shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die Kunst der politischen Provokation (1)

with 18 comments

„Don’t mention the war!“

Basil Fawlty

Diese Woche gibt es, aus aktuellem Anlaß, keine Fortsetzung meiner kleinen Geschichte der Frauenbewegung in der BRD. Stattdessen widmet sich dieses Blog der Frage, welchen Sinn politische Provokationen haben und was ihr legitimes Ziel sein könnte. Und da dies ein Blog über die Geschichte der Antiautoritären Bewegungen ist, werden die späten 60er Jahre dabei nicht zu kurz kommen.

Kurz der Anlaß für dieser Programmänderung: Seit Ende der 90er Jahre versuchen Neonazis, die Bombardierung Dresdens im zweiten Weltkrieg zu instrumentalisieren, um die deutschen Kriegsverbrechen im zweiten Weltkrieg zu relativieren. Dazu veranstalteten sie regelmäßig am 13. Februar, dem Jahrestag der Bombardierung, Aufmärsche in Dresden. Diese wurden allerdings seit einigen Jahren durch ein breites Bündnis massiv behindert, daß die Faschisten mehr und mehr die Lust an diesen Aufmärschen verloren. Dieses Jahr war es dann so weit, daß sie ganz darauf verzichteten, am 13. Februar zu demonstrieren. Das wurde allerdings nicht offen verkündet, um die Gegendemonstranten ins Leere laufen zu lassen. Stattdessen hatten sie eine Kundgebung für den Abend des 12. Februar angemeldet. Laut DNN-Online wurden zu dieser Kundgebung 50 Neonazis erwartet, tatsächlich waren dann ein paar Hundert da, die durch die Dresdner Innenstadt zogen.

Soweit die Ausgangslage. Durch diese Vorverlegung des eher jämmerlichen Naziaufmarsches wurden allerdings Antifa-Aktivisten, die für den nächsten Tag nach Dresden mobilisiert hatten, um das Vergnügen gebracht, einen Nazi-Aufmarsch zu verhindern. Unter diesen Betrogenen war auch eine Politikerin der Piratenpartei, die im Bus nach Dresden davon erfuhr, daß die Nazis schon marschierten, während sie noch auf der Autobahn war. Aus dieser Frustration heraus wurde dann eine Aktion geboren, die die in der Öffentlichkeit hohe Wellen schlagen sollte: Sie posierte zusammen mit einer anderen Frau im Stil der Femen-Aktivistinnen, das heißt, mit entblößten Oberkörpern, auf den Parolen gepinselt waren. Im Falle der Piraten-Politikerinn war das der Spruch: „Thanks Bomber Harris“. Anders als die Femen-Aktivistinnen hatten sich die beiden Frauen allerdings vermummt, um nicht identifiziert werden zu können. Ein professioneller Photograph lichtete die beiden Frauen ab, die Photos wurden dann über eine Agentur an die Boulevardpresse verkauft.

Zuerst druckte die Bild-Zeitung in Dresden die Photos ab, schnell folgten weitere Boulevardblätter. Gleichzeitig wurden die Photos über Twitter verbreitet. Diese massive mediale Aufmerksamkeit führte dazu, daß die Anonymität nicht besonders lange währte, die Identifikation erfolgte innerhalb kürzester Zeit. Zu diesem Zeitpunkt allerdings leugnete die Politikerin ab, daß sie es sei, die auf den Bildern mit dem Bomber-Harris-Spruch zu sehen sei. Bei einer Privatperson wäre das nun auch nicht besonders schlimm; allerdings ist sie keine reine Privatperson, sondern sie bekleidet öffentliche Funktionen. Sie ist in eine der Bezirksverordnetenversammlungen in Berlin gewählt und steht auf der Kandidatenliste der Piratenpartei für die Europawahl, und zwar auf einem durchaus aussichtsreichen Listenplatz. Dadurch verwickelte sie auch ihre Partei in die Aktion. Der Bundesvorstand der Piratenpartei vertraute zunächst den Aussagen seiner Europa-Kandidatin und stellte sich demonstrativ vor sie. Um so größer war die Blamage und der Schaden für die Reputation der Partei, als die Beteiligung an der Aktion nicht mehr abzustreiten war. Es folgte eine öffentliche Entschuldigung der Politikerin, samt einer Erklärung, wie es zu dieser Aktion gekommen war.

