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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die tatsächlichen Spaltungen im Zentralrat der sozialistischen Kinderläden

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Die Frauenbewegung in der BRD (13)

„Die proletarische Familie ist die zuverlässigste Agentur des Kapitalismus.“

Arbeitsgruppe Proletariat und Kultur

Was bisher geschah: Im Niedergang suchen die antiautoritäre Bewegungen nach neuen Bündnispartnern. Während der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen auf Frauen mit Kindern setzt, glaubt der Zentralrat der sozialistischen Kinderläden West-Berlin daran, daß er das Proletariat aus seinem Dornröschenschlaf erwecken könne.

Es ist heute, beinahe ein halbes Jahrhundert nach den hier diskutierten Ereignissen, wenig originell, wenn man sich darüber lustig macht, wie sich die Antiautoritären auf einmal auf ein imaginäres „Proletariat“ stürzten. Aber diesem uns heute lächerlich erscheinenden Irrtum lag eine durchaus richtige Einsicht zu Grunde: Der Kapitalismus kann nur überleben, indem er die Mehrwertproduktion steigert. Und der Mehrwert wird ausschließlich durch lebendige Arbeitskraft geschaffen. So lag es nahe, die Träger der mehrwertschaffenden Arbeitskraft, die Arbeiterinnen und Arbeiter, zu Totengräbern des Kapitalismus zu erklären. Das war die falsche Hoffnung von Karl Marx, allerdings eine Hoffnung, die zu seinen Lebzeiten einige Evidenz für sich hatte. Die historischen Ereignisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts straften diese Evidenz Lügen.

Dennoch: Man würde die antiautoritären Bewegungen unterschätzen, würde man die Hinwendung zum Proletariat als bloße Verirrung ansehen, als gedanklichen Rückschritt ins 19. Jahrhundert, der die Erfahrungen des 20. einfach verdrängte. Gerade in der Kinderladenbewegung wurden zwei Fragen aufgeworfen, die ganz entscheidend von den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts geprägt worden waren.

Die erste Frage ist die hier im Blog bereits ausführlich gewürdigte nach der autoritären Charakterstruktur. Ohne diese hätte die Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten nicht funktionieren können. Durch eine psychoanalytisch angeleitete Erziehung sollte die Entstehung autoritärer Charakterstrukturen für die zukünftige Generation verhindert werden. Die zweite Frage ist die nach dem Versagen er Arbeiterbewegung angesichts des Nationalsozialismus, eine Frage, deren Zusammenhang mit der ersten evident ist.

Denn, trotz der Bemühungen, sich nun auf das „Proletariat“ zu beziehen, wurde die Geschichte der kommunistischen Bewegung zunächst durchaus kritisch gesehen:

„Die Geschichte der bisherigen Revolutionen zeigt, daß die Umwälzung der ökonomischen Basis nicht automatisch eine durchgreifende Veränderung der Sozialstruktur mit sich gebracht hat. Solange die revolutionären Organisationen die Trennung von Privat und Öffentlich in ihrer Agitation und politischen Praxis haben weiterbestehen lassen, sind die bürgerlichen Sozialstrukturen auch nach der Machtübernahme des Proletariats wieder in die politische Wirklichkeit der sozialistischen Staaten eingeflossen. Die autoritäre und passive Charakterstruktur lähmt die Selbsttätigkeit, die revolutionären Organisationen erstarren zur Bürokratie.“ ([6], S. 91)

Das Problem der sozialistischen Erziehung konnte deshalb nicht auf den Tag nach der Revolution verschoben werden. Es mußte bereits im Hier und Jetzt darauf hingearbeitet werden, die Kinder potentiell zu sozialistische Persönlichkeiten zu erziehen. Und das ging an einem entscheidenden Punkt tatsächlich über eine bloß antiautoritäre Erziehung hinaus: Die Kinder sollten im und zum Kollektiv erzogen werden.

Durchaus makaber ist, was dabei als Modell für ein funktionierendes Kinderkollektiv genommen wurde. 1951 hatte Anna Freud in einem längeren Aufsatz über eine Gruppe von Kindern berichtet, die das Konzentrationslager Theresienstadt überlebt hatten und nach dem Krieg in einem emglischen Kinderheim untergekommen waren. Der Zentralrat kommentierte Freuds Bericht:

„Die Beobachtungen zeigen, daß eine ausgesprochen hierarchische Ordnung im Kinderkollektiv nicht vorhanden ist. […] Die Gruppe der KZ-Kinder hatte dem Einzelnen geholfen, seine individuellen Fähigkeiten auszubilden und sie auszuleben. Einschränkungen, die daraus für die ganze Gruppe resultierten, wurden gern hingenommen.“ ([6], S. 84)

Und daraus wurde der Schluß gezogen:

„Das bezeugt, daß die bürgerliche Angst vor der kollektiven Erziehung, welche eine Gleichmacherei und Unterdrückung der Individualität bedeute, in Wirklichkeit die Angst um die Erhaltung der eigenen Privilegien sind. Diese Privilegien machen es dem Bürger möglich, seinem Kind eine »angemessene« – teure – Erziehung angedeihen zu lassen, die es später aus der Gleichheit vor dem Fließband und der Unterdrückung durch die Stechkarte heraushebt.“ ([6], S. 84)

In der zitierten Broschüre vom September 1969 wurde noch einmal versucht, die psychoanalytischen Theorien mit der neuen „proletarischen“ Linie zu versöhnen, antiautoritäre Erziehung und die Erziehung zu einem solidarischen Kollektiv unter einen Hut zu bringen. Doch danach wurden die Differenzen innerhalb des Zentralrates so stark, daß dieser auseinanderfiel und sich Ende 1969, Anfang 1970 auflöste.

