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Tomaten

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Die Frauenbewegung in der BRD (15)

„Die neue Frauenbewegung entstand in einer bestimmten Phase der antiautoritären Bewegung, zugleich im Widerspruch zu dieser Bewegung und als eine Konsequenz dieser Bewegung“

Sigrid Damm-Rüger

Was bisher geschah: Helke Sander, Mitgründerin des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen und Mitglied des SDS versucht den Berliner Landesverband davon zu überzeugen, daß er sie als Rednerin auf die 23. Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt schickt. Das Vorhaben ist schon fast gescheitert, als eine andere SDS-Genossin mit einer Buttersäure-Attacke droht, falls Helke in Frankfurt nicht reden dürfe.

Diese rothaarige Genossin mit dickem Schwangerschaftsbauch, die Helke Sanders Anliegen unterstützte, war nicht irgendjemand. Es handelte sich dabei um die bereits hier im Blog ansatzweise gewürdigte Sigrid Rüger, eine der zentralen Figuren im Berliner SDS. Ihr Wort hatte Gewicht, und so wurde Helke Sander tatsächlich die Gelegenheit gegeben, am 13. September 1968 in Frankfurt zu reden, direkt vor der großen Rede des SDS-Cheftheoretikers Hans-Jürgen Krahl.

Helke Sanders Rede ist Legende. Sie wurde wieder und wieder nachgedruckt. Und nie wirklich inhaltlich rezipiert. Sie ging unter im Ereignis, das unmittelbar auf sie folgte: Als die Delegiertenversammlung nach Sanders Rede einfach ohne Diskussion in der Tagesordnung fortfahren wollte, kam es zum Eklat. In der Zeit las sich das damals so:

„Geschwängert war die Luft von Havanna- und Roth-Händle-Rauch, theorieschwer die Diskussion – mit Resignation und Euphorie kämpften wortreich die übermüdeten Genossen. Der Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) drohte der revolutionäre Atem auszugehen.
Da meldete sich artig eine Genossin im prallen Umstandskleid, dem Frankfurter Studenten-Idol Hans-Jürgen Krahl eine Zwischenfrage zu stellen. Ob er nichts zur Unterdrückung der Frau in der Gesellschaft und insbesondere im SDS zu sagen habe, wollte sie wissen. Ehe der vielwissende Krahl noch hilflos mit den Schultern zucken konnte, antwortete sie für ihn, attestierte ihm autoritäre Ignoranz und nestelte dabei an einer Einkaufstasche. Sie hielt etwas Rotes in der Rechten, schleuderte dem wortgewandten Mann am Mikrophon erst den Satz entgegen »Du bist objektiv ein Agent des Klassenfeinds« und dann ein paar Tomaten. Eine der Früchte traf den überraschten Krahl voll, die übrigen zerplatzten am – ausschließlich von maskulinen Genossen okkupierten – Präsidiumstisch.
Die Delegiertenkonferenz hatte ihren Höhepunkt.“ ([1])

Natürlich war diese schwangere Genossin erneut Sigrid Rüger. Und was der Artikel völlig unterschlägt, ist die vorausgehende Rede von Helke Sander. Oder vielmehr wird die Rede später mit einem einzigen Satz zitiert, nämlich: „Hier sprecht ihr vom Klassenkampf und mit euren Freunden vom Orgasmus.“ ([1]) Die Unverschämtheit des Zeit-Autors ist wirklich atemberaubend. Zum einen ist das Zitat falsch wiedergegeben und zum anderen aus dem Zusammenhang gerissen. Sander hatte wörtlich gesagt: „Warum sprecht ihr denn hier vom Klassenkampf und zu Hause von Orgasmusschwierigkeiten?“ ([3]) Dabei ging es ihr um die falsche Trennung von Privatem und Politischen. Doch damit nicht genug. Dieses Zitat wird dann noch so hingestellt, als handle es sich um einen Wortbeitrag aus dem Publikum, der nach dem Tomatenwurf von Sigrid Rüger laut geworden sei. Und um das Faß der Frechheiten vollzumachen, wird Sander nur als „fragiles Mädchen“ bezeichnet: Eine dreißigjährige, alleinerziehende Mutter, die eben eine wichtige politische Rede vor den Delegierten des bedeutendsten westdeutschen Studentenverbandes gehalten hat, muß sich von einem dahergelaufenen Journalisten als „Mädchen“ titulieren lassen.

Die Konkurrenz vom Spiegel war auch nicht viel besser. Immerhin wird die Rede thematisiert und Sander beim Namen genannt:

„Die Berliner Filmakademikerin Helke Sander, 30, gab sich am Mikrophon als Mitglied eines »Aktionsrates zur Befreiung der Frau« aus, führte Klage über »Unterdrückung« weiblicher Mitglieder und glaubte in den SDS-Debatten ein Produkt gewisser »Verdrängungsmechanismen« zu erkennen: »Warum sprecht ihr hier von Klassenkampf und zu Hause von Orgasmusschwierigkeiten?« Als Redner Hans-Jürgen Krahl, 25, dazu nichts sagen mochte, sprang vor ihm die rothaarige, hochschwangere Berliner Volkswirtschaftlerin Sigrid Rüger, 29, vom Stuhl und schleuderte mit dem Ruf »Konterrevolutionär… Agent des Klassenfeindes« sechs Tomaten auf Krahl; eine traf ihn, am linken Schlüsselbein.“ ([2], S. 77)

Die Präzision des Spiegels in unwesentlichen Dingen wie der genauen Anzahl der geworfener Tomaten ist wie immer beeindruckend. Auch das „Orgasmus“-Zitat ist hier, im Gegensatz zur Zeit, richtig wiedergegeben. Daß es hingegen überhaupt nicht das Thema von Sanders Rede gewesen war, die Unterdrückung der Frauen im SDS anzuprangern, ganz im Gegenteil, paßt einfach nicht in die Geschichte, die der Reporter erzählen will. Sander hatte ihre Rede, nachdem sie sich als Sprecherin des Aktionsrates vorgestellt hatte, mit den Worten begonnen:

