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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for Februar 2014

Haare!

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Die Frauenbewegung in der BRD (23)

„Daß also Frauen freiwillig mit anderen Frauen etwas gemeinsam gemacht haben, das war sensationell.“

Helke Sander

Was bisher geschah: Der große Kindergärtnerinnen-Streik, der in Berlin nicht nur die Bedingungen in den öffentlichen Kindergärten verbessern, sondern allgemein die Macht der arbeitenden Frauen sichtbar machen sollte, wurde durch mutwillige Sabotage der Gewerkschaften verhindert.

Es ist schwer zu sagen, welchen Anteil die gescheiterte Streikagitation an der Krise des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen hatte. Aber man spekuliert wohl nicht ganz ins Blaue hinein, wenn man vermutet, daß eine derartige gemeinsame Anstrengung für einige Zeit die inneren Widersprüche im Aktionsrat unter den Teppich kehren konnte. Diese Widersprüche brachen dann nach dem Scheitern dieser aktivistischen Phase umso vehementer auf.

Doch bevor ich auf die Details eingehe, wie im Herbst 1969 der Aktionsrat in verschiedene Fraktionen zerbrach, will ich einige eher allgemeine Überlegungen zur Diskussion stellen, wie sich das Verhältnis von Ereignis, spontanter Aktion und Organisation denken läßt.

Ich hatte in diesem Blog schon mehrfach auf die Kategorie des Ereignisses verwiesen. Das Ereignis ist ein kontingenter historische Augenblick, der als Trauma erfahren wird. Und dieses traumatische Ereignis verändert, zumindest für einen Teil der Gesellschaft, die Wahrnehmung dieser Gesellschaft grundlegend. Für die BRD und ganz besonders für West-Berlin war dieses traumatische Ereignis sicherlich die Ermordung Benno Ohnesorgs durch einen Polizisten während des Schah-Besuches in Berlin.

Diejenigen, die dem Treiben der linksradikalen Grüppchen in den Monaten und Jahren zuvor vielleicht nicht ganz ablehnend gegenüberstanden, deren Thesen über den gewalttätigen und ausbeuterischen Charakter des gegenwärtigen Gesellschaftssystems dennoch als hoffnungslos übertrieben abtaten, wurden durch das Ereignis aufgeschreckt. Zuvor herrschte der naive Glaube, es würde in dieser Gesellschaft schon alles richtig laufen; und wo es nicht so richtig lief, was ja kein Wunder ist, denn die Menschen sind ja fehlbar, dann waren die gesellschaftlichen Institutionen schon so eingerichtet, daß sie derartige Schieflagen wieder ausgleichen konnten. Etwas Protest konnte nicht schaden, um den demokratischen Prozeß in Gang zu halten, aber man brauchte es dabei ja auch nicht zu übertreiben.

Die Kugel im Schädel Benno Ohnesorgs, die Lügen der Polizei und der Medien, der Versuch der Verantwortlichen, den Tod Ohnesorgs den Demonstranten in die Schuhe zu schieben, all das ließ diesen naiven Glauben wie eine Seifenblase zerplatzen. Gleichzeitig machten dann viele neben der Erfahrung der gemeinsamen Trauer, auch die der Solidarität und des kollektiven Handelns: Aus isolierten Grüppchen wurde eine Bewegung.

Man darf sich das alles nicht zu sehr sponaneistisch vorstellen. Das Ereignis kommt nicht einfach aus dem Nichts, es entspringt nicht einer mystischen Spontaneität der Massen. Es ist vorbereitet, es existiert bereits in Form einer Leerstelle, die es dann ausfüllt, wenn es eintritt. Ich meine das nicht zynisch in dem Sinn, daß auf die Ermordung eines Studenten gewartet worden wäre. Sondern in dem Sinn, daß die alte Werteordnung schon so angegriffen und brüchig war, daß es nur eines Anstoßes bedurfte, um die alte symbolische Ordnung wie ein Kartenhaus zum Einsturz zu bringen. Notwendig war dafür nur ein Symbol, in dem sich das ganze Unbehagen an der gegenwärtigen Ordnung mit einem Schlag auskristallisieren konnte. Darin unterscheidet sich der Tod Benno Ohnesorgs grundlegend vom Tod des Demonstranten Philipp Müller fünfzehn Jahre zuvor: Letzterer blieb für die Ordnung der BRD folgenlos, denn die Situation des Jahres 1952 war nicht so, als daß sein Tod Symbolcharakter hätte annehmen können.

Das Ereignis zerbricht also durch seinen Symbolcharakter zumindest für einen Teil der Gesellschaft die Bindung an die alte Werteordnung. Das ist zum einen zweifellos eine befreiende Erfahrung. Zum anderen ist diese Befreiung aber auch erschreckend. An die Stelle der alten Werteordnung muß eine neue Ordnung treten, eine neue Struktur, die das Chaos bändigt, das der Zerfall der alten Ordnung im Bewußtsein der Individuen hervorruft. In diesem Augenblick schlägt die Stunde der Organisationen – im Fall des 2. Juni 1967 die Stunde des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. Der SDS hatte sich schon vor dem 2. Juni als Sprachrohr der außerparlamentarischen Opposition hervorgetan, er war durch die Medien bekannt und somit die erste Adresse, an die man sich wenden konnte, als der Aktionismus der ersten Tage nach dem Tod von Benno Ohnesorg abflachte.

