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Gegen das Alte und für das Neue

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Die Frauenbewegung in der BRD (24)

„WIR WERDEN ES NICHT MEHR ZULASSEN, daß die Misere der Genossinnen mit Kindern im linken Klatsch erledigt wird und undialektisch zu ihrer privaten Schuld deklariert wird.“

Gruppe: Gegen das Alte und für das Neue (1969)

Was bisher geschah: In dreiundzwanzig langen und langatmigen Folgen hat der Autor dieses Blogs die Geschichte des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen nachgezeichnet – von seiner Entstehung im Rahmen der Anti-Springer-Kampagne des SDS über die Gründung der ersten Kinderläden zur legendären „Tomaten“-Rede Helke Sanders auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS bis hin zum Versuch, den Streik von Berliner Kindergärtnerinnen zu einem Fanal zu machen, das die Situation arbeitender Mütter ins Rampenlicht zu einem öffentlichen Thema machen sollte.

Daß der Streik der Kindergärtnerinnen an der Blockadepolitik der Gewerkschaften scheiterte, markierte den Anfang vom Ende des Aktionsrates, zumindest in der Form, wie er seit Anfang 1968 existierte. Denn natürlich war der Aktionsrat keine homogene Organisation, in der alle die selben Interessen hatten und auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiteten. Bereits ein knappes Dreivierteljahr nach Gründung des Aktionsrates verfaßte Lena Conradt, die mit zur Gründungsgruppe des Aktionsrates gehört hatte, ein Papier zur Organisationsdebatte.

Damals, im Oktober 1968, war die organisatorische Struktur offenbar folgendermaßen: Mittwochs gab es ein offenes Plenum im Republikanischen Club, zu dem jederzeit neue Frauen hinzustoßen konnten. Neben dem Plenum gab es eine ganze Reihe von Arbeitsgruppen, die sich verschiedenen Themen widmeten; und natürlich die Kinderläden. Das klingt zunächst ganz vernünftig, war in der Praxis allerdings wohl nicht so effektiv, wie es klingt. Die Arbeitsgruppen begannen sehr schnell ein Eigenleben zu führen, ohne daß Ergebnisse in das Plenum zurückflossen.

Tatsächlich waren wohl für viele Frauen die Arbeitsgruppen attraktiver als das Plenum, in dem offensichlich ziemliche Schaukämpfe ausgetragen wurden. In die Arbeitsgruppen oder Kinderläden gingen Conradts Darstellung zufolge vor allem Frauen, die noch über wenig bis keine politische Erfahrung hatten und sich dort besser einbringen konnten als in die Plenumsdiskussionen. Denn diese wurden von Frauen dominiert, die Conradt als politisch „vorbelastet“ bezeichnete. Konkret: Es handelte sich um Frauen, die schon in anderen Verbänden Organisationserfahrung hatten sammeln können und die jetzt endlich ein Betätigungsfeld gefunden hatten, in dem sie sich austoben konnten:

„Es bot sich an, in einem Frauenverband endlich die Rolle spielen zu können, die in anderen Verbänden und in der Gesellschaft allgemein versagt ist. Eine Zeitlang waren die Mittwochsveranstaltungen von den selbstgefälligen Paraden dieser Frauen geprägt.“ ([3], S. 58)

Das schreckte Neuankömmlinge ab und vertrieb diejenigen, die wenig Lust auf ideologische Schaukämpfe hatten, aus dem Plenum. Die Arbeitsgruppen und die Kinderläden wurstelten so vor sich hin, offensichtlich weitgehend ohne Rückbindung an das Plenum. Das wurde hier ja auch schon thematisiert anläßlich des Kindergärtnerinnenstreiks. Der dabei sehr aktive Arbeitskreis der Sozialpädagogen entstand ja ursprünglich aus dem Aktionsrat heraus, verstand sich dann als eigenständige Organisation und wurde schließlich in der heißen Phase des Streiks wieder vom Aktionsrat unterstützt.

Conradt formulierte deshalb im Oktober 1968 den Anspruch, aus dem Aktionsrat eine wirklich politisch agierende Organisation zu machen:

„Die Funktion des Aktionsrates kann es nicht sein, die vielfältig geleistete Arbeit nur zu sammeln und weiterzugeben. Er muß sie verwenden, d.h. aus dem Passionsrat muß ein Aktionsrat werden. Als erstes muß die Arbeit in den Arbeitskreisen vom Aktionsrat zentral strukturiert werden. […] Die Arbeit in den Kinderläden und Arbeitskreisen muß für den Aktionsrat PRAXIS werden. WIR MÜSSEN UNS REORGANISIEREN. Es ist ziemlich müßig, zwei Stunden über den Begriff des Mannes als Klassenfeind zu diskutieren, wenn sich daraus auch nicht der Verdacht eines praktischen Ansatzes für die Methode des Klassenkampfes ergibt.“ ([3], S. 62f)

Aus dieser Forderung wurde aber offensichtlich nichts. Ein Jahr später existierte die von Conradt diagnostizierte Spaltung weiterhin. Ein Papier vom Oktober 1969 konstatierte:

