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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die Kunst der politischen Provokation (2)

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„Es geht nicht darum, juristisch zu gewinnen – Du musst politisch gewinnen, für Dich.“

Kommune I

Was bisher geschah: Eine Politikerin der Piratenpartei hatte letzten Monat dagegen protestiert, daß die Opfer des verheerenden Bombenangriffes auf Dresden 1945 dazu instrumentalisiert werden, deutsche und alliierte Bombenangriffe während des zwieten Weltkriegs gleichzusetzen. Dazu hatte sie sich den Spruch „Thanks Bomber Harris“ auf den entblößten Oberkörper gepinselt, dies von einem Photographen ablichten lassen und über die Boulevardpresse veröffentlicht. Das Ganze ging mit dem hashtag #bombergate als Fiasko in die Geschichte der Piratenpartei ein.

Die Provokation ist ein Mittel der politischen Auseinandersetzung, das in manchen Fällen sehr effektiv sein kann, sich in anderen aber auch gegen ihre Urheber selbst wendet. Im Fall der angeführten Piratenpolitikerin ging die Provokation schief: Der Schaden für die Piratenpartei und politische Karriere der Provokateurin war immens, ein irgendwie geartete politischer Nutzen ist nicht erkennbar. Um zu verstehen, was bei dieser Aktion schief ging, will ich eine andere Aktion heranziehen, die ihr an „Geschmacklosigkeit“ und „Verhöhnung der Opfer“ sicherlich ebenbürtig war, politisch aber als Erfolg gewertet werden darf. Nächste Woche versuche ich dann im Vergleich zu zeigen, wann und in welchem Umfeld die politische Provokation sinnvoll und wann sie kontraproduktiv ist.

Der Fall, den ich als Kontrast zu #bombergate heranziehen will, ereignete sich im Mai 1967. Material für die Provokation gab ein verheerender Brand im Brüsseler Kaufhaus A l’Innovation ab. Plastisch berichtete Der Spiegel:

„Im ersten Stock, in der Kinderbekleidungsabteilung, hatte eine Verkäuferin die ersten Flammen entdeckt. Die vier Mann starke Hausfeuerwehr rollte die Schläuche aus, doch kein Löschwasser schoß durch die Rohre. Die leise Alarmklingel hielten die Verkäufer für das Zeichen zum Mittagessen; da die Klingelei kein Ende nahm, beklagten sich Verkäuferinnen beim Hausmeister über die angebliche Störung. […] Dann war es zu spät. Kunden und Verkäufer fanden keinen Weg mehr durch die Wand aus Feuer. Sie klammerten sich an Fenstersimse, unter ihnen stockwerketief die Straße, hinter ihnen das Flammenmeer. Einige wagten den Sprung. Sie zerschmetterten auf dem Pflaster und auf Autodächern.“ ([4])

Über 300 Menschen kamen ums Leben, der Sachschaden belief sich nach ersten Schätzungen auf 165 Milllionen DM – und das alles, weil die Brandschutzvorkehrungen des noch im 19. Jahrhundert erbauten Kaufhauses auch nicht ansatzweise den internationalen Standards genügten.

Für die Springer-Presse allerdings waren die offensichtlichen technischen und organisatorischen Mängel, die zu der Katastrophe geführt hatten, kein Thema. Sie mißbrauchte vielmehr die Toten in Brüssel für ihre antikommunistische Agenda und behauptete am 23. Mai:

„In dem Warenhaus L’Innovation wurde für amerikanische Produkte geworben. Kommunisten hatten daraufhin aus Protest gegen den Vietnam-Krieg in den letzten Tagen Feuerwerkskörper und Kanonenschläge in dem Kaufhaus hochgehen lassen. Der Direktor des Kaufhauses, Willy Bernheim: »Vermutlich haben Extremisten den Brand gelegt.« Gerüchteweise verlautete, daß am Sonnabend ein Unbekannter gedroht hatte, im Kaufhaus eine Bombe explodieren zu lassen…“ (zit. nach [2], S 137f)

Jedem denkenden Menschen war klar, daß es sich hier wieder einmal um einen typischen Fall von antikommunistischer Springer-Propaganda handelte. Ulrich Enzensberger von der Kommune I:

„Wir waren sofort überzeugt, daß das eine Falschmeldung war. Wir hielten es für völlig ausgeschlossen, daß Vietnamkriegsgegner das Kaufhaus angezündet hatten. Die europäische Linke war damals pazifistisch bis auf die Knochen. […] Nichtstaatliche Gewalt war ausschließlich eine Sache der Rechten. […] Wir hielten es für überflüssig, auch nur einen Gedanken an die Möglichkeit zu verschwenden, daß an den »Bild«-Behauptungen etwas dran sein könnte.“ ([2], S. 138)

Die Kommune I hatte selbst schon ihre Erfahrungen mit derartiger Terror-Propaganda gemacht. Im vorhergehenden Monat waren die Kommunemitglieder den Bildzeitungslesern als Bombenattentäter vorgeführt worden, weil sie geplant hatten, den US-amerikanischen Vizepräsidenten mit Pudding zu bewerfen. Das Ganze hatte sich dann zu einer ungeheuren Blamage für die Springer-Presse entwickelt, bei der das Gelächter bis heute nachhallt.

Und so sicher sich die Kommunarden waren, daß es sich bei der Springer-Berichterstattung über den Kaufhausbrand um Propagandalügen handelte, so sehr war ihnen auch klar, daß sie mit einem bloßen Dementi diesen Lügen nicht entkräften konnten. Ein Aufklärungsflugblatt, das nur konstatiert hätte, daß die Bild-Zeitung aus durchsichtigen Gründen Stimmung gegen Vietnamkriegsgegner macht, wäre sang- und klanglos untergegangen. Also bedienten sie sich des Mittels der Provokation, um in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Und die Provokation bestand ganz einfach darin, die Springer-Propaganda auf die Spitze zu treiben.

