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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for Januar 2014

Tumulte in Kreuzberg

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Die Frauenbewegung in der BRD (19)

„Das Bemerkenswerte an diesen Streikvorbereitungen war gerade, daß es nur zum geringsten Teil um ökonomische Forderungen ging, sondern um inhaltliche, die den Kindern zugute kommen sollten: Kleingruppen“

Helke Sander

Was bisher geschah: Angeregt durch den Aktionsrat zur Befreiung der Frauen begannen sich Kindergärtnerinnen zu organisieren. Ab Februar 1968 traf sich eine Gruppe von Erzieherinnen im Republikanischen Club, zu Beginn des Jahres 1969 veröffentlichten sie unter dem Namen Arbeitskreis der Sozialpädagogen ein erstes Positionspapier.

Das wirklich Interessante an dieser Basisinitiative war, daß es ihr vor allem um die Qualität der Kindergärtnerinnenarbeit ging. In seinem Positionspapier erklärte der Arbeitskreis, daß die öffentliche Kritik an den Kindertagesstätten sehr berechtigt sei, wandte aber ein:

„Die zahlreichen berechtigten Angriffe der Presse gegen Erziehungsmethoden in Kindertagesstätten werden weitgehend auf dem Rücken der Kindergärtnerin ausgetragen. Abgesehen von materiellen Umständen, die eine fortschrittliche Erziehungsarbeit kaum zulassen, muß hier auf die mangelnde Ausbildung von Kindergärtnerinnen und Erziehern hingewiesen werden. Die künftige Erzieherin wird in keiner Weise auf die gesellschaftspolitische Bedeutung ihres Berufes vorbereitet.“ ([3], S. 11)

Und deshalb sollte die Situation vor allem qualitativ verbessert werden. Es ging um bessere Ausbildungsbedingungen und um bessere pädagogische Konzepte. Dabei beklagte sich die Gruppe nicht nur über die staatlichen Kinderbewahranstalten, sondern auch über bestimmte Kinderläden:

„Das Auffällige ist, daß die an den Kinderläden beteiligten Eltern ihre Vorstellungen von der Kindergärtnerin und ihrer pädagogischen Arbeit direkt von der bürgerlichen Gesellschaft übernehmen, d.h., daß sie uns mit der gleichen abwertenden Haltung entgegentreten wie allen systemimmanenten Personen und Einrichtungen. Statt die angebotene Zusammenarbeit aufzunehmen, die sich nach unserer Vorstellung nur positiv für beide Gruppen auswirken könnte und auch eine weitere Solidarisierung bedeuten würde, wird die Arbeit in homogenen Gruppen vorgezogen.“ ([3], S. 11)

Möglicherweise ist in dieser Kritik der Schlüssel dafür zu finden, daß sich der Arbeitskreis der Sozialpädagogen unabhängig vom Aktionsrat zur Befreiung der Frauen organisierte. Wie auch immer: Diese Kritik an den Kinderläden sollte in der Folge keine Rolle mehr spielen, denn zwei Wochen nach der Publikation dieses Papiers begann der öffentliche Aufstand der Kindergärtnerinnen.

Am 26. Februar 1969 fand in Kreuzberg eine Versammlung von Kindergärtnerinnen, Hortnern und Heimerziehern statt. Wer jetzt meint: Klar, Kreuzberg, das war eine Veranstaltung, die von der linken Szene ausging, irrt sich. Kreuzberg war damals noch nicht das Szeneviertel, das es später werden sollte. Die wichtigen linken Treffpunkte waren damals eher in Charlottenburg und Schöneberg zu finden. Kreuzberg galt damals noch als typisches Arbeiterviertel. Und aufgerufen zu der Protestversammlung hatte auch nicht der Arbeitskreis der Sozialpädagogen aus dem Republikanischen Club, sondern die ÖTV-Betriebsgruppe im Bezirksamt Kreuzberg (für die jüngeren unter meinen Leserinnen: Die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr war eine der Vorläufergewerkschaften von VER.DI).

Anlaß für die Veranstaltung war die katastrophale Situation in den Kreuzberger Kindertagesstätten, die durch Überbelegung einerseits und schlecht bis nicht ausgebildetes Personal andererseits geprägt war.

Doch natürlich ließen sich die antiautoritären Kindergärtnerinnen diese Veranstaltung nicht entgehen:

„Unter den 250 Teilnehmern an der Versammlung waren auch zahlreiche aus dem Arbeitskreis der Sozialpädagogen im RC.“ ([1])

Und man merkt deren Handschrift, wenn man sich den Forderungskatalog ansieht, der auf dieser Versammlung beschlossen wurde. Denn in diesem Katalog ging es für allem um Maßnahmen, die die Qualität der Kinderbetreuung sicherstellen sollte. Als unerläßliche Sofortmaßnahmen wurden angesehen:

„1. Aufnahmestopp ab sofort, bis die Überbelegung abgebaut ist. 2. Keine Neueröffnung von Kitas, solange Planstellen nicht mit Fachkräften besetzt werden können. 3. Gruppenschließungen, wenn Gruppenleiter voraussichtlich länger als drei Tage fehlt und kein Ersatz vorhanden ist. 4. Begrenzung der Belastbarkeit der Fachkräfte schriftlich fixieren (Gruppenschlüssel) unter Berücksichtigung der Belange der uns anvertrauten Kinder.“ ([2], S. 8)

Im Fall einer Nichterfüllung dieser Forderungen wurde mit Streik gedroht. Außerdem wurde von den Frauen aus dem Arbeitskreis eine zweite Front eröffnet:

„Sie kritisierten nicht nur den Senat, sondern ebenso die Berliner Gewerkschaften, da die Verquickung von Gewerkschaftsführung und Senat so eng ist, daß häufig Gewerkschafter im Senat Arbeitgeberfunktionen ausüben.“ ([1], S. 7)

Dem Senat bzw. der Bezirksverwaltung Kreuzberg wurde bis April Zeit gegeben, die Forderungen umzusetzen. Um zu prüfen, ob sich die Situation verbessert habe, wurde eine erneute Versammlung am 23. April angesetzt, die dann gegebenenfalls konkrete Kampfmaßnahmen beschließen sollte. Zur Wahrung der Kontinuität sollte sich bis dahin wöchentlich eine Arbeitsgruppe treffen. Außerdem sollte die Selbstorganisation auch in anderen Berliner Bezirken vorangetrieben werden.