Da wahrscheinlich nicht alle meine Leser die Geschichte des Bomber-Harris-Spruchs kennen, hier kurz seine Geschichte: Sir Arthur Travers Harris von der Royal Air Force war im Zweiten Weltkrieg für das Flächenbombardement von deutschen Städten verantwortlich, darunter auch den Angriff auf Dresdens. Als nach dem Zusammenbruch der DDR und der Wiedervereinigung der deutsche Nationalismus sich gewaltätig in Pogromen gegen Asylbewerberheime manifestierte, bildete sich in der deutschen Linken ein antinationalistischer Konsens, der in der etwas schrägen Parole „Nie wieder Deutschland!“ zum Ausdruck gebracht wurde. Innerhalb dieses antinationalistischen Konsenses bildete sich schnell eine Splittergruppe heraus, die sich als die „Anti-Deutschen“ bezeichneten. Es würde hier deutlich zu weit führen, die Irrungen und Wirrungen dieser Anti-Deutschen in den nächsten Jahren nachzuzeichnen. Charakteristisch für diese Gruppierung ist, daß sie alle militärischen Abenteuer der USA und ihrer Verbündeten, sei es auf dem Balkan, in Afghanistan oder im Irak bedingungslos feiert, und zwar mit Berufung auf deren Rolle als Befreier im Zweiten Weltkrieg. Aus dieser Überidentifikation mit den (westlichen) Gegnern des Nationalsozialismus wurde dann auch irgendwann in den 90er Jahren die Parole „Thank you, Bomber Harris“ geboren, um sich sowohl von einer pazifistischen oder wie auch einer antiimperialistischen Linken abzugrenzen.

Im Kontext des Dresdner Gedenkens zum Jahrestag der Bombardierung ist diese nun auch schon zwei Jahrzehnte alte Parole natürlich nicht nur ein den Nazis ins Gesicht gereckter Stinkefinger; sie stellt auch einen ganz bewußten Angriff auf das bürgerlich-pazifistische Gedenken dar, auch wenn sich das zumindest selbst als Gegenentwurf zur Nazi-Instrumentalisierung der Toten versteht. Vertreter der anti-deutschen Linie der Antifa unterstellen diesem bürgerlich-pazifistischen Gedenken, es handle sich dabei um eine Form nationalistischer Entlastung, weil es die Bombenopfer von Dresten mit den Opfern von Guernica und Coventry in eine Reihe stelle. Damit würde man sich mit den Opfern des Nationalsozialismus identifizieren. Auf dem gleichen argumentativen Niveau ließe sich aber auch sagen, daß die Identifikation mit Bomber Harris eine ebensolche Entlastungsfunktion habe. Weder auf die eine noch auf die andere Weise läßt sich die blutige deutsche Erbschaft einfach ausschlagen.

Soweit also zunächst einmal zur Faktenlage zu #bombergate, wie die Aktion dann auf Twitter bezeichnet wurde. Warum findet diese Aktion nun, drei Wochen nach dem Ereignis, Eingang in dieses Blog? Ganz einfach: Weil ich die gängige Kritik an dieser Aktion für falsch halte.

Schnell war die Bildzeitung mit der Anklage zur Hand, es handle sich bei den Bildern der Aktivistinnen um eine „Verhöhnung der 25.000 Bombenopfer von Dresden“. Tatsächlich aber stinkt das Argument von der „Verhöhnung von Opfern“ zum Himmel. Es ist eines dieser leeren Befindlichkeitsargumente, das in der selben Liga mitspielt wie die „Verletzung religiöser Gefühle“. Wer hier eigentlich der Geschädigte sein soll, was der Schaden ist und warum das alles ganz furchtbar schlimm ist, bleibt völlig unerfindlich. Wo nicht mehr vom Aufeinanderprallen unterschiedlicher politischer Ansichten die Rede ist, von unterschiedlichen Interessen, die zueinander in Konflikt stehen, sondern nur noch davon, wer in seinen Gefühlen verletzt worden ist, hat der politische Diskurs abgedankt.

