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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Frauen gemeinsam sind stark

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Die Frauenbewegung in der BRD (22)

„Ihr ward so blöd, so lang zu jammern,
wir sind stark, wir sind nicht schwach.
Sollen die Chefs doch kommen,
wir wissen jetzt, was wir wollen.

Wir machen die Arbeit,
wir machen die Arbeit,
wir schaffen die Moneten!

Jetzt ist Feierabend!
Jetzt ist Feierabend!

Wir Frauen gemeinsam sind stark!
Wir Frauen gemeinsam sind stark!“

Ton Steine Scherben

Was bisher geschah: Seit Januar 1968 organisierten sich Berliner Kindergärtnerinnen, um mittels eines Warnstreiks bessere Bedingungen in den öffentlichen Kindergärten Berlins durchzusetzen. Den DGB-Gewerkschaften, die voller Ressentiments gegen den antiautoritären Protest waren, schmeckte das gar nicht: Sie versuchten, den Streik zu sabotieren, indem sie den Streik zunächst von Ende Mai auf den 10. Juni verschoben. Kurz vor dem geplanten Streiktermin nahmen sie dann Verhandlungen mit dem Senat auf und vereinbarten eine Friedenspflicht bis zum 12. Juni.

Als auf der Versammlung am 4. Juni bekannt wurde, daß die ÖTV erneut versuchte, den Streik durch eine Terminverschiebung zu sabotieren, setzte sich die Versammlung darüber hinweg. Schließlich sollte der Streik nicht einfach nur ein Druckmittel sein, um in Verhandlungen mit dem Berliner Senat einzutreten. Denn so wurde der Streik offensichtlich von der ÖTV aufgefaßt.

Es ist durchaus davon auszugehen (leider stehen dem Autor die entsprechenden Dokumente, falls es diese noch geben sollte, nicht zur Verfügung), daß die ÖTV ihre Aufgabe nicht ausschließlich darin sah, den Streik zu verhindern. Es ist zu vermuten, daß sie durchaus eine Verbesserung der Lage für die Kindergärtnerinnen erstreiten wollten. In diesem Kontext war ihnen die Streikdrohung sicherlich willkommen. Aber eben nur als Drohung, nicht als tatsächlicher Streik. Für sie stellte der Streik nur ein Faustpfand in den Verhandlungen mit dem Senat dar – Gewerkschaftstaktik eben.

Hinzu kam, daß sie einfach keine Erfahrungen mit derartigen Basisbewegungen hatten und ihnen im Rahmen des bereits geschilderten antikommunistischen Klimas in Berlin zutiefst mißtrauten. Der Arbeitskreis der Sozialpädagogen kam später zu der durchaus treffenden Einsicht:

„Den an Tarifrituale gewöhnten Gewerkschaftsfunktionären mußte die Qualität der Forderungen, die Spontanität der Versammlungen zumal angesichts der Mitarbeit radikaler Genossen aus anderen Bereichen in der Kindergärtnerinnenagitation unheimlich und unberechenbar vorkommen.“ ([5], S. 3)

Außerdem muß man sich klarmachen, daß die Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Senat keineswegs Verhandlungen zwischen politischen Gegnern waren:

„Der ÖTV -Boss Schwäbl ist gleichzeitig SPD-Funktionär und sitzt im Abgeordnetenhaus. Die dem Deutschen Beamtenbund angeschlossene Gewerkschaft der Berliner Senatsbürokratie, der Komba, ist personell mit der CDU verflochten. Viele kleine Sickerts sitzen bei Berliner Tarifverhandlungen augenzwinkernd ihren Duz-Freunden aus der Staatsbürokratie gegenüber.“ ([1], S. 5)

Aus Sicht der Gewerkschaften also war eine Streikdrohung durchaus akzeptabel, um die eigene Verhandlungsposition zu stärken, nicht aber ein tatsächlicher Streik.

