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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Streik!

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Die Frauenbewegung in der BRD (18)

„Die Situation in den städtischen Kindertagesstätten ist seit langem sowohl für die Kinder, als auch für die Kindergärtnerinnen untragbar.“

Arbeitskreis der Kindergärtnerinnen im Republikanischen Club

Was bisher geschah: Helke Sander hielt auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS eine Rede, in der sie die Diskussion einer strategischen Ausrichtung des SDS an Frauenfragen einforderte. Diese Diskussion wurde nicht geführt. Stattdessen gab es, nach den Tomatenwürfen von Sigrid Rüger, eine ergebnislose Diskussion über die Rolle der Frauen im SDS.

Auch wenn auf der Delegiertenkonferenz des SDS nicht über das diskutiert wurde, was Helke Sander im Sinn gehabt hatte, so blieb die Konferenz nicht völlig ergebnislos. Die Idee einer Selbstorganisation von Frauen, wie sie der Berliner Aktionsrat zur Befreiung der Frauen vorexerziert hatte, verbreitete sich dank dieser Konferenz in weitere Städte, in denen sich nun auch Frauengruppen bildeten. Von wenigen Ausnahmen abgesehen – auf die ich zu einem späteren Zeitpunkt noch eingehen will – wurden diese Gruppen in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen und arbeiteten zunächst unterhalb der medialen Aufmerksamkeitsschwelle.

Was aber den Versuch betraf, dem SDS eine neue strategische Ausrichtung zu geben, muß Sanders Rede als Mißerfolg gewertet werden. Eine gemeinsame politische Strategie von Männern und Frauen zusammen, die auf der Einsicht beruhte, daß Frauen die am leichtesten zu mobilisierende Bevölkerungsgruppe seinen, wurde nicht entwickelt. Die Frauen mußten den Kampf alleine aufnehmen.

Das taten sie dann auch, und zwar mit einer Aktion, die, wenn sie funktioniert hätte, durchaus spektakulär gewesen wäre: Ein Streik der Kindergärtnerinnen.

„Dieser Streik auf den zwei Jahre lang hingearbeitet wurde, hätte einen großen Teil der Berliner Wirtschaft für einen Tag lahmgelegt, da an diesem Tag alle die Mütter der bestreikten Kindergärten nicht zur Arbeit hätten gehen können und ein großer Teil dieser Frauen den Streik unterstützte. Mit dieser Machtdemonstration durch den Streik der Frauen — bei gleichzeitigem Arbeitskräftemangel — hätten dann, nach der Strategie des Aktionsrates, die Voraussetzungen geschaffen werden sollen, mit Selbstbewußtsein und dem schon erbrachten Beweis einer Stärke den Kampf gegen Leichtlohngruppen und andere, Frauen diskriminierende und unterdrückende Zustände zu beginnen.“ ([2], S. 41)

Soweit die Theorie. Ich will mich in diesem und den folgenden Beiträgen etwas genauer mit der Entstehung und dem Verlauf des Kindergärtnerinnenstreiks beschäftigen. Und es sind nicht nur nostalgische Gründe, die mich nach 45 Jahren bewegen, mich noch einmal ausführlich mit einem gescheiterten Streik zu befassen, der heute praktisch völlig vergessen ist. Denn in diesem Streik werden einige wesentliche Aspekte dessen sichtbar, was das historisch Neue an den antiautoritären Bewegungen war, warum sie so bedeutsam waren und warum vieles von dem, was damals erstmals gedacht und propagiert wurde, bis heute relevant ist.

Der Streik der Kindergärtnerinnen macht das exemplarisch deutlich, wenn man die Hauptkonfliktlinie in dieser Auseinandersetzung betrachtet. Denn im Gegensatz zu dem, was man erwarten könnte, war der Hauptgegner keineswegs der Arbeitgeber, also der Berliner Senat. Vielmehr eskalierte im Verlauf der Streikvorbereitung ein Konflikt zwischen der alten und der neuen Linken, zwischen den antiautoritären Kindergärtnerinnen und den Gewerkschaften, die in dieser Auseinandersetzung eine äußerst unrühmliche Rolle spielten.

