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Selbstverständigung

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Die Frauenbewegung in der BRD (14)

„Was die Studentenbewegung damals so reizvoll machte, war, daß sie, wenn auch nur für eine kurze Zeit, eine lebendige Öffentlichkeit darstellte.“

Ingrid Schmidt-Harzbach

Was bisher geschah: Die letzten Folgen wurden wir von der Arbeit des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen abgelenkt, da sich ein Zentralrat der sozialistischen Kinderläden West-Berlin in die Kinderladenarbeit eingemischt hatte. Glücklicherweise hat der Autor des Blogs versprochen, ab sofort nicht mehr über die Kinderläden zu schreiben.

Zurück zum Aktionsrat zur Befreiung der Frauen; und auch zurück in der Zeit. Mit dem Zentralrat waren wir bereits bis ins Jahr 1970 vorgestoßen, jetzt springen wir noch einmal zurück in das Jahr 1968. Bereits dargestellt wurde, daß sich der Aktionsrat im Januar 1968 konstituierte und zunächst einmal die Gründung von Kinderläden in die Wege leitete. Doch die Kinderläden waren nicht die einzige bemerkenswerte Errungenschaft des Aktionsrates. Drei weitere Themen müssen angesprochen werden, für die der Aktionsrat stand. Zum ersten: Der Aktionsrat war ein Forum der Selbstverständigung der Frauen über das, was sie ganz konkret nervte, an der Universität, an der Gesellschaft aber auch an der Linken. Zum zweiten muß die Rede von Helke Sander gewürdigt werden, die diese im Auftrag des Aktionsrates auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt hielt. Mit dieser Rede begann sich der Aktionsrat in die beginnende Organisationsdebatte innerhalb des SDS einzumischen. Und zu guter Letzt muß natürlich darauf hingewiesen werden, daß der Aktionsrat nicht umsonst so hieß: Für das Jahr 1969 plante der Rat eine Aktion, die für einen Tag praktisch das gesamte wirtschaftliche Leben Berlins lahmgelegt hätte. Was dieser Plan war und warum er scheiterte, werden Sie, geneigte Leserin, geneigter Leser, demnächst in diesem Blog erfahren.

Doch zurück zum ersten Punkt, der Selbstverständigung. Das war keineswegs eine Kleinigkeit. Für viele Frauen war es extrem wichtig, aus ihrer Isolierung herauszukommen und das, was sie für individuelle Unzufriedenheit hielten, zu artikulieren und zu erfahren, daß es anderen Frauen ganz genau so ging. Helke Sander berichtet über die Treffen des Aktionsrates, die immer Mittwochs im Republikanischen Club stattfanden:

„Es war so neu, mit Frauen zu sprechen. Eine Frau sagte: »Wenn ich am Mittwochabend nach Hause komme, fühle ich mich so glücklich, das hält dann vor bis Donnerstag, Freitag, Sonnabend. Am Sonntag wird das Selbstbewußtsein schwächer, und ab Montag freue ich mich nur noch auf den Mittwoch«“ ([5], S. 166)

Aus diesem allgemeinen Plenum heraus wurden dann Arbeitskreise gegründet, die sich mit verschiedenen Themen befaßten. Beispielsweise gab es im Sommersemester 1968 einen Arbeitskreis „Theorie der Emanzipation.“ Den Protokollen zufolge wurde über Mutterrechtstheorien diskutiert, über anti-autoritäre Erziehung anhand des englischen Internats Summerhill und des Moskauer Kinderlaboratoriums, über Max Horkheimers Text Autorität und Familie ([3]) und über Friedrich Engels‘ Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats ([2]).