Im Gegensatz dazu verfolgten die Antiautoritären aus dem Arbeitskreis der Sozialpädagogen und vor allem dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen mit dem Streik der Kindergärtnerinnen eine weit über die üblichen gewerkschaftlichen Taktierereien hinausgehende Strategie. Der Kindergärtnerinnenstreik sollte ein Fanal sein, das die Macht der Frauen und insbesondere der Mütter ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit rücken sollte. Nicht nur die Kindergärterinnen sollten streiken, sondern die davon betroffenen Mütter sollten ebenfalls nicht zur Arbeit gehen. Im Gegensatz zur damaligen gesellschaftlichen Propaganda, die die Frauen vor allem in der Rolle der Hausfrau sah, waren, gerade in Berlin, weibliche Arbeitskräfte ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Um dies sichtbar zu machen, richtete sich eines der vom Aktionsrat verfaßten Comic-Flugblätter explizit an arbeitende Mütter. In diesem Flugblatt ging es nicht darum, den Streik zu erklären und um für Sympathie für die Kindergärtnerinnen zu werben. Denn natürlich stellte so ein Kindergärtnerinnenstreik arbeitende Mütter vor ein echtes Problem. Das Flugblatt rief vielmehr dazu auf, am Tag des Streiks einfach zu Hause zu bleiben. Explizit heißt es darin:

„Wir gehen am Streiktag nicht zur Arbeit, sondern zur Kundgebung der Kindergärtnerinnen. Wenn wir einen Tageslohn für uns und unsere Kinder investieren, werden wir in der Zukunft viel mehr gewinnen.“ ([4], S.8)

Und in einer Sprechblase erklärt eine Frau verschwörerisch:

„Weil wir noch nicht organisiert streiken können, sind wir am 10. Juni eben einfach krank!“ ([4], S. 8)

Deswegen war es wichtig, daß der Streik stattfand, völlig unabhängig davon, ob man sich nun in Verhandlungen mit dem Senat befand oder nicht. Denn er sollte nicht einfach ein Druckmittel gegenüber dem Senat sein, sondern vor allem dokumentieren, welche Macht die Frauen hätten, wenn sie sie nur nutzen würden. Das Flugblatt endete dann auch mit der Parole „Frauen gemeinsam sind stark“ – eine der ganz wichtigen Parolen des Frauenbewegung in der BRD (und ich vermute fast, daß sie hier zum ersten Mal auftauchte, auch wenn ich mir da nicht ganz sicher bin; später wurde sie jedenfalls von Rio Reiser in einem gleichnamigen Stück von Ton Steine Scherben verwendet, das er für Helke Sanders Film Eine Prämie für Irene (1971) schrieb).

Die Versammlung am 4. Juni war sich also, trotz des erneuten Ausscherens der ÖTV darin einig, den Streik am 10. Juni durchzuziehen, auch weil sie sicher war, von der nicht DGB-Gewerkschaft Komba unterstützt zu werden. Die Versammlung wählte ein Vorbereitungskomitee, das die Agitation für den Streik in der heißen Phase koordinieren sollte. Am Samstag, den den 7. Oktober wurde noch einmal massiv in der Berliner Bevölkerung geworben. Der Berliner Extradienst rief zur Solidarität auf:

„SOLIDARITÄT MIT DEN KINDERGÄRTNERINNEN!
Am 10. Juni streiken Westberlins Kindergärtnerinnen. Solidarisiert Euch und klebt das Solidaritäts-Plakat an die Autoscheibe. EXTRADienst hat es zum Ausschneiden auf der letzten Seite untergebracht. Kommt mit Euren Autos mit dem Roten Punkt und dem Solidaritäts-Plakat zum Autokorso am heutigen Sonnabend, 11.30 Uhr ab Hammarskjöld-Platz. Die Kindergärtnerinnen halten dort für Euch Plakate und Flugzettel bereit.“ ([3])

