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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Kinderläden als Avantgarde

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Die Frauenbewegung in der BRD (11)

„In dem Maße, in dem die linke Bewegung das Proletariat als das historische Subjekt der Revolution erkannte, entwickelten sich auch Bestrebungen, die Kinderläden dem Kampf des Proletariats nutzbar zu machen.“

KPD/ML, 1970

Was bisher geschah: Der Zentralrat der sozialistischen Kinderläden West-Berlin spielte sich als das Sprachrohr der Berliner Kinderläden auf, um die vom Berliner Senat versprochene Kohle abzuziehen. Und er machte sich auf die Suche nach dem verlorenen Proletariat…

Die heutige Folge beginnt etwas spekulativ. Meine Intention ist es, die ideologische Entwicklung des Zentralrates der sozialistischen Kinderläden West-Berlin zwischen Ende 1968 und Anfang 1970 nachzuzeichnen. Das dazu vorliegende Quellenmaterial sind im wesentlichen die Broschüren, die der Zentralrat in dieser Zeit unter dem Obertitel Anleitung für eine revolutionäre Erziehung herausgegeben hat und die bereits letzte Woche aufgezählt wurden.

Das ist natürlich insofern problematisch, als es unterstellt, daß die Vorworte und Kommentare in den Broschüren die Position des gesamten Zentralrates widerspiegeln; doch das ist aller Wahrscheinlichkeit nicht der Fall. Insofern ist hier etwas Quellenkritik angebracht. Schon die Publikationen selbst weisen darauf hin, daß es nicht nur die bereits erwähnte Auseinandersetzung des Zentralrates mit dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen gab, sondern daß auch innerhalb des Zentralrates sich durchaus unterschiedliche Fraktionen stritten. Wenn wir den Prozeß von seinem Ende her betrachten, dann lassen sich zu Beginn des Jahres 1970 vier unterschiedliche Fraktionen ausmachen, die aus dem Zentralrat hervorgingen.

Zum einen haben wir die Verfasser der sechsten Broschüre mit dem Titel Soll Erziehung politisch sein? ([3]) Diese Broschüre erschien 1970 ein zweites Mal, diesmal aber nicht als Eigendruck, sondern erweitert im Frankfurter März-Verlag ([5]). Für diese eher seriöse Veröffentlichung wurde dann das ganze Material neu gesetzt und nicht wie in der Broschüre im Offsetverfahren kopiert. Als Herausgeber firmierte zunächst eine Arbeitsgruppe Revolutionäre Erziehung, beim zweiten Mal dann ein Rotes Kollektiv Proletarische Erziehung, Westberlin. Das äußere Erscheinungsbild verknüpft die sechste Broschüre mit der dritten, Erziehung und Klassenkampf, denn dies sind die beiden Broschüren, die nicht geheftet sind, sondern über eine ordentliche Klebebindung und geschnittene Kanten verfügen. Die angegebenen Kontaktadressen stimmen überein, nur fungiert als Herausgebergruppe für Broschüre Nummer 4 der Kinderladen Schöneberg e.V., Regensburgerstraße 29. Diese erste Fraktion war offensichtlich auf Seriosität und auf Wissenschaftlichkeit bedacht.

Die Broschüren 1, 2 und 5 (Nummer 4 liegt mir leider nicht vor) sind deutlich weniger aufwendig gemacht: Sie bestehen aus klammergehefteten DIN A4 Blättern ohne Beschnitt. In Heft 3 mit dem Titel Kinder im Kollektiv zeichnet ein „Autorenkollektiv im sozialistischen Kinderladen Charlottenburg I“ verantwortlich, als Kontaktadresse ist die Wielandkommune angegeben. In diesem Kinderladen treffen wir auch die Kinder der Kommune II wieder ([4], S. 96). Bei dieser Fraktion handelt es sich also offensichtlich um Personen aus dem antiautoritären Kommuneumfeld.

Eine dritte Fraktion brachte 1970 eine Broschüre mit dem Titel Der utopische Sozialismus der Berliner Kinderläden heraus. Dieses Heft trug den Untertitel Kritik und Selbstkritik der »Anleitung für eine revolutionäre Erziehung herausgegeben vom Zentralrat der sozialistischen Kinderländen West-Berlin« trug. Schon dieser umständliche Titel gibt den richtigen Fingerzeig: Es handelte sich bei den Herausgebern um Mitglieder einer dieser marxistisch-leninistischen Sekten, die damals wie Pilze aus dem Boden schossen. Tatsächlich waren die anonymen Verfasser Mitglieder der KPD/ML. Diese Zuordnung ergibt sich daraus, daß der größte Teil der Broschüre sich gar nicht mit Kinderläden befaßt, sondern erklärt, warum die KPD/ML die einzig wahre kommunistische Partei sei, während die anderen Sekten nur die Arbeiterklasse spalten würden.

Und dann gab es offensichtlich noch eine Fraktion, die nach dem Ende des Zentralrates die Herausgabe der Anleitung für eine revolutionäre Erziehung fortsetzte: Die Nummer 7 brachte den Reprint eines von Helmut Schinkel 1931 veröffentlichten Proletarischen Spielebuchs. Ob es je eine Nummer 8 gab, konnte ich nicht ermitteln. Für die Nummer 9 mit dem Titel Zeichnungen + Geschichten proletarischer Kinder zeichnete schließlich eine Arbeitsgruppe Proletariat u. Kultur verantwortlich. Diese beiden Broschüren liegen mir allerdings (noch) nicht vor.

