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Tumulte in Kreuzberg

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Die Frauenbewegung in der BRD (19)

„Das Bemerkenswerte an diesen Streikvorbereitungen war gerade, daß es nur zum geringsten Teil um ökonomische Forderungen ging, sondern um inhaltliche, die den Kindern zugute kommen sollten: Kleingruppen“

Helke Sander

Was bisher geschah: Angeregt durch den Aktionsrat zur Befreiung der Frauen begannen sich Kindergärtnerinnen zu organisieren. Ab Februar 1968 traf sich eine Gruppe von Erzieherinnen im Republikanischen Club, zu Beginn des Jahres 1969 veröffentlichten sie unter dem Namen Arbeitskreis der Sozialpädagogen ein erstes Positionspapier.

Das wirklich Interessante an dieser Basisinitiative war, daß es ihr vor allem um die Qualität der Kindergärtnerinnenarbeit ging. In seinem Positionspapier erklärte der Arbeitskreis, daß die öffentliche Kritik an den Kindertagesstätten sehr berechtigt sei, wandte aber ein:

„Die zahlreichen berechtigten Angriffe der Presse gegen Erziehungsmethoden in Kindertagesstätten werden weitgehend auf dem Rücken der Kindergärtnerin ausgetragen. Abgesehen von materiellen Umständen, die eine fortschrittliche Erziehungsarbeit kaum zulassen, muß hier auf die mangelnde Ausbildung von Kindergärtnerinnen und Erziehern hingewiesen werden. Die künftige Erzieherin wird in keiner Weise auf die gesellschaftspolitische Bedeutung ihres Berufes vorbereitet.“ ([3], S. 11)

Und deshalb sollte die Situation vor allem qualitativ verbessert werden. Es ging um bessere Ausbildungsbedingungen und um bessere pädagogische Konzepte. Dabei beklagte sich die Gruppe nicht nur über die staatlichen Kinderbewahranstalten, sondern auch über bestimmte Kinderläden:

„Das Auffällige ist, daß die an den Kinderläden beteiligten Eltern ihre Vorstellungen von der Kindergärtnerin und ihrer pädagogischen Arbeit direkt von der bürgerlichen Gesellschaft übernehmen, d.h., daß sie uns mit der gleichen abwertenden Haltung entgegentreten wie allen systemimmanenten Personen und Einrichtungen. Statt die angebotene Zusammenarbeit aufzunehmen, die sich nach unserer Vorstellung nur positiv für beide Gruppen auswirken könnte und auch eine weitere Solidarisierung bedeuten würde, wird die Arbeit in homogenen Gruppen vorgezogen.“ ([3], S. 11)

Möglicherweise ist in dieser Kritik der Schlüssel dafür zu finden, daß sich der Arbeitskreis der Sozialpädagogen unabhängig vom Aktionsrat zur Befreiung der Frauen organisierte. Wie auch immer: Diese Kritik an den Kinderläden sollte in der Folge keine Rolle mehr spielen, denn zwei Wochen nach der Publikation dieses Papiers begann der öffentliche Aufstand der Kindergärtnerinnen.

Am 26. Februar 1969 fand in Kreuzberg eine Versammlung von Kindergärtnerinnen, Hortnern und Heimerziehern statt. Wer jetzt meint: Klar, Kreuzberg, das war eine Veranstaltung, die von der linken Szene ausging, irrt sich. Kreuzberg war damals noch nicht das Szeneviertel, das es später werden sollte. Die wichtigen linken Treffpunkte waren damals eher in Charlottenburg und Schöneberg zu finden. Kreuzberg galt damals noch als typisches Arbeiterviertel. Und aufgerufen zu der Protestversammlung hatte auch nicht der Arbeitskreis der Sozialpädagogen aus dem Republikanischen Club, sondern die ÖTV-Betriebsgruppe im Bezirksamt Kreuzberg (für die jüngeren unter meinen Leserinnen: Die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr war eine der Vorläufergewerkschaften von VER.DI).

Anlaß für die Veranstaltung war die katastrophale Situation in den Kreuzberger Kindertagesstätten, die durch Überbelegung einerseits und schlecht bis nicht ausgebildetes Personal andererseits geprägt war.

Doch natürlich ließen sich die antiautoritären Kindergärtnerinnen diese Veranstaltung nicht entgehen:

„Unter den 250 Teilnehmern an der Versammlung waren auch zahlreiche aus dem Arbeitskreis der Sozialpädagogen im RC.“ ([1])

Und man merkt deren Handschrift, wenn man sich den Forderungskatalog ansieht, der auf dieser Versammlung beschlossen wurde. Denn in diesem Katalog ging es für allem um Maßnahmen, die die Qualität der Kinderbetreuung sicherstellen sollte. Als unerläßliche Sofortmaßnahmen wurden angesehen:

„1. Aufnahmestopp ab sofort, bis die Überbelegung abgebaut ist. 2. Keine Neueröffnung von Kitas, solange Planstellen nicht mit Fachkräften besetzt werden können. 3. Gruppenschließungen, wenn Gruppenleiter voraussichtlich länger als drei Tage fehlt und kein Ersatz vorhanden ist. 4. Begrenzung der Belastbarkeit der Fachkräfte schriftlich fixieren (Gruppenschlüssel) unter Berücksichtigung der Belange der uns anvertrauten Kinder.“ ([2], S. 8)