Bemerkenswert sind dabei vor allem die Diskussionen über die antiautoritäre Erziehung und die über den Horkheimer-Text. Die Kritik an der bloß anti-autoritären Erziehung, die der Zentralrat der sozialistischen Kinderläden später an die Adresse des Aktionsrates richten sollte, war von diesem bereits vorweggenommen worden. So vermerkt das Protokoll vom 6. Juni 1968:

„Bei gleichzeitigem Weiterbestehen der bürgerlichen, autoritären Gesellschaftsstruktur ist einer solchen Enklaven-Erziehung ihr Scheitern vorauszusagen:
– entweder werden die Kinder nach der Entlassung aus dem Internat von der Gesellschaft geschluckt, an die sie sich anpassen müssen, um sich zu erhalten: Die Erziehung wäre also für die Katz.
– oder die Kinder zeigen sich – unter dem starken Einfluß ihrer anti-autoritären Erziehung – unfähig zur Anpassung und werden, auf sich gestellt, notwendig ich-schwach, neurotisch, vielleicht sogar irrsinnig: Die Erziehung würde also Schlimmeres als die gängige autoritäre bewirken.“ ([1], S. 39)

Ein naives Selbstvertrauen auf die segensreichen Kräfte der anti-autoritären Erziehung läßt sich hier beim besten Willen nicht feststellen. Auch mit dem Horkheimer-Text wurde sehr kritisch umgegangen. Die beliebte rhetorische Wendung der Kritischen Theorie, die Ideale des frühen Bürgertums hochzuhalten als zwar historisch begrenzte, aber doch reale Utopie angesichts einer verwalteten Welt, in der es noch nicht einmal mehr ein Bürgertum gibt, verfing bei den Frauen nicht. Gerade der von Horkheimer beschworene utopische Gehalt der bürgerlichen Familie erntete vehementen Widerspruch:

„Denn wenn anti-autoritärer Impetus und Familie Korrelate sind, ist als Voraussetzung unabdingbar Unterdrückung und Triebhemmung der Frau. »Uneigennützige« mütterliche Glucken-Zärtlichkeit, Trost, Sorge, Schutz, ausschließlich altruistische Liebe – die H. feiert als einen »besseren menschlichen Zustand« antizipierende – sind Ausdruck eben der Unterdrückung und Triebhemmung der Frau, sind Ersatzbefriedigungen, Verschleierungen der realen Glücklosigkeit, Verdinglichung und Entfremdung der Frau. Sie als Utopie verheißende zu glorifizieren, bedeutet, ein Resultat anzusteuern, das dem von H. erhofften entgegensteht: Verdinglichung und Entindividualisierung aller Menschen; ein Resultat, zu dem es keiner Utopie bedürfte.“ ([1], S. 43)

Diese zwei kurzen Protokollauszüge sollen hier nur als Beispiel dafür stehen, was und wie in den Arbeitsgruppen des Aktionsrates diskutiert wurde, von denen es dann irgendwann achtzehn verschiedene gab ([6], S. 55). Über die Qualität dieser Diskussionen äußerte sich dann später eine der Beteiligten:

„Wenn ich heute unsere Schriften und Diskussionspapiere von damals lese, dann fällt mir auf, daß sie eine widersprüchliche Mixtur sind aus Klassenkampftheorien unterschiedlichster Prägung, Konzepten der alten sozialistischen Frauenbewegung, des neuen Feminismus und der propagierten sexuellen Freizügigkeit der Männerlinken im Zusammenhang der damaligen Sex-Pol-Bewegung. Und das alles in einer vom Frauenalltag abgehobenen Sprache, hinter der sich Unsicherheit und das Legitimationsbedürfnis gegenüber den Genossen verbargen.“ ([6], S. 56)

Mit wöchentlichem Plenum, Kinderläden und Arbeitskreisen war der Aktionsrat dann zwar ein organisatorisches Erfolgsmodell, doch der massive Zustrom neuer Frauen brachte die eher gewachsenen als geplanten Strukturen ziemlich schnell in die Krise. In dieser Situation setzte sich Helke Sander in den Kopf, die Erfahrungen aus dem ersten dreiviertel Jahr des Aktionsrates auf einer Delegiertenkonferenz des SDS vorzustellen und den Versuch zu machen, den SDS in Richtung Frauenpolitik zu schubsen, um so die ersten Ansätze einer Frauenpolitik mit einem mächtigen Bündnispartner weiterzutreiben.

