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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die Kunst der politischen Provokation (3)

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„Wir haben uns lange vor dem Prozeß überlegt, was wir anstellen können, aber ehrlich, es ist uns nichts Richtiges eingefallen. Aber das brauchen wir auch nicht. Die (Gericht und Staatsanwalt) lassen sich ja selbst genug einfallen“

Fritz Teufel und Rainer Langhans

Was bisher geschah: In den letzten zwei Folgen wurden zwei verschiedene politische Provokationen thematisiert. Das jüngste #bombergate der Piratenpartei, bei dem durch die politische Provokation einer Europaratskandidatin das Image der Partei in der Öffentlichkeit schwer beschädigt wurde. Und zum anderen die Kaufhausbrand-Flugblätter der Kommune I im Jahr 1967.

Heute sollen nun die beiden Provokationen miteinander verglichen werden. Auf den ersten Blick scheinen sie sich ziemlich zu ähneln. Beide Male wird der Tod von Menschen zum Material einer politische Provokation gemacht: Im einen Fall die Toten der Dresdner Bombennacht im Jahr 1945, das andere Mal die Opfer einer Brandkatastrophe in einem Brüsseler Kaufhaus. Beide Male wurde die Provokation mit Hilfe der Boulevardmedien verbreitet, was es überhaupt ermöglichte, daß die notwendige mediale Aufmerksamkeitsschwelle überschritten wurde.

Doch damit enden auch schon die Gemeinsamkeiten. Viel schwerer wiegen die Differenzen, die dann letztlich darüber entschieden, ob die Aktion als erfolgreich oder als kontraproduktiv angesehen werden muß.

Zunächst einmal aber zum Grundprinzip der politischen Provokation: Eine politische Provokation dient nicht dazu, eine differenzierte Auseinandersetzung über ein politisches Thema zu führen. Sie dient einzig und allein der Lagerbildung, dazu, die Fronten zu klären. Damit zielt sie weder primär auf die Gruppe der überzeugte Anhänger, noch auf die Gruppe der überzeugten Gegner. Sondern sie zielt auf die Masse der Unentschlossenen zwischen den beiden Lagern. Der politische Gegner soll durch die Provokation vorgeführt werden, seine Reaktionen sollen ihn entlarven, wodurch nach Möglichkeit eine Mehrheit der Unentschiedenen dem eigenen politischen Lager zugeführt werden kann.

Kontraproduktiv wird die politische Provokation, wenn sie an der falschen Stelle spaltet, mehr Unentschiedene ins gegnerische Lager treibt als sie für das eigene Lager gewinnt. Ein vollständiges Fiasko ist sie, wenn sie sogar das eigene Lager spaltet, statt ihm neue Unterstützer zu gewinnen. Soviel zum Grundprinzip der politischen Provokation. Sehen wir nun zu, wo sich unsere Beispiele unterscheiden und wie sich diese Unterschiede auf das eigentliche Ziel der politischen Provokation auswirken.

Die erste Differenz liegt im Bekenntnis zur Aktion. Während sich die Kommune I per Unterschrift auf ihren Flugblättern zu diesen bekannte, versuchte sich die Piratenpolitikerin durch Vermummung vor der Identifizierung zu schützen. Zudem leugnete sie selbst zu dem Zeitpunkt, als sie schon identifiziert worden war, ihre Beteiligung und ließ dadurch den Bundesvorstand ihrer Partei, der ihren Aussagen Glauben schenkte, ins offene Messer rennen. Ein solches Verhalten wird von der politischen Öffentlichkeit nicht honoriert. Wenn man schon provoziert, dann sollte man auch mit seiner ganzen Person für diese Provokation einstehen. Die Kommune I reagierte komplett anders: Als Fritz Teufel und Rainer Langhans stellvertretend für die Kommune I angeklagt wurden, verfaßten die restlichen Kommunemitglieder Selbstbezichtigungen, in denen erklärt wurde, daß sie ebenso als Mitverfasser der Flugblätter auf die Anklagebank geschickt gehörten. Das mag nun nach einem blödsinnigen Ehrbegriff klingen, aber in der Öffentlichkeit kommt so etwas durchaus an. Der Mut, für seine Provokation zur Not auch ins Gefängnis zu gehen, wird auch denjenigen Respekt abfordern, die die Aktion selbst für nicht besonders gelungen halten.