Doch auch der Senat agierte nicht ungeschickt und lud erstmals die Vertreter des Komba zusammen mit den DGB-Gewerkschaften zu einer ersten Verhandlungsitzung am Tag vor dem Streik ein. Als sich an diesem Tag das Vorbereitungskomitee mit dem Komba traf, mußte es erfahren, daß auch dieser nun aus der Streikfront ausscherte und dafür plädierte, ebenso wie die ÖTV, erst am 13. zu streiken, falls der Senat nicht zu substantiellen Zugeständnissen bereit sei. Das war ein schwerer Schlag. Erneut wurde für den Abend des 9. Juni eine Vollversammlung einberufen. Es war offensichlich, daß die Mehrheit nicht ohne gewerkschaftliche Unterstützung streiken wollte. Schon vor dem Ausscheren des Komba hatten die ÖTV-Funktionäre auf der letzten Versammlung Einschüchterungsarbeit geleistet:

„ÖTV-Leute machten darauf aufmerksam, daß nur der von ihnen unterstützte Streik – gesprochen wird vage vom 12. oder auch 13. Juni – »legal« sei, während die Kindergärtnerinnen, die am 10. Juni streiken wollen und nicht in der Komba organisiert sind, einen »wilden« Streik durchführen und möglicherweise Repressionen ausgesetzt seien.“ ([2])

Die Versammlung am Abend vor dem Streik war unentschieden, ließ sich dann aber doch von den Gewerkschaften über den Tisch ziehen und stimmte, zugunsten einer einheitlichen Streikfront, für einen Streik am 13. Juni. Der Arbeitskreis der Sozialpädagogen kommentierte dann später resigniert:

„Die Gewerkschaften hatten nun freie Hand: Sie brauchten den Streik nur noch abzublasen. Und das taten sie.“ ([1], S. 5)

Der Senat hatte einige kleinere Zugeständnisse gemacht, was den Gewerkschaften dann als Vorwand ausreichte, um den Streik komplett abzusagen. Damit war die Luft aus der Bewegung herausgelassen. Im Herbst wurde dann zwar noch einmal versucht, einen Kindergärtnerinnenstreik auf die Beine zu stellen, doch auch dieser wurde wieder von den Gewerkschaften sabotiert. Damit war das größte öffentlichkeitswirksame Projekt des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen gescheitert. Für den Aktionsrat bedeutete das das Ende. Er zerbrach, nicht untypisch für lose organisierte Gruppierungen nach einer aktionistischen Phase, in verschiedene Fraktionen.

In den nächsten Folgen dieses Blogs wird deshalb dieser Zerfallsprozeß, so weit es geht, rekonstruiert werden. Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn Frigga Haug meint:

„Es war vielleicht ein Machtkampf zwischen Helke und mir, aber der Aktionsrat blieb bestehen. Manche sagen, er wurde »gespalten«. Doch Spaltung ist nicht das richtige Wort, wenn sieben gehen und etwa hundert Frauen und damit die Mehrheit übrig bleiben.“ ([6], S. 191)

Nachweise

[1] AK der Sozialpädagogen im RC, „Die BEWEGUNG unter den Westberliner KINDERGÄRTNERINNEN“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.18 (20. Juni 1969), S.3 – 6.

[2] Anonym, „Kindergärtnerinnenstreik: ÖTV/BVL will verschleppen“, in: Berliner Extra-Dienst, Jg.3 (1969), Nr.45 (7. Juni 1969), S.3.

[3] Anonym, „Solidarität mit den Kindergärtnerinnen!“, in: Berliner Extra-Dienst, Jg.3 (1969), Nr.45 (7. Juni 1969), S.1.

[4] Anonym, „Westberlin, 10. Juni: Streik der Kindergärtnerinnen. Frauen sollen mitstreiken“, in: Berliner Extra-Dienst, Jg.3 (1969), Nr.44 (4. Juni 1969), S.7.

[5] Arbeitskreis der Sozialpädagogen im RC, „Warum kein Streik der Kindergärtnerinnen? Analyse des aufgeschobenen Streiks“, in: Sozialpolitische Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.2 (30. Juni 1969), S.1 – 3.

[6] Haug, F.: „»Frauenpolitik galt als kleinbürgerlich«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 180 – 198.

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Written by alterbolschewik

21. Februar 2014 um 18:06

Veröffentlicht in Feminismus

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