Allerdings muß ich in diesem Zusammenhang auf eine Schieflage hinweisen, die aufgrund des mir vorliegenden Quellenmaterials entsteht. Ich habe, um die Geschichte dieser Auseinandersetzung zu rekonstruieren, nur Zugang zu Dokumenten, die von Seiten der Kindergärtnerinnen kommen. Die Sichtweise der Gewerkschaften ist deshalb klar unterrepräsentiert. Ich kann nur hoffen, daß sich irgendwann einmal eine Historikerin auch mit der gewerkschaftlichen Seite beschäftigt, um das Bild zu komplettieren. Bis dahin steht die folgende Darstellung unter einem gewissen Vorbehalt. Hinzukommt, daß es sich bei den Materialien der Kindergärtnerinnen um mehr oder minder offizielle Verlautbarungen handelt. Was interne Konflikte betrifft, bin ich ebenfalls auf Mutmaßungen angewiesen. Das betrifft vor allem das Verhältnis des Aktionsrates zu den Kindergärterinnen. Doch zur Sache…

Bereits in ihrer Rede auf der Delegiertenkonferenz hatte Helke Sander darauf hingewiesen, daß der Aktionsrat über den eigenen Tellerrand hinausblicke:

„Wir […] organisieren Kindergärtnerinnen bzw. helfen den Kindergärtnerinnen, sich selber zu organisieren.“ ([3], S. 19)

Das war durchaus im Einklang mit der Strategie der antiautoritären Bewegungen in der ersten Hälfte des Jahres 1968. Es galt, die Basis der Bewegungen über das universitäre Milieu hinaus zu verbreitern. Was aber bei manchen in einem abstrakten Proletariatskult endete, war bei den Frauen durchaus erfolgreich:

„Wir vom Aktionsrat haben ja nicht nur die Mütter angesprochen, sondern auch die Erzieherinnen, und zwar schon mit dem zweiten Flugblatt, das wir gemacht haben. Sie trafen sich dann über ein Jahr lang auch im Republikanischen Club.“ ([4], S. 170)

Ganz offensichtlich ließen sich die Kindergärtnerinnen aber auch nicht vom Aktionsrat vereinnahmen, sondern organisierten sich eigenständig. Im ersten veröffentlichten Papier der Kindergärtnerinnengruppe wurde der Aktionsrat überhaupt nicht erwähnt. Da hieß es vielmehr lapidar:

„Seit dem Frühjahr 1968 besteht eine Arbeitsgruppe von Kindergärtnerinnen, die sich jeden Montag um 20 Uhr im Republikanischen Club trifft, um die Arbeitssituation und die pädagogischen Methoden in der Kindertagesstätte zu analysieren.“ ([1], S. 11)

Mehr als einen ersten Anstoß zur Organisierung der Kindergärtnerinnen scheint der Aktionsrat also nicht gegeben zu haben. Er wird sich aber, als die Streikvorbereitungen dann konkret werden, massiv unterstützend einklinken. Doch dazu in einer den nächsten Folgen.

Das erste Jahr, in dem sich die Kindergärtnerinnen im Republikanischen Club trafen, diente offensichtlich zunächst einmal der Selbstverständigung. Die Gruppe gab sich selbst ein Untersuchungsprogramm auf, das durchaus anspruchsvoll war. Vier Fragekomplexe sollten genauer untersucht werden:

„1. Die Kindertagesstätten in unserer Gesellschaft (ihre Funktion in Bezug auf die Kinder, die Frauen und die Wirtschaft),
2. Die Kindergärtnerin (ihre gesellschaftliche Rolle, ihr Selbstverständnis und Ausbildungsprobleme)
3. Die Kindertagesstätten des Senats (Räume, Belegung und Wartelisten, personelle Besetzung, Arbeitszeit und Tarifvertrag, Hierarchie und Bürokratie),
4. Die pädagogischen Methoden in den Kindertagesstätten (gesetzlicher Erziehungsauftrag und Erziehungskonzept der Kindertagesstätten, Anwendung psychologischer und pädagogischer Erkenntnisse, Wirkung auf die Kinder und gesellschaftliche Folgen).“ ([1], S. 11)

