befreiung der Frauen waren dies beispielsweise die Mütter. Helke Sander erklärte beispielsweise in ihrer berühmten Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (die ich demnächst noch einmal ausführlich würdigen werde):

„Die Gruppen, die am leichtesten politisierbar sind, sind die Frauen mit Kindern. Bei ihnen sind die Aggressionen am stärksten und ist die Sprachlosigkeit am geringsten. Die Frauen, die heute studieren können, haben das nicht so sehr der bürgerlichen Emanzipationsbewegung zu verdanken, sondern vielmehr ökonomischen Notwendigkeiten. […] Diese Frauen merken spätestens, wenn sie Kinder bekommen, daß ihnen alle ihre Privilegien nichts nützen. Sie sind am ehesten dazu in der Lage, den Abfallhaufen des gesellschaftlichen Lebens ans Licht zu ziehen, was gleichbedeutend damit ist, den Klassenkampf auch in die Ehe zu tragen und in die Verhältnisse.“ ([1], S. 14f)

Darin liegt nun der eigentliche Konflikt mit dem Zentralrat der sozialistischen Kinderläden West-Berlin begründet. Die Kinderläden waren in der Strategie des Aktionsrates nur Mittel zum Zweck, nämlich den Müttern zusätzliche Freizeit zu verschaffen, damit sie politisch aktiv werden konnten. Der Zentralrat wollte hingegen die Kinderläden selbst politisieren. Die Kinderläden sollten selbst zu Keimzellen einer Basisbewegung werden:

„Die Organisationsform des Zentralrates könnte für zukünftige Organisationen der sozialistischen Bewegung modellhaft sein, und zwar aus folgenden Gründen:
a) Sie setzt an einem konkreten materiellen Bedürfnis an und gewinnt durch die so garantierte Kontinuität der Arbeit im Gegensatz zu anderen Gruppen ein höheres Maß an Verbindlichkeit.
b) Das Bedürfnis nach Kommunikation und Zentralisation entsteht in den einzelnen Gruppen an der Basis, wobei die politisch bewußtesten Gruppen auf diese Organisationsform hinarbeiten.“ ([2], S. 7)

Über die Kinderläden hoffte man, Eltern ansprechen zu können, die nicht nur zu den sowieso schon politisierten üblichen Verdächtigen gehörten. Diese Anderen, die man so von unten über die Kinderläden organisieren wollte, das war das Proletariat. Gleichzeitig propagierte man, die Erziehung in den Kinderläden selbst zu erweitern. Es sollte eben nicht nur antiautoritär erzogen werden, sondern „proletarisch“ – was das konkret bedeutete, dazu nächste Woche mehr.

Das heißt, den Differenzen zwischen dem Aktionsrat und dem Zentralrat lagen nicht einfach nur Animositäten zu Grunde, sondern auch unterschiedliche Strategien: Die einen wollten die Mütter als politischen Machtfaktor etablieren – eine weit vorausschauende Strategie; und die anderen das Proletariat – eine weit zurückblickende Strategie. Die einen gingen von konkreten Erfahrungen aus, den gesellschaftlichen Zwängen, denen die Mütter ausgesetzt sind, die anderen von einer politischen Abstraktion des 19. Jahrhunderts, der Arbeiterklasse.

Nächste Woche erfahren Sie, wie sich diese unterschiedlichen Strategien sich in unterschiedlichen Praxisformen niederschlug. Freuen Sie sich also darauf, wenn der ehemalige Kinderladen Schöneberg erklärt:

„Wir hatten erkannt, daß eine Kinderladeninsel in einem bürgerlichen Viertel Berlin-Schönebergs keine politische Zukunft hat. […] Im Herbst 1969 mieteten wir einen Laden in der Kreuzberger Fichtestraße. Auf diese Weise wollten wir mit dem Kinderladen-Projekt einen Ansatz proletarischer Erziehungsarbeit verbinden.“ ([3], S. 64f)

Nachweise

[1] Sander, H.: „Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (1968)“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 12 – 22.