Allerdings mußten gerade Frauen feststellen, daß ihnen der SDS keineswegs die Orientierung bot, die sie sich von ihm erwartet hatten. Hier kam ganz massiv die Diskrepanz zum Tragen, auf die ich schon früher hingewiesen habe. Frauen, die vor dem Ereignis am 2. Juni 1967 Mitglied im SDS geworden waren, wurden durchaus als gleichberechtigt angesehen und prägten den Verband sowohl organisatorisch wie auch intellektuell entscheidend mit. Als der Verband aber auf einmal zu einer Massenorganisation anschwoll, dominierten auf einmal die Wortführer diverser Fraktionen; und diese debattierten in einer Sprache, die für die Neuhinzugekommenen ein Buch mit sieben Siegeln war. Und das galt für die Frauen um so mehr, als diese ja deutlich schlechtere Chancen hatten, den Wissensvorsprung der SDS-Macker einzuholen. Die ursprüngliche Intention, die Helke Sander und Marianne Herzog mit der Gründung des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen hatten, war ja dann auch gerade dies, den Frauen die Gelegenheit zu geben, zu den Männern in politischer Hinsicht aufzuschließen:

„Die Veranstaltungen, bei denen der SDS dabei war, zeichnete sich dadurch aus, daß das zuhörende Publikum auf das intelligenteste informiert wurde und daß die Argumente […] nirgendwo anders zu erfahren waren. Daß sie gleichzeitig unlösbar verquickt waren mit Eitelkeiten und männlicher Selbstdarstellung und auch Machtkämpfen, war ein Beiprodukt […]. Die Frauen, die angefangen hatten, sich zu versammeln, die die ersten Kinderläden gegründet hatten, hatten das gemacht, um für sich selbst mehr Zeit zu gewinnen, um an genau diesen Veranstaltungen, nach denen wir ausgehungert waren, mitzumachen und unseren Teil dazu beizutragen, für mehr Gerechtigkeit auf der Welt zu sorgen.“ ([4], S. 47f)

Das erste Ziel, das mit der Gründung des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen verfolgt wurde, war somit ein praktisches: Frauen, insbesondere Müttern die Zeit zu geben, sich am politischen Prozeß zu beteiligen. Und es gab sehr viele Mütter, die durch das Ereignis aufgerüttelt wurden und das Gefühl hatten, daß sich etwas grundsätzlich ändern müßte.

Das zweite Ziel ergab sich beiläufig, aus der Tatsache der Existenz des Aktionsrates: Selbstverständigung und dadurch auch die Schaffung von Selbstvertrauen. Helke Sander erinnert immer wieder gern an die ganz subjektive Bedeutung der Treffen für die Individuen:

„Ich werde nie vergessen, was diese eine Frau gesagt hat. Wir hatten uns immer mittwochs getroffen […]. Also: Mittwochs kommt sie immer ganz beschwingt nach Hause zu ihrem Freund und ist ganz stark, und dann sagt er irgend etwas, und dann kan man lachen und nimmt das so hin; am Donnerstag denkt sie daran, wie schön es doch am Mittwoch war; am Freitag ist sie dann nicht mehr ganz so stark und ab Sonnabend fängt sie nur noch an, sich wieder auf Mittwoch zu freuen.“ ([3], S. 34)

Tatsächlich begründete der Aktionsrat eine neue Form des Umgangs, die so bislang in den politischen Gruppen nicht existierte. Frigga Haug erinnert sich ganz entsetzt an ihre erste Teilnahme an einem Aktionsratsplenum:

„Das Treffen fand im Republikanischen Club statt, und ich kann dieses erschreckende Gefühl nur so ausdrücken: »Der Raum war voller Haare.« Das war wirklich mein Haupteindruck, nur Haare! Viele Frauen hatten lange Haare, und ich merkte daran, dass ich bisher nur Männergruppen gewohnt war, und nun musste ich durch diese Haare hindurch wie durch einen Dschungel. […] Hinzukam, dass die Frauen sich alle untereinander kannten und sich umarmten. […] In diesem Raum befanden sich also nur lange Haare, die zudem alle ineinander verschlungen waren, weil die Frauen sich herzten und küssten und einander fast auf dem Schoß saßen.“ ([2], S. 189f)

Die ursprüngliche Absicht, die hinter der Gründung des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen steckte, bezog sich höchstens mittelbar auf die Veränderung der Gesellschaft, sondern zunächst einmal auf die Veränderung der Individuen und deren realer Situation. Der Aktionsrat war zunächst unmittelbar praktisch gedacht, nicht theoretisch.

Doch keine Praxis ohne Theorie. Seien Sie also gespannt auf nächste Woche, wenn für einige „Genossinnen aus dem Aktionsrat“ Schluß ist mit lustig:

„Um mit der Schulung anzufangen, beginnen wir noch in diesem Monat mit einem Arbeitskreis über das Kapital, zudem empfehlen wir, in unserem Seminar an der PH über geschlechtsspezifische Sozialisation mitzuarbeiten.“ ([1], S. 9)

Nachweise

[1] Genossinnen aus dem Aktionsrat, „Zur Frauenemanzipation. Für eine Politisierung des Aktionsrates zur Befreiung der Frau“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.35 (17. Oktober 1969), S.9 (http://www.infopartisan.net/archive/1967/266747.html).

[2] Haug, F.: „»Frauenpolitik galt als kleinbürgerlich«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 180 – 198.

[3] Sander, H.: „Das Private ist das Politische. Gespräch mit Hilke Schlaeger“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 23 – 36.

[4] Sander, H.: „Der Seele ist das Gemeinsame eigen, das sich mehrt“, in: Heinrich-Böll-Stiftung und Feministisches Institut (Hg.), Wie weit flog die Tomate?, Berlin 1999, S. 43 – 56.