Natürlich ist es unhöflich, auf den Gefühlen anderer Leute herumzutrampeln. Und im zivilen Leben gehört sich das überhaupt nicht. Das gilt aber nicht für den politischen Raum. Wo es um politische Konflikte geht, haben Rücksichten auf die Gefühle des politischen Gegners nichts zu suchen. Damit meine ich nicht, daß man politische Auseinandersetzungen auf eine persönliche Ebene ziehen und Menschen persönlich beleidigen soll. Aber ich kann in meiner politischen Argumentation keine Rücksicht darauf nehmen, daß bestimmte Themen vom politischen Gegner rein subjetiv als verletzend empfunden werden könnten.

Und „Thank you, Bomber Harris!“ ist eine politische Parole, die durchaus einen präzise benennbaren Inhalt hat. Sie macht deutlich, daß es einen fundamentalen Unterschied zwischen den britischen Bombenangriffen auf Deutschland und deutschen Bombenangriffen auf Großbritannien gegeben hat. Es ist nicht einmal im Gedankenexperiment vorstellbar, daß die National Front in Coventry mit der Parole „Danke, Hermann Göring!“ auf die Straße gehen könnte. Insofern enthält diese Parole keinerlei „Verhöhnung der Opfer“ – sie macht nur klar, daß die Opfer von Dresden aus anderen Gründen zum Opfer wurden als die Opfer in Coventry. Und wer mit dieser Unterscheidung Probleme hat, soll sich zurecht von der Parole angegriffen fühlen. Wer aber den Unterschied versteht, wird darin auch keine Verhöhnung der Opfer erkennen.

Auf dieser rein sachlichen Ebene (das unterstelle ich jetzt einmal) müßten dann auch die meisten Dresdner durchaus Verständnis für die Bomber-Harris-Parole haben. Das Problem beginnt dort, wo wir die sachliche Ebene verlassen. Denn es handelte sich ja nicht um eine ausgearbeitete Rede, in der sine ira et studio aufgedröselt wird, in welch schwierigem Spannungsfeld das Gedenken für die Opfer der Dresdner Bombennacht oszilliert. Das Statement wurde ganz bewußt in Form einer Provokation in die Öffentlichkeit geschleudert. Und die Form ist dem Inhalt keineswegs äußerlich.

Die politische Provokation ist ein ganz spezielles Mittel aus dem politischen Werkzeugkasten. Und sie ist ein gefährliches Werkzeug, das in den Händen von Dilettanten sehr schnell ziemlichen Schaden anrichten kann – wie eben im geschilderte Fall. Um aber zu verstehen, was im Fall von #bombergate alles schief lief, werden wir uns dazu einem ähnlichen, aber professionell durchgezogenen Fall politischer Provokation zuwenden. Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn die Kommune I schreibt:

„Ein brennendes Kaufhaus mit brennenden Menschen vermittelt zum erstenmal in einer europäischen Großstadt jenes knisternde Vietnamgefühl (dabei zu sein und mitzubrennen), das wir in Berlin bislang noch missen müssen.“ ([1])

Nachweise

[1] Langhans, R. & Teufel, F., Klau mich, Frankfurt a.M. 1968.

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Written by alterbolschewik

7. März 2014 um 17:21

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

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18 Antworten

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  1. Schön wie hier wieder sehr genau gedacht und dann umso genauer geschrieben wird.
    „Insofern enthält diese Parole keinerlei „Verhöhnung der Opfer“ – sie macht nur klar, daß die Opfer von Dresden aus anderen Gründen zum Opfer wurden als die Opfer in Coventry. Und wer mit dieser Unterscheidung Probleme hat, soll sich zurecht von der Parole angegriffen fühlen. Wer aber den Unterschied versteht, wird darin auch keine Verhöhnung der Opfer erkennen.“
    so sieht es aus. Und genau an dieser Schnittstelle wird das sich versöhnlerisch aber eben nicht versöhnlich artikulierende Dresdener Gerede unheimlich, gespenstisch. Diese Haltung ist deswegen unheimlich, weil sie ganz einfach die Möglichkeit des Benennens von historischen Ursachen leugnet und damit dem wild an die Pforten schlagenden, allgemeinen Schicksal alle Last aufbürdet. Wie konnte es nur so weit kommen, ja wie denn nur? Das Schicksal hats halt so gewollt…Oh fortuna!