Der 23. April kam, und natürlich hatte sich nichts substantiell verbessert. Die zweite Veranstaltung platzte dann mit 600 Teilnehmern aus allen Nähten. Inzwischen war wohl auch die Brisanz des Themas von Seiten der Politik erkannt worden. Auf der Veranstaltung tauchte nun der Senatsdirektor W. Müller, zuständig für Jugend und Sport, auf. Er sah sich offensichtlich bemüßigt, eine Rede zu halten; doch statt sich dann einer Diskussion zu stellen, verließ er nach Verlesung die Veranstaltung. Auch die Gewerkschaftsvertreter bekleckerten sich nicht mit Ruhm:

„Die Diskussionsleitung durch den ÖTV-Bezirkssekretär Heinz Witt war darauf abgestellt, die Forderungen der Kindergärtnerinnen herunterzuspielen und auf tarifliche Fragen auszuweichen. Aus Angst vor Streikaufrufen seitens der organisierten und nichtorganisierten Kindergärtnerinnen wurde die Reihenfolge der Wortmeldungen nicht eingehalten, einige unterdrückt, die Redezeit beschnitten und Mehrheitsbeschlüsse der Versammlung übergangen.“ ([2], S. 8)

Es kam offenbar zu Tumulten, worauf die Gewerkschaftsvertreter die Veranstaltung für beendet erklärten und ebenfalls den Saal verließen. Die Versammlung tagte aber weiter und faßte den Beschluß zu einem eintägigen Warnstreik.

„Die Vorbereitung des Streiks wurde an den Arbeitskreis der Kreuzberger Kindergärtnerinnen delegiert. Kindergärtnerinnen aus anderen Bezirken versprachen solidarische Maßnahmen. Vor dem Streik wird eine weitere Versammlung stattfinden – diesmal von den Kindergärtnerinnen selbst organisiert, nachdem die Gewerkschaften ihre Unfähigkeit so deutlich gezeigt haben.“ ([2], S. 8)

Gleichzeitig wurde weiter Druck auf die ÖTV ausgeübt, um sie zur Unterstützung des Streiks zu bewegen. Die gewerkschaftlich organisierten Kindergärtnerinnen drohten der Gewerkschaftsführung an, ihre Mitgliederbücher zurückzugeben, wenn sich die Gewerkschaft nicht bis zum 15. Mai mit dem Streik solidarisch erklären sollte. Zudem wurde Kontakt zur Gewerkschaft der Beamten, Angestellten und Arbeiter Berlins (Komba) aufgenommen, um deren Unterstützung für den Streik zu gewinnen. Und last not least wurde der Berliner Verband der Lehrer und Erzieher (BVL) mit ins Boot geholt.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn die Streikbewegung Fahrt aufnimmt und es heißt:

„Auf der Delegiertenversammlung des BVL wurde die Tagesordnung zugunsten der Kindergartenprobleme umgestoßen. Zusammen mit den Lehrerdelegierten und gegen die Bedenken der Gewerkschaftsführung wurde mit großer Mehrheit für den Warnstreik gestimmt.“ ([2], S. 8)

Nachweise

[1] Anonym, „Kindergärtnerinnen: Die Situation ist katastrophal“, in: Berliner Extra-Dienst, Jg.3 (1969), Nr.19 (4. März 1969), S.7.

[2] Anonym, „Streik in den Kindergärten?“, in: Berliner Extra-Dienst, Jg.3 (1969), Nr.38 (10. Mai 1969), S.7 – 8.

[3] Anonym, „Sozialpädagogen: Zur Situation der Westberliner Kindergärten“, in: Berliner Extra-Dienst, Jg.3 (1969), Nr.13 (12. Februar 1969), S.10 – 11.

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31. Januar 2014 at 15:52

Streik!

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Die Frauenbewegung in der BRD (18)

„Die Situation in den städtischen Kindertagesstätten ist seit langem sowohl für die Kinder, als auch für die Kindergärtnerinnen untragbar.“

Arbeitskreis der Kindergärtnerinnen im Republikanischen Club

Was bisher geschah: Helke Sander hielt auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS eine Rede, in der sie die Diskussion einer strategischen Ausrichtung des SDS an Frauenfragen einforderte. Diese Diskussion wurde nicht geführt. Stattdessen gab es, nach den Tomatenwürfen von Sigrid Rüger, eine ergebnislose Diskussion über die Rolle der Frauen im SDS.

Auch wenn auf der Delegiertenkonferenz des SDS nicht über das diskutiert wurde, was Helke Sander im Sinn gehabt hatte, so blieb die Konferenz nicht völlig ergebnislos. Die Idee einer Selbstorganisation von Frauen, wie sie der Berliner Aktionsrat zur Befreiung der Frauen vorexerziert hatte, verbreitete sich dank dieser Konferenz in weitere Städte, in denen sich nun auch Frauengruppen bildeten. Von wenigen Ausnahmen abgesehen – auf die ich zu einem späteren Zeitpunkt noch eingehen will – wurden diese Gruppen in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen und arbeiteten zunächst unterhalb der medialen Aufmerksamkeitsschwelle.

Was aber den Versuch betraf, dem SDS eine neue strategische Ausrichtung zu geben, muß Sanders Rede als Mißerfolg gewertet werden. Eine gemeinsame politische Strategie von Männern und Frauen zusammen, die auf der Einsicht beruhte, daß Frauen die am leichtesten zu mobilisierende Bevölkerungsgruppe seinen, wurde nicht entwickelt. Die Frauen mußten den Kampf alleine aufnehmen.

Das taten sie dann auch, und zwar mit einer Aktion, die, wenn sie funktioniert hätte, durchaus spektakulär gewesen wäre: Ein Streik der Kindergärtnerinnen.

„Dieser Streik auf den zwei Jahre lang hingearbeitet wurde, hätte einen großen Teil der Berliner Wirtschaft für einen Tag lahmgelegt, da an diesem Tag alle die Mütter der bestreikten Kindergärten nicht zur Arbeit hätten gehen können und ein großer Teil dieser Frauen den Streik unterstützte. Mit dieser Machtdemonstration durch den Streik der Frauen — bei gleichzeitigem Arbeitskräftemangel — hätten dann, nach der Strategie des Aktionsrates, die Voraussetzungen geschaffen werden sollen, mit Selbstbewußtsein und dem schon erbrachten Beweis einer Stärke den Kampf gegen Leichtlohngruppen und andere, Frauen diskriminierende und unterdrückende Zustände zu beginnen.“ ([2], S. 41)

Soweit die Theorie. Ich will mich in diesem und den folgenden Beiträgen etwas genauer mit der Entstehung und dem Verlauf des Kindergärtnerinnenstreiks beschäftigen. Und es sind nicht nur nostalgische Gründe, die mich nach 45 Jahren bewegen, mich noch einmal ausführlich mit einem gescheiterten Streik zu befassen, der heute praktisch völlig vergessen ist. Denn in diesem Streik werden einige wesentliche Aspekte dessen sichtbar, was das historisch Neue an den antiautoritären Bewegungen war, warum sie so bedeutsam waren und warum vieles von dem, was damals erstmals gedacht und propagiert wurde, bis heute relevant ist.