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28. Februar 2014 at 17:13

Frauen gemeinsam sind stark

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Die Frauenbewegung in der BRD (22)

„Ihr ward so blöd, so lang zu jammern,
wir sind stark, wir sind nicht schwach.
Sollen die Chefs doch kommen,
wir wissen jetzt, was wir wollen.

Wir machen die Arbeit,
wir machen die Arbeit,
wir schaffen die Moneten!

Jetzt ist Feierabend!
Jetzt ist Feierabend!

Wir Frauen gemeinsam sind stark!
Wir Frauen gemeinsam sind stark!“

Ton Steine Scherben

Was bisher geschah: Seit Januar 1968 organisierten sich Berliner Kindergärtnerinnen, um mittels eines Warnstreiks bessere Bedingungen in den öffentlichen Kindergärten Berlins durchzusetzen. Den DGB-Gewerkschaften, die voller Ressentiments gegen den antiautoritären Protest waren, schmeckte das gar nicht: Sie versuchten, den Streik zu sabotieren, indem sie den Streik zunächst von Ende Mai auf den 10. Juni verschoben. Kurz vor dem geplanten Streiktermin nahmen sie dann Verhandlungen mit dem Senat auf und vereinbarten eine Friedenspflicht bis zum 12. Juni.

Als auf der Versammlung am 4. Juni bekannt wurde, daß die ÖTV erneut versuchte, den Streik durch eine Terminverschiebung zu sabotieren, setzte sich die Versammlung darüber hinweg. Schließlich sollte der Streik nicht einfach nur ein Druckmittel sein, um in Verhandlungen mit dem Berliner Senat einzutreten. Denn so wurde der Streik offensichtlich von der ÖTV aufgefaßt.

Es ist durchaus davon auszugehen (leider stehen dem Autor die entsprechenden Dokumente, falls es diese noch geben sollte, nicht zur Verfügung), daß die ÖTV ihre Aufgabe nicht ausschließlich darin sah, den Streik zu verhindern. Es ist zu vermuten, daß sie durchaus eine Verbesserung der Lage für die Kindergärtnerinnen erstreiten wollten. In diesem Kontext war ihnen die Streikdrohung sicherlich willkommen. Aber eben nur als Drohung, nicht als tatsächlicher Streik. Für sie stellte der Streik nur ein Faustpfand in den Verhandlungen mit dem Senat dar – Gewerkschaftstaktik eben.

Hinzu kam, daß sie einfach keine Erfahrungen mit derartigen Basisbewegungen hatten und ihnen im Rahmen des bereits geschilderten antikommunistischen Klimas in Berlin zutiefst mißtrauten. Der Arbeitskreis der Sozialpädagogen kam später zu der durchaus treffenden Einsicht:

„Den an Tarifrituale gewöhnten Gewerkschaftsfunktionären mußte die Qualität der Forderungen, die Spontanität der Versammlungen zumal angesichts der Mitarbeit radikaler Genossen aus anderen Bereichen in der Kindergärtnerinnenagitation unheimlich und unberechenbar vorkommen.“ ([5], S. 3)

Außerdem muß man sich klarmachen, daß die Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Senat keineswegs Verhandlungen zwischen politischen Gegnern waren:

„Der ÖTV -Boss Schwäbl ist gleichzeitig SPD-Funktionär und sitzt im Abgeordnetenhaus. Die dem Deutschen Beamtenbund angeschlossene Gewerkschaft der Berliner Senatsbürokratie, der Komba, ist personell mit der CDU verflochten. Viele kleine Sickerts sitzen bei Berliner Tarifverhandlungen augenzwinkernd ihren Duz-Freunden aus der Staatsbürokratie gegenüber.“ ([1], S. 5)

Aus Sicht der Gewerkschaften also war eine Streikdrohung durchaus akzeptabel, um die eigene Verhandlungsposition zu stärken, nicht aber ein tatsächlicher Streik.

Im Gegensatz dazu verfolgten die Antiautoritären aus dem Arbeitskreis der Sozialpädagogen und vor allem dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen mit dem Streik der Kindergärtnerinnen eine weit über die üblichen gewerkschaftlichen Taktierereien hinausgehende Strategie. Der Kindergärtnerinnenstreik sollte ein Fanal sein, das die Macht der Frauen und insbesondere der Mütter ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit rücken sollte. Nicht nur die Kindergärterinnen sollten streiken, sondern die davon betroffenen Mütter sollten ebenfalls nicht zur Arbeit gehen. Im Gegensatz zur damaligen gesellschaftlichen Propaganda, die die Frauen vor allem in der Rolle der Hausfrau sah, waren, gerade in Berlin, weibliche Arbeitskräfte ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Um dies sichtbar zu machen, richtete sich eines der vom Aktionsrat verfaßten Comic-Flugblätter explizit an arbeitende Mütter. In diesem Flugblatt ging es nicht darum, den Streik zu erklären und um für Sympathie für die Kindergärtnerinnen zu werben. Denn natürlich stellte so ein Kindergärtnerinnenstreik arbeitende Mütter vor ein echtes Problem. Das Flugblatt rief vielmehr dazu auf, am Tag des Streiks einfach zu Hause zu bleiben. Explizit heißt es darin:

„Wir gehen am Streiktag nicht zur Arbeit, sondern zur Kundgebung der Kindergärtnerinnen. Wenn wir einen Tageslohn für uns und unsere Kinder investieren, werden wir in der Zukunft viel mehr gewinnen.“ ([4], S.8)

Und in einer Sprechblase erklärt eine Frau verschwörerisch:

„Weil wir noch nicht organisiert streiken können, sind wir am 10. Juni eben einfach krank!“ ([4], S. 8)

Deswegen war es wichtig, daß der Streik stattfand, völlig unabhängig davon, ob man sich nun in Verhandlungen mit dem Senat befand oder nicht. Denn er sollte nicht einfach ein Druckmittel gegenüber dem Senat sein, sondern vor allem dokumentieren, welche Macht die Frauen hätten, wenn sie sie nur nutzen würden. Das Flugblatt endete dann auch mit der Parole „Frauen gemeinsam sind stark“ – eine der ganz wichtigen Parolen des Frauenbewegung in der BRD (und ich vermute fast, daß sie hier zum ersten Mal auftauchte, auch wenn ich mir da nicht ganz sicher bin; später wurde sie jedenfalls von Rio Reiser in einem gleichnamigen Stück von Ton Steine Scherben verwendet, das er für Helke Sanders Film Eine Prämie für Irene (1971) schrieb).

