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Agitation

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Die Frauenbewegung in der BRD (21)

„In sehr vielen Kitas wurden intensive Diskussionen geführt. Die Bereitschaft, die beschlossenen Forderungen durch Streik durchzusetzen, war sehr groß.“

AK der Sozialpädagogen im RC

Was bisher geschah: Am 26. Februar 1969 fand ein erstes Treffen der Kreuzberger Kindergärtnerinnen statt, damals noch unter Federführung der ÖTV; dort wurde ein erster Forderungskatalog aufgestellt, den die ÖTV mit dem Berliner Senat verhandeln sollte. Bis zur zweiten Versammlung am 23. April wurde von Seiten der Gewerkschaft praktisch nichts unternommen und zu dieser Versammlung auch nur widerwillig eingeladen. Die Versammlung endete dann im Eklat: Die Gewerkschaftsvertreter zogen sich zurück, die Versammlung selbst beschloß danach einen eintägigen Warnstreik. In der letzten Folge haben wir dann gesehen, warum die Gewerkschaften so agierten: Senat, Gewerkschaften und Springer-Presse zogen in Berlin an einem Strang, um die antiautoritären Bewegungen zu diskreditieren.

Natürlich war den streikwilligen Kindergärtnerinnen klar, daß es besser wäre, den Streik mit Unterstützung der Gewerkschaften zu führen als gegen diese. Deshalb wurde versucht, auf die Gewerkschaften Druck auszuüben. Es wurde ein Ultimatum gestellt, das von 148 Kindergärtnerinnen unterschrieben wurden:

„Wir können uns mit den Antworten des Senats auf unsere Forderungen vom 26. 2. 1969 nicht zufriedengeben! Wir fordern deshalb die Gewerkschaften BVL, ÖTV, Komba, DAG auf, bis zum 15. 5. 1969 zu erklären, daß sie uns bei der Durchführung von Kampfmaßnahmen vertreten. Sollte bis zu diesem Termin keine verbindliche Zusage gemacht werden, geben wir geschlossen unsere Mitgliedsbücher zurück.“ (zit. nach [1], S. 4)

Unabhängig davon wurde mit den Streikvorbereitungen begonnen. Der Streik sollte Ende Mai stattfinden, es war also ein Monat Zeit, um für den Streik zu agitieren. Dabei wurde erneut überraschend vorgegangen. Es war ja bereits erwähnt worden, daß die Kindergärtnerinnen keineswegs die üblichen tariflichen Forderungen stellten, sondern ganz wesentlich auf eine qualitative Verbesserung ihrer Arbeit hinarbeiteten, die vor allem den betreuten Kindern und ihren Eltern zugute kommen sollte. Ähnlich originell agierten bei der Vorbereitung des Streiks. Denn es wurden völlig neue Mittel zur Agitation für den Streik ausprobiert.

Hier schaltete sich nun wieder der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen ein, der ja ursprünglich die Organisierung der Kindergärtnerinnen initiiert hatte. Und aus Sicht des Aktionsrates ging es bei dem Streik nicht nur einfach darum, den Berliner Senat unter Druck zu setzen. Angestrebt wurde vielmehr, diesen Streik in der breiten Masse der Bevölkerung und insbesondere unter den Frauen zu vermitteln. Dazu wurden Flugblätter geschaffen, wie sie wohl nie zuvor bei einem Streik in der Bundesrepublik eingesetzt wurden. Um möglichst viele Menschen zu erreichen – und sicherlich auch, um sich von der drögen DGB-Propaganda abzusetzen – wurden die Flugblätter in Form von Comics verfaßt. Eine Woche nach dem Streikbeschluß war das erste Flugblatt bereit und wurde auf der 1. Mai-Demonstration verteilt:

Das wohl von Petra Hinze und Christine Liebl, zwei Frauen aus dem Aktionsrat, gestaltete Flugblatt ([5], S. 170), greift weit über die konkreten Forderungen der Kindergärtnerinnen hinaus. Am Schluß heißt es etwas pathetisch:

„Wir lassen uns nicht mehr kontrollieren, wir werden uns selbst organisieren. Für eine Gesellschaft, in der wir Kinder haben können, ohne dabei fertig gemacht zu werden –, in der der technische Fortschritt nicht mehr gegen uns eingesetzt wird – in der Männer und Frauen und Kinder Menschen sein können.“ ([4], S. 40)

Der Streik und die Agitation für den Streik sollte allen Frauen bewußt machen, in welcher Situation sie stecken. Ganz gezielt richtete sich das Flugblatt (und die, die noch kommen sollten) an berufstätige Frauen mit Kindern. Diese sollten erkennen, daß nicht sie mit diesem Streik getroffen werden sollten. Das war wichtig: Geschlossene Kindergärten bedeuten für berufstätige Frauen erst einmal zusätzlichen Streß. Wie sollten sie zur Arbeit gehen, wenn sie ihre Kindern nicht unterbringen konnten? Die Flugblätter sollten dazu Mut machen, den Streik zu nutzen, um nicht zur Arbeit zu gehen – weil es eben nicht geht. Damit sollte der Warnstreik der Kindergärtnerinnen auch die Berliner Wirtschaft treffen.

