shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die Gewerkschaften und der Mob

with one comment

Die Frauenbewegung in der BRD (20)

„Ich aber bleibe dabei: Hier wollen einige wenige unseren freiheitlichen Rechtsstaat handlungsunfähig machen, und wir werden uns wehren.“

Klaus Schütz, Berliner Oberbürgermeister, 1968

Was bisher geschah: Die Kindergärtnerinnen im Bezirk Kreuzberg beschweren sich über unzumutbare Arbeitsbedingungen. Auf zwei Veranstaltungen eskaliert ein Konflikt mit der ÖTV, worauf die Kindergärterinnen beschließen, selbst einen eintägigen Warnstreik vorzubereiten.

Dieser Konflikt zwischen dem antiautoritären Lager, dem auch die rebellischen Kindergärtnerinnen zuzurechnen sind, und den Berliner Gewerkschaften kam nicht aus heiterem Himmel. Tatsächlich hatte sich die ÖTV schon früher ziemlich eindeutig positioniert. Am 3. Februar 1968 hatte in Berlin eine Kundgebung vor der griechischen Militärmission stattgefunden, die sich gegen die Militärdikatur in Griechenland wandte. Im Anschluß zogen einige Kundgebungsteilnehmer zum Kurfürstendamm und blockierten dort eine Kreuzung mit einer Sitzblockade. Wie zu erwarten war, wurde diese Sitzblockade dann von der Polizei unter Einsatz von Schlagstöcken und Wasserwerfern aufgelöst ([9]).

Mit anderen Worten: Ein ganz normaler Samstag im Berlin des Jahres 1968. Demonstranten übertreten die geltenden Spielregeln, die Polizei prügelt auf sie ein, worauf die Gewalt eskaliert. Das wäre jetzt nicht weiter bemerkenswert, hätte die ÖTV daraufhin nicht einen Brief an den regierenden Bürgermeister Schütz geschrieben, der auch an die Presse ging. Darin hieß es:

„Wir lassen es nicht weiter zu, daß Polizeibeamte, die für die Aufrechterhaltung der Sicherheit und Ordnung einen schweren Dienst versehen, in übler Weise beschimpft werden. Jetzt geht es darum, das Vertrauen der Berliner Bevölkerung in ihre Polizei zu erhalten.“ ([7])

Das war aber noch nicht alles. Noch grenzwertiger waren die Äußerungen der ÖTV zu einigen Akten von politisch verbrämtem Vandalismus. In der Woche zuvor waren bei einigen Verlagsfilialen des Springer-Hetzblattes Berliner Morgenpost die Scheiben eingeworfen worden – eine politisch zweifellos hochgradig dämliche Aktion. Denn natürlich war das ein gefundenes Fressen, um die „Enteignet-Springer“-Kampagne des SDS zu diskreditieren. Irgendwelche agents provocateurs hätten das auch nicht besser hinbekommen, weswegen sich der Republikanische Club auch postwendend davon distanzierte. Doch die ÖTV nahm diese eingeworfenen Fensterscheiben zum Anlaß, die ganz große Keule auszupacken und unisono mit der Springerpresse herauszutrompeten, die Täter hätten „nach dem Vorbild der Reichskristallnacht“ ([7]) gehandelt.

Nun sollte man meinen, daß die Berliner Gewerkschaften nicht noch tiefer hätten sinken können. Weit gefehlt. Nach dem Vietnamkongress des SDS vom 17./18. Februar 1968 ging es noch mehr bergab. Die den Kongreß abschließende Demonstration war weitgehend friedlich verlaufen. Gewalt war nur von Gegendemonstranten ausgegangen:

„Die Berliner Bevölkerung zeigten den Demonstranten offen ihre Ablehnung. Bauarbeiter improvisierten sofort eine Gegenkundgebung, zerrissen Transparente der Demonstranten und verbrannten rote Fahnen. […] Häufig kam es zu lautstarken Auseinandersetzungen, an mehreren Stellen der Stadt zu spontanen Gegendemonstrationen, in deren Verlauf die Polizei das Hauptquartier des linksextremen Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) schützen mußte.“ ([5])

Aber die Demonstranten ließen sich von diesen Angriffen nicht provozieren. Zähneknirschend gab selbst die Presse zu:

„Die Demonstranten verhielten sich diszipliniert. Ihre Führer hatten sie offensichtlich straff in der Hand.“ ([5])

Da man die Vietnam-Kriegsgegner offensichtlich nicht als Krawallbrüder denunzieren konnte, beschloß die politische Klasse West-Berlins andere Maßnahmen. Der von der SPD regierte Berliner Senat beschloß, zusammen mit den DGB-Gewerkschaften, „mit einer machtvollen Gegendemonstration gegen Kommunismus, Straßenterror und Anarchie“ ([5]) zu reagieren. Vor dem Schöneberger Rathaus sollte eine Kundgebung abgehalten werden, auf der als einer der Hauptredner DGB-Chef Walter Sickert auftreten sollte. Berlins Oberbürgermeister Schütz (SPD) erklärte dazu:

„Die Welt soll unsere Stimme hören, damit sie erfährt, daß andere, die sich hier getroffen haben, nicht für diese Stadt sprechen.“ ([6])

Die ÖTV hielt das spontan für derart gute Idee, daß sie ihre Mitglieder zusätzlich noch zu einem Demonstrationszug aufrief. Die Begründung:

„Damit wollen wir erneut beweisen, daß die Gewerkschaft ein zuverlässiger Garant für die Freiheit unserer Stadt ist.“ ([8])