Der Streik der Kindergärtnerinnen macht das exemplarisch deutlich, wenn man die Hauptkonfliktlinie in dieser Auseinandersetzung betrachtet. Denn im Gegensatz zu dem, was man erwarten könnte, war der Hauptgegner keineswegs der Arbeitgeber, also der Berliner Senat. Vielmehr eskalierte im Verlauf der Streikvorbereitung ein Konflikt zwischen der alten und der neuen Linken, zwischen den antiautoritären Kindergärtnerinnen und den Gewerkschaften, die in dieser Auseinandersetzung eine äußerst unrühmliche Rolle spielten.

Allerdings muß ich in diesem Zusammenhang auf eine Schieflage hinweisen, die aufgrund des mir vorliegenden Quellenmaterials entsteht. Ich habe, um die Geschichte dieser Auseinandersetzung zu rekonstruieren, nur Zugang zu Dokumenten, die von Seiten der Kindergärtnerinnen kommen. Die Sichtweise der Gewerkschaften ist deshalb klar unterrepräsentiert. Ich kann nur hoffen, daß sich irgendwann einmal eine Historikerin auch mit der gewerkschaftlichen Seite beschäftigt, um das Bild zu komplettieren. Bis dahin steht die folgende Darstellung unter einem gewissen Vorbehalt. Hinzukommt, daß es sich bei den Materialien der Kindergärtnerinnen um mehr oder minder offizielle Verlautbarungen handelt. Was interne Konflikte betrifft, bin ich ebenfalls auf Mutmaßungen angewiesen. Das betrifft vor allem das Verhältnis des Aktionsrates zu den Kindergärterinnen. Doch zur Sache…

Bereits in ihrer Rede auf der Delegiertenkonferenz hatte Helke Sander darauf hingewiesen, daß der Aktionsrat über den eigenen Tellerrand hinausblicke:

„Wir […] organisieren Kindergärtnerinnen bzw. helfen den Kindergärtnerinnen, sich selber zu organisieren.“ ([3], S. 19)

Das war durchaus im Einklang mit der Strategie der antiautoritären Bewegungen in der ersten Hälfte des Jahres 1968. Es galt, die Basis der Bewegungen über das universitäre Milieu hinaus zu verbreitern. Was aber bei manchen in einem abstrakten Proletariatskult endete, war bei den Frauen durchaus erfolgreich:

„Wir vom Aktionsrat haben ja nicht nur die Mütter angesprochen, sondern auch die Erzieherinnen, und zwar schon mit dem zweiten Flugblatt, das wir gemacht haben. Sie trafen sich dann über ein Jahr lang auch im Republikanischen Club.“ ([4], S. 170)

Ganz offensichtlich ließen sich die Kindergärtnerinnen aber auch nicht vom Aktionsrat vereinnahmen, sondern organisierten sich eigenständig. Im ersten veröffentlichten Papier der Kindergärtnerinnengruppe wurde der Aktionsrat überhaupt nicht erwähnt. Da hieß es vielmehr lapidar:

„Seit dem Frühjahr 1968 besteht eine Arbeitsgruppe von Kindergärtnerinnen, die sich jeden Montag um 20 Uhr im Republikanischen Club trifft, um die Arbeitssituation und die pädagogischen Methoden in der Kindertagesstätte zu analysieren.“ ([1], S. 11)

Mehr als einen ersten Anstoß zur Organisierung der Kindergärtnerinnen scheint der Aktionsrat also nicht gegeben zu haben. Er wird sich aber, als die Streikvorbereitungen dann konkret werden, massiv unterstützend einklinken. Doch dazu in einer den nächsten Folgen.

Das erste Jahr, in dem sich die Kindergärtnerinnen im Republikanischen Club trafen, diente offensichtlich zunächst einmal der Selbstverständigung. Die Gruppe gab sich selbst ein Untersuchungsprogramm auf, das durchaus anspruchsvoll war. Vier Fragekomplexe sollten genauer untersucht werden:

„1. Die Kindertagesstätten in unserer Gesellschaft (ihre Funktion in Bezug auf die Kinder, die Frauen und die Wirtschaft),
2. Die Kindergärtnerin (ihre gesellschaftliche Rolle, ihr Selbstverständnis und Ausbildungsprobleme)
3. Die Kindertagesstätten des Senats (Räume, Belegung und Wartelisten, personelle Besetzung, Arbeitszeit und Tarifvertrag, Hierarchie und Bürokratie),
4. Die pädagogischen Methoden in den Kindertagesstätten (gesetzlicher Erziehungsauftrag und Erziehungskonzept der Kindertagesstätten, Anwendung psychologischer und pädagogischer Erkenntnisse, Wirkung auf die Kinder und gesellschaftliche Folgen).“ ([1], S. 11)

Dieser Katalog weist ganz offensichtlich über klassisch gewerkschaftliche Fragestellungen hinaus. Fragen nach dem Personalschlüssel, der Arbeitszeit und der Bezahlung spielen nur eine Nebenrolle. Diese harten, quantifizierbaren Themen werden zwar auch angesprochen, firmieren aber nur als Nebenaspekte einer viel weitergehenden Auseinandersetzung mit dem Erzieherinnenberuf: Was ist eigentlich unsere gesellschaftliche Funktion als Erzieherinnen? Wieso leistet sich der Staat Kindertagesstätten, welche Absichten werden damit verfolgt? Und sind das auch unsere Absichten, ist es das, weshalb wir diesen Beruf ergriffen haben? Abstrakter formuliert ging es darum, die eigene Rolle im gesellschaftlichen Ganzen zu reflektieren und damit sowohl dieses Ganze wie auch die eigene Rolle darin zu problematisieren. Das war neu.