Für das Gelingen des Streiks war es deshalb, zumindest aus der Sicht der Antiautoritären zwingend notwendig, auch die Eltern mit ins Boot zu holen. Teilweise gelang das auch. Die Eltern des Kindergartens Pestalozzi-Fröbel-Haus veröffentlichten eine Erklärung, in der es hieß:

„Die Zustände, unter denen unsere Kinder leiden, sind genau die, die die Kindergärtnerinnen und Kindergärtner beseitigen wollen. […] Unsere Kinder können sich nicht erfolgreich wehren! Die Kindergärtnerinnen versuchen es mit ihrem Streik. Sie streiken auch für uns, die Eltern. Daher sind wir aufgefordert, uns mehr als bisher aktiv an der Arbeit in den Kindergärten zu beteiligen. Aber das genügt nicht! Wir müssen auch jetzt die Forderungen und Maßnahmen des Personals unterstützen!
Daher erklären wir uns mit diesem Streik solidarisch.“ ([2])

Damit wuchs natürlich der Druck auf die Gewerkschaften. Am 13. Mai erklärte sich die ÖTV auf einmal mit dem Streik solidarisch, wollte den Termin aber auf den 10. Juni verschoben haben und den Streik selbst auf Kreuzberg beschränken. Das war natürlich eines der typischen gewerkschaftlichen taktischen Spielchen, um den laufenden Streikvorbereitungen den enthusiastischen Elan zu nehmen. Zumindest sah das der Arbeitskreis der Sozialpädagogen in einem Rückblick so:

„Heute wissen wir, daß es der ÖTV damals nicht darum ging, einen Streik zu organisieren, sondern eindeutig darum, die Führung zu übernehmen,um die Selbsttätigkeit der Kindergärtnerinnen zu lähmen und den Streik zu verhindern! Die Verschiebung des Streiktermins auf den 10. 6. ohne Begründung war ein erstes taktisches Mittel zur Verhinderung des Streiks. Die ÖTV stimmte dem Warnstreik zu, um eine Radikalisierung der Entwicklung zu verhindern und unter der drückenden Annahme, die Kindergärtnerinnen würden Kampfmaßnahmen auch ohne sie durchführen.“ ([1], S. 4)

Statt auf dem ursprünglichen Termin zu beharren, wurde der ÖTV nachgegeben und der Streiktermin verschoben, um die Gewerkschaft mit ihm Boot zu haben. Anders als es das wahrscheinliche Gewerkschaftskalkül war, bremste die Verschiebung des Termins die Streikvorbereitungen nicht. Der Aktionsrat veröffentlichte eine Serie von drei neuen Flugblättern, um für den Streik zu werben.

Um die Gewerkschaftsforderung, den Streik auf Kreuzberg einzuschränken, zu unterlaufen, wurde Kontakt aufgenommen zum Komba, einer nicht im DGB organisierten Gewerkschaft der kommunalen Beamten und Angestellten. Der Komba sah seine Chance, gegen die ÖTV Terrain gut zu machen und sicherte seine volle Unterstützung des Streiks zu:

„Der Komba sicherte uns jede Unterstützung zu: Er stellte sich uneingeschränkt hinter die am26. 2. in Kreuzberg beschlossenen Forderungen und wollte auch ohne Bedingungen den angekündigten Warnstreik in allen westberliner Bezirken unterstützen. S o kam es zu einer gemeinsamen Großveranstaltung der Arbeitskreise der Kindergärtnerinnen und dem Komba am 4. Juni. Über 500 Kindergärtnerinnen beschlossen bei nur 5 Gegenstimmen einen eintägigen Warnstreik in allen westberliner Bezirken am 10. 6.“ ([1], S. 4)

Neue taktische Mätzchen der ÖTV ließen nicht lange auf sich warten. Noch während die Versammlung tagte, wurde bekannt, daß die ÖTV Verhandlungen mit dem Senat aufgenommen hatte, die am 9. Juni beginnen sollten. Dazu hatte sie dem Senat zugesichert, daß bis zum 12. Juni nicht gestreikt würde. Damit sei leider der von ihr selbst vorgeschlagene Streiktermin am 10. Juni nicht mehr zu halten, der Streik müsse erneut verschoben werden.

Die Wellen der Empörung schlugen in der Versammlung zurecht hoch. Doch da sie sich der Unterstützung des Komba sicher waren, wurde dieser erneuten Versuch der ÖTV, den Streik zu verhindern, abgeblockt. Die Versammlung bestätigte den Streiktermin und wählte ein Streikkomitee, das die letzten Vorbereitungen für einen Streik am 10. Juni treffen sollte.

Wird es den Frauen gelingen, gegen den Widerstand der ÖTV die Berliner Kindertagesstätten für einen Tag lahmzulegen? Lesen Sie auch nächste Woche weiter, wenn wir die Geisteshaltung des ÖTV-Vorsitzenden Schwäbl kennenlernen:

„Er lehnte jede Zusammenarbeit mit dem »Arbeitskreis der Sozialpädagogen« ab, da man »mit diesen Kräften keine gemeinsame Sache machen dürfe«: »Bei einer solchen Aktion stellen sich Kräfte ein, die glauben, hier ihr politisches Süppchen kochen zu können.«“ ([3])

Nachweise

[1] AK der Sozialpädagogen im RC, „Die BEWEGUNG unter den Westberliner KINDERGÄRTNERINNEN“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.18 (20. Juni 1969), S.3 – 6.

[2] Anonym, „Kindergärtnerinnen-Streik: Eltern sind solidarisch“, in: Berliner Extra-Dienst, Jg.3 (1969), Nr.45 (7. Juni 1969), S.3 – 4.

[3] Anonym, „Kindergartenstreik: Jetzt am Freitag“, in: Berliner Extra-Dienst, Jg.3 (1969), Nr.46 (11. Juni 1969), S.3.

[4] Sander, H., „Mütter sind politische Personen“, in: Courage, Jg.3 (1978), Nr.9 (September 1978), S.38 – 42.

[5] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

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Written by alterbolschewik

14. Februar 2014 um 18:05

Veröffentlicht in Feminismus

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