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Eine falsche Diskussion

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Die Frauenbewegung in der BRD (17)

„Die Reaktion der Männer auf der DK […] zeigt, daß noch erst ganze Güterzüge von Tomaten verfeuert werden müssen, bis da etwas dämmert“

Ulrike Meinhof

Was bisher geschah: Helke Sanders Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz stilisierte die Frauen keineswegs zum Opfer patriarchalischer Unterdrückung im SDS. Stattdessen verwies sie darauf, daß der SDS ein strategisches und organisatorisches Problem hätte. Und deshalb bot sie die Hilfe des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen an.

Die Perspektive, die Sander dann beschwor und für die sie im SDS für Zusammenarbeit warb, knüpfte nahtlos an antiautoritäre Zielsetzungen an:

„Wir wollen versuchen, schon innerhalb der bestehenden Gesellschaft Modelle einer utopischen Gegengesellschaft zu entwickeln. In dieser Gegengesellschaft müssen aber unsere eigenen Bedürfnisse endlich einen Platz finden.“ ([4], S. 18)

Das sind zwei ganz entscheidende Punkte. Zum einen wird einer bürokratisch-technischen Vorstellung von Revolution eine Absage erteilt. Es kann nicht einfach darum gehen, die eine große Revolution organisatorisch vorzubereiten, in der die herrschenden Verhältnisse in einem Handstreich umgestürzt werden. Es geht vielmehr darum, Dinge schon im hier und jetzt anders zu machen, den herrschenden Institutionen eigene Institutionen entgegenzusetzen. Die Kinderläden, die der Aktionsrat initiiert hatte, sind für Sander solche Gegeninstitutionen. Der zweite Punkt ist aber ebenso wichtig: Dabei die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und einen Raum zu schaffen, in dem sie sich artikulieren können. Und genau hier trat dann auch der Konflikt mit den Männern auf, die sofort, nachdem sie die Relevanz der Kinderläden erkannt hatten, diese in eine Strategie der Arbeiteragitation umwidmen wollten. Sander erteilt dieser Politik eine strikte Absage:

„Im Augenblick haben wir der Arbeiterschaft nichts zu bieten. Wir können nicht Arbeiterkinder in unsere Kinderläden nehmen, wo sie ein Verhalten lernen, für das sie zu Hause bestraft werden.“ ([4], S. 20)

Doch diese richtige Einsicht hinderte die Männer nicht daran, die Arbeit des Aktionsrates in eigener Regie übernehmen zu wollen. Und leider gelang ihnen das oft genug allzu leicht:

„Aufgrund ihrer gewandteren Formulierungen übernehmen sie in manchen Arbeitskreisen die Führung, wogegen viele Frauen nach wie vor hilflos sind.“ ([4], S. 20)

Dabei, so Sanders Diagnose, sind diese Machtansprüche auch nur ein Versuch, die eigenen Probleme zu übertünchen:

„Der Versuch, möglichst schnell andere Bevölkerungsschichten mit unseren Kinderläden zu erfreuen, mag darauf zurückzuführen sein, daß sich die Männer nach wie vor weigern, ihre eigenen Konflikte zu artikulieren.“ ([4], S. 20)

Denn der Bruch, der die alte Gesellschaft von einer hypothetischen neuen trennt, läuft mitten durch die Individuen. Es geht nicht nur darum, neue Institutionen zu schaffen. Vielmehr müssen sich die Menschen im Prozeß, in dem sie neue Institutionen schaffen, selbst verändern. Es sind die anerzogenen Verhaltensweisen der kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaft, die auch die selbst ernannten Revolutionäre prägen. Individuelle Veränderungsprozesse müssen deshalb selbst Teil der politischen Strategie zur Überwindung bestehender gesellschaftlicher Strukturen sein. Aus diesem Grund ist der gesamte Erziehungssektor ein entscheidender Hebel zur Veränderung der Gesellschaft:

„Die Kinder, die jetzt in unseren Läden sind, werden sich nicht mehr in die gewöhnlichen Schulen einfügen. Die Eltern dieser Kinder werden die bestehenden Schulen nicht mehr hinnehmen. Durch die breite Basis, die wir den Läden geben wollen, versuchen wir eine breite Basis für den Konflikt an den Volksschulen zu schaffen. Dieser Konflikt wird Wirkungen haben, die sich zeigen bei den Kindern und Eltern, die nicht durch unsere Läden gegangen sind.“ ([4], S. 20)

Und daraus ergibt sich für Helke Sander dann die Notwendigkeit, über politische Strategien zu diskutieren, und in dieser Diskussion die Perspektive des Aktionsrates mit zu berücksichtigen. Zum Schluß ihrer Rede führt sie einige strategische Optionen des SDS auf und kontert diese mit einem eigenen Vorschlag, nämlich einer „Verbreiterung der Basis der Kindergärten“ ([4], S. 21). Und ihr Argument dafür ist, man müsse sich auf „die gesellschaftlichen Bereiche konzentrieren, die den Angelpunkt bilden, die Machtstrukturen zu verewigen.“ ([4], S. 22) Nicht mehr und nicht weniger war der Sinn von Sanders Rede: In der Diskussion um strategische Optionen des SDS möge doch bitte auch dieser Vorschlag des Aktionsrates berücksichtigt werden.

