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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die Rede

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Die Frauenbewegung in der BRD (16)

„Ich wollte eigentlich Filme machen, und dann habe ich gedacht, vielleicht sollte ich erst mal Politik machen.“

Helke Sander

Was bisher geschah: Helke Sander hält eine Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS im September 1968. Danach wirft Sigrid Rüger Tomaten gegen die Herrenriege auf dem Podium. Das wird in der Presse und später auch in der Geschichtsschreibung als Aufstand der Frauen im SDS gegen die Männer interpretiert und damit als Beginn der autonomen Frauenbewegung.

Doch darum, daß sich die Frauen als Opfer der Männer im SDS fühlten, ging es Helke Sander in ihrer Rede überhaupt nicht. Sogar im Gegenteil. Der Berliner Aktionsrat zur Befreiung der Frauen, erst ein Dreivierteljahr alt, war mit schweren organisatorischen Problem konfrontiert: Die Zahl der Frauen, die im Aktionsrat eine Möglichkeit sahen, sich am politischen Geschehen zu beteiligen, war seit dem Januar 1968 kontinuierlich gestiegen. Und genau dieser Erfolg stellte den Aktionsrat vor organisatorische Probleme. Die ursprüngliche Form eines offenen Plenums war auf die Dauer nicht durchzuhalten. Zum einen war das schlicht ein Problem der Masse. Zum anderen bildeten sich in dieser informellen Struktur sehr schnell Hierarchien heraus. Es gab einerseits Frauen, die aus individueller Betroffenheit zum Aktionsrat gestoßen waren, die aber wenig bis keine politische und theoretische Vorbildung hatten. Auf der anderen Seite gab es Frauen, die schon länger im SDS organisiert waren und den anderen sowohl inhaltlich wie auch rhetorisch deutlich überlegen waren. Ein internes Dokument vom Oktober 1968 beschreibt den Zustand sehr eindrücklich:

„Eine Zeitlang waren die Mittwochsveranstaltungen von den selbstgefälligen Paraden dieser Frauen geprägt. Die unbedingt notwendige Vermittlung der Kenntnisse und Erfahrungen dieser Frauen, die den Aktionsrat hätten gestalten können, fand auf diesem Wege nicht statt. Es stellte sich keine solidarische organisatorische Struktur her, sondern eine in hohem Maß autoritäre. Die Folge war, daß sich der Aktionsrat sehr schnell in viele einzelne Arbeitskreise aufsplitterte.“ ([2], S. 58f)

Flügelkämpfe und Zersplitterung prägten das innere Bild des Aktionsrates im Herbst 1968. Damit war der Aktionsrat allerdings nicht allein. Im SDS herrschten ähnliche Zustände. Einem internen Papier zufolge war der Höhepunkt der Bewegung der Vietnamkongreß vom Februar 1968, danach ging es bergab:

„Überall zeigten sich kurzfristig nicht bewältigbare Organisationsprobleme. Das Attentat auf Dutschke leitete eine.Übersprungphase ein. In einer spontanen Massenaktion […] wurde der Anspruch der Herbstresolution: Kampf den Manipulateuren, erfüllt. Sie überforderte jedoch gleichzeitig die theoretischen und organisatorischen Kräfte. Den neuen Ansprüchen konnte nur in einer Höhepunktsakrobatik begegnet werden. Die Anspannung der Kräfte an Ostern mußte bis zum Sternmarsch im. Mai aufrechterhalten werden. Die Gruppen versuchten das mit Informationsstrategien, Aktionspermanenz und Gewinntaktiken zu gewährleisten. Die Folge war: Aufschub der Organisationsprobleme, Kräfteverschleiß, Argumentationsverflachung durch die Heterogenität der Handlungsbasis. Das Ende der Akrobatik war der Fall in Apathie, Passivität, Resignation und Stagnation. […] Die Überbeanspruchung führte zu einem zeitweiligen Kollaps des Selbstbewußtseins und des Aktionswillens, damit zu einem Theorievakuum, zu Organisationslethargie und zu Aktionsunfähigkeit.“ ([1], S. 3)

Es ist diese desolate Situation, in deren Rahmen Helke Sanders Rede entstanden ist. Und man versteht diese Rede nicht, wenn man diese Situation nicht vor Augen hat. Sander kam nicht als Bittstellerin, als armes Opfer männlicher Machenschaften nach Frankfurt auf die Delegiertenkonferenz. Sie wußte genau, in welchem Zustand der SDS war:

„Genossen, eure Veranstaltungen sind unerträglich. Ihr seid voll von Hemmungen, die ihr als Aggressionen gegen die Genossen auslassen müßt, die etwas Dummes sagen oder etwas, was ihr schon wißt. […] Warum sagt ihr nicht endlich, daß ihr kaputt seid vom letzten Jahr, daß ihr nicht wißt, wie ihr den Streß länger ertragen könnt, euch in politischen Aktionen körperlich und geistig zu verausgaben, ohne damit einen Lustgewinn zu verbinden. Warum diskutiert ihr nicht, bevor ihr neue Kampagnen plant, darüber, wie man sie überhaupt ausführen soll? Warum kauft ihr euch denn alle den Reich? Warum sprecht ihr denn hier vom Klassenkampf und zu Hause von Orgasmusschwierigkeiten? Ist das kein Thema für den SDS?“ ([4], S. 17f)

Dies ist der Kernpunkt, um den es Sander in ihrer Rede ging: Die Trennung von scheinbar Privatem auf der einen und dem angeblich Politischen auf der anderen Seite. Das war, zumindest in der antiautoritären Fraktion des SDS nicht unbedingt eine Neuheit. Bereits ein Jahr zuvor hatten Dutschke und Krahl auf der 22. Delegiertenkonferenz erklärt:

„Wir wissen sehr genau, daß es viele Genossinnen und Genossen im Verband gibt, die nicht mehr bereit sind, abstrakten Sozialismus, der nichts mit der eigenen Lebenstätigkeit zu tun hat, als politische Haltung zu akzeptieren.“ ([3], S. 95)

Und die Kommune-Diskussion, die 1966 beim Treffen in Kochel begonnen hatte, war ja bereits in diese Richtung gegangen. Die Erweiterung des traditionellen Politikbegriffs, der nun auch den Alltag mit einschließen sollte, war also zu dem Zeitpunkt, als Sander ihre Rede hielt, nicht mehr ganz neu. Neu war hingegen, daß dieses Konzept einer Revolutionierung des Alltags mit einer konkreten politischen Strategie verknüpft wurde. Sander sah – und das war politisch mehr als hellsichtig – gerade in der Situation der Frauen ein gesellschaftsveränderndes Potential. Zwar widersprach das allen gängigen sozialistischen Theorien, doch die Praxis des Aktionsrates hatte gezeigt, daß gerade bei den Frauen mit Kindern ein Leidensdruck herrschte, der in politisches Bewußtsein und längerfristig in politisches Handeln verwandelt werden konnte. Sander berichtete aus der Praxis des Aktionsrates:

„Da die Bereitschaft zur Solidarisierung und Politisierung bei den Frauen mit Kindern am größten ist, weil sie den Druck am meisten spüren, haben wir uns in der praktischen Arbeit bisher auf ihre Konflikte konzentriert. Das heißt nicht, daß wir die Konflikte der Studentinnen ohne Kinder nicht wichtig nehmen, heißt nicht, daß wir nicht trotz der gemeinsamen Merkmale aller Frauen in der Unterdrückung der klassenspezifischen Unterdrückungsmechanismen übersehen, es heißt lediglich, daß wir eine möglichst effektive Arbeit leisten wollen.“ ([4], S. 16)

Sanders Vorschlag bestand im wesentlichen darin, den SDS aufzufordern, gemeinsam in diese Richtung zu marschieren. Der Aktionsrat hatte einen Schwachpunkt innerhalb des kapitalistischen Reproduktionsprozesses gefunden, der politisch ausnutzbar war: Die Reproduktion der Arbeitskraft in der Familie. Und dieser Konflikt war nicht nur objektiv vorhanden, wie der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeiterklasse, sondern auch subjektiv. Immer mehr Frauen mit Kindern hatten die Nase gestrichen voll und waren willens, an ihrer Situation etwas zu ändern. Und genau das versuchte Sander den Genossen klarzumachen:

„Die Hilflosigkeit und Arroganz, mit der wir hier auftreten müssen, macht keinen besonderen Spaß. Hilflos sind wir deshalb, weil wir von progressiven Männern eigentlich erwarten, daß sie die Brisanz unseres Konfliktes einsehen. Die Arroganz kommt daher, daß wir sehen, welche Bretter ihr vor den Köpfen habt, weil ihr nicht seht, daß sich ohne euer Dazutun plötzlich Leute organisieren, an die ihr überhaupt nie gedacht habt, und zwar in einer Zahl, die ihr für den Anbruch der Morgenröte halten würdet, wenn es sich um Arbeiter handeln würde.“ ([4], S. 17)

Wenn nun Aktionsrat und SDS zusammenarbeiten würden, so Sanders Hoffnung, hätten beide eine Chance, sich aus ihren organisatorischen Problemen herauszuarbeiten und eine gemeinsame, langfristig angelegte Strategie zu entwickeln.