„Wir sprechen hier, weil wir wissen, daß wir unsere Arbeit nur in Verbindung mit anderen progressiven Organisationen leisten können, und dazu zählt unserer Meinung nach heute nur der SDS.“ ([3], S. 12)

Doch das war natürlich keine Story. Tomatenwürfe, in der damaligen Öffentlichkeit verpönte Worte wie „Orgasmus“ und einen einfach zu vermittelnden Konflikt zwischen Männern und Frauen: Darauf fuhren die Reporter ab. Der eigentliche Inhalt von Sanders Rede hingegen fiel komplett unter den Tisch. Denn darin ging es mitnichten darum, daß sich die Frauen als Opfer der Männer im SDS sahen. Doch darauf werde ich erst nächste Woche eingehen. Der heutige Beitrag soll sich ausschließlich der Rezeption widmen.

Daß die „bürgerlichen“ Medien die Rede nur in äußerst verzerrter Form dargestellt haben, ist nicht weiter verwunderlich. Man muß das noch nicht einmal als politische Manipulation interpretieren. Der eigentliche Vorschlag Sanders paßte einfach nicht ins Rezeptionsraster des Journalismus, also wurde eine völlig andere Geschichte daraus. Und das wirklich Schlimme daran ist, daß diese andere, von den Journalisten erfundenen Geschichte die weitere Rezeption der Rede und des Tomatenwurfes dominierte. Und zwar auch auf Seiten der feministischen Geschichtsschreibung.

1975, als sich die junge Frauenbewegung ihrer Geschichte zu versichern begann, wurde die Rede im Frauenjahrbuch 1 erneut vollständig abgedruckt, aber ohne jeden Kontext; Helke Sanders Name wurde nicht erwähnt, genausowenig der von Sigrid Rüger:

„Im Anschluß an ihre Rede bewarf eine Genossin die SDS-Autoritäten mit Tomaten. – dies war die erste Ankündigung einer neuen deutschen Frauenbewegung.“ ([5], S. 15)

Und im Anschluß daran wurde fleißig am Opfermythos gestrickt:

„Dieses Ereignis wurde als ganz unerhört empfunden, als so unglaublich, daß die SDS-Männer, aber auch die anwesenden Frauen, sich zunächst nicht dazu verhalten konnten. So kam es, daß die Rede kein unmittelbares Echo auslöste. Im kleineren Kreis konnten sich die Männer dann allerdings nicht enthalten, höhnische Bemerkungen über die Frauen zu machen. Das gab vielen Frauen den letzten Anstoß, sich in Frauengruppen zusammenzuschließen. Die Frauen waren im SDS so offensichtlich unterdrückt, daß die Idee dazu schon längere Zeit in der Luft lag, spätestens jedoch seit der Gründung des Berliner »Aktionsrat zur Befreiung der Frauen« im Frühjahr 1968.“ ([5], S. 15)

Man fragt sich wirklich, ob die Autorinnen die Rede, die sie abdruckten, eigentlich gelesen hatten.

Diese Verfälschung der Geschichte schaffte es dann auch in die sogenannte seriöse, wissenschaftliche Literatur. In der 1980 erstmals erschienenen Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland von Herrad Schenk wird das Ganze in einem Satz zusammengefaßt:

„1968 hält eine Vertreterin des Berliner »Aktionsrats zur Befreiung der Frau« auf der Delegiertenkonferenz des SDS eine Anklagerede gegen das patriarchalische Gehabe der Genossen und bewirft sie am Ende mit Tomaten.“ ([4], S. 85)

Und dann geht es auch schon weiter mit dem Frankfurter Weiberrat. Nicht nur, daß die ganz konkreten Akteurinnen ihrer Individualität beraubt werden. Auch der Aktionsrat will nun, nach dem Willen von Schenk, nicht mehr die Frauen in all ihrer Unterschiedlichkeit und Vielfalt befreien, sondern ein Abstraktum namens „die Frau“ (den aufmerksamen Leserinnen meines Blogs ist dies wahrscheinlich auch schon beim Zentralrat der sozialistischen Kinderläden aufgefallen, der den Namen des Aktionsrates auf die selbe Art und Weise verunstaltet hatte).

Angesichts dieser Verdrehung des politischen Programms, das Helke Sander für den Aktionsrat formuliert hatte, ist es eine Erleichterung, wenn Helke Sander nächste Woche meint:

„Wenn sich der SDS als ein Verband begreift, der innerhalb der bestehenden Gesellschaft emanzipatorische Prozesse in Gang setzen will, damit eine Revolution überhaupt möglich wird, dann muß der Verband Konsequenzen für seine Politik aus unserer Arbeit ziehen.“ ([3], S. 21)

Nachweise

[1] Hermann, K., „»Was denn nun, Genossen?«“, in: Die Zeit, Jg.21 (1968), Nr.38 (20. September 1968), S.2.

[2] Redaktioneller Beitrag, „Hü und Hott“, in: Der Spiegel, Jg.22 (1968), Nr.39 (23. September 1968), S.77 – 78.

[3] Sander, H.: „Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (1968)“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 12 – 22.

[4] Schenk, H., Die feministische Herausforderung. 150 Jahre Frauenbewegung in Deutschland, München 1981 (2. Aufl.).

[5] Frankfurter Frauen (Hg.), Frauenjahrbuch 1, Frankfurt 1975 (2. Aufl.).

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Written by alterbolschewik

3. Januar 2014 um 16:59

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