Der zweite Unterschied liegt in der Art und Weise, wie die Boulevardpresse benutzt wurde. Im Fall von #bombergate wurde die Boulevardpresse einfach als Medium verwendet. Man weiß, daß dieses Medium bestimmten Regeln gehorcht, und diesen Regeln haben sich die Aktivistinnen unterworfen. Die Boulevardpresse will Titten – also geben wir ihr Titten. Und im Austausch dafür verbreiten sie dann unsere Parolen. Es handelt sich also einfach um ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Das ist politisch bestenfalls naiv. Die Kommune I hat die Rolle der Boulevardpresse deutlich besser begriffen. Sie ist nicht einfach ein Medium, das man benutzen kann, um Botschaften in die Öffentlichkeit zu transportieren. Sie ist selbst Partei in der politischen Auseinandersetzung. Es muß also darum gehen, die Boulevardpresse dazu zu bringen, sich selbst lächerlich zu machen. Ziel ist es, die Manipulateure der öffentlichen Meinung selbst zu manipulieren, nicht mit ihnen ein Geschäft abzuschließen. Und das erreichte die Kommune I dadurch, daß sie die mediale Propagada so auf die Spitze trieb, daß ihr manipulativer Charakter für jeden denkenden Menschen offensichtlich wurde. Die Springer-Presse wollte die eigene Unterstellung glauben, daß Vietnamkriegsgegner für die Brandkatastrophe in Brüssel verantwortlich gewesen seien; und so ging sie prompt der satirischen Übertreibung der eigenen Berichterstattung auf den Leim.

Das funktioniert aber nur, wenn für den nicht ideologisch vernagelten Leser der satirische Charakter der Provokation sichtbar ist. Und das Mittel, um diesen Effekt zu erreichen, führt uns zur letzten und wichtigsten Differenz: Die Flugblätter der Kommune I sind witzig, der Bomber-Harris-Spruch ist es nicht. Die Texte zum Kaufhausbrand spitzen nicht nur polemisch zu, sondern sie machen das in einer Sprache, die selbst wieder parodistisch ist. Mit diesem Mittel blockten die Kommunarden von vornherein den Vorwurf ab, der die Bomber-Harris-Aktion zu einem politischen Rohrkrepierer machte, nämlich der Vorwurf, die Opfer zu verunglimpfen. Indem sie den Vorwurf vorwegnahmen, gleichzeitig aber dabei die gestelzte Sprache von Politikern und Leitartiklern nachahmten und deren Zynismus auf den Punkt brachten, immunisierten sie sich gegen eine solche Anschuldigung:

„So sehr wir den Schmerz der Hinterbliebenen in Brüssel mitempfinden: wir, die wir dem Neuen aufgeschlossen sind, können, solange das rechte Mass nicht überschritten wird, dem Kühnen und Unkonventionellen, das, bei aller menschlichen Tragik im Brüsseler Kaufhausbrand steckt, unsere Bewunderung nicht versagen.“ ([2])

Das ist urkomisch und schlägt den Ball sofort in das gegnerische Feld, indem es die leeren Phrasen, deren sich die professionelle Betroffenheit bedient, von vornherein bloßstellt.

Das wirklich Schöne an dieser Vorgehensweise ist, daß die Vertreter der bestehenden Ordnung noch nicht einmal in der Lage sind, diese verdinglichte Sprache als solche zu erkennen. In einer typischen Szene während des Prozesse fragte der vorsitzende Richter:

„Geschrieben haben Sie: Dieses knisternde Vietnamgefühl, das wir bislang in Berlin noch missen müssen – das ist doch ein Wunsch?“ ([2])

Worauf ihm Rainer Langhans antwortete:

„Erstmal ist das eine Feststellung, und dann, ich weiß nicht, ob Sie es gemerkt haben, hier ist doch die Sprache der Werbung parodiert worden.“ ([2])

Und genau das markiert die Trennlinie, die ich oben als Hauptaufgabe der politischen Provokation benannt habe. Es ist die Linie zwischen denen, die den Witz verstehen, und den kleinbürgerlich Empörten, die gar nicht merken, daß sie auf die Schippe genommen werden. Der ganze Justizapparat wurde in Bewegung gesetzt – aus Empörung über einen Witz. Damit wurden automatisch diejenigen in das Lager der Antiautoritären gezogen, die in der Lage waren, den Witz zu verstehen, die begriffen, daß es sich um eine Persiflage der Sprache von Bürokraten und Werbestrategen handelte. Dabei machte es gar nichts aus, wenn sie selbst diesen Witz für wenig gelungen, ja geschmacklos hielten. Sie wurden dennoch auf die Seite der Antiautoritären gezogen, weil die Empörung der gegnerischen Seite so offenkundig jeden Maßstab vermissen ließ.