    Dieselben Gespenster beschreibt Hannah Arendt in ihrem Besuch in Deutschland, wenn ein Deutscher kopfschüttelnd die verbrannten Kirchen seiner Heimat betrachtet und allen Ernstes sagt: Dass die Menschen immer Krieg führen müssen. Sag bloß, das ist wirklich Pech. Weil „die Menschen“ immer Krieg führen mussten, mussten auch die deutschen Kirchen brennen. Mal bei „den Menschen“ vorbeischauen und Alternativangebote unterbreiten. Damit die Kirchen heil bleiben.

    summacumlaudeblog

    9. März 2014 at 1:00

    • Ich bin da zwiespältig. Auf der einen Seite gibt es sicherlich diese Geschichtslosigkeit, die Krieg und Zerstörung in die Nebelregionen des „Schicksals“ abdrängt. Das ist eben dieses Unpolitische, bloß Gefühlte, wo die historisch-politische Dimension in einer verschwiemelten „Menschlichkeit“ entsorgt wird. Andererseits halte ich aber die Trauer über das, was der zweite Weltkrieg auch in Deutschland an destruktiven Folgen hatte, nicht per se für illegitim. Die Stadt, in der ich lebe, trägt im Stadtbild immer noch die Narben der Operation Tigerfish. Und da überkommt mich – auch wenn ich die Berechtigung dieses Bombenangriffes nie leugnen würde – gelegentlich eine gewisse Wehmut, wenn ich mein historisches Wissen über die Stadt und ihr Stadtbild mit der heutigen Realität vergleiche. Da wurde mehr weggebombt als ausschließlich Nazis.

      alterbolschewik

      9. März 2014 at 17:20

  2. Schön ist in diesem Zusammenhang das Sich-selbst-veräppeln der Provokateure, das ich so sehr liebe (und Entzweihungen mit Moralisten bei mir lebenslang vorantreibt). Auf einer Häuserklampfdemo etwa brüllten Leute „Wohnungsnot muss nicht sein, zieht in leere Häuser ein!“ bis sie vor Heiserkeit krächzten und Andere dann riefen „Atemnot muss nicht sein, zieht euch ein Wick Blau hinein!“

    che2001

    9. März 2014 at 14:56

    • Ich denke, der Niedergang der antiautoritären Bewegungen setzt genau zu dem Zeitpunkt ein, als sie ihren Witz verlor. Dafür gab es natürlich Gründe – der Tod von Benno Ohnesorg oder das Attentat auf Rudi Dutschke ließ einem die alten Scherze im Halse stecken bleiben. Dennoch: Die moralinsaure Griesgrämigkeit ist der Feind jeder wirklichen emanzipatorischen Veränderung der Gesellschaft.

      alterbolschewik

      9. März 2014 at 17:25

  3. Mit der moralinsauren Griesgrämigkeit gehe ich d’accord. Siehe auch bersarins Text über die Titanic, den wir Anfang des Jahres noch einmal ausgekramt hatten..

