shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for April 2014

Proletarierinnen aller Länder, vereinigt Euch!

leave a comment »

Die Frauenbewegung in der BRD (27)

„Es ist […] unbedingt notwendig, für bewußte weibliche Berufstätigkeit und gesellschaftliche Erziehung der Kinder zu agitieren“

Sozialistischer Frauenbund Westberlin, 1970

Was bisher geschah: Nachdem diverse Gruppen aus dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen ausgetreten waren, benannte sich dieser in Sozialistischer Frauenbund Westberlin um und organisierte sich in Schulungsgruppen. In diesen Schulungsgruppen wurden vor allem „Klassiker des Marxismus-Leninismus“ gelesen.

Der Aktionsrat war 1968 aus einem konkreten Bedürfnis heraus entstanden. Die Situation von Müttern innerhalb der Bewegung sollte verbessert werden, um ihnen die Möglichkeit zu geben, ebenso am politischen Prozeß teilhaben zu können wie die Männer oder auch Frauen ohne Kinder. Aus diesem praktischen Beweggrund heraus entwickelte sich dann eine Theorie, die den Müttern ein revolutionäres Potential zuschrieb. In ihrer Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS hatte Helke Sander erklärt:

„Die Gruppen, die am leichtesten politisierbar sind, sind die Frauen mit Kindern. Bei ihnen sind die Aggressionen am stärksten und ist die Sprachlosigkeit am geringsten.“ ([4], S. 14)

Doch im Übergang vom Aktionsrat zum Sozialistischen Frauenbund wurden solche Behauptung zur Blasphemie erklärt. Schließlich konnte man bei Marx, Lenin oder Mao nachlesen, daß es das Proletariat war, das zu Politisieren war, und nicht die Mütter. Wollte man eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse – und eine solche wurde für eine wirkliche Frauenemanzipation als unerläßlich angesehen – dann brauchte man das Proletariat. Allerdings waren die Frauen im Sozialistischen Frauenbund so realitätstüchtig, daß ihnen bewußt war, daß ihnen das (männliche) Proletariat die Emanzipation nicht schenken würde. Und daraus zogen sie dann den Schluß, daß die Frauen selbst Teil der lohnabhängigen Massen werden müßten.

Zwei Argumente wurden zur Legitimation dieses Anspruchs, Frauen müßten zum Zwecke ihrer Emanzipation Lohnarbeiterinnen werden, angeführt. Zum Frauentag 1972 führte der Sozialistische Frauenbund dies in einem elaborierten Vortrag aus. Zunächst wurde anthropologisch, unter Berufung auf die Marxschen Frühschriften argumentiert. Das Wesen des Menschen, so wurde unter Aufbietung der Deutschen Ideologie von Marx und Engels erklärt, bestünde darin, daß er arbeite. Und daraus wurde messerscharf geschlossen:

„Von daher ist jede Tätigkeit, die für den Menschen spezifisch ist, primär für den Mann vorbehalten.“ ([2], S. 4)

Frauen, die nicht berufstätig sind, werden dagegen von ihrem Menschsein ausgeschlossen:

„Die Rolle der Hausfrauen engt die Frau heute mehr oder weniger in ihre biologische Funktion ein.“ ([2], S. 4)

In einer marxistischen Schulungsgruppe mochte so etwas vielleicht als Argument durchgegangen sein. Angesichts des konkreten kapitalistischen Produktionsprozesses war das natürlich kompletter Unsinn. Der Arbeiter am Fließband verwirklichte dort so wenig sein menschliches Wesen wie die Frau am Herd. Wenn man das ernst nehmen wollte, dann bot die Stellung am Herd sicherlich bessere Bedingungen dafür, die potentielle Kreativität der menschlichen Arbeit zum Ausdruck zu bringen als ein Platz am Fließband.

Das zweite damals vorgebrachte Argument für eine Berufstätigkeit der Frauen ist eine Fortspinnung des ersten:

„Der zweite Grund, aus dem wir für die Berufsergreifung der Frau eintreten, der mit dem ersten zusammenhängt, und doch ein anderer ist, ergibt sich aus der Tatsache, daß die Hausfrau in ihrer Situation vereinzelt und isoliert bar jeder Perspektive ist. Ihre Arbeit ist nicht gesellschaftlich bzw. wird als solche nicht anerkannt. Die Hausarbeit der Frau verschwindet heute neben der Erwerbstätigkeit des Mannes. Diese ist alles, jene eine unbedeutende Beigabe. Hier zeigt sich schon, daß die Befreiung der Frau und ihre Gleichstellung mit dem Mann eine Unmöglichkeit ist und bleibt, solange die Frau von der gesellschaftlich produktiven Arbeit ausgeschlossen und auf die häusliche Privatarbeit beschränkt bleibt. Die Befreiung der Frau wird erst möglich, sobald diese auf großem gesellschaftlichen Maßstab an der Produktion sich beteiligen kann und die häusliche Arbeit sie nur