Mit anderen Worten: Die politische Provokation muß geistreich und witzig sein, weil sich dadurch diejenigen, die sich empören, selbst lächerlich machen. Und zu denen will nun wirklich niemand gehören.

Das aber ist aus meiner Sicht das Hauptproblem von #bombergate: Die Aktion war weder geistreich noch witzig. Das meine ich nicht im Sinn einer bloßen Stilfrage, sondern in einem ganz dezidiert politischen Sinn. Das politische Ziel einer solchen Provokation hätte es sein müssen, die Nazis von den wohlmeinenden Bürgern zu spalten. Ganz offensichtlich sind in Dresden und Umgebung die Übergänge zwischen dem legitimen Gedenken der Opfer und ihrer neonazistischen Instrumentalisierung fließend. In einer solchen Situation ist es angemessen, eine klare Trennungslinie zwischen dem demokratischen, antinationalistischen und antifaschistischen Lager auf der einen und den Nazis auf der anderen ziehen zu wollen. Wenn man den Versuch wagt, dann muß es das Ziel der Provokation sein, das Nazi-Lager möglichst lächerlich zu machen und zu isolieren. Die Bomber-Harris-Provokation hat das überhaupt nicht vermocht, ganz im Gegenteil. Wenn das Ganze überhaupt etwas vermocht hat, dann hat es Teile der unentschiedenen oder auch nur unreflektierten Masse den Nazis zugetrieben. Provokationen spalten – das ist ihr Sinn. Aber man hat definitiv etwas falsch gemacht, wenn danach das eigene Lager geschwächt dasteht.

Das ist leider nicht nur das Problem von #bombergate. Diese Aktion ist nur ein besonders plastisches Beispiel dafür, wie gewisse Polit-Sekten, seien es nun Anti-Deutsche oder bestimmte Vertreter von critical whiteness oder auch einer gewissen Spielart des Feminismus agieren. Dort zielt die Provokation eben nicht auf die unentschiedene Masse in der Gesellschaft, die man auf seine Seite ziehen will. Sondern die Provokation richtet sich nach innen, dient der Reinhaltung der eigenen Sekte, um sich von denen abzugrenzen, die auch nur einen Millimeter von der eigenen Linie abweichen – weshalb das Ganze auch immer ziemlich humorlos daherkommt. Die Linie wird nicht im nebulösen Bereich der unentschiedenen Masse gezogen, von denen man möglichst viele zu sich herüberziehen will, sondern immer direkt vor den eigenen Zehenspitzen. Damit ist zwar für ausreichend Krawall und Zoff gesorgt, vor allem im näheren Umfeld. Doch in Hinblick auf eine tatsächliche Veränderung der Gesellschaft ist das in der Regel so relevant wie der berühmte Sack Reis, der in China umfällt.

Und damit endet dieser Exkurs in die Gegenwart. In der kommenden Folge kehren wir wieder zurück zum Aktionsrat für die Befreiung der Frauen. Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn die Gruppe Gegen das Alte und für das Neue im Aktionsrat erklärt:

„Das Verdrängen des Problems der Kinder in der Theorie ist symptomatisch für eine entscheidende Lücke in der Zukunftsperspektive für eine sozialistische Gesellschaft.“ ([1], S. 12)

Nachweise

[1] Gruppe: Gegen das Alte und für das Neue, „Bekanntmachung des Aktionsrats zur Befreiung der Frauen“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.33 (3. Oktober 1969), S.11 – 12 (http://www.infopartisan.net/archive/1967/266745.html).

[2] Langhans, R. & Teufel, F., Klau mich, Frankfurt a.M. 1968.

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Written by alterbolschewik

21. März 2014 um 13:58

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