    Die Operation tigerfish ist Ausdruck der Totalität des Krieges, eine Entwicklung über Jahrhunderte, bei der die Deutschen gelinde gesagt nicht gerade im Bremserhäuschen saßen. Natürlich ist Trauer darüber nicht illigetim. Allerdings führte man damals Krieg gegen ein faschistisch regiertes Deutschland, dessen Bevölkerung eine den damaligen Kriegsgegnern zumindest nicht klar erkennbare Haltung zum Regime hatte, und das ist überhöflich ausgedrückt. Ein selektiver Krieg gegen zuvor zweifelsfrei identifizierte Nazis war eben nicht möglich. Dass es darum zur Tragik kam, kommen musste, wussten auch damalige Zeitgenossen. Und das ist ja auch unbestreitbar. Ich glaube, da liegen wir gar nicht auseinander. Auch mir wurde anders, als ich Hintergründe zu Sodom und Ghomorra erfuhr (Hamburg!).

    Was Dresden angeht, so sehe ich da doch manches noch in anderen Zusammenhängen. Dresden ist DIE städtische Projektionsfläche der Konservativen nach 1989, nicht Berlin, eine Stadt, die sie nie schätzten (auch die Nazis übrigens nicht. Stadt der Bewegung war München, die Stadt der Reichsparteitage Nürnberg, das nur nebenbei).
    Dresden aber ist die Stadt der Konservativen, mit Kohls Rede 1989 („Liebe Landsleute…“), dem Wiederaufbau der Frauenkirche als nationale Aufgabe und dem Gedenken zum 13. Februar. Dieser Tag ist für die konservative Weltumdeutung nach 1989 unbezahlbar. Die postulierte Sinnlosigkeit des Angriffs machte die Dresdener zu Opfern. Sogleich aber boten die Opfer generös die Hand zur Versöhnung (das meinte ich mit versöhnlerisch statt versöhnend) den Unterschied zu anderen Opfern der Geschichte klarstellend, die dazu nicht so rasch bereit waren. Last baut not least wurde die wieder aufgebaute Frauenkirche zu einem Einheitssymbol. Insgesamt hat nun endlich das ganze Deutschland die richtigen Lehren aus dem – Oh fortuna! – Schicksalsdatum 30. Januar gezogen und lehnt rot wie braun GLEICHERMAßEN ab.

    Das sind angedeutet meine Assoziationsketten, wenn ich den 13. Februar und seine alljährliche Präsentation reflektiere. Das nebelkerzige, konservative Entsorgen der deutschen Vergangenheit im dumpfen, allgemeinen Schicksalssumpf. Das Auch-Opfer-Dasein als Identitätsstiftung. Nachhdem man 1989 politisch doch noch völlig überaschend zu den Siegern der Geschichte gehörte, wollte man zumindest auch den moralischen Abstiegsplatz verlassen.
    Die Doku-Dramen über die „Gustloff“ (Kommentar im Spiegel: Tutut hier kommt der Opfer-Dampfer!) und über die Flucht aus Ost-Preussen spielen hier mit hinein, letzteres die ersten großen Vertreibungen im Osten durch die Deutschen seit 1939 verschweigend. Bin mir eigentlich sicher, dass der Betreiber dieses Blogs das nicht groß anders sieht. Grüße.

    summacumlaudeblog

    9. März 2014 at 21:44

    • Das kann ich alles so unterschreiben, würde aber noch eine Nuance anfügen. Die Stilisierung der Dresdner als bloße Opfer ist kein Resultat der sogenannten „Wende“. Schon die SED hatte versucht, die Bombardierung zu instrumentalisieren und sie gegen den Gegner im kalten Krieg zu wenden. An diesen schon zu DDR-Zeiten aufgebauten Opfer-Mythos konnte dann nach 1989 nahtlos angeknüpft werden.
      Aber ich gebe Dir recht: Dresden ist wirklich ein Spezialfall. Hier in Freiburg wird lang nicht so ein popagandistischer Bohei gemacht um die Operation Tigerfish, obwohl die Attacke militärtaktisch gesehen zweifellos sinnloser war und die Opferzahlen sich, im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung, in ähnlichen Größenordnungen bewegten.

      alterbolschewik

      10. März 2014 at 18:13

  4. Ja, und die DDR-Medien verwendeten sogar Wochenschau-Diktion: Angel-sächsische Bomberverbände. Aber auch die freien Westmedien verwendeten Wochenschau-Diktion: Wenn es um die „Russen“ ging…