Die Versammlung am 4. Juni war sich also, trotz des erneuten Ausscherens der ÖTV darin einig, den Streik am 10. Juni durchzuziehen, auch weil sie sicher war, von der nicht DGB-Gewerkschaft Komba unterstützt zu werden. Die Versammlung wählte ein Vorbereitungskomitee, das die Agitation für den Streik in der heißen Phase koordinieren sollte. Am Samstag, den den 7. Oktober wurde noch einmal massiv in der Berliner Bevölkerung geworben. Der Berliner Extradienst rief zur Solidarität auf:

„SOLIDARITÄT MIT DEN KINDERGÄRTNERINNEN!
Am 10. Juni streiken Westberlins Kindergärtnerinnen. Solidarisiert Euch und klebt das Solidaritäts-Plakat an die Autoscheibe. EXTRADienst hat es zum Ausschneiden auf der letzten Seite untergebracht. Kommt mit Euren Autos mit dem Roten Punkt und dem Solidaritäts-Plakat zum Autokorso am heutigen Sonnabend, 11.30 Uhr ab Hammarskjöld-Platz. Die Kindergärtnerinnen halten dort für Euch Plakate und Flugzettel bereit.“ ([3])

Doch auch der Senat agierte nicht ungeschickt und lud erstmals die Vertreter des Komba zusammen mit den DGB-Gewerkschaften zu einer ersten Verhandlungsitzung am Tag vor dem Streik ein. Als sich an diesem Tag das Vorbereitungskomitee mit dem Komba traf, mußte es erfahren, daß auch dieser nun aus der Streikfront ausscherte und dafür plädierte, ebenso wie die ÖTV, erst am 13. zu streiken, falls der Senat nicht zu substantiellen Zugeständnissen bereit sei. Das war ein schwerer Schlag. Erneut wurde für den Abend des 9. Juni eine Vollversammlung einberufen. Es war offensichlich, daß die Mehrheit nicht ohne gewerkschaftliche Unterstützung streiken wollte. Schon vor dem Ausscheren des Komba hatten die ÖTV-Funktionäre auf der letzten Versammlung Einschüchterungsarbeit geleistet:

„ÖTV-Leute machten darauf aufmerksam, daß nur der von ihnen unterstützte Streik – gesprochen wird vage vom 12. oder auch 13. Juni – »legal« sei, während die Kindergärtnerinnen, die am 10. Juni streiken wollen und nicht in der Komba organisiert sind, einen »wilden« Streik durchführen und möglicherweise Repressionen ausgesetzt seien.“ ([2])

Die Versammlung am Abend vor dem Streik war unentschieden, ließ sich dann aber doch von den Gewerkschaften über den Tisch ziehen und stimmte, zugunsten einer einheitlichen Streikfront, für einen Streik am 13. Juni. Der Arbeitskreis der Sozialpädagogen kommentierte dann später resigniert:

„Die Gewerkschaften hatten nun freie Hand: Sie brauchten den Streik nur noch abzublasen. Und das taten sie.“ ([1], S. 5)

Der Senat hatte einige kleinere Zugeständnisse gemacht, was den Gewerkschaften dann als Vorwand ausreichte, um den Streik komplett abzusagen. Damit war die Luft aus der Bewegung herausgelassen. Im Herbst wurde dann zwar noch einmal versucht, einen Kindergärtnerinnenstreik auf die Beine zu stellen, doch auch dieser wurde wieder von den Gewerkschaften sabotiert. Damit war das größte öffentlichkeitswirksame Projekt des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen gescheitert. Für den Aktionsrat bedeutete das das Ende. Er zerbrach, nicht untypisch für lose organisierte Gruppierungen nach einer aktionistischen Phase, in verschiedene Fraktionen.

In den nächsten Folgen dieses Blogs wird deshalb dieser Zerfallsprozeß, so weit es geht, rekonstruiert werden. Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn Frigga Haug meint:

„Es war vielleicht ein Machtkampf zwischen Helke und mir, aber der Aktionsrat blieb bestehen. Manche sagen, er wurde »gespalten«. Doch Spaltung ist nicht das richtige Wort, wenn sieben gehen und etwa hundert Frauen und damit die Mehrheit übrig bleiben.“ ([6], S. 191)

Nachweise

[1] AK der Sozialpädagogen im RC, „Die BEWEGUNG unter den Westberliner KINDERGÄRTNERINNEN“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.18 (20. Juni 1969), S.3 – 6.

[2] Anonym, „Kindergärtnerinnenstreik: ÖTV/BVL will verschleppen“, in: Berliner Extra-Dienst, Jg.3 (1969), Nr.45 (7. Juni 1969), S.3.

[3] Anonym, „Solidarität mit den Kindergärtnerinnen!“, in: Berliner Extra-Dienst, Jg.3 (1969), Nr.45 (7. Juni 1969), S.1.