Dieser Katalog weist ganz offensichtlich über klassisch gewerkschaftliche Fragestellungen hinaus. Fragen nach dem Personalschlüssel, der Arbeitszeit und der Bezahlung spielen nur eine Nebenrolle. Diese harten, quantifizierbaren Themen werden zwar auch angesprochen, firmieren aber nur als Nebenaspekte einer viel weitergehenden Auseinandersetzung mit dem Erzieherinnenberuf: Was ist eigentlich unsere gesellschaftliche Funktion als Erzieherinnen? Wieso leistet sich der Staat Kindertagesstätten, welche Absichten werden damit verfolgt? Und sind das auch unsere Absichten, ist es das, weshalb wir diesen Beruf ergriffen haben? Abstrakter formuliert ging es darum, die eigene Rolle im gesellschaftlichen Ganzen zu reflektieren und damit sowohl dieses Ganze wie auch die eigene Rolle darin zu problematisieren. Das war neu.

Eine solche Problematisierung erfordert aber einen völlig anderen Horizont als den der klassischen Gewerkschaftspolitik. Letztere orientierte sich am Bestehenden, um im Rahmen dieses Bestehenden in einzelnen Punkten Verbesserungen für die Arbeitenden zu erzielen. Der antiautoritäre Ausgangspunkt war aber nicht das Bestehende, sondern eine zukünftige freie Gesellschaft. Und so wurde unter der Prämisse, daß Gesellschaft auch anders funktionieren könnte, die konkrete Ausübung der eigene Tätigkeit daraufhin hinterfragt, ob sie eher dem Bestehenden oder einem Zukünftigen diene.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn die Erzieherinnen (selbst-)kritisch bemerken:

„In der Praxis liegt allzuhäufig der Schwerpunkt auf der Aufbewahrung der Kinder. Wo darüber hinaus der Anspruch erhoben wird, pädagogische Arbeit zu leisten, bezieht sich diese auf die Anpassung des Kindes an bestehende Verhältnisse.“ ([1], S. 10)

Nachweise

[1] Anonym, „Sozialpädagogen: Zur Situation der Westberliner Kindergärten“, in: Berliner Extra-Dienst, Jg.3 (1969), Nr.13 (12. Februar 1969), S.10 – 11.

[2] Sander, H., „Mütter sind politische Personen“, in: Courage, Jg.3 (1978), Nr.9 (September 1978), S.38 – 42.

[3] Sander, H.: „Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (1968)“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 12 – 22.

[4] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

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Written by alterbolschewik

24. Januar 2014 um 16:36

Veröffentlicht in Feminismus

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2 Antworten

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  1. Znächst Dank für Ihr tapferes Weiterführen der spannenden Serie.

    Als jemand, der selbst ein paar Kinder in die Welt setzte und in der Folge u.a. auch die Neugründung eines Kinderladens mit betrieb (also durchaus zu Recht sich in der Nachfolge des beschriebenen Beginns einer alternativen Kinderbetreuung sieht) nur einige Gedanken: Der von Ihnen geschilderte, umfassende Entwurf, die seinerzeit notwendige Erneuerung der Kinderbetreuung mit einem allgemeinen Wandel der Gesellschaft zu verknüpfen, fehlt heute.