    Übrigens war der Angriff auf Dresden auch im revanchistischen, westlichen Allgemeingut fest verankert. Ebenso die Gustloff. Und die Ost-Flüchtlinge waren bis in die 70er Jahre hinein in vielen Städten tägliche Realität in ihren Siedlungen, erkennbar an den Straßennamen (Danziger Str. Stettiner usw.). Auf Nachfrage erhielten wir als Kinder durchaus Antwort.
    Und insofern kann Sebalds These, die Generation der Bombardierten würde sprachlos sterben, von mir so nicht zu bestätigt werden. Sie gilt vielleicht für das literarische Sprechen/Schreiben, aber auch dort nur zum Teil, denn es gab einige Ausnahmen. Zum Beispiel Nossack! Auch Kempowski thematisiert den Angriff auf Rostock und Böll sagte: „Als wir Köln wiedersahen, weinten wir.“ Nur derselbe kulturelle Hintergrund, der den 13. Februar für sich vereinnahmt, behauptete und behauptet weiterhin in vermeintlicher Vorurteilslosigkeit, dass „die 68er“ (Ihr Thema hier!) ein Tabu aufgestellt und mit Sprechverboten gearbeitet hätten, kurzum die Deutschen in ein Joch mit Namen political correctness gespannt hätten.

    summacumlaudeblog

    10. März 2014 at 19:09

    • Wer tatsächlich ein umspannendes System der political correctness errichtet und z.B. moralisch-repressives Festhalten an bestimmten Sprachregelungen sowie eine ausgeprägte Satirefeindlichkeit entwickelt hat war mehr so die Generation der Kinder der 68er, bzw. ein ganz bestimmter akademischer Teil davon.

      che2001

      24. April 2014 at 17:19

    • Ich fürchte, daß wir hier zum eigentlichen Problem vorstoßen, das, gerade in aktuellen Blog- und Twitter-Diskussionen, vorherrschend ist: Das Identitäts-Problem.

      Ich glaube nicht mehr, wie Che, daß das einfach ein Klassenproblem ist. Sondern daß es ein Problem ist, das sich aus der Auflösung der Klassen entwickelt hat. Wer heute jung ist und einigermaßen intelligent, dem oder der fallen einerseits die gesellschaftlichen Widersprüche ins Auge, andererseits wird ihm oder ihr nichts geboten, wie man sich eindeutig positionieren könnte. Identität steht nicht im Angebot des neoliberalen Kapitalismus. Aber genau das wird gesucht. Und deshalb wird Uneindeutigkeit, wie sie sich eben in der Sprache oder auch in Satire und Ironie ausdrückt, dann als bedrohlich empfunden.

      Ich bin mir inzwischen aber nicht mehr ganz sicher, ob das alles einfach in Bausch und Bogen abzulehnen ist. Natürlich ist das puritanische Sektenunwesen, das uns nervt, eigentlich unerträglich. Aber andererseits ist das, wie ich glaube, nicht einfach nur kleinbürgerlich-bescheuert, sondern eine unreflektierte Reaktion darauf, daß es kein richtiges Leben im Falschen gibt. Und weil es das einerseits nicht gibt, man das andererseits auch nicht reflektiert, sucht man sich archimedische Punkte – Gender, Critical Whiteness, Veganismus – die es einem scheinbar erlauben, wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen. Das ist natürlich hochgradig bescheuert, aber darin steckt auch eine Energie, die man in andere Richtungen lenken müßte…