Eine solche Problematisierung erfordert aber einen völlig anderen Horizont als den der klassischen Gewerkschaftspolitik. Letztere orientierte sich am Bestehenden, um im Rahmen dieses Bestehenden in einzelnen Punkten Verbesserungen für die Arbeitenden zu erzielen. Der antiautoritäre Ausgangspunkt war aber nicht das Bestehende, sondern eine zukünftige freie Gesellschaft. Und so wurde unter der Prämisse, daß Gesellschaft auch anders funktionieren könnte, die konkrete Ausübung der eigene Tätigkeit daraufhin hinterfragt, ob sie eher dem Bestehenden oder einem Zukünftigen diene.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn die Erzieherinnen (selbst-)kritisch bemerken:

„In der Praxis liegt allzuhäufig der Schwerpunkt auf der Aufbewahrung der Kinder. Wo darüber hinaus der Anspruch erhoben wird, pädagogische Arbeit zu leisten, bezieht sich diese auf die Anpassung des Kindes an bestehende Verhältnisse.“ ([1], S. 10)

Nachweise

[1] Anonym, „Sozialpädagogen: Zur Situation der Westberliner Kindergärten“, in: Berliner Extra-Dienst, Jg.3 (1969), Nr.13 (12. Februar 1969), S.10 – 11.

[2] Sander, H., „Mütter sind politische Personen“, in: Courage, Jg.3 (1978), Nr.9 (September 1978), S.38 – 42.

[3] Sander, H.: „Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (1968)“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 12 – 22.

[4] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

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24. Januar 2014 at 16:36

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Eine falsche Diskussion

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Die Frauenbewegung in der BRD (17)

„Die Reaktion der Männer auf der DK […] zeigt, daß noch erst ganze Güterzüge von Tomaten verfeuert werden müssen, bis da etwas dämmert“

Ulrike Meinhof

Was bisher geschah: Helke Sanders Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz stilisierte die Frauen keineswegs zum Opfer patriarchalischer Unterdrückung im SDS. Stattdessen verwies sie darauf, daß der SDS ein strategisches und organisatorisches Problem hätte. Und deshalb bot sie die Hilfe des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen an.

Die Perspektive, die Sander dann beschwor und für die sie im SDS für Zusammenarbeit warb, knüpfte nahtlos an antiautoritäre Zielsetzungen an:

„Wir wollen versuchen, schon innerhalb der bestehenden Gesellschaft Modelle einer utopischen Gegengesellschaft zu entwickeln. In dieser Gegengesellschaft müssen aber unsere eigenen Bedürfnisse endlich einen Platz finden.“ ([4], S. 18)

Das sind zwei ganz entscheidende Punkte. Zum einen wird einer bürokratisch-technischen Vorstellung von Revolution eine Absage erteilt. Es kann nicht einfach darum gehen, die eine große Revolution organisatorisch vorzubereiten, in der die herrschenden Verhältnisse in einem Handstreich umgestürzt werden. Es geht vielmehr darum, Dinge schon im hier und jetzt anders zu machen, den herrschenden Institutionen eigene Institutionen entgegenzusetzen. Die Kinderläden, die der Aktionsrat initiiert hatte, sind für Sander solche Gegeninstitutionen. Der zweite Punkt ist aber ebenso wichtig: Dabei die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und einen Raum zu schaffen, in dem sie sich artikulieren können. Und genau hier trat dann auch der Konflikt mit den Männern auf, die sofort, nachdem sie die Relevanz der Kinderläden erkannt hatten, diese in eine Strategie der Arbeiteragitation umwidmen wollten. Sander erteilt dieser Politik eine strikte Absage:

„Im Augenblick haben wir der Arbeiterschaft nichts zu bieten. Wir können nicht Arbeiterkinder in unsere Kinderläden nehmen, wo sie ein Verhalten lernen, für das sie zu Hause bestraft werden.“ ([4], S. 20)

Doch diese richtige Einsicht hinderte die Männer nicht daran, die Arbeit des Aktionsrates in eigener Regie übernehmen zu wollen. Und leider gelang ihnen das oft genug allzu leicht:

„Aufgrund ihrer gewandteren Formulierungen übernehmen sie in manchen Arbeitskreisen die Führung, wogegen viele Frauen nach wie vor hilflos sind.“ ([4], S. 20)

Dabei, so Sanders Diagnose, sind diese Machtansprüche auch nur ein Versuch, die eigenen Probleme zu übertünchen:

„Der Versuch, möglichst schnell andere Bevölkerungsschichten mit unseren Kinderläden zu erfreuen, mag darauf zurückzuführen sein, daß sich die Männer nach wie vor weigern, ihre eigenen Konflikte zu artikulieren.“ ([4], S. 20)

Denn der Bruch, der die alte Gesellschaft von einer hypothetischen neuen trennt, läuft mitten durch die Individuen. Es geht nicht nur darum, neue Institutionen zu schaffen. Vielmehr müssen sich die Menschen im Prozeß, in dem sie neue Institutionen schaffen, selbst verändern. Es sind die anerzogenen Verhaltensweisen der kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaft, die auch die selbst ernannten Revolutionäre prägen. Individuelle Veränderungsprozesse müssen deshalb selbst Teil der politischen Strategie zur Überwindung bestehender gesellschaftlicher Strukturen sein. Aus diesem Grund ist der gesamte Erziehungssektor ein entscheidender Hebel zur Veränderung der Gesellschaft:

„Die Kinder, die jetzt in unseren Läden sind, werden sich nicht mehr in die gewöhnlichen Schulen einfügen. Die Eltern dieser Kinder werden die bestehenden Schulen nicht mehr hinnehmen. Durch die breite Basis, die wir den Läden geben wollen, versuchen wir eine breite Basis für den Konflikt an den Volksschulen zu schaffen. Dieser Konflikt wird Wirkungen haben, die sich zeigen bei den Kindern und Eltern, die nicht durch unsere Läden gegangen sind.“ ([4], S. 20)

Und daraus ergibt sich für Helke Sander dann die Notwendigkeit, über politische Strategien zu diskutieren, und in dieser Diskussion die Perspektive des Aktionsrates mit zu berücksichtigen. Zum Schluß ihrer Rede führt sie einige strategische Optionen des SDS auf und kontert diese mit einem eigenen Vorschlag, nämlich einer „Verbreiterung der Basis der Kindergärten“ ([4], S. 21). Und ihr Argument dafür ist, man müsse sich auf „die gesellschaftlichen Bereiche konzentrieren, die den Angelpunkt bilden, die Machtstrukturen zu verewigen.“ ([4], S. 22) Nicht mehr und nicht weniger war der Sinn von Sanders Rede: In der Diskussion um strategische Optionen des SDS möge doch bitte auch dieser Vorschlag des Aktionsrates berücksichtigt werden.