Im Fall einer Nichterfüllung dieser Forderungen wurde mit Streik gedroht. Außerdem wurde von den Frauen aus dem Arbeitskreis eine zweite Front eröffnet:

„Sie kritisierten nicht nur den Senat, sondern ebenso die Berliner Gewerkschaften, da die Verquickung von Gewerkschaftsführung und Senat so eng ist, daß häufig Gewerkschafter im Senat Arbeitgeberfunktionen ausüben.“ ([1], S. 7)

Dem Senat bzw. der Bezirksverwaltung Kreuzberg wurde bis April Zeit gegeben, die Forderungen umzusetzen. Um zu prüfen, ob sich die Situation verbessert habe, wurde eine erneute Versammlung am 23. April angesetzt, die dann gegebenenfalls konkrete Kampfmaßnahmen beschließen sollte. Zur Wahrung der Kontinuität sollte sich bis dahin wöchentlich eine Arbeitsgruppe treffen. Außerdem sollte die Selbstorganisation auch in anderen Berliner Bezirken vorangetrieben werden.

Der 23. April kam, und natürlich hatte sich nichts substantiell verbessert. Die zweite Veranstaltung platzte dann mit 600 Teilnehmern aus allen Nähten. Inzwischen war wohl auch die Brisanz des Themas von Seiten der Politik erkannt worden. Auf der Veranstaltung tauchte nun der Senatsdirektor W. Müller, zuständig für Jugend und Sport, auf. Er sah sich offensichtlich bemüßigt, eine Rede zu halten; doch statt sich dann einer Diskussion zu stellen, verließ er nach Verlesung die Veranstaltung. Auch die Gewerkschaftsvertreter bekleckerten sich nicht mit Ruhm:

„Die Diskussionsleitung durch den ÖTV-Bezirkssekretär Heinz Witt war darauf abgestellt, die Forderungen der Kindergärtnerinnen herunterzuspielen und auf tarifliche Fragen auszuweichen. Aus Angst vor Streikaufrufen seitens der organisierten und nichtorganisierten Kindergärtnerinnen wurde die Reihenfolge der Wortmeldungen nicht eingehalten, einige unterdrückt, die Redezeit beschnitten und Mehrheitsbeschlüsse der Versammlung übergangen.“ ([2], S. 8)

Es kam offenbar zu Tumulten, worauf die Gewerkschaftsvertreter die Veranstaltung für beendet erklärten und ebenfalls den Saal verließen. Die Versammlung tagte aber weiter und faßte den Beschluß zu einem eintägigen Warnstreik.

„Die Vorbereitung des Streiks wurde an den Arbeitskreis der Kreuzberger Kindergärtnerinnen delegiert. Kindergärtnerinnen aus anderen Bezirken versprachen solidarische Maßnahmen. Vor dem Streik wird eine weitere Versammlung stattfinden – diesmal von den Kindergärtnerinnen selbst organisiert, nachdem die Gewerkschaften ihre Unfähigkeit so deutlich gezeigt haben.“ ([2], S. 8)

Gleichzeitig wurde weiter Druck auf die ÖTV ausgeübt, um sie zur Unterstützung des Streiks zu bewegen. Die gewerkschaftlich organisierten Kindergärtnerinnen drohten der Gewerkschaftsführung an, ihre Mitgliederbücher zurückzugeben, wenn sich die Gewerkschaft nicht bis zum 15. Mai mit dem Streik solidarisch erklären sollte. Zudem wurde Kontakt zur Gewerkschaft der Beamten, Angestellten und Arbeiter Berlins (Komba) aufgenommen, um deren Unterstützung für den Streik zu gewinnen. Und last not least wurde der Berliner Verband der Lehrer und Erzieher (BVL) mit ins Boot geholt.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn die Streikbewegung Fahrt aufnimmt und es heißt:

„Auf der Delegiertenversammlung des BVL wurde die Tagesordnung zugunsten der Kindergartenprobleme umgestoßen. Zusammen mit den Lehrerdelegierten und gegen die Bedenken der Gewerkschaftsführung wurde mit großer Mehrheit für den Warnstreik gestimmt.“ ([2], S. 8)

Nachweise

[1] Anonym, „Kindergärtnerinnen: Die Situation ist katastrophal“, in: Berliner Extra-Dienst, Jg.3 (1969), Nr.19 (4. März 1969), S.7.

[2] Anonym, „Streik in den Kindergärten?“, in: Berliner Extra-Dienst, Jg.3 (1969), Nr.38 (10. Mai 1969), S.7 – 8.

[3] Anonym, „Sozialpädagogen: Zur Situation der Westberliner Kindergärten“, in: Berliner Extra-Dienst, Jg.3 (1969), Nr.13 (12. Februar 1969), S.10 – 11.

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Written by alterbolschewik

31. Januar 2014 um 15:52

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