[2] Schmidt, V., 3 Aufsätze [Anleitung für eine revolutionäre Erziehung 1], Berlin Februar 1969.

[3] Bott, G. (Hg.), Erziehung zum Ungehorsam. Kinderläden berichten aus der Praxis der antiautoritären Erziehung, Frankfurt a.M. 1970.

Written by alterbolschewik

13. Dezember 2013 at 15:38

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Kinderläden als Avantgarde

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Die Frauenbewegung in der BRD (11)

„In dem Maße, in dem die linke Bewegung das Proletariat als das historische Subjekt der Revolution erkannte, entwickelten sich auch Bestrebungen, die Kinderläden dem Kampf des Proletariats nutzbar zu machen.“

KPD/ML, 1970

Was bisher geschah: Der Zentralrat der sozialistischen Kinderläden West-Berlin spielte sich als das Sprachrohr der Berliner Kinderläden auf, um die vom Berliner Senat versprochene Kohle abzuziehen. Und er machte sich auf die Suche nach dem verlorenen Proletariat…

Die heutige Folge beginnt etwas spekulativ. Meine Intention ist es, die ideologische Entwicklung des Zentralrates der sozialistischen Kinderläden West-Berlin zwischen Ende 1968 und Anfang 1970 nachzuzeichnen. Das dazu vorliegende Quellenmaterial sind im wesentlichen die Broschüren, die der Zentralrat in dieser Zeit unter dem Obertitel Anleitung für eine revolutionäre Erziehung herausgegeben hat und die bereits letzte Woche aufgezählt wurden.

Das ist natürlich insofern problematisch, als es unterstellt, daß die Vorworte und Kommentare in den Broschüren die Position des gesamten Zentralrates widerspiegeln; doch das ist aller Wahrscheinlichkeit nicht der Fall. Insofern ist hier etwas Quellenkritik angebracht. Schon die Publikationen selbst weisen darauf hin, daß es nicht nur die bereits erwähnte Auseinandersetzung des Zentralrates mit dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen gab, sondern daß auch innerhalb des Zentralrates sich durchaus unterschiedliche Fraktionen stritten. Wenn wir den Prozeß von seinem Ende her betrachten, dann lassen sich zu Beginn des Jahres 1970 vier unterschiedliche Fraktionen ausmachen, die aus dem Zentralrat hervorgingen.

Zum einen haben wir die Verfasser der sechsten Broschüre mit dem Titel Soll Erziehung politisch sein? ([3]) Diese Broschüre erschien 1970 ein zweites Mal, diesmal aber nicht als Eigendruck, sondern erweitert im Frankfurter März-Verlag ([5]). Für diese eher seriöse Veröffentlichung wurde dann das ganze Material neu gesetzt und nicht wie in der Broschüre im Offsetverfahren kopiert. Als Herausgeber firmierte zunächst eine Arbeitsgruppe Revolutionäre Erziehung, beim zweiten Mal dann ein Rotes Kollektiv Proletarische Erziehung, Westberlin. Das äußere Erscheinungsbild verknüpft die sechste Broschüre mit der dritten, Erziehung und Klassenkampf, denn dies sind die beiden Broschüren, die nicht geheftet sind, sondern über eine ordentliche Klebebindung und geschnittene Kanten verfügen. Die angegebenen Kontaktadressen stimmen überein, nur fungiert als Herausgebergruppe für Broschüre Nummer 4 der Kinderladen Schöneberg e.V., Regensburgerstraße 29. Diese erste Fraktion war offensichtlich auf Seriosität und auf Wissenschaftlichkeit bedacht.