Wie diese Strategie aussehen sollte und wie der SDS auf diesen Vorschlag reagierte, erfahren Sie nächste Woche, wenn Sander erklärt:

„Im Augenblick haben wir der Arbeiterschaft nichts zu bieten. Wir können nicht Arbeiterkinder in unsere Kinderläden nehmen, wo sie ein Verhalten lernen, für das sie zu Hause bestraft werden.“ ([4], S. 20)

Nachweise

[1] Anonym [Klaus Theweleit?], Arbeitspapier zur Beurteilung der 23. o. DK und der Lage der Gruppen, o.O. o.J. (1968).

[2] Conradt, L.: „Beitrag zur Organisationsdebatte (Oktober 1968)“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 58 – 63.

[3] Dutschke, R.: „Das Sich-Verweigern erfordert Guerilla-Mentalität“, in: Dutschke, R., Geschichte ist machbar, Berlin 1992, S. 89 – 95.

[4] Sander, H.: „Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (1968)“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 12 – 22.

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Written by alterbolschewik

10. Januar 2014 um 17:47

Veröffentlicht in Feminismus

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5 Antworten

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  1. Dank für diesen Blog, namentlich für Diese Serie. Der Name Sander war mir unbekannt. Ich kannte nur den Tomatenwurf. Das bestätigt natürlich ihre Diagnose des grundlegend falsch liegenden kollektiven Gedächnisses diese Zeit betreffend. Flotter ausgedrückt: 1968 goes(went) Guido Knopp; alles, was als illustres Bildmaterial vorliegt, triggert(e) das kollektive Erinnern. Und verdeckt Unbebildertes. Verdienstvoll daher Ihr gelungener Versuch, der Macht der ewig gleichen Bilder Fundiertes entgegenzusetzen.
    Die Erinnerung an 68 ist übrigens schwarz/weiß – wenn das nicht eine ungewollte und deswegen so passende Metapher ist.

    Die Macht der Bilder, gilt das nicht für alle Zeiten? Denken Sie Genscher auf dem Balkon in Prag. Das wird ja auch kausal verstanden: Er habe die Tür aufgemacht. Sieht man ja im TV!
    Folglich könnte Aufklärung evtl. auch bedeuten, sich der Macht der eindeutigen Bilder zu widersetzen.

    Mein erster Kommentar hier auf einem Blog, den ich schon länger lese. Ich hoffe, ich störe nicht.

    summacumlaudeblog

    15. Januar 2014 at 8:30

    • Leser und Leserinnen stören nie, solche die kommentieren, schon gar nicht. Ich freue mich, wenn etwas, in das ich doch ein gerüttelt Maß meiner Freizeit reinstecke, dem einen oder der anderen etwas gibt – auch wenn ich’s primär aus eigenem Erkenntnisinteresse mache.

      In der Tat geht es mir hier unter anderem darum, die Eindimensionalität des Blickes auf ’68 aufzubrechen, auch in meinem eigenen Kopf. Für mich war Helke Sander ebenfalls eine echte Entdeckung, die es verdiente, im öffentlichen Diskurs über 68 präsenter zu sein. An ihr lag’s nicht: Falsche Bescheidenheit ist, glaube ich, keine ihrer hervorstechendsten Eigenschaften. Ich kann auch nur wärmstens die DVD-Box „Helke Sander“ empfehlen, die 16 ihrer Filme enthält, unter anderem „Der subjektive Faktor“, der die hier im Blog geschilderten Ereignisse filmisch verarbeitet.

      alterbolschewik

      15. Januar 2014 at 17:14

  2. Uuups – für mich war Helke Sanders aber seit ich 18 war sowas von präsent, eine absolute Schlüsselfigur der antiautoritären Linken. Lesenswerte Dokumentensammlung zu dem Thema, antiquarisch sicher noch erhältlich: Elefantenpress, Che, Shah, Shit, die 60er Jahre zwischen Cocktail und Molotow.

    che2001

    16. Januar 2014 at 16:42

    • Ich kannte Sander nur dem Namen nach und wußte, daß sie diese berühmt-berüchtigte Rede gehalten hat. Die Details, das ganze Umfeld waren mir ziemlich fremd. Sander finde ich eine wirklich ganz typische 68erin, und zwar in dem Sinn, daß an ihr überhaupt nichts typisch ist, sondern daß sie sich mit ihrer ganzen Individualität in die Bewegung eingebracht hat.

      Diese ganzen Elefantenpress-Bilder-Lesebücher sind streckenweise erstaunlich gut. Man findet dort nicht nur kompetente Aufsätze, sondern vor allem auch Quellen und Dokumente, die sonst sehr schwer aufzutreiben sind.

      alterbolschewik

      17. Januar 2014 at 17:18

  3. Für mich prägten die mein Geschichtsbild. Die waren sogar im Historischen Seminar in Göttingen wesentliche Quellen.

    che2001

    21. Januar 2014 at 0:32


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