Als die größten Maulhelden erwiesen sich in dieser Situation wie immer die Sektierer, die genau wußten, wo es lang ging und was die richtige Linie war. Eine Fraktion aus dem Verfallsprozeß des Zentralrates bekannte sich in einer „Selbstkritik“-Broschüre voll und ganz zur KPD/ML und zum Prinzip „daß die Partei von oben nach unten aufzubauen ist“ ([4], S. XXII). Das widersprach natürlich der ursprünglichen Linie des Zentralrates diametral, der Anfang 1969 noch verkündet hatte:

„Die Praxis der Basisarbeit in Westberlin hat damit vorläufig die Konzeptionen einer von oben her zentralisierenden Partei zur Organisierung der Bedürfnisse der Massen widerlegt.“ ([3], S. 8)

Gerade die Kinderläden sollten ja dazu dienen, auch breitere Bevölkerungsschichten anzusprechen und eine neue Organisationsform zu schaffen, die sich autonom von unten nach oben organisierte. Und es sollte nicht nur organisiert werden, sondern im Prozeß der Organisierung sollten sich auch die Individuen verändern. Die Kinderladenbewegung galt als exemplarisches Modell, um die Themen Erziehung und Organisation zu vereinigen. Das waren auch Lehren, die aus dem Versagen der Arbeiterbewegung im Angesicht des Nationalsozialismus gezogen wurden.

Die neuen Parteiaufbauer fielen weit hinter diese Einsichten zurück. Die Form der leninistischen Partei erschien ihnen völlig unproblematisch, die ganzen Versuche, mit Hilfe der Psychoanalyse das Problem der autoritären Charakterstruktur zu lösen, als „antiproletarisch“:

„Eine kollektive Selbststeuerung auf der Grundlage freier Triebbefriedigung ist in der gegenwärtigen Situation der proletarischen Familie zynisch. […] Freiheit zur Onanie bleibt ein bürgerliches Privileg! Der antiproletarische Charakter dieser antiautoritären Erziehung zeigt sich gerade daran, daß Aufhebung der Triebunterdrückung und die damit bestenfalls verbundene Ich-Stärkung der Kinder sie nur zu fähigeren Mitgliedern der privilegierten bürgerlichen Klasse machten.“ ([4], S. IX)

Gegen die geballte Ladung von Marx, Engels, Lenin und Mao-Zitaten, die über sie ausgeschüttet wurden, verteidigten sich diejenigen, die dennoch mit Erziehungsprojekten weitermachten, nur recht zaghaft:

„Wir haben uns – vielleicht zu Unrecht – zuerst die Frage gestellt: »Wie können wir aus unseren kaputten, isolierten und verzogenen Einzelkindern, die so zu werden drohen wie wir, ein Kollektiv bilden, in dem die Grundlagen für wirkliche Solidarität und Widerstand gelegt sind?« Dabei, so meinten wir, könnten uns einige Erkenntnisse der Psychoanalyse weiterhelfen; erst darauf aufbauend wollten wir bürgerliche Erziehung bekämpfen und sozialistische Erziehungsnormen entwickeln.“ ([5])

Doch der Zeitgeist war gegen sie. 1971 mußten sie sich dann von ehemaligen Genossen anhören,

„daß die relative Überbetonung der Wichtigkeit des Erziehungssektors typisch ist für kleinbürgerliche Phasen sozialistischer Bewegungen, besonders dann, wenn im unmittelbaren Kampf gegen das Kapital in den Fabriken, bedingt durch die gegenwärtige Desorganisation der Arbeiterklasse, schwierigste Bedingungen angetroffen wurden.“ ([1], S. 147)

Die Kinderläden als politische Organisationsform waren Geschichte.

Damit schließe ich das Kapitel über den Zentralrat der sozialistischen Kinderläden West-Berlin ab, obwohl es noch eine Menge zu schreiben gäbe, was aber außer mich kein Schwein interessiert. Mit Rücksicht auf das geschätzte Publikum werde ich mich ab nächste Woche wieder dem Gegenspieler des Zentralrats zuwenden, dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen. Freuen Sie sich also darauf, wenn Helke Sander meint:

„Wir waren ein erkenntnishungriger Haufen, dem es Tag für Tag gewissermaßen wie Schuppen von den Augen fiel. Nach einem halben Jahr wöchentlicher Versammlungen waren wir immerhin so weit, erkennen zu können, daß die Gesellschaft nicht nur durch die verschiedenen Klassen, sondern auch vertikal durch die Geschlechterfrage geteilt war.“ ([2], S. 53)

Nachweise

[1] Berliner Autorengruppe, Kinderläden. Revolution der Erziehung oder Erziehung zur Revolution?, Reinbek 1971.

[2] Sander, H.: „Der Seele ist das Gemeinsame eigen, das sich mehrt“, in: Heinrich-Böll-Stiftung und Feministisches Institut (Hg.), Wie weit flog die Tomate?, Berlin 1999, S. 43 – 56.

[3] Schmidt, V., 3 Aufsätze [Anleitung für eine revolutionäre Erziehung 1], Berlin Februar 1969.

[4] Zentralrat der sozialistischen Kinderländen West-Berlin, Der utopische Sozialismus der Berliner Kinderläden, Berlin o. J. [1969].

[5] Arbeitsgruppe „Revolutionäre Erziehung“ (Hg.), Proletarisches Spielbuch [Anleitung für eine revolutionäre Erziehung 7], Berlin November 1969.

[6] Autorenkollektiv im sozialistischen Kinderladen Charlottenburg I (Hg.), Kinder im Kollektiv [Anleitung für eine revolutionäre Erziehung 5], Berlin September 1969.

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Written by alterbolschewik

20. Dezember 2013 um 16:50

Veröffentlicht in Feminismus, Kinderläden

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