Doch genau das wurde nicht verstanden. Schon damals nicht, als diese Rede gehalten wurde, und erst recht nicht später. Eine der größeren Absurditäten ist in dieser Hinsicht der Abdruck von Sanders Rede in Ilse Lenz‘ Quellen-Dokumentation zur Frauenbewegung in Deutschland ([5], S. 38ff). Nicht nur, daß die Rede im Kapitel Diskurse über Geschlecht, Autonomie und Gleichheit abgedruckt wird statt im Kapitel Einmischung in die Politik, wo sie hingehört hätte. Nein, Lenz kürzt die Rede auch noch um gerade den Abschnitt, in dem Sander ihren Diskussionvorschlag formuliert. Und so bleiben in der von Lenz gekürzten Fassung Sanders Schlußworte ziemlich unverständlich:

„Genossen, wenn ihr zu dieser Diskussion, die inhaltlich geführt werden muß, nicht bereit seid, dann müssen wir allerdings feststellen, daß der SDS nichts weiter ist als ein aufgeblasener kontrrevolutionärer Hefeteig.
Die Genossinnen werden dann die Konsequenzen zu ziehen wissen.“ ([4] , S. 22)

Diese Sätze werden zwar immer wieder zitiert, doch dabei wird immer unterstellt, die Diskussion, um die es jetzt gehen müsse, sei die über das Verhältnis von Männern und Frauen im SDS, und nicht, wie von Sander gewollt, eine Diskussion über politische Strategien, in der die Frauenperspektive eine entscheidende Rolle spielen sollte.

Es ist bekannt, daß zunächst die Diskussion unterblieb; und als Sigrid Rüger dann mit ihren Tomaten eine solche erzwang, wurde eben nicht über politische Strategien diskutiert, sondern über das Dominanzverhalten der Männer im SDS. Und naturgemäß kam bei dieser Diskussion nichts Konstruktives heraus:

„Reimut Reiches Vorschlag für die Frauen, doch einfach den Geschlechtsverkehr zu verweigern, bestätigte Helke Sanders Vorwurf, daß die Männer den Konflikt noch ganz verdrängen, wollte auch er ihn doch in jene Privatsphäre zurückverweisen, aus der er eben erst durch Referat mit Tomaten ausgebrochen war.“ ([1], S. 166)

Auch nicht intelligenter war Fritz Teufel,

„der sich anderntags mit einer Spielzeug-MP nebst Zielfernrohr in die Diskussion über den »genitalen Primat des Mannes« im SDS einschaltete. Teufel empfahl, alle Genossinnen auszuschließen, »weil sie doch nur die patriarchalischen Strukturen im Verband verschleiern« und im übrigen »noch entfremdeter und blöder daherquatschen als die Genossen«.“ ([2] , S. 77f)

Das mag satirisch gemeint gewesen sein, brachte aber auch keinen politischen Mehrwert.

Über Sanders konkreten Vorschlag hätte man diskutieren können, über die patriarchalen Strukuren im SDS nur sehr schwer und sicherlich nur nach längerer Vorbereitung. Tatsächlich ging noch gut ein Jahrzehnt ins Land, bis es auf diese Frage einen institutionelle Antwort gab: Bei ihrer Gründung beschloß die Partei Die Grünen, nach einem Jahrzehnt Frauenbewegung, eine Frauenquote. 1968 wäre das im SDS noch undenkbar gewesen.

Es ist andererseits unrealistisch anzunehmen, daß die von Sander gewünschte Diskussion darüber, wie man in einer zukünftige Strategie des SDS die spezifische Situation der Frauen berücksichtigen könne, den SDS wirklich aus seiner Lähmung befreit hätte. Seit dem Generalstreik in Frankreich stand das Proletariat für die radikale Linke viel zu explizit als Projektionsfläche im Raum, als daß sich der Blick tatsächlich auf die Frauen hätte lenken können. Die Männer mußten erst noch das politische Potential entdecken, das in den Frauen steckte.

Letztere bewiesen ihre Talent zum politisch-strategischen Denken im Frühjahr des nächsten Jahres – ohne den SDS. Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen eine große Aktion plant:

„Man stelle sich vor, Berlin wird an einem Tag von den Frauen lahm gelegt.“ ([3], S. 172)

Nachweise

[1] Meinhof, U. M.: „Die Frauen im SDS oder In eigener Sache“, in: Becker, B. (Hg.), Unbekannte Wesen. Frauen in den 60er Jahren, Berlin 1987, S. 166.

[2] Redaktioneller Beitrag, „Hü und Hott“, in: Der Spiegel, Jg.22 (1968), Nr.39 (23. September 1968), S.77 – 78.

[3] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

[4] Sander, H.: „Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (1968)“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 12 – 22.

[5] Lenz, I. (Hg.), Die Neue Frauenbewegung in Deutschland, Wiesbaden 2009.

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Written by alterbolschewik

17. Januar 2014 um 17:11

Veröffentlicht in Feminismus

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