Die Broschüren 1, 2 und 5 (Nummer 4 liegt mir leider nicht vor) sind deutlich weniger aufwendig gemacht: Sie bestehen aus klammergehefteten DIN A4 Blättern ohne Beschnitt. In Heft 3 mit dem Titel Kinder im Kollektiv zeichnet ein „Autorenkollektiv im sozialistischen Kinderladen Charlottenburg I“ verantwortlich, als Kontaktadresse ist die Wielandkommune angegeben. In diesem Kinderladen treffen wir auch die Kinder der Kommune II wieder ([4], S. 96). Bei dieser Fraktion handelt es sich also offensichtlich um Personen aus dem antiautoritären Kommuneumfeld.

Eine dritte Fraktion brachte 1970 eine Broschüre mit dem Titel Der utopische Sozialismus der Berliner Kinderläden heraus. Dieses Heft trug den Untertitel Kritik und Selbstkritik der »Anleitung für eine revolutionäre Erziehung herausgegeben vom Zentralrat der sozialistischen Kinderländen West-Berlin« trug. Schon dieser umständliche Titel gibt den richtigen Fingerzeig: Es handelte sich bei den Herausgebern um Mitglieder einer dieser marxistisch-leninistischen Sekten, die damals wie Pilze aus dem Boden schossen. Tatsächlich waren die anonymen Verfasser Mitglieder der KPD/ML. Diese Zuordnung ergibt sich daraus, daß der größte Teil der Broschüre sich gar nicht mit Kinderläden befaßt, sondern erklärt, warum die KPD/ML die einzig wahre kommunistische Partei sei, während die anderen Sekten nur die Arbeiterklasse spalten würden.

Und dann gab es offensichtlich noch eine Fraktion, die nach dem Ende des Zentralrates die Herausgabe der Anleitung für eine revolutionäre Erziehung fortsetzte: Die Nummer 7 brachte den Reprint eines von Helmut Schinkel 1931 veröffentlichten Proletarischen Spielebuchs. Ob es je eine Nummer 8 gab, konnte ich nicht ermitteln. Für die Nummer 9 mit dem Titel Zeichnungen + Geschichten proletarischer Kinder zeichnete schließlich eine Arbeitsgruppe Proletariat u. Kultur verantwortlich. Diese beiden Broschüren liegen mir allerdings (noch) nicht vor.

Man sieht recht deutlich: Der Zentralrat war keine in sich geschlossene, ideologisch eindeutig festgelegte Organisation, sondern ein Konglomerat unterschiedlichster Strömungen, wie sie im Berlin des Jahres 1969 anzutreffen waren.

Das widersprach natürlich fundamental dem Anspruch, mit dem der Zentralrat angetreten war. In der Rechtfertigung für seine Gründung verwies der Zentralrat auf die Diversität der Kinderläden:

„All diesen Läden lag kein einheitliches Konzept zugrunde, vielmehr wurden in jeder einzelnen Gruppe theoretisch und praktisch Arbeitsformen entwickelt, die sich zum Teil erheblich von den anderen unterschieden.
Neukölln beispielsweise folgt dem Prinzip des turnusmäßigen Wechsels der aufsichtführenden Eltern, während Charlottenburg I von Anfang an eine Kindergärtnerin beschäftigte, die nach einer staatlichen Ausbildung ins antiautoritäre Lager übergewechselt war. Die Größe der Kindergruppen, Anzahl und Alter der Kinder, Zusammensetzung und Struktur der Elterngruppe und nicht zuletzt die Räumlichkeiten unterscheiden sich sehr voneinander.“ ([2], S. 4)

Dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen warf der Zentralrat vor, daß es diesem nicht gelungen sei, eine gemeinsame Basis für die Kinderläden zu schaffen, weil sie sich zu sehr darauf konzentriert hätten, außerhalb der Kinderläden ein Bewußtsein für die gesellschaftliche Situation der Frauen zu schaffen. Dabei war ja genau dies das Anliegen der ersten Kinderladengründungen gewesen: Die Frauen von der Kinderbetreuung zu entlasten, damit sie anderweitig politisch tätig werden konnten.