[4] Anonym, „Westberlin, 10. Juni: Streik der Kindergärtnerinnen. Frauen sollen mitstreiken“, in: Berliner Extra-Dienst, Jg.3 (1969), Nr.44 (4. Juni 1969), S.7.

[5] Arbeitskreis der Sozialpädagogen im RC, „Warum kein Streik der Kindergärtnerinnen? Analyse des aufgeschobenen Streiks“, in: Sozialpolitische Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.2 (30. Juni 1969), S.1 – 3.

[6] Haug, F.: „»Frauenpolitik galt als kleinbürgerlich«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 180 – 198.

Written by alterbolschewik

21. Februar 2014 at 18:06

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Agitation

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Die Frauenbewegung in der BRD (21)

„In sehr vielen Kitas wurden intensive Diskussionen geführt. Die Bereitschaft, die beschlossenen Forderungen durch Streik durchzusetzen, war sehr groß.“

AK der Sozialpädagogen im RC

Was bisher geschah: Am 26. Februar 1969 fand ein erstes Treffen der Kreuzberger Kindergärtnerinnen statt, damals noch unter Federführung der ÖTV; dort wurde ein erster Forderungskatalog aufgestellt, den die ÖTV mit dem Berliner Senat verhandeln sollte. Bis zur zweiten Versammlung am 23. April wurde von Seiten der Gewerkschaft praktisch nichts unternommen und zu dieser Versammlung auch nur widerwillig eingeladen. Die Versammlung endete dann im Eklat: Die Gewerkschaftsvertreter zogen sich zurück, die Versammlung selbst beschloß danach einen eintägigen Warnstreik. In der letzten Folge haben wir dann gesehen, warum die Gewerkschaften so agierten: Senat, Gewerkschaften und Springer-Presse zogen in Berlin an einem Strang, um die antiautoritären Bewegungen zu diskreditieren.

Natürlich war den streikwilligen Kindergärtnerinnen klar, daß es besser wäre, den Streik mit Unterstützung der Gewerkschaften zu führen als gegen diese. Deshalb wurde versucht, auf die Gewerkschaften Druck auszuüben. Es wurde ein Ultimatum gestellt, das von 148 Kindergärtnerinnen unterschrieben wurden:

„Wir können uns mit den Antworten des Senats auf unsere Forderungen vom 26. 2. 1969 nicht zufriedengeben! Wir fordern deshalb die Gewerkschaften BVL, ÖTV, Komba, DAG auf, bis zum 15. 5. 1969 zu erklären, daß sie uns bei der Durchführung von Kampfmaßnahmen vertreten. Sollte bis zu diesem Termin keine verbindliche Zusage gemacht werden, geben wir geschlossen unsere Mitgliedsbücher zurück.“ (zit. nach [1], S. 4)

Unabhängig davon wurde mit den Streikvorbereitungen begonnen. Der Streik sollte Ende Mai stattfinden, es war also ein Monat Zeit, um für den Streik zu agitieren. Dabei wurde erneut überraschend vorgegangen. Es war ja bereits erwähnt worden, daß die Kindergärtnerinnen keineswegs die üblichen tariflichen Forderungen stellten, sondern ganz wesentlich auf eine qualitative Verbesserung ihrer Arbeit hinarbeiteten, die vor allem den betreuten Kindern und ihren Eltern zugute kommen sollte. Ähnlich originell agierten bei der Vorbereitung des Streiks. Denn es wurden völlig neue Mittel zur Agitation für den Streik ausprobiert.

Hier schaltete sich nun wieder der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen ein, der ja ursprünglich die Organisierung der Kindergärtnerinnen initiiert hatte. Und aus Sicht des Aktionsrates ging es bei dem Streik nicht nur einfach darum, den Berliner Senat unter Druck zu setzen. Angestrebt wurde vielmehr, diesen Streik in der breiten Masse der Bevölkerung und insbesondere unter den Frauen zu vermitteln. Dazu wurden Flugblätter geschaffen, wie sie wohl nie zuvor bei einem Streik in der Bundesrepublik eingesetzt wurden. Um möglichst viele Menschen zu erreichen – und sicherlich auch, um sich von der drögen DGB-Propaganda abzusetzen – wurden die Flugblätter in Form von Comics verfaßt. Eine Woche nach dem Streikbeschluß war das erste Flugblatt bereit und wurde auf der 1. Mai-Demonstration verteilt:

Das wohl von Petra Hinze und Christine Liebl, zwei Frauen aus dem Aktionsrat, gestaltete Flugblatt ([5], S. 170), greift weit über die konkreten Forderungen der Kindergärtnerinnen hinaus. Am Schluß heißt es etwas pathetisch:

„Wir lassen uns nicht mehr kontrollieren, wir werden uns selbst organisieren. Für eine Gesellschaft, in der wir Kinder haben können, ohne dabei fertig gemacht zu werden –, in der der technische Fortschritt nicht mehr gegen uns eingesetzt wird – in der Männer und Frauen und Kinder Menschen sein können.“ ([4], S. 40)

Der Streik und die Agitation für den Streik sollte allen Frauen bewußt machen, in welcher Situation sie stecken. Ganz gezielt richtete sich das Flugblatt (und die, die noch kommen sollten) an berufstätige Frauen mit Kindern. Diese sollten erkennen, daß nicht sie mit diesem Streik getroffen werden sollten. Das war wichtig: Geschlossene Kindergärten bedeuten für berufstätige Frauen erst einmal zusätzlichen Streß. Wie sollten sie zur Arbeit gehen, wenn sie ihre Kindern nicht unterbringen konnten? Die Flugblätter sollten dazu Mut machen, den Streik zu nutzen, um nicht zur Arbeit zu gehen – weil es eben nicht geht. Damit sollte der Warnstreik der Kindergärtnerinnen auch die Berliner Wirtschaft treffen.