Man sieht recht deutlich: Der Zentralrat war keine in sich geschlossene, ideologisch eindeutig festgelegte Organisation, sondern ein Konglomerat unterschiedlichster Strömungen, wie sie im Berlin des Jahres 1969 anzutreffen waren.

Das widersprach natürlich fundamental dem Anspruch, mit dem der Zentralrat angetreten war. In der Rechtfertigung für seine Gründung verwies der Zentralrat auf die Diversität der Kinderläden:

„All diesen Läden lag kein einheitliches Konzept zugrunde, vielmehr wurden in jeder einzelnen Gruppe theoretisch und praktisch Arbeitsformen entwickelt, die sich zum Teil erheblich von den anderen unterschieden.
Neukölln beispielsweise folgt dem Prinzip des turnusmäßigen Wechsels der aufsichtführenden Eltern, während Charlottenburg I von Anfang an eine Kindergärtnerin beschäftigte, die nach einer staatlichen Ausbildung ins antiautoritäre Lager übergewechselt war. Die Größe der Kindergruppen, Anzahl und Alter der Kinder, Zusammensetzung und Struktur der Elterngruppe und nicht zuletzt die Räumlichkeiten unterscheiden sich sehr voneinander.“ ([2], S. 4)

Dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen warf der Zentralrat vor, daß es diesem nicht gelungen sei, eine gemeinsame Basis für die Kinderläden zu schaffen, weil sie sich zu sehr darauf konzentriert hätten, außerhalb der Kinderläden ein Bewußtsein für die gesellschaftliche Situation der Frauen zu schaffen. Dabei war ja genau dies das Anliegen der ersten Kinderladengründungen gewesen: Die Frauen von der Kinderbetreuung zu entlasten, damit sie anderweitig politisch tätig werden konnten.

Doch in der Tat, und da muß man dem Zentralrat rechtgeben, funktionierte das nicht. Der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen existierte eher neben den Kinderläden her, weil die Kinderläden sich für die Mütter im Aktionsrat als derart arbeitsintensiv erwiesen, daß die Frauen, die in den Kinderläden aktiv waren, kaum mehr Zeit hatten, zusätzlich noch zu den Treffen des Aktionsrates zu gehen. Selbst Helke Sander räumte das später ein:

„Die Kinderläden wurden so zeitintensiv, dass die ursprüngliche Idee, Frauen mehr Zeit für sich selber zu verschaffen, um unter anderem auch über die öffentliche Erziehung nachdenken zu können, ins Leere lief.“ ([1], S. 167)

Der Zentralrat nahm dies aber als Argument dafür, sich die „Leitung“ der Berliner Kinderläden anzumaßen:

„Die Notwendigkeit, für die Kinderläden eine zentrale Organisation zu schaffen, wurde immer dringlicher. Im August 1968 konstituierte sich der Zentralrat: einmal um die Kommunikation der einzelnen Läden zu intensivieren, zum anderen, um eine gemeinsame politische Aktionsbasis zu entwickeln, die sich zuerst in den Finanzverhandlungen mit dem Senat herstellte.“ ([2], S. 6)

Dabei verstand sich der Zentralrat ganz klar als politische Avantgarde, die die Kinderladenbewegung auf ein neues politisches Niveau heben wollte:

„Der Gefahr der Integration durch das System können diese Selbstorganisationen nur entgehen, wenn die politisch bewußtesten Gruppen immer wieder den Zusammenhang zu allen anderen Bereichen der Gesellschaft herstellen.“ ([2], S. 7)

Hier kommt dann die Phantasie ins Spiel, als Avantgarde für das Proletariat zu agieren:

„Der Zentralrat versteht sich deshalb bewußt als Teil der sozialistischen Bewegung. Seine zukünftige Aufgabe wird es sein, von der Selbsthilfe der Linken überzugehen zur Initiierung von Selbsthilfeorganisationen in den lohnabhängigen Massen.“ ([2], S. 7)

Eine solche Avantgarde, die, das Ziel klar vor Augen, der Zukunft entgegenschreitet, konnte natürlich nur männlich sein:

„Für diese Arbeit sind nur wenige Genossen in den Kinderläden schon jetzt bereit, die meisten, vor allem die Frauen, müssen erst ihren eigenen psychischen und politischen Emanzipationsprozeß soweit vorantreiben, daß Energien für diese Arbeit freigesetzt werden.“ ([2], S. 7)

Das Ganze sollte allerdings, zumindest in dieser ersten Broschüre, noch nicht auf die Gründung einer Partei hinauslaufen. Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn es heißt:

„Die Praxis der Basisarbeit in Westberlin hat damit vorläufig die Konzeption einer von oben her zentralisierenden Partei zur Organisierung der Bedürfnisse der Massen widerlegt.“ ([2], S. 8)

Nachweise

[1] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

[2] Schmidt, V., 3 Aufsätze [Anleitung für eine revolutionäre Erziehung 1], Berlin Februar 1969.

[3] Arbeitsgruppe „Revolutionäre Erziehung“ (Hg.), Soll Erziehung politisch sein? [Anleitung für eine revolutionäre Erziehung 6], Berlin o. J. [Ende 1969, Anfang 1970].

[4] Autorenkollektiv im sozialistischen Kinderladen Charlottenburg I (Hg.), Kinder im Kollektiv [Anleitung für eine revolutionäre Erziehung 5], Berlin September 1969.

[5] Rotes Kollektiv Proletarische Erziehung (Hg.), Soll Erziehung politisch sein?, Frankfurt a.M. 1970.

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Written by alterbolschewik

6. Dezember 2013 um 17:34

Veröffentlicht in Feminismus

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