Doch in der Tat, und da muß man dem Zentralrat rechtgeben, funktionierte das nicht. Der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen existierte eher neben den Kinderläden her, weil die Kinderläden sich für die Mütter im Aktionsrat als derart arbeitsintensiv erwiesen, daß die Frauen, die in den Kinderläden aktiv waren, kaum mehr Zeit hatten, zusätzlich noch zu den Treffen des Aktionsrates zu gehen. Selbst Helke Sander räumte das später ein:

„Die Kinderläden wurden so zeitintensiv, dass die ursprüngliche Idee, Frauen mehr Zeit für sich selber zu verschaffen, um unter anderem auch über die öffentliche Erziehung nachdenken zu können, ins Leere lief.“ ([1], S. 167)

Der Zentralrat nahm dies aber als Argument dafür, sich die „Leitung“ der Berliner Kinderläden anzumaßen:

„Die Notwendigkeit, für die Kinderläden eine zentrale Organisation zu schaffen, wurde immer dringlicher. Im August 1968 konstituierte sich der Zentralrat: einmal um die Kommunikation der einzelnen Läden zu intensivieren, zum anderen, um eine gemeinsame politische Aktionsbasis zu entwickeln, die sich zuerst in den Finanzverhandlungen mit dem Senat herstellte.“ ([2], S. 6)

Dabei verstand sich der Zentralrat ganz klar als politische Avantgarde, die die Kinderladenbewegung auf ein neues politisches Niveau heben wollte:

„Der Gefahr der Integration durch das System können diese Selbstorganisationen nur entgehen, wenn die politisch bewußtesten Gruppen immer wieder den Zusammenhang zu allen anderen Bereichen der Gesellschaft herstellen.“ ([2], S. 7)

Hier kommt dann die Phantasie ins Spiel, als Avantgarde für das Proletariat zu agieren:

„Der Zentralrat versteht sich deshalb bewußt als Teil der sozialistischen Bewegung. Seine zukünftige Aufgabe wird es sein, von der Selbsthilfe der Linken überzugehen zur Initiierung von Selbsthilfeorganisationen in den lohnabhängigen Massen.“ ([2], S. 7)

Eine solche Avantgarde, die, das Ziel klar vor Augen, der Zukunft entgegenschreitet, konnte natürlich nur männlich sein:

„Für diese Arbeit sind nur wenige Genossen in den Kinderläden schon jetzt bereit, die meisten, vor allem die Frauen, müssen erst ihren eigenen psychischen und politischen Emanzipationsprozeß soweit vorantreiben, daß Energien für diese Arbeit freigesetzt werden.“ ([2], S. 7)

Das Ganze sollte allerdings, zumindest in dieser ersten Broschüre, noch nicht auf die Gründung einer Partei hinauslaufen. Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn es heißt:

„Die Praxis der Basisarbeit in Westberlin hat damit vorläufig die Konzeption einer von oben her zentralisierenden Partei zur Organisierung der Bedürfnisse der Massen widerlegt.“ ([2], S. 8)

Nachweise

[1] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

[2] Schmidt, V., 3 Aufsätze [Anleitung für eine revolutionäre Erziehung 1], Berlin Februar 1969.

[3] Arbeitsgruppe „Revolutionäre Erziehung“ (Hg.), Soll Erziehung politisch sein? [Anleitung für eine revolutionäre Erziehung 6], Berlin o. J. [Ende 1969, Anfang 1970].

[4] Autorenkollektiv im sozialistischen Kinderladen Charlottenburg I (Hg.), Kinder im Kollektiv [Anleitung für eine revolutionäre Erziehung 5], Berlin September 1969.

[5] Rotes Kollektiv Proletarische Erziehung (Hg.), Soll Erziehung politisch sein?, Frankfurt a.M. 1970.

Written by alterbolschewik

6. Dezember 2013 at 17:34

Veröffentlicht in Feminismus