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Strategien

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Die Frauenbewegung in der BRD (12)

„Unser Ziel ist zunächst, die Frauen zu politisieren, die schon ein bestimmtes Problembewußtsein haben.“

Helke Sander, 1968

Was bisher geschah: Letzte Woche ließ sich der Autor lang und ausführlich über die innere Differenzierung des Zentralrates der sozialistischen Kinderländen West-Berlin aus.

Okay, ich gebe es zu: Letzte Woche war echt langweilig. Und natürlich interessiert das, außer mir, auch niemanden. Aber ich will begründen, warum ich das für wichtig halte. Es geht mir hier in diesem Blog ja nicht darum, die üblichen Klischees über die antiautoritären Bewegungen weiterzuverbreiten, sondern genauer hinzuschauen. Es genügt nicht einfach zu sagen, daß eine Abstraktion wie „Die 68er“ sinnentleert ist, weil damit so viel Unterschiedliches, das sich zudem auch noch ständig im Fluß befand, unzulässig zusammengeklammert wird. Sondern es ist notwendig, die Vielfalt und Dynamik der Bewegungen nicht nur zu behaupten, sondern auch nachzuzeichnen.

Ich will deshalb diese Woche kurz etwas von der quellenkritischen Detailarbeit zurücktreten und die Dynamik der Bewegung verdeutlichen; und dies dann noch einmal etwas spezifischer zu der Kinderladenbewegung und der beginnenden Frauenbewegung in einen Bezug setzen. Ein bißchen huldige ich damit selbst einem groben Schematismus, indem ich recht komplexe Prozesse einfach in ein Korsett von Jahreszahlen zwänge. Doch dieses sehr grobe Raster ist nur als Krücke zu verstehen, die nicht nur meinen Leserinnen, sondern auch mir selbst helfen soll, die Orientierung zu behalten.

1967 war das Jahr des Ereignisses, des Schocks gewesen: Als der Polizist Kurras den harmlosen Demonstranten Benno Ohnesorg am 2. Juni in Berlin erschoß, traumatisierte das eine ganze Generation. Ganz abstrakt hatte man schon mitbekommen, daß die gute, freie, demokratische westliche Welt, die einen heldenhaften Kampf mit dem Kommunismus ausfocht, vielleicht doch nicht so ganz auf der Seite der Engel stand. Doch dies manifestierte sich weitgehend in einem weit entfernten, internationalen Kontext, in der Unterdrückung antikolonialer Befreiungsbewegungen. Legitimiert wurde die Gewalt, wie sie etwa in Vietnam ausgeübt wurde, immer mit dem Kampf gegen den „Kommunismus“. So wie heute der stereotype Verweis auf den „islamischen Terrorismus“ für militärische Interventionen herhalten muß, so damals der „Kommunismus“. Das gleiche gilt für die Bürgerrechte. Doch die vagen Zweifel an dieser Propaganda waren nicht stark genug, um eine Massenbewegung in Gang zu setzen. Mit der Ermordung von Benno Ohnesorg wurde der abstrakte Verdacht, daß die westlichen Mächte nicht unbedingt die Guten waren, schlagartig zu einer konkreten Gewissheit. Der von der Staatsmacht kaltblütig erschossene Benno Ohnesorg, das hätte man auch selbst sein könnnen. Und die auf diesen Tod folgende Propaganda, die den Demonstranten die Schuld am Tod Ohnesorgs zuschreiben wollte, tat ein übriges. Aus dem seit mehreren Jahren kontinuierlich gewachsenen Unbehagen wurde durch das Ereignis eine Massenbewegung.