Doch natürlich war das nicht so einfach. Helke Sander war zwar Mitglied im SDS, doch das gab ihr noch nicht das Recht, auf einer Delegiertenkonferenz zu reden. Als Sander mit ihrem Vorschlag auf einem Treffen des Berliner SDS auftauchte, sah es nicht so aus, als ob sie damit durchkommen würde:

„Der kleine Kreis der männlichen Genossen, der über meinen Auftritt befinden sollte, war geschüttelt von Gelächter, in das sich Bemerkungen über die zu erwartende Blamage des Berliner SDS-Landesverbandes in Frankfurt mischten, wenn so eine wie ich dort plötzlich auftauchen würde, einen Platz des Berliner SDS besetzen und mit ihm identifiziert werden würde.“ ([4], S. 50)

Die Männer im SDS waren aber nicht so dämlich, daß sie die Macht des Aktionsrates nicht gesehen hätten. Das wußte Sander auch und drohte:

„Wenn sie es mir nicht erlauben würden, dort zu reden, würden wir eben mit 500 Frauen anreisen, und dann würden wir ja sehen.“ ([4], S. 47)

Das war natürlich eine leere Drohung – nicht weil der Aktionsrat keine 500 Frauen hätte mobilisieren können; aber sie hätten niemals das Geld für die Fahrt gehabt und auch die notwendige Kinderbetreuung nicht organisiert bekommen.

„Daß mir […] diese Invasionsdrohung, mit 500 Frauen zu kommen, geglaubt wurde, enttäuschte mich sehr. Die schlauen Jungs hätten eigentlich die Gründe dafür, daß es leere Drohungen waren, wissen müssen, wenn sie schon so viel von der arbeitenden Bevölkerung redeten, zu der wir eindeutig gehörten.“ ([4], S. 50)

Und so versuchte es der Berliner SDS mit Kompromißvorschlägen. Oder daß Sander ihre Rede wenigstens vorher zur Durchsicht an den Landesverband gebe. Die Diskussion begann, sich im Kreis zu drehen.

Freuen Sie sich auf nächste Woche, wenn Sigrid Rüger den gordischen Knoten durchschlägt:

„In das allgemeine Chaos hinein sagte plötzlich diese Frau mit den roten Haaren, deren Beine auf einen Stuhl hochgelegt waren, die einen dicken Bauch hatte: »Wenn die Genossin nicht reden darf, komme ich mit Buttersäure.« […] Alle waren platt. Ich auch.“ ([4], S. 51)

Nachweise

[1] Arbeitskreis „Theorie der Emanzipation“: „Protokolle Sommersemester 1968“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 37 – 48.

[2] Engels, F.: „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 21, Berlin 1956ff, S. 25 – 173.

[3] Horkheimer, M.: „Autorität und Familie“, in: Horkheimer, M., Gesammelte Schriften Bd. 3, Frankfurt 1985ff, S. 336 – 417.

[4] Sander, H.: „Der Seele ist das Gemeinsame eigen, das sich mehrt“, in: Heinrich-Böll-Stiftung und Feministisches Institut (Hg.), Wie weit flog die Tomate?, Berlin 1999, S. 43 – 56.

[5] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

[6] Schmidt-Harzbach, I.: „»Frauen erhebt euch«. Als Frau im SDS und im Aktionsrat“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 49 – 57.

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Written by alterbolschewik

27. Dezember 2013 um 16:39

Veröffentlicht in Feminismus

Eine Antwort

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  1. Hallo Sohn,
    es ist schön, dass es noch gravitätische Höfllchkeit gibt, die an Ausdrucksweisen der Zeit meiner Großeltern erinnert. Habe ich das zuletzt so bei Thomas Mann oder Hermann Hesse gelesen?
    Mutter
    eine deiner geneigten Leserinnen

    Mutter

    28. Dezember 2013 at 11:19


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