Doch genau das wurde nicht verstanden. Schon damals nicht, als diese Rede gehalten wurde, und erst recht nicht später. Eine der größeren Absurditäten ist in dieser Hinsicht der Abdruck von Sanders Rede in Ilse Lenz‘ Quellen-Dokumentation zur Frauenbewegung in Deutschland ([5], S. 38ff). Nicht nur, daß die Rede im Kapitel Diskurse über Geschlecht, Autonomie und Gleichheit abgedruckt wird statt im Kapitel Einmischung in die Politik, wo sie hingehört hätte. Nein, Lenz kürzt die Rede auch noch um gerade den Abschnitt, in dem Sander ihren Diskussionvorschlag formuliert. Und so bleiben in der von Lenz gekürzten Fassung Sanders Schlußworte ziemlich unverständlich:

„Genossen, wenn ihr zu dieser Diskussion, die inhaltlich geführt werden muß, nicht bereit seid, dann müssen wir allerdings feststellen, daß der SDS nichts weiter ist als ein aufgeblasener kontrrevolutionärer Hefeteig.
Die Genossinnen werden dann die Konsequenzen zu ziehen wissen.“ ([4] , S. 22)

Diese Sätze werden zwar immer wieder zitiert, doch dabei wird immer unterstellt, die Diskussion, um die es jetzt gehen müsse, sei die über das Verhältnis von Männern und Frauen im SDS, und nicht, wie von Sander gewollt, eine Diskussion über politische Strategien, in der die Frauenperspektive eine entscheidende Rolle spielen sollte.

Es ist bekannt, daß zunächst die Diskussion unterblieb; und als Sigrid Rüger dann mit ihren Tomaten eine solche erzwang, wurde eben nicht über politische Strategien diskutiert, sondern über das Dominanzverhalten der Männer im SDS. Und naturgemäß kam bei dieser Diskussion nichts Konstruktives heraus:

„Reimut Reiches Vorschlag für die Frauen, doch einfach den Geschlechtsverkehr zu verweigern, bestätigte Helke Sanders Vorwurf, daß die Männer den Konflikt noch ganz verdrängen, wollte auch er ihn doch in jene Privatsphäre zurückverweisen, aus der er eben erst durch Referat mit Tomaten ausgebrochen war.“ ([1], S. 166)

Auch nicht intelligenter war Fritz Teufel,

„der sich anderntags mit einer Spielzeug-MP nebst Zielfernrohr in die Diskussion über den »genitalen Primat des Mannes« im SDS einschaltete. Teufel empfahl, alle Genossinnen auszuschließen, »weil sie doch nur die patriarchalischen Strukturen im Verband verschleiern« und im übrigen »noch entfremdeter und blöder daherquatschen als die Genossen«.“ ([2] , S. 77f)

Das mag satirisch gemeint gewesen sein, brachte aber auch keinen politischen Mehrwert.

Über Sanders konkreten Vorschlag hätte man diskutieren können, über die patriarchalen Strukuren im SDS nur sehr schwer und sicherlich nur nach längerer Vorbereitung. Tatsächlich ging noch gut ein Jahrzehnt ins Land, bis es auf diese Frage einen institutionelle Antwort gab: Bei ihrer Gründung beschloß die Partei Die Grünen, nach einem Jahrzehnt Frauenbewegung, eine Frauenquote. 1968 wäre das im SDS noch undenkbar gewesen.

Es ist andererseits unrealistisch anzunehmen, daß die von Sander gewünschte Diskussion darüber, wie man in einer zukünftige Strategie des SDS die spezifische Situation der Frauen berücksichtigen könne, den SDS wirklich aus seiner Lähmung befreit hätte. Seit dem Generalstreik in Frankreich stand das Proletariat für die radikale Linke viel zu explizit als Projektionsfläche im Raum, als daß sich der Blick tatsächlich auf die Frauen hätte lenken können. Die Männer mußten erst noch das politische Potential entdecken, das in den Frauen steckte.

Letztere bewiesen ihre Talent zum politisch-strategischen Denken im Frühjahr des nächsten Jahres – ohne den SDS. Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen eine große Aktion plant:

„Man stelle sich vor, Berlin wird an einem Tag von den Frauen lahm gelegt.“ ([3], S. 172)

Nachweise

[1] Meinhof, U. M.: „Die Frauen im SDS oder In eigener Sache“, in: Becker, B. (Hg.), Unbekannte Wesen. Frauen in den 60er Jahren, Berlin 1987, S. 166.

[2] Redaktioneller Beitrag, „Hü und Hott“, in: Der Spiegel, Jg.22 (1968), Nr.39 (23. September 1968), S.77 – 78.

[3] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

[4] Sander, H.: „Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (1968)“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 12 – 22.

[5] Lenz, I. (Hg.), Die Neue Frauenbewegung in Deutschland, Wiesbaden 2009.

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17. Januar 2014 at 17:11

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Die Rede

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Die Frauenbewegung in der BRD (16)

„Ich wollte eigentlich Filme machen, und dann habe ich gedacht, vielleicht sollte ich erst mal Politik machen.“

Helke Sander

Was bisher geschah: Helke Sander hält eine Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS im September 1968. Danach wirft Sigrid Rüger Tomaten gegen die Herrenriege auf dem Podium. Das wird in der Presse und später auch in der Geschichtsschreibung als Aufstand der Frauen im SDS gegen die Männer interpretiert und damit als Beginn der autonomen Frauenbewegung.

Doch darum, daß sich die Frauen als Opfer der Männer im SDS fühlten, ging es Helke Sander in ihrer Rede überhaupt nicht. Sogar im Gegenteil. Der Berliner Aktionsrat zur Befreiung der Frauen, erst ein Dreivierteljahr alt, war mit schweren organisatorischen Problem konfrontiert: Die Zahl der Frauen, die im Aktionsrat eine Möglichkeit sahen, sich am politischen Geschehen zu beteiligen, war seit dem Januar 1968 kontinuierlich gestiegen. Und genau dieser Erfolg stellte den Aktionsrat vor organisatorische Probleme. Die ursprüngliche Form eines offenen Plenums war auf die Dauer nicht durchzuhalten. Zum einen war das schlicht ein Problem der Masse. Zum anderen bildeten sich in dieser informellen Struktur sehr schnell Hierarchien heraus. Es gab einerseits Frauen, die aus individueller Betroffenheit zum Aktionsrat gestoßen waren, die aber wenig bis keine politische und theoretische Vorbildung hatten. Auf der anderen Seite gab es Frauen, die schon länger im SDS organisiert waren und den anderen sowohl inhaltlich wie auch rhetorisch deutlich überlegen waren. Ein internes Dokument vom Oktober 1968 beschreibt den Zustand sehr eindrücklich:

„Eine Zeitlang waren die Mittwochsveranstaltungen von den selbstgefälligen Paraden dieser Frauen geprägt. Die unbedingt notwendige Vermittlung der Kenntnisse und Erfahrungen dieser Frauen, die den Aktionsrat hätten gestalten können, fand auf diesem Wege nicht statt. Es stellte sich keine solidarische organisatorische Struktur her, sondern eine in hohem Maß autoritäre. Die Folge war, daß sich der Aktionsrat sehr schnell in viele einzelne Arbeitskreise aufsplitterte.“ ([2], S. 58f)

Flügelkämpfe und Zersplitterung prägten das innere Bild des Aktionsrates im Herbst 1968. Damit war der Aktionsrat allerdings nicht allein. Im SDS herrschten ähnliche Zustände. Einem internen Papier zufolge war der Höhepunkt der Bewegung der Vietnamkongreß vom Februar 1968, danach ging es bergab:

„Überall zeigten sich kurzfristig nicht bewältigbare Organisationsprobleme. Das Attentat auf Dutschke leitete eine.Übersprungphase ein. In einer spontanen Massenaktion […] wurde der Anspruch der Herbstresolution: Kampf den Manipulateuren, erfüllt. Sie überforderte jedoch gleichzeitig die theoretischen und organisatorischen Kräfte. Den neuen Ansprüchen konnte nur in einer Höhepunktsakrobatik begegnet werden. Die Anspannung der Kräfte an Ostern mußte bis zum Sternmarsch im. Mai aufrechterhalten werden. Die Gruppen versuchten das mit Informationsstrategien, Aktionspermanenz und Gewinntaktiken zu gewährleisten. Die Folge war: Aufschub der Organisationsprobleme, Kräfteverschleiß, Argumentationsverflachung durch die Heterogenität der Handlungsbasis. Das Ende der Akrobatik war der Fall in Apathie, Passivität, Resignation und Stagnation. […] Die Überbeanspruchung führte zu einem zeitweiligen Kollaps des Selbstbewußtseins und des Aktionswillens, damit zu einem Theorievakuum, zu Organisationslethargie und zu Aktionsunfähigkeit.“ ([1], S. 3)

Es ist diese desolate Situation, in deren Rahmen Helke Sanders Rede entstanden ist. Und man versteht diese Rede nicht, wenn man diese Situation nicht vor Augen hat. Sander kam nicht als Bittstellerin, als armes Opfer männlicher Machenschaften nach Frankfurt auf die Delegiertenkonferenz. Sie wußte genau, in welchem Zustand der SDS war:

„Genossen, eure Veranstaltungen sind unerträglich. Ihr seid voll von Hemmungen, die ihr als Aggressionen gegen die Genossen auslassen müßt, die etwas Dummes sagen oder etwas, was ihr schon wißt. […] Warum sagt ihr nicht endlich, daß ihr kaputt seid vom letzten Jahr, daß ihr nicht wißt, wie ihr den Streß länger ertragen könnt, euch in politischen Aktionen körperlich und geistig zu verausgaben, ohne damit einen Lustgewinn zu verbinden. Warum diskutiert ihr nicht, bevor ihr neue Kampagnen plant, darüber, wie man sie überhaupt ausführen soll? Warum kauft ihr euch denn alle den Reich? Warum sprecht ihr denn hier vom Klassenkampf und zu Hause von Orgasmusschwierigkeiten? Ist das kein Thema für den SDS?“ ([4], S. 17f)

Dies ist der Kernpunkt, um den es Sander in ihrer Rede ging: Die Trennung von scheinbar Privatem auf der einen und dem angeblich Politischen auf der anderen Seite. Das war, zumindest in der antiautoritären Fraktion des SDS nicht unbedingt eine Neuheit. Bereits ein Jahr zuvor hatten Dutschke und Krahl auf der 22. Delegiertenkonferenz erklärt:

„Wir wissen sehr genau, daß es viele Genossinnen und Genossen im Verband gibt, die nicht mehr bereit sind, abstrakten Sozialismus, der nichts mit der eigenen Lebenstätigkeit zu tun hat, als politische Haltung zu akzeptieren.“ ([3], S. 95)

Und die Kommune-Diskussion, die 1966 beim Treffen in Kochel begonnen hatte, war ja bereits in diese Richtung gegangen. Die Erweiterung des traditionellen Politikbegriffs, der nun auch den Alltag mit einschließen sollte, war also zu dem Zeitpunkt, als Sander ihre Rede hielt, nicht mehr ganz neu. Neu war hingegen, daß dieses Konzept einer Revolutionierung des Alltags mit einer konkreten politischen Strategie verknüpft wurde. Sander sah – und das war politisch mehr als hellsichtig – gerade in der Situation der Frauen ein gesellschaftsveränderndes Potential. Zwar widersprach das allen gängigen sozialistischen Theorien, doch die Praxis des Aktionsrates hatte gezeigt, daß gerade bei den Frauen mit Kindern ein Leidensdruck herrschte, der in politisches Bewußtsein und längerfristig in politisches Handeln verwandelt werden konnte. Sander berichtete aus der Praxis des Aktionsrates:

„Da die Bereitschaft zur Solidarisierung und Politisierung bei den Frauen mit Kindern am größten ist, weil sie den Druck am meisten spüren, haben wir uns in der praktischen Arbeit bisher auf ihre Konflikte konzentriert. Das heißt nicht, daß wir die Konflikte der Studentinnen ohne Kinder nicht wichtig nehmen, heißt nicht, daß wir nicht trotz der gemeinsamen Merkmale aller Frauen in der Unterdrückung der klassenspezifischen Unterdrückungsmechanismen übersehen, es heißt lediglich, daß wir eine möglichst effektive Arbeit leisten wollen.“ ([4], S. 16)

Sanders Vorschlag bestand im wesentlichen darin, den SDS aufzufordern, gemeinsam in diese Richtung zu marschieren. Der Aktionsrat hatte einen Schwachpunkt innerhalb des kapitalistischen Reproduktionsprozesses gefunden, der politisch ausnutzbar war: Die Reproduktion der Arbeitskraft in der Familie. Und dieser Konflikt war nicht nur objektiv vorhanden, wie der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeiterklasse, sondern auch subjektiv. Immer mehr Frauen mit Kindern hatten die Nase gestrichen voll und waren willens, an ihrer Situation etwas zu ändern. Und genau das versuchte Sander den Genossen klarzumachen:

„Die Hilflosigkeit und Arroganz, mit der wir hier auftreten müssen, macht keinen besonderen Spaß. Hilflos sind wir deshalb, weil wir von progressiven Männern eigentlich erwarten, daß sie die Brisanz unseres Konfliktes einsehen. Die Arroganz kommt daher, daß wir sehen, welche Bretter ihr vor den Köpfen habt, weil ihr nicht seht, daß sich ohne euer Dazutun plötzlich Leute organisieren, an die ihr überhaupt nie gedacht habt, und zwar in einer Zahl, die ihr für den Anbruch der Morgenröte halten würdet, wenn es sich um Arbeiter handeln würde.“ ([4], S. 17)

Wenn nun Aktionsrat und SDS zusammenarbeiten würden, so Sanders Hoffnung, hätten beide eine Chance, sich aus ihren organisatorischen Problemen herauszuarbeiten und eine gemeinsame, langfristig angelegte Strategie zu entwickeln.