      alterbolschewik

      28. April 2014 at 23:39

  5. „Wer tatsächlich ein umspannendes System der political correctness errichtet und z.B. moralisch-repressives Festhalten an bestimmten Sprachregelungen sowie eine ausgeprägte Satirefeindlichkeit entwickelt hat war mehr so die Generation der Kinder der 68er, bzw. ein ganz bestimmter akademischer Teil davon.“ stimmt, aber der konservative Mainstream will gegen die Fakten wissen, dass ALLE Linken sie moralisch mit der sog political correctness gängeln und am „Sosein“ hindern. Pirincic und Sarazins verstörende Erfolge sind zumindest teilweise so erklärbar, denn deren Argumentationsschiene läuft genau diesen Weg: Wir sind, wie wir sind, nur die bösen Linken wollen uns das Verbieten und die Nicht-Norm zur Norm erklären.
    Eine verrückte, gedoppelte Dialektik! Man unterstellt der Linken einen flächendeckend erhobenen Vorwurf (z.B.: „die Linke behauptet, wir sind Schuld an der Unterdrückung der Homosexualität“) und „beweist“ dann, dass dieser Vorwurf nicht wahr ist. Nun, weder ist dieser „Vorwurf“ wahr, noch hat ihn je die Gesamtheit der Linken erhoben. Es ist einfach eine dreiste Unterstellung der Herren Pirincic, Sarazin, Fleischhauer. Und da ist sie schon wieder: Die bequeme Opferidentität; in diesem Fall also ist die schweigende Mehrheit als das Opfer einer angeblich medial dominanten Linken.
    Fragen zum Schluß, um zu testen, ob die behauptete linke Mediendominanz stimmen kann:
    Wieso ist die angeblich schweigende Mehrheit immer so laut? Hat die angebliche linke mediale Dominanz die Mehrheit doch nicht zum Schweigen bringen können?
    Wie erklären weiterhin unsere konservativen Kulturskeptiker 16 Jahre Helmut Kohl und nun schon über 8 Jahre Angela Merkel? Mit der linken medialen Hegomonie? Kann man in einer Mediendemokratie gegen den Medienmainstream eine Wahl gewinnen? Immer, wenn ich konservativen Kulturskeptikern solche Fragen stellte, wurden die vormals so beredeten Münder so schweigsam auch…

    summacumlaudeblog

    28. April 2014 at 18:17

    • „Wieso ist die angeblich schweigende Mehrheit immer so laut? “

      ich erlaube mir hiermit, stolz auf meinen (eineiigen Zwillings)bruder zu sein!

      hf99

      28. April 2014 at 20:42

    • In der Tat ist die angeblich „schweigende Mehrheit“ von einer derart penetranten Lautstärke, daß man kotzen möchte.

      alterbolschewik

      28. April 2014 at 23:40

  6. Was diese neue alte Unübersichtlichkeit betrifft, daß die Fronten nur noch bedingt klar verlaufen, wenngleich der Grundwiderspruch zwischen Arbeit und Kapitel nach wie vor besteht: da eben liegt das Problem der meisten: Nichtidentisches nicht aushalten zu können. Das zweite Problem: es gibt keine Klassen mehr, es müssen also neue Ansätze gefunden werden, wie Kohärenz, Zusammenhalt, Solidarität erzeugt werden. Die Heterogenität der Homogenen und die Vereinzelung hat seit etwa 30 bis 40 Jahren ein ganz neues Ausmaß angenommen.

    Political Correctness ist so ein Begriff, der von den PR-Agenturen der Neurechten erfunden wurde, um linke Strömungen insgesamt zu diskreditieren, ebenso wie der Begriff des Gutmenschen sowie der der der linken Mediendominanz wie ihn der Rollkragenpullover- und Humorschwadroneur Fleischhauer benutzt: Wahrscheinlich glaubt er tatsächlich, die SZ oder der NDR seien irgendwie linksgestrickt. (Allenfalls waren es damals Teile des NDR, die dann schnell auf der Straße saßen.) Wer sich in einem umfassenden Sinne nämlich als links versteht bzw. genauer gesagt, wer kritisch auf diese Gesellschaft blickt, der operiert nicht, wie Habermas et al. in den Termini der Moral, sondern der analysiert die Strukturen: wie funktioniert und wirkt und durchdringt uns diese Gesellschaft? Bis in die Regungen des Körpers hinein. Was sind die zentralen Begriffe und vor allem, wie manifestieren sie sich in der Wirklichkeit und gestalten diese. Das macht Kritische Theorie aus und nicht das Starren auf Mohrenlampen.

    Heute aber bleibt’s dabei: Heraus zum roten ersten Mai!