War 1967 das Jahr des initiierenden Schocks, so 1968 das Jahr der Bewegung. Der Vietnamkongreß im Februar 1968 stellte für die BRD den Höhepunkt der 68er-Bewegung dar. Das Bild des strahlenden Rudi Dutschke auf dem Podium des Kongresses ist emblematisch für den scheinbar unaufhaltsamen Fortschritt, den die Bewegung seit dem Juni 1967 gemacht hatte. Dieser Fortschrittsoptimismus erhielt dann einen gewaltigen Dämpfer mit dem Attentat auf Rudi Dutschke im April 1968. Dieses Attentat leitete die Polarisierung zwischen Bewegung und Gesellschaft ein. „Wir“ – die Bewegung – gegen „Die“ – die Masse der autoritär strukturierten Gesellschaft. Wobei die Bewegung zu dieser Zeit eben eine recht heterogene Masse war, in der die unterschiedlichsten politischen Vorstellungen munter durcheinandergingen. Höhe- und Bruchpunkt dieser „Wir gegen Die“-Haltung war dann die berüchtigte Schlacht am Tegeler Weg 4. November 1968, mit der in unserem Schema das Jahr 1969 eingeleitet wurde.

Das Jahr 1969 brachte Veränderungen in zwei Richtungen. Zum einen ist dies die Ausdifferenzierung der Bewegung, oder weniger höflich ausgedrückt: Ihr Zerfall in unterschiedliche ideologische Fraktionen, die anfingen, sich gegenseitig zu bekriegen. Dieser Dynamik der Ausdifferenzierung korrespondierte auf der andern Seite die zunehmenden Auflösung der gesellschaftlichen Polarisierung. Viele der aus der Bewegung geborenen Ideen wurden vom gesellschaftlichen Mainstream aufgesogen. Die Wahl Willy Brandts zum Bundeskanzler im September 1969 steht symptomatisch für das gegenseitige Aufeinanderzugehen von Teilen der Rebellen auf der einen und der Gesellschaft auf der anderen Seite.

Dieser Versöhnungsprozess hatte zwangsläufig Rückwirkungen auf den Ausdifferenzierungsprozeß innerhalb der Bewegung. Er produzierte die wichtigste und unversöhnlichste Trennlinie innerhalb dessen, was ein Jahr zuvor noch eine heterogene Bewegung war. Es war dies die Trennlinie zwischen „Reformisten“ auf der einen und „Revolutionären“ auf der anderen Seite. Anhand dieser Linie wurden dann die Gräben innerhalb der Bewegung gegraben. Da bei den Revolutionären niemand so recht wußte, was denn diese Revolution sein sollte, die man propagierte, behalf man sich zu Definitionszwecken mit der folgenden Dialektik: Indem man den Reformismus der anderen denunzierte war die eigene Position, da sie ja den Reformismus der anderen schonungslos aufdeckte, automatisch revolutionär.

Dem Ganzen lag natürlich ein Paradoxon zu Grunde. Einerseits war klar, daß man als kleine radikale Minderheit keine Chance hatte. Deshalb wollte man seine gesellschaftliche Basis erweitern. Andererseits führte natürlich die Öffnung der Bewegung in die Restgesellschaft hinein zu einer Verwässerung der politischen Ziele. Und so stand man vor dem Paradox, einerseits das eigene Bewegungsghetto verlassen zu wollen, fürchtete andererseits aber immer, dadurch die eigene revolutionäre Position aufzugeben. Es mußte also der Stein der Weisen gefunden werden: Einerseits wollte man die „normale“ Bevölkerung irgendwie erreichen. Andererseits war der Teil der Bevölkerung, der nicht sowieso durch und durch reaktionär war, fest in den Klauen der Reformisten. Was also tun?

Auf diese Fragestellung gaben die unterschiedlichen Gruppen, die sich nun innerhalb der Bewegung auskristallisierten, sehr unterschiedliche Antworten. Alle wollten irgendwelche Bevölkerungsgruppen entdecken, die sich den Sirenengesängen des Reformismus gegenüber als immun erwiesen. Für den Aktionsrat zur Befreiung der Frauen waren dies beispielsweise die Mütter. Helke Sander erklärte beispielsweise in ihrer berühmten Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (die ich demnächst noch einmal ausführlich würdigen werde):