Für das Gelingen des Streiks war es deshalb, zumindest aus der Sicht der Antiautoritären zwingend notwendig, auch die Eltern mit ins Boot zu holen. Teilweise gelang das auch. Die Eltern des Kindergartens Pestalozzi-Fröbel-Haus veröffentlichten eine Erklärung, in der es hieß:

„Die Zustände, unter denen unsere Kinder leiden, sind genau die, die die Kindergärtnerinnen und Kindergärtner beseitigen wollen. […] Unsere Kinder können sich nicht erfolgreich wehren! Die Kindergärtnerinnen versuchen es mit ihrem Streik. Sie streiken auch für uns, die Eltern. Daher sind wir aufgefordert, uns mehr als bisher aktiv an der Arbeit in den Kindergärten zu beteiligen. Aber das genügt nicht! Wir müssen auch jetzt die Forderungen und Maßnahmen des Personals unterstützen!
Daher erklären wir uns mit diesem Streik solidarisch.“ ([2])

Damit wuchs natürlich der Druck auf die Gewerkschaften. Am 13. Mai erklärte sich die ÖTV auf einmal mit dem Streik solidarisch, wollte den Termin aber auf den 10. Juni verschoben haben und den Streik selbst auf Kreuzberg beschränken. Das war natürlich eines der typischen gewerkschaftlichen taktischen Spielchen, um den laufenden Streikvorbereitungen den enthusiastischen Elan zu nehmen. Zumindest sah das der Arbeitskreis der Sozialpädagogen in einem Rückblick so:

„Heute wissen wir, daß es der ÖTV damals nicht darum ging, einen Streik zu organisieren, sondern eindeutig darum, die Führung zu übernehmen,um die Selbsttätigkeit der Kindergärtnerinnen zu lähmen und den Streik zu verhindern! Die Verschiebung des Streiktermins auf den 10. 6. ohne Begründung war ein erstes taktisches Mittel zur Verhinderung des Streiks. Die ÖTV stimmte dem Warnstreik zu, um eine Radikalisierung der Entwicklung zu verhindern und unter der drückenden Annahme, die Kindergärtnerinnen würden Kampfmaßnahmen auch ohne sie durchführen.“ ([1], S. 4)

Statt auf dem ursprünglichen Termin zu beharren, wurde der ÖTV nachgegeben und der Streiktermin verschoben, um die Gewerkschaft mit ihm Boot zu haben. Anders als es das wahrscheinliche Gewerkschaftskalkül war, bremste die Verschiebung des Termins die Streikvorbereitungen nicht. Der Aktionsrat veröffentlichte eine Serie von drei neuen Flugblättern, um für den Streik zu werben.

Um die Gewerkschaftsforderung, den Streik auf Kreuzberg einzuschränken, zu unterlaufen, wurde Kontakt aufgenommen zum Komba, einer nicht im DGB organisierten Gewerkschaft der kommunalen Beamten und Angestellten. Der Komba sah seine Chance, gegen die ÖTV Terrain gut zu machen und sicherte seine volle Unterstützung des Streiks zu:

„Der Komba sicherte uns jede Unterstützung zu: Er stellte sich uneingeschränkt hinter die am26. 2. in Kreuzberg beschlossenen Forderungen und wollte auch ohne Bedingungen den angekündigten Warnstreik in allen westberliner Bezirken unterstützen. S o kam es zu einer gemeinsamen Großveranstaltung der Arbeitskreise der Kindergärtnerinnen und dem Komba am 4. Juni. Über 500 Kindergärtnerinnen beschlossen bei nur 5 Gegenstimmen einen eintägigen Warnstreik in allen westberliner Bezirken am 10. 6.“ ([1], S. 4)

Neue taktische Mätzchen der ÖTV ließen nicht lange auf sich warten. Noch während die Versammlung tagte, wurde bekannt, daß die ÖTV Verhandlungen mit dem Senat aufgenommen hatte, die am 9. Juni beginnen sollten. Dazu hatte sie dem Senat zugesichert, daß bis zum 12. Juni nicht gestreikt würde. Damit sei leider der von ihr selbst vorgeschlagene Streiktermin am 10. Juni nicht mehr zu halten, der Streik müsse erneut verschoben werden.

Die Wellen der Empörung schlugen in der Versammlung zurecht hoch. Doch da sie sich der Unterstützung des Komba sicher waren, wurde dieser erneuten Versuch der ÖTV, den Streik zu verhindern, abgeblockt. Die Versammlung bestätigte den Streiktermin und wählte ein Streikkomitee, das die letzten Vorbereitungen für einen Streik am 10. Juni treffen sollte.

Wird es den Frauen gelingen, gegen den Widerstand der ÖTV die Berliner Kindertagesstätten für einen Tag lahmzulegen? Lesen Sie auch nächste Woche weiter, wenn wir die Geisteshaltung des ÖTV-Vorsitzenden Schwäbl kennenlernen:

„Er lehnte jede Zusammenarbeit mit dem »Arbeitskreis der Sozialpädagogen« ab, da man »mit diesen Kräften keine gemeinsame Sache machen dürfe«: »Bei einer solchen Aktion stellen sich Kräfte ein, die glauben, hier ihr politisches Süppchen kochen zu können.«“ ([3])

Nachweise

[1] AK der Sozialpädagogen im RC, „Die BEWEGUNG unter den Westberliner KINDERGÄRTNERINNEN“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.18 (20. Juni 1969), S.3 – 6.