Am 24. Mai veröffentlichten sie vier Flugblätter, in denen sie den an den Haaren herbeigezogenen Zusammenhang zwischen der Brandkatastrophe und den Protesten gegen den Vietnamkrieg bestätigten und übertrieben. Unter der Überschrift „Neue Demonstrationsformen in Brüssel erstmals erprobt“ wurde ein angebliches Mitglied einer angeblichen pro-chinesischen Gruppe „Aktion für Frieden und Völkerfreundschaft“ namens Maurice L. (21) zitiert:

„Wir vermochten uns bisher mit unseren Protesten gegen die amerikanische Vietnampolitik nicht durchsetzen, da die hiesige Presse durch ihre Berichterstattung systematisch den Menschen hier den Eindruck vermittelt, daß ein Krieg dort unten notwendig und zudem gar nicht so schlimm sei. Wir kamen daher auf diese Form eines Happenings, die die Schwierigkeiten, sich die Zustände beispielsweise in Hanoi während eines amerikanischen Bombenangriffs vorzustellen, beheben sollte.“ (zit. nach [2], S. 139)

Dieses und drei weitere Flugblatt blieben nicht unbeachtet. Die Springer-Presse hatte aus dem Puddingattentats-Desaster nichts gelernt und reagierte mit geifernden Pawlowschen Reflexen (B.Z. vom 26. Mai 1967):

„Bitte, halten Sie sich fest: Können Sie sich vorstellen, daß bei uns Leute die furchtbare Kaufhaus-Brandkatastrophe mit ihren fast 400 Toten als linksradikale, anti-amerikanische Heldentat feiern? […] Halten Sie sich fest: Das gibt es tatsächlich. An der Freien Universtität wurden Flugblätter verteilt, die die Unterschrift der »Kommune I« tragen. Die Texte sind von unüberbietbarer Dreckigkeit. Gespickt mit Obszönitäten, die wahrscheinlich auch in einem Bordell zum Hinauswurf führen würden. […] Leute, die die Brüsseler Brandkatastrophe mit ihren fast 400 Toten als »Happening« bezeichnen, sind gemeingefährlich! Wer diese Katastrophe, die möglicherweise auf linksradikale Brandstiftung zurückgeht, verherrlicht und zur Nachahmung empfiehlt, gehört hinter Schloß und Riegel. Polizei und Staatsanwaltschaft sollten die Fahndung nach den Urhebern dieser Flugblätter mit aller Energie betreiben.“ (zit. nach [3])

Tatsächlich wurden sofort der Polizei- und Justizapparat in Bewegung gesetzt. Die zusammenfantasierten Berichte eines völlig frei erfundenen Maurice L. erhielten die Würde echter Statements, wie die B.Z. am Tag darauf nachlegte:

„Die Polizei hält es für durchaus wahrscheinlich, daß die »Kommune I« direkte Verbindungen nach Brüssel hat. Denn zu dem Zeitpunkt, an dem die Flugblätter verteilt wurden, waren bestimmte geschilderte Einzelheiten in der Öffentlichkeit noch nicht bekannt.“ (zit. nach [3])

Der dann wegen der Flugblätter angestrengte Prozeß ist Legende. Selbst Leute, die wenig über 68 wissen, kennen diesen Prozeß zumindest vom Hörensagen. Teufel und Langhans unterminierten von der Anklagebank aus die Autorität des Gerichts nach Strich und Faden. Es verwundert nicht, daß die Voltaire-Flugschrift Klau mich, in der der Prozeß als „Moabiter-Seifenoper“ dokumentiert wurde, bis in die 80er Jahre hinein immer wieder aufgelegt wurde. Am 22. März 1968 erfolgte schließlich der Freispruch. Und auf einmal tönte es aus dem Hause Springer:

„Der Freispruch für die »Kommunarden« Fritz Teufel und Rainer Langhans hat nur wenige überrascht. Denn so geschmacklos und abstoßend die Texte der Flugblätter auch waren, deretwegen beide auf die Anklagebank zitiert wurden, so überflüssig erschien der Aufwand des ganzen Verfahrens. Besser wäre es gewesen, man hätte die Angelegenheit als belanglos zu den Akten gelegt.“ ([1])

In der Tat. Hat man aber nicht.

Nächste Woche werden wir uns dann die Differenzen zwischen #bombergate und den Kommune-Flugblättern im Detail anschauen und die Bedingungen für eine gelungene Provokation herausarbeiten. Freuen Sie sich also auf die nächste Folge, wenn Fritz Teufel meint:

„Wir waren sicher, auf das Unverständnis und auf Mißverständnisse und Entrüstung bei einem gewissen Teil der Berliner Bevölkerung zu stoßen […] und es hat uns nicht mal sehr überrascht, daß dann auch die Berliner Justiz zu diesem Teil der Bevölkerung gehörte, der sich also völlig außerstande sieht, diese Satire und die moralische Empörung, die aus den Flugblättern spricht, in irgend einer Weise zu verstehen.“ ([3])

Nachweise

[1] Die Welt (Berlin), 23. März 1968:Freigesprochen“ (Bi.), S.2.

[2] Enzensberger, U., Die Jahre der Kommune I, München 2006.

[3] Langhans, R. & Teufel, F., Klau mich, Frankfurt a.M. 1968.

[4] Redaktioneller Beitrag, „Leises Klingeln“, in: Der Spiegel, Jg.21 (1967), Nr.23 (29. Mai 1967), S.128 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46409372.html).

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Written by alterbolschewik

14. März 2014 um 18:16

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

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