„Die Gruppen, die am leichtesten politisierbar sind, sind die Frauen mit Kindern. Bei ihnen sind die Aggressionen am stärksten und ist die Sprachlosigkeit am geringsten. Die Frauen, die heute studieren können, haben das nicht so sehr der bürgerlichen Emanzipationsbewegung zu verdanken, sondern vielmehr ökonomischen Notwendigkeiten. […] Diese Frauen merken spätestens, wenn sie Kinder bekommen, daß ihnen alle ihre Privilegien nichts nützen. Sie sind am ehesten dazu in der Lage, den Abfallhaufen des gesellschaftlichen Lebens ans Licht zu ziehen, was gleichbedeutend damit ist, den Klassenkampf auch in die Ehe zu tragen und in die Verhältnisse.“ ([1], S. 14f)

Darin liegt nun der eigentliche Konflikt mit dem Zentralrat der sozialistischen Kinderläden West-Berlin begründet. Die Kinderläden waren in der Strategie des Aktionsrates nur Mittel zum Zweck, nämlich den Müttern zusätzliche Freizeit zu verschaffen, damit sie politisch aktiv werden konnten. Der Zentralrat wollte hingegen die Kinderläden selbst politisieren. Die Kinderläden sollten selbst zu Keimzellen einer Basisbewegung werden:

„Die Organisationsform des Zentralrates könnte für zukünftige Organisationen der sozialistischen Bewegung modellhaft sein, und zwar aus folgenden Gründen:
a) Sie setzt an einem konkreten materiellen Bedürfnis an und gewinnt durch die so garantierte Kontinuität der Arbeit im Gegensatz zu anderen Gruppen ein höheres Maß an Verbindlichkeit.
b) Das Bedürfnis nach Kommunikation und Zentralisation entsteht in den einzelnen Gruppen an der Basis, wobei die politisch bewußtesten Gruppen auf diese Organisationsform hinarbeiten.“ ([2], S. 7)

Über die Kinderläden hoffte man, Eltern ansprechen zu können, die nicht nur zu den sowieso schon politisierten üblichen Verdächtigen gehörten. Diese Anderen, die man so von unten über die Kinderläden organisieren wollte, das war das Proletariat. Gleichzeitig propagierte man, die Erziehung in den Kinderläden selbst zu erweitern. Es sollte eben nicht nur antiautoritär erzogen werden, sondern „proletarisch“ – was das konkret bedeutete, dazu nächste Woche mehr.

Das heißt, den Differenzen zwischen dem Aktionsrat und dem Zentralrat lagen nicht einfach nur Animositäten zu Grunde, sondern auch unterschiedliche Strategien: Die einen wollten die Mütter als politischen Machtfaktor etablieren – eine weit vorausschauende Strategie; und die anderen das Proletariat – eine weit zurückblickende Strategie. Die einen gingen von konkreten Erfahrungen aus, den gesellschaftlichen Zwängen, denen die Mütter ausgesetzt sind, die anderen von einer politischen Abstraktion des 19. Jahrhunderts, der Arbeiterklasse.

Nächste Woche erfahren Sie, wie sich diese unterschiedlichen Strategien sich in unterschiedlichen Praxisformen niederschlug. Freuen Sie sich also darauf, wenn der ehemalige Kinderladen Schöneberg erklärt:

„Wir hatten erkannt, daß eine Kinderladeninsel in einem bürgerlichen Viertel Berlin-Schönebergs keine politische Zukunft hat. […] Im Herbst 1969 mieteten wir einen Laden in der Kreuzberger Fichtestraße. Auf diese Weise wollten wir mit dem Kinderladen-Projekt einen Ansatz proletarischer Erziehungsarbeit verbinden.“ ([3], S. 64f)

Nachweise

[1] Sander, H.: „Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (1968)“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 12 – 22.

[2] Schmidt, V., 3 Aufsätze [Anleitung für eine revolutionäre Erziehung 1], Berlin Februar 1969.

[3] Bott, G. (Hg.), Erziehung zum Ungehorsam. Kinderläden berichten aus der Praxis der antiautoritären Erziehung, Frankfurt a.M. 1970.

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Written by alterbolschewik

13. Dezember 2013 um 15:38

Veröffentlicht in Feminismus

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