    Bersarin

    1. Mai 2014 at 10:42

    • Ich komme gerade zurück vom roten ersten Mai. Und wie jedes Jahr führt das Ganze bei mir zu einer mittelschweren Depression. Diese Veranstaltung ist so inhaltsleer, daß auch eine Parole wie „Junkerhand in Bauernland“ nicht weiter auffallen würde. Und wenn ich meine, das alles sei schal und abgestanden, dann bezieht sich das nicht nur auf die DGB-Demonstration, sondern auch auf die „Revolutionäre“ 1.-Mai-Demonstration. Natürlich sind mir nette, junge, schwarzgekleidete Menschen, die Abschaffung des Kapitalismus fordern, lieber als eine alte Linke, die ihre ehemalige Nibelungentreue zur Sowjetunion jetzt auf Putin übertragen hat, um weiterhin ihrem begriffslosen Antimperialismus frönen zu können. Doch insgesamt herrscht auf allen Seiten die Haltung, die eigene gesellschaftspolitische Ratlosigkeit durch leere Phrasen zu verbergen. Und dann wird man auch noch alle fünf Minuten von irgendwelchen kurdischen Stalinist*innen aufgefordert, eine Unterschrift für die Freilassung von Öcalan zu leisten. Wie gesagt: Deprimierend.

      alterbolschewik

      1. Mai 2014 at 15:19

    • Kann ich nur bestätigen. Ich komme gerade von der abendlichen Revolutionären 1. Mai-Demo. Blödester Spruch, bei dem ich immerhin aber in Lachen ausbrach: Wir sind nicht alle, es fehlen die Gefangenen.

      Berlin-Hipster, die Revolution spielen. Teils. Ein extrem aggressiver schwarzer Block. Inhaltsleer, das trifft es sehr gut. Zum Photographieren bin ich mittlerweile auch zu alt. Es fehlt die Kondition. Traurig das alles. Immerhin hat mich eine junge Frau angelächelt. Aber wahrscheinlich hat sie mich für ihren Vater oder ihren Lehrer gehalten. Deprimierend trifft es gut.

      Bersarin

      1. Mai 2014 at 22:22

  7. @“Wer sich in einem umfassenden Sinne nämlich als links versteht bzw. genauer gesagt, wer kritisch auf diese Gesellschaft blickt, der operiert nicht, wie Habermas et al. in den Termini der Moral, sondern der analysiert die Strukturen: wie funktioniert und wirkt und durchdringt uns diese Gesellschaft? Bis in die Regungen des Körpers hinein.“ —– Das hat besonders Theweleit gut getan, von dem ich heute im Radio einen guten Beitrag hören konnte, in dem er meinte, dass die heutige Hirnforschung das bestätige, was er in Männerfantasien schon vertreten habe, sich damals aber nicht erklären konnte: Dass die Entwicklung der Hirnstrukturen durch erlernte Meme gesteuert werde, die gemachte Erfahrungen im Nachhinein somatisieren würden.

    @“Political Correctness ist so ein Begriff, der von den PR-Agenturen der Neurechten erfunden wurde, um linke Strömungen insgesamt zu diskreditieren“ —- Nein, definitiv nicht. Ich kenne PC aus linken Szenezusammenhängen der Neunziger als positive Selbstbeschreibung bis hin zum Synonym für „gut“ („Ey, die Party war echt PC“) und als Selbstunterscheidung in eine PC- und eine Non-PC-Linke (die eine behauptete Sprachregelungen, Veganismus und Straight Edge als positive Normen, die Andere machte sich darüber lustig und las Titanic). Die Verwendung dieses Begriffs ist sehr vielschichtig.

    che2001

    1. Mai 2014 at 22:21

  8. […] diese Diskussion bei dem ebenfalls verstummten Blog “shifting reality” möchte ich […]

    ENDE | summacumlaude

    11. April 2016 at 13:30

  9. Dass Dein Blog ruht bedauere ich, und dass dieses Blog wieder laut wird ist sehr gut möglich.

    che2001

    14. April 2016 at 14:25


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