[2] Anonym, „Kindergärtnerinnen-Streik: Eltern sind solidarisch“, in: Berliner Extra-Dienst, Jg.3 (1969), Nr.45 (7. Juni 1969), S.3 – 4.

[3] Anonym, „Kindergartenstreik: Jetzt am Freitag“, in: Berliner Extra-Dienst, Jg.3 (1969), Nr.46 (11. Juni 1969), S.3.

[4] Sander, H., „Mütter sind politische Personen“, in: Courage, Jg.3 (1978), Nr.9 (September 1978), S.38 – 42.

[5] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

Written by alterbolschewik

14. Februar 2014 at 18:05

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Die Gewerkschaften und der Mob

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Die Frauenbewegung in der BRD (20)

„Ich aber bleibe dabei: Hier wollen einige wenige unseren freiheitlichen Rechtsstaat handlungsunfähig machen, und wir werden uns wehren.“

Klaus Schütz, Berliner Oberbürgermeister, 1968

Was bisher geschah: Die Kindergärtnerinnen im Bezirk Kreuzberg beschweren sich über unzumutbare Arbeitsbedingungen. Auf zwei Veranstaltungen eskaliert ein Konflikt mit der ÖTV, worauf die Kindergärterinnen beschließen, selbst einen eintägigen Warnstreik vorzubereiten.

Dieser Konflikt zwischen dem antiautoritären Lager, dem auch die rebellischen Kindergärtnerinnen zuzurechnen sind, und den Berliner Gewerkschaften kam nicht aus heiterem Himmel. Tatsächlich hatte sich die ÖTV schon früher ziemlich eindeutig positioniert. Am 3. Februar 1968 hatte in Berlin eine Kundgebung vor der griechischen Militärmission stattgefunden, die sich gegen die Militärdikatur in Griechenland wandte. Im Anschluß zogen einige Kundgebungsteilnehmer zum Kurfürstendamm und blockierten dort eine Kreuzung mit einer Sitzblockade. Wie zu erwarten war, wurde diese Sitzblockade dann von der Polizei unter Einsatz von Schlagstöcken und Wasserwerfern aufgelöst ([9]).

Mit anderen Worten: Ein ganz normaler Samstag im Berlin des Jahres 1968. Demonstranten übertreten die geltenden Spielregeln, die Polizei prügelt auf sie ein, worauf die Gewalt eskaliert. Das wäre jetzt nicht weiter bemerkenswert, hätte die ÖTV daraufhin nicht einen Brief an den regierenden Bürgermeister Schütz geschrieben, der auch an die Presse ging. Darin hieß es:

„Wir lassen es nicht weiter zu, daß Polizeibeamte, die für die Aufrechterhaltung der Sicherheit und Ordnung einen schweren Dienst versehen, in übler Weise beschimpft werden. Jetzt geht es darum, das Vertrauen der Berliner Bevölkerung in ihre Polizei zu erhalten.“ ([7])

Das war aber noch nicht alles. Noch grenzwertiger waren die Äußerungen der ÖTV zu einigen Akten von politisch verbrämtem Vandalismus. In der Woche zuvor waren bei einigen Verlagsfilialen des Springer-Hetzblattes Berliner Morgenpost die Scheiben eingeworfen worden – eine politisch zweifellos hochgradig dämliche Aktion. Denn natürlich war das ein gefundenes Fressen, um die „Enteignet-Springer“-Kampagne des SDS zu diskreditieren. Irgendwelche agents provocateurs hätten das auch nicht besser hinbekommen, weswegen sich der Republikanische Club auch postwendend davon distanzierte. Doch die ÖTV nahm diese eingeworfenen Fensterscheiben zum Anlaß, die ganz große Keule auszupacken und unisono mit der Springerpresse herauszutrompeten, die Täter hätten „nach dem Vorbild der Reichskristallnacht“ ([7]) gehandelt.

Nun sollte man meinen, daß die Berliner Gewerkschaften nicht noch tiefer hätten sinken können. Weit gefehlt. Nach dem Vietnamkongress des SDS vom 17./18. Februar 1968 ging es noch mehr bergab. Die den Kongreß abschließende Demonstration war weitgehend friedlich verlaufen. Gewalt war nur von Gegendemonstranten ausgegangen:

„Die Berliner Bevölkerung zeigten den Demonstranten offen ihre Ablehnung. Bauarbeiter improvisierten sofort eine Gegenkundgebung, zerrissen Transparente der Demonstranten und verbrannten rote Fahnen. […] Häufig kam es zu lautstarken Auseinandersetzungen, an mehreren Stellen der Stadt zu spontanen Gegendemonstrationen, in deren Verlauf die Polizei das Hauptquartier des linksextremen Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) schützen mußte.“ ([5])

Aber die Demonstranten ließen sich von diesen Angriffen nicht provozieren. Zähneknirschend gab selbst die Presse zu:

„Die Demonstranten verhielten sich diszipliniert. Ihre Führer hatten sie offensichtlich straff in der Hand.“ ([5])

Da man die Vietnam-Kriegsgegner offensichtlich nicht als Krawallbrüder denunzieren konnte, beschloß die politische Klasse West-Berlins andere Maßnahmen. Der von der SPD regierte Berliner Senat beschloß, zusammen mit den DGB-Gewerkschaften, „mit einer machtvollen Gegendemonstration gegen Kommunismus, Straßenterror und Anarchie“ ([5]) zu reagieren. Vor dem Schöneberger Rathaus sollte eine Kundgebung abgehalten werden, auf der als einer der Hauptredner DGB-Chef Walter Sickert auftreten sollte. Berlins Oberbürgermeister Schütz (SPD) erklärte dazu:

„Die Welt soll unsere Stimme hören, damit sie erfährt, daß andere, die sich hier getroffen haben, nicht für diese Stadt sprechen.“ ([6])

Die ÖTV hielt das spontan für derart gute Idee, daß sie ihre Mitglieder zusätzlich noch zu einem Demonstrationszug aufrief. Die Begründung:

„Damit wollen wir erneut beweisen, daß die Gewerkschaft ein zuverlässiger Garant für die Freiheit unserer Stadt ist.“ ([8])

Vor dem Schöneberger Rathaus rottete sich dann unter Führung der Berliner Gewerkschaften ein Mob zusammen, der auch vor Gewalt gegen unbescholtene Passanten nicht zurückschreckte. Selbst die nicht gerade des Linksliberalismus verdächtige Welt aus dem Hause Springer berichtete kritisch:

„Vielen stand Rudi Dutschke als Symbol der Unruhen vor Augen. Das schlug sich nieder, auf Plakaten, Holz- und Papptransparenten und in Sprechchören. »Berliner, das geht alle an – raus mit Dutschke, Teufel, Kunzelmann« hieß es. Ein junger Mann wurde sogar verprügelt, weil ihn Demonstranten fälschlicherweise für Dutschke hielten.
Über einen Lautsprecher ertönte die Stimme eines Gewerkschaftsfunktionärs: »Wer unsere Demokratie in Gefahr bringt, muß mit der Entschlossenheit der Gewerkschaft rechnen.« Tosender Beifall.
[…]
Mißtrauisch beobachtet wurden Personen mit langen Haaren. Ein Wort, ein Widerwort, schon war die Auseinandersetzung da, schon gab es Prügel. Plakate, die Kritik an der Kundgebung übten, wurden niedergezerrt, zerrissen und verbrannt, dann die jugendlichen Träger verprügelt.
[…]
Nach Schluß der Versammlung elektrisierte das Wort »Dutschke ist hier« noch einmal mehr als 1000 Personen. Unter Gejohle stürzte man sich zu dem vermeintlichen Aufenthaltsort des SDS-Ideologen. Man suchte Dutschke, doch man fand ihn nicht. Ein Bäckerladen wurde durchsucht, weil er angeblich dort sei; man rüttelte an einem Polizeifahrzeug, weil er sich hier versteckt haben sollte.
Schließlich wurde Dutschke in einem Geschäft für Grabsteine vermutet… Mehr als 100 Polizisten mit gezogenen Schlagstöcken mußten die Masse davor zurückhalten, das Geschäft zu stürmen.“ ([2])

Dieses Bündnis mit einem gewalttätigen Mob, das nur aus dem hysterischen Antikommunismus der West-Berliner Gewerkschaften und der SPD zu erklären ist, wurde dann auch außerhalb Berlins scharf kritisiert. 100 führende Gewerkschaftsfunktionäre aus Hessen veröffentlichten einen offenen Brief an den Berliner DGB-Vorsitzenden Sickert. Darin hieß es, „er habe mit seinem Aufruf zur Unterstützung der Demonstration »dem Ansehen der Gewerkschaften großen Schaden zugefügt«“ ([10]). Ähnliche Kritik wurde von den Freiburger Jungsozialisten ebenfalls in einem offenen Brief geäußert ([4]). Doch die Berliner Gewerkschaften focht das nicht an. Der ehemalige Berliner DGB-Vorsitzende Scharnowski sprang seinem Nachfolger bei:

„Die leichtfertige Verurteilung der Berliner Gewerkschafter ist eine ungerechtfertigte Beschimpfung ohne die geringste sachliche Grundlage.“ ([3])

Würde es den antiautoritären Kindergärtnerinnen gelingen, mit derartigen Gewerkschaften einen Streik auf die Beine zu stellen? Oder waren sie ganz auf sich alleine gestellt? Seien Sie gespannt auf nächste Woche, wenn es heißt:

„Die spontane und massenhafte Mobilisierung von Kindergärtnerinnen während der letzten Monate mußte von Senats- und Gewerksschaftsbürokraten als massive Bedrohung ihrer Position verstanden werden.“ ([1], S. 3)

Nachweise

[1] AK der Sozialpädagogen im RC, „Die BEWEGUNG unter den Westberliner KINDERGÄRTNERINNEN“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.18 (20. Juni 1969), S.3 – 6.

[2] Die Welt (Berlin), 22. Februar 1968: „»…raus mit Dutschke, Teufel, Kunzelmann«“ (Bi.), S.3.

[3] Die Welt (Berlin), 01. März 1968: „»Zum Schaden der Gewerkschaften«“ (Co.), S.4.

[4] Die Welt (Berlin), 24. Februar 1968:Jungsozialisten üben Kritik an Berliner SPD“ (dpa), S.4.

[5] Hamburger Abendblatt, 19. Februar 1968:Berlins Bevölkerung protestiert“ (fr, wy), S.2.

[6] Berliner Morgenpost, 20. Februar 1968:Morgen demonstriert Berlin für Frieden und Freiheit“ (Go.), S.1.

[7] Bild (Berlin), 06. Februar 1968:Gewerkschaft: Es geht um unsere Stadt!“ (jo.), S.2.

[8] Bild (Berlin), 20. Februar 1968:Schütz: Wir müssen sagen, was wir wollen“ (Jürgen Oster), S.2.

[9] Hamburger Abendblatt, 05. Februar 1968:Krawalle beunruhigen Politiker“ (wy, fa., we.), S.2.

[10] Berliner Morgenpost, 23. Februar 1968:Schütz: Platz für jede politische Meinung“, S.1.

Written by alterbolschewik

7. Februar 2014 at 16:52

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

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