„Eine Analyse der bisherigen Projekt- und Arbeitsgruppen zeigt, daß sie notwendig scheitern mußten an dem Auseinanderklaffen von Theorie und Praxis. Man war arbeitsteilig vorgegangen. Folgerichtiges Ergebnis dieser Arbeitsteilung war, daß die SDS-Genossinnen wegen mangelnden Praxisbezugs keine brauchbare Theorie entwickeln konnten, umgekehrt die in der Praxis stehenden Gruppen mangels theoretischer Kenntnisse keine erfolgreiche Arbeit leisten konnten.“ ([2], S. 65)

Tatsächlich war jetzt, eineinhalb Jahre nach der Gründung des Aktionsrates, die Fraktionierung innerhalb des Aktionsrates so weit fortgeschritten, daß die Auseinandersetzungen nicht mehr nur im Plenum geführt wurden, sondern in der breiteren linken Öffentlichkeit. Anfang Oktober 1969 warfen einige Frauen aus dem Aktionsrat, die sich Gruppe: Gegen das Alte und für das Neue nannte, dem Rest den Fehdehandschuh hin. Diese Gruppe vertrat vehement die von Helke Sander formulierte These, daß ohne Infragestellung der Mutterrolle eine emanzipatorische Politik unmöglich ist:

„Die Frauen linker Männer mit Kindern empfinden den Widerspruch zwischen dem politischen Anspruch und ihrer eigenen abhängigen Situation am schärfsten, sie fallen praktisch für die politische Arbeit, die sie als notwendig erkannt haben, aus, weil ihnen im wesentlichen die Sorge für die Kinder überlassen bleibt.“ ([4], S. 11)

Das war schon die Position, die Helke Sander auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS vertreten hatte: Die Situation der Frauen mit Kindern läßt sich nicht als nebensächliches Problem abtun. Und das Papier macht jetzt daraus eine ganz konkrete Kampfansage:

„Wir dürfen es auch nicht mehr zulassen, daß Genossinnen ohne Kinder, die für sich entschieden haben, keine haben zu wollen, Frauenagitation betreiben über die Köpfe und Argumente derjenigen hinweg, die an sich den Grundwiderspruch erfahren und keine Möglichkeit mehr haben, ihn zu verdrängen.“ ([4], S. 12)

Mit anderen Worten: Hier geht es wirklich ans Eingemachte. Es werden reale Konsequenzen eingefordert, die, wenn sie denn ernst genommen würden, ganz konkrete Auswirkungen auf das Leben der „Revolutionäre“ hätten:

„Wir werden die Genossinnen und Genossen ohne Kinder zwingen, die allgemeine Verantwortlichkeit für die Kinder zu akzeptieren, sowohl in der Theorie als auch in der Praxis.
Der Kampf um die Verantwortlichkeit aller für alle Kinder ist der erste Schritt zur Befreiung der Frauen.“ ([4], S. 12)

Das zielte nicht mehr auf das Ungefähre einer großen proletarischen Revolution, die irgendwo am Horizont wetterleuchtet. Hier geht es darum, wie dann später andere Autorinnen aus dem Aktionsrat schreiben werden, daß diese Gruppe „mit Recht an der Frage der Kindererziehung kulturrevolutionäre Modelle für das Leben in einer sozialistischen Gesellschaft entwickeln will.“ ([2], S. 65) Und das wird dann streckenweise ungemütlich konkret, wenn die Genossinnen schreiben, „wir [fordern] Genossen mit Titeln und Einkommen auf, Wohnungsverträge für Frauen mit Kindern abzuschließen.“ ([4], S. 12)

Natürlich führte dieser kulturrevolutionäre Ansatz zu vehementen Gegenreaktionen. Leider werden Sie dazu nächste Woche nichts erfahren, da die nächste Folge dieses Blogs erst in zwei Wochen erscheinen wird. Freuen Sie sich also auf übernächste Woche, wenn eine andere Fraktion mit der Publikation eines Interviews kontert, in dem sich Frauen aus der Black Panther Party folgendermaßen äußern:

„Der Widerspruch zwischen Männern und Frauen ist ein Widerspruch, der innerhalb der revolutionären Kräfte ausgefochten werden muß. Er ist nicht vergleichbar mit den Klassenwidersprüchen. Daher kommt dem Klassenkampf Priorität zu. In dem Maße, in dem die Frauenorganisationen sich nicht dem Klassenkampf oder dem nationalen Befreiungskampf zuwenden, fördern sie nicht wirklich die Befreiungsbewegung der Frauen; denn die Frauenemanzipation ist in diesem Lande nicht ohne die sozialistische Revolution zu verwirklichen.“ ([1], S. 13)

Nachweise

[1] Anonym, „Pantheretten und die Emanzipation“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.33 (3. Oktober 1969), S.12 – 14 (http://www.infopartisan.net/archive/1967/266745.html).

[2] Anonym: „Theorie und Praxis. Diskussionsgrundlage für das Organisationsproblem im Aktionsrat“, in: , , S. 64 – 69.

[3] Conradt, L.: „Beitrag zur Organisationsdebatte (Oktober 1968)“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 58 – 63.

[4] Gruppe: Gegen das Alte und für das Neue, „Bekanntmachung des Aktionsrats zur Befreiung der Frauen“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.33 (3. Oktober 1969), S.11 – 12 (http://www.infopartisan.net/archive/1967/266745.html).

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Written by alterbolschewik

28. März 2014 um 16:08

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