Vor dem Schöneberger Rathaus rottete sich dann unter Führung der Berliner Gewerkschaften ein Mob zusammen, der auch vor Gewalt gegen unbescholtene Passanten nicht zurückschreckte. Selbst die nicht gerade des Linksliberalismus verdächtige Welt aus dem Hause Springer berichtete kritisch:

„Vielen stand Rudi Dutschke als Symbol der Unruhen vor Augen. Das schlug sich nieder, auf Plakaten, Holz- und Papptransparenten und in Sprechchören. »Berliner, das geht alle an – raus mit Dutschke, Teufel, Kunzelmann« hieß es. Ein junger Mann wurde sogar verprügelt, weil ihn Demonstranten fälschlicherweise für Dutschke hielten.
Über einen Lautsprecher ertönte die Stimme eines Gewerkschaftsfunktionärs: »Wer unsere Demokratie in Gefahr bringt, muß mit der Entschlossenheit der Gewerkschaft rechnen.« Tosender Beifall.
[…]
Mißtrauisch beobachtet wurden Personen mit langen Haaren. Ein Wort, ein Widerwort, schon war die Auseinandersetzung da, schon gab es Prügel. Plakate, die Kritik an der Kundgebung übten, wurden niedergezerrt, zerrissen und verbrannt, dann die jugendlichen Träger verprügelt.
[…]
Nach Schluß der Versammlung elektrisierte das Wort »Dutschke ist hier« noch einmal mehr als 1000 Personen. Unter Gejohle stürzte man sich zu dem vermeintlichen Aufenthaltsort des SDS-Ideologen. Man suchte Dutschke, doch man fand ihn nicht. Ein Bäckerladen wurde durchsucht, weil er angeblich dort sei; man rüttelte an einem Polizeifahrzeug, weil er sich hier versteckt haben sollte.
Schließlich wurde Dutschke in einem Geschäft für Grabsteine vermutet… Mehr als 100 Polizisten mit gezogenen Schlagstöcken mußten die Masse davor zurückhalten, das Geschäft zu stürmen.“ ([2])

Dieses Bündnis mit einem gewalttätigen Mob, das nur aus dem hysterischen Antikommunismus der West-Berliner Gewerkschaften und der SPD zu erklären ist, wurde dann auch außerhalb Berlins scharf kritisiert. 100 führende Gewerkschaftsfunktionäre aus Hessen veröffentlichten einen offenen Brief an den Berliner DGB-Vorsitzenden Sickert. Darin hieß es, „er habe mit seinem Aufruf zur Unterstützung der Demonstration »dem Ansehen der Gewerkschaften großen Schaden zugefügt«“ ([10]). Ähnliche Kritik wurde von den Freiburger Jungsozialisten ebenfalls in einem offenen Brief geäußert ([4]). Doch die Berliner Gewerkschaften focht das nicht an. Der ehemalige Berliner DGB-Vorsitzende Scharnowski sprang seinem Nachfolger bei:

„Die leichtfertige Verurteilung der Berliner Gewerkschafter ist eine ungerechtfertigte Beschimpfung ohne die geringste sachliche Grundlage.“ ([3])

Würde es den antiautoritären Kindergärtnerinnen gelingen, mit derartigen Gewerkschaften einen Streik auf die Beine zu stellen? Oder waren sie ganz auf sich alleine gestellt? Seien Sie gespannt auf nächste Woche, wenn es heißt:

„Die spontane und massenhafte Mobilisierung von Kindergärtnerinnen während der letzten Monate mußte von Senats- und Gewerksschaftsbürokraten als massive Bedrohung ihrer Position verstanden werden.“ ([1], S. 3)

Nachweise

[1] AK der Sozialpädagogen im RC, „Die BEWEGUNG unter den Westberliner KINDERGÄRTNERINNEN“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.18 (20. Juni 1969), S.3 – 6.

[2] Die Welt (Berlin), 22. Februar 1968: „»…raus mit Dutschke, Teufel, Kunzelmann«“ (Bi.), S.3.

[3] Die Welt (Berlin), 01. März 1968: „»Zum Schaden der Gewerkschaften«“ (Co.), S.4.

[4] Die Welt (Berlin), 24. Februar 1968:Jungsozialisten üben Kritik an Berliner SPD“ (dpa), S.4.

[5] Hamburger Abendblatt, 19. Februar 1968:Berlins Bevölkerung protestiert“ (fr, wy), S.2.

[6] Berliner Morgenpost, 20. Februar 1968:Morgen demonstriert Berlin für Frieden und Freiheit“ (Go.), S.1.

[7] Bild (Berlin), 06. Februar 1968:Gewerkschaft: Es geht um unsere Stadt!“ (jo.), S.2.

[8] Bild (Berlin), 20. Februar 1968:Schütz: Wir müssen sagen, was wir wollen“ (Jürgen Oster), S.2.

[9] Hamburger Abendblatt, 05. Februar 1968:Krawalle beunruhigen Politiker“ (wy, fa., we.), S.2.

[10] Berliner Morgenpost, 23. Februar 1968:Schütz: Platz für jede politische Meinung“, S.1.

Advertisements

Written by alterbolschewik

7. Februar 2014 um 16:52

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

Tagged with , ,

Eine Antwort

Subscribe to comments with RSS.

  1. Aber Du betreibst einseitige Geschichtsschreibung aus whm-Perspektive, JaJa (hermeneutischer Witz).

    che2001

    11. Februar 2014 at 14:18


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s