    Dabei wäre es durchaus an der Zeit, diese weiter fassende Sicht zu reaktivieren. Zwar werden mittlerweile ausgeklügelste, pädagogische Konzepte (Naturpädagogik, Montessori um nur wahllos einiges zu nennen) verfolgt, die ihren Ursprung durchaus im Aufbruch 1968 haben.
    Allerdings sind diese Konzepte mittlerweile auch gesellschafts- und wirtschaftskompatibel angelegt, allen zunächst alternativ erscheinenden Grundvorraussetzungen zum Trotz. Will ein wenig polemisch sagen: Auch die aus dem alternativen Ansatz heraus geborenen Kinderläden schielen nun auf das survival of the fittest-Programm der Gesellschaft. Vorschulmusik um die Kleinsten zu fördern (um mal das die gesamte Pädagogik dominierende Wort ins Spiel zu bringen!!!), Optimierung der Jüngsten für die erwarteten Verteilungsschlachten von morgen.
    Das ganze garniert mit angeblichen Erkenntnissen der Hirnforschung (O-Ton der Grundschullehrerin 1.Klasse unserer Töchter: „Frühförderung ist wichtig, das hat die Hirnforschung bewiesen!“).
    Hirnforschung hat bewiesen? Als ein Arzt, der einst auch in der Neuropathologie arbeitete (also in der klinischen Hirnforschung) nur soviel: Bei den widersprüchlichen Ergebnissen der Disziplin, die man im allg. Hirnforschung nennt, sucht sich ein jeder das aus, was ihm ideologisch in den Kram passt. Und da sind die Frühoptimierer und Synapsen-Builder natürlich ganz vorne mit dabei…
    Mag aber sein, dass wir den peak dieser schlimmen Entwicklung erreicht haben. Zumindest hoffe ich das.

    So, das wars. Ich bin nach dem Lesen Ihres Artikels gedanklich ein wenig abgeschweift und habe die Verbindung zur Gegenwart gezogen. Es möge erlaubt sein.
    Grüße.

    summacumlaudeblog

    24. Januar 2014 at 18:59

    • Tatsächlich drängt sich der Vergleich mit der Gegenwart auf – auch wenn ich meine Informationen eher aus den Medien als aus persönlichem Erleben beziehe.
      Zum einen gibt ganz offensichtlich Parallelen zur damaligen Zeit: Auch damals fand ein massiver Ausbau der Kinderbetreuung statt – einfach, weil man die weiblichen Arbeitskräfte brauchte. Das wird heute zwar pseudo-feministisch verbrämt mit „Vereinbarung von Karriere und Familie“, aber der zugrunde liegende Ziel ist das selbe: Zugriff auf die weibliche Arbeitskraft. Doch zum anderen kommt, im Gegensatz zu damals, heute von progressiver oder linker Seite überhaupt keine Kritik mehr daran. Die Kritik des ökonomischen Kalküls wird heute ausschließlich den Konservativen überlassen. Und damit wird die gesellschaftliche Debatte auf die bedeutungslose Alternative von Kita einerseits und Betreuungsgeld andererseits beschränkt.

      Das war damals anders: Die Betreuung in den Kitas wurde bejaht, aber es wurden gleichzeitig die real existierenden Kitas kritisiert und andere Kitas gefordert, die eine dem kapitalistischen Leistungsprinzip entgegengesetzte Erziehung leisten sollten. Ich werde das nächste Woche noch genauer ausführen.

      Heute stellt sich, wo weit ich das sehe, niemand die Frage, ob es nicht Aufgabe der Kita wäre, Kinder zu einem nicht leistungsbezogenen, dafür aber solidarischen Handeln zu erziehen. Sondern es geht vor allem darum, den Kindern Startvorteile im kapitalistischen Rattenrennen zu verschaffen. Sei es nun, daß man versucht, sie in einer besonderen Kita unterzubringen (die unterschiedlichen pädagogischen Konzepte haben Sie ja aufgeführt), sei es, daß man glaubt, sie durch mütterliche Rundumbetreuung besonders zu fördern.

      Ganz interessant in diesem Zusammenhang ist auch der aktuelle Text von Don Alphonso: Die lebensgefährlichen Lebschaften.

      alterbolschewik

      25. Januar 2014 at 16:36


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