Wie diese Strategie aussehen sollte und wie der SDS auf diesen Vorschlag reagierte, erfahren Sie nächste Woche, wenn Sander erklärt:

„Im Augenblick haben wir der Arbeiterschaft nichts zu bieten. Wir können nicht Arbeiterkinder in unsere Kinderläden nehmen, wo sie ein Verhalten lernen, für das sie zu Hause bestraft werden.“ ([4], S. 20)

Nachweise

[1] Anonym [Klaus Theweleit?], Arbeitspapier zur Beurteilung der 23. o. DK und der Lage der Gruppen, o.O. o.J. (1968).

[2] Conradt, L.: „Beitrag zur Organisationsdebatte (Oktober 1968)“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 58 – 63.

[3] Dutschke, R.: „Das Sich-Verweigern erfordert Guerilla-Mentalität“, in: Dutschke, R., Geschichte ist machbar, Berlin 1992, S. 89 – 95.

[4] Sander, H.: „Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (1968)“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 12 – 22.

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10. Januar 2014 at 17:47

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Tomaten

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Die Frauenbewegung in der BRD (15)

„Die neue Frauenbewegung entstand in einer bestimmten Phase der antiautoritären Bewegung, zugleich im Widerspruch zu dieser Bewegung und als eine Konsequenz dieser Bewegung“

Sigrid Damm-Rüger

Was bisher geschah: Helke Sander, Mitgründerin des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen und Mitglied des SDS versucht den Berliner Landesverband davon zu überzeugen, daß er sie als Rednerin auf die 23. Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt schickt. Das Vorhaben ist schon fast gescheitert, als eine andere SDS-Genossin mit einer Buttersäure-Attacke droht, falls Helke in Frankfurt nicht reden dürfe.

Diese rothaarige Genossin mit dickem Schwangerschaftsbauch, die Helke Sanders Anliegen unterstützte, war nicht irgendjemand. Es handelte sich dabei um die bereits hier im Blog ansatzweise gewürdigte Sigrid Rüger, eine der zentralen Figuren im Berliner SDS. Ihr Wort hatte Gewicht, und so wurde Helke Sander tatsächlich die Gelegenheit gegeben, am 13. September 1968 in Frankfurt zu reden, direkt vor der großen Rede des SDS-Cheftheoretikers Hans-Jürgen Krahl.

Helke Sanders Rede ist Legende. Sie wurde wieder und wieder nachgedruckt. Und nie wirklich inhaltlich rezipiert. Sie ging unter im Ereignis, das unmittelbar auf sie folgte: Als die Delegiertenversammlung nach Sanders Rede einfach ohne Diskussion in der Tagesordnung fortfahren wollte, kam es zum Eklat. In der Zeit las sich das damals so:

„Geschwängert war die Luft von Havanna- und Roth-Händle-Rauch, theorieschwer die Diskussion – mit Resignation und Euphorie kämpften wortreich die übermüdeten Genossen. Der Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) drohte der revolutionäre Atem auszugehen.
Da meldete sich artig eine Genossin im prallen Umstandskleid, dem Frankfurter Studenten-Idol Hans-Jürgen Krahl eine Zwischenfrage zu stellen. Ob er nichts zur Unterdrückung der Frau in der Gesellschaft und insbesondere im SDS zu sagen habe, wollte sie wissen. Ehe der vielwissende Krahl noch hilflos mit den Schultern zucken konnte, antwortete sie für ihn, attestierte ihm autoritäre Ignoranz und nestelte dabei an einer Einkaufstasche. Sie hielt etwas Rotes in der Rechten, schleuderte dem wortgewandten Mann am Mikrophon erst den Satz entgegen »Du bist objektiv ein Agent des Klassenfeinds« und dann ein paar Tomaten. Eine der Früchte traf den überraschten Krahl voll, die übrigen zerplatzten am – ausschließlich von maskulinen Genossen okkupierten – Präsidiumstisch.
Die Delegiertenkonferenz hatte ihren Höhepunkt.“ ([1])

Natürlich war diese schwangere Genossin erneut Sigrid Rüger. Und was der Artikel völlig unterschlägt, ist die vorausgehende Rede von Helke Sander. Oder vielmehr wird die Rede später mit einem einzigen Satz zitiert, nämlich: „Hier sprecht ihr vom Klassenkampf und mit euren Freunden vom Orgasmus.“ ([1]) Die Unverschämtheit des Zeit-Autors ist wirklich atemberaubend. Zum einen ist das Zitat falsch wiedergegeben und zum anderen aus dem Zusammenhang gerissen. Sander hatte wörtlich gesagt: „Warum sprecht ihr denn hier vom Klassenkampf und zu Hause von Orgasmusschwierigkeiten?“ ([3]) Dabei ging es ihr um die falsche Trennung von Privatem und Politischen. Doch damit nicht genug. Dieses Zitat wird dann noch so hingestellt, als handle es sich um einen Wortbeitrag aus dem Publikum, der nach dem Tomatenwurf von Sigrid Rüger laut geworden sei. Und um das Faß der Frechheiten vollzumachen, wird Sander nur als „fragiles Mädchen“ bezeichnet: Eine dreißigjährige, alleinerziehende Mutter, die eben eine wichtige politische Rede vor den Delegierten des bedeutendsten westdeutschen Studentenverbandes gehalten hat, muß sich von einem dahergelaufenen Journalisten als „Mädchen“ titulieren lassen.

Die Konkurrenz vom Spiegel war auch nicht viel besser. Immerhin wird die Rede thematisiert und Sander beim Namen genannt:

„Die Berliner Filmakademikerin Helke Sander, 30, gab sich am Mikrophon als Mitglied eines »Aktionsrates zur Befreiung der Frau« aus, führte Klage über »Unterdrückung« weiblicher Mitglieder und glaubte in den SDS-Debatten ein Produkt gewisser »Verdrängungsmechanismen« zu erkennen: »Warum sprecht ihr hier von Klassenkampf und zu Hause von Orgasmusschwierigkeiten?« Als Redner Hans-Jürgen Krahl, 25, dazu nichts sagen mochte, sprang vor ihm die rothaarige, hochschwangere Berliner Volkswirtschaftlerin Sigrid Rüger, 29, vom Stuhl und schleuderte mit dem Ruf »Konterrevolutionär… Agent des Klassenfeindes« sechs Tomaten auf Krahl; eine traf ihn, am linken Schlüsselbein.“ ([2], S. 77)

Die Präzision des Spiegels in unwesentlichen Dingen wie der genauen Anzahl der geworfener Tomaten ist wie immer beeindruckend. Auch das „Orgasmus“-Zitat ist hier, im Gegensatz zur Zeit, richtig wiedergegeben. Daß es hingegen überhaupt nicht das Thema von Sanders Rede gewesen war, die Unterdrückung der Frauen im SDS anzuprangern, ganz im Gegenteil, paßt einfach nicht in die Geschichte, die der Reporter erzählen will. Sander hatte ihre Rede, nachdem sie sich als Sprecherin des Aktionsrates vorgestellt hatte, mit den Worten begonnen:

„Wir sprechen hier, weil wir wissen, daß wir unsere Arbeit nur in Verbindung mit anderen progressiven Organisationen leisten können, und dazu zählt unserer Meinung nach heute nur der SDS.“ ([3], S. 12)

Doch das war natürlich keine Story. Tomatenwürfe, in der damaligen Öffentlichkeit verpönte Worte wie „Orgasmus“ und einen einfach zu vermittelnden Konflikt zwischen Männern und Frauen: Darauf fuhren die Reporter ab. Der eigentliche Inhalt von Sanders Rede hingegen fiel komplett unter den Tisch. Denn darin ging es mitnichten darum, daß sich die Frauen als Opfer der Männer im SDS sahen. Doch darauf werde ich erst nächste Woche eingehen. Der heutige Beitrag soll sich ausschließlich der Rezeption widmen.

Daß die „bürgerlichen“ Medien die Rede nur in äußerst verzerrter Form dargestellt haben, ist nicht weiter verwunderlich. Man muß das noch nicht einmal als politische Manipulation interpretieren. Der eigentliche Vorschlag Sanders paßte einfach nicht ins Rezeptionsraster des Journalismus, also wurde eine völlig andere Geschichte daraus. Und das wirklich Schlimme daran ist, daß diese andere, von den Journalisten erfundenen Geschichte die weitere Rezeption der Rede und des Tomatenwurfes dominierte. Und zwar auch auf Seiten der feministischen Geschichtsschreibung.

1975, als sich die junge Frauenbewegung ihrer Geschichte zu versichern begann, wurde die Rede im Frauenjahrbuch 1 erneut vollständig abgedruckt, aber ohne jeden Kontext; Helke Sanders Name wurde nicht erwähnt, genausowenig der von Sigrid Rüger:

„Im Anschluß an ihre Rede bewarf eine Genossin die SDS-Autoritäten mit Tomaten. – dies war die erste Ankündigung einer neuen deutschen Frauenbewegung.“ ([5], S. 15)

Und im Anschluß daran wurde fleißig am Opfermythos gestrickt:

„Dieses Ereignis wurde als ganz unerhört empfunden, als so unglaublich, daß die SDS-Männer, aber auch die anwesenden Frauen, sich zunächst nicht dazu verhalten konnten. So kam es, daß die Rede kein unmittelbares Echo auslöste. Im kleineren Kreis konnten sich die Männer dann allerdings nicht enthalten, höhnische Bemerkungen über die Frauen zu machen. Das gab vielen Frauen den letzten Anstoß, sich in Frauengruppen zusammenzuschließen. Die Frauen waren im SDS so offensichtlich unterdrückt, daß die Idee dazu schon längere Zeit in der Luft lag, spätestens jedoch seit der Gründung des Berliner »Aktionsrat zur Befreiung der Frauen« im Frühjahr 1968.“ ([5], S. 15)

Man fragt sich wirklich, ob die Autorinnen die Rede, die sie abdruckten, eigentlich gelesen hatten.

Diese Verfälschung der Geschichte schaffte es dann auch in die sogenannte seriöse, wissenschaftliche Literatur. In der 1980 erstmals erschienenen Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland von Herrad Schenk wird das Ganze in einem Satz zusammengefaßt:

„1968 hält eine Vertreterin des Berliner »Aktionsrats zur Befreiung der Frau« auf der Delegiertenkonferenz des SDS eine Anklagerede gegen das patriarchalische Gehabe der Genossen und bewirft sie am Ende mit Tomaten.“ ([4], S. 85)

Und dann geht es auch schon weiter mit dem Frankfurter Weiberrat. Nicht nur, daß die ganz konkreten Akteurinnen ihrer Individualität beraubt werden. Auch der Aktionsrat will nun, nach dem Willen von Schenk, nicht mehr die Frauen in all ihrer Unterschiedlichkeit und Vielfalt befreien, sondern ein Abstraktum namens „die Frau“ (den aufmerksamen Leserinnen meines Blogs ist dies wahrscheinlich auch schon beim Zentralrat der sozialistischen Kinderläden aufgefallen, der den Namen des Aktionsrates auf die selbe Art und Weise verunstaltet hatte).

Angesichts dieser Verdrehung des politischen Programms, das Helke Sander für den Aktionsrat formuliert hatte, ist es eine Erleichterung, wenn Helke Sander nächste Woche meint:

„Wenn sich der SDS als ein Verband begreift, der innerhalb der bestehenden Gesellschaft emanzipatorische Prozesse in Gang setzen will, damit eine Revolution überhaupt möglich wird, dann muß der Verband Konsequenzen für seine Politik aus unserer Arbeit ziehen.“ ([3], S. 21)

Nachweise

[1] Hermann, K., „»Was denn nun, Genossen?«“, in: Die Zeit, Jg.21 (1968), Nr.38 (20. September 1968), S.2.

[2] Redaktioneller Beitrag, „Hü und Hott“, in: Der Spiegel, Jg.22 (1968), Nr.39 (23. September 1968), S.77 – 78.

[3] Sander, H.: „Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (1968)“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 12 – 22.

[4] Schenk, H., Die feministische Herausforderung. 150 Jahre Frauenbewegung in Deutschland, München 1981 (2. Aufl.).

[5] Frankfurter Frauen (Hg.), Frauenjahrbuch 1, Frankfurt 1975 (2. Aufl.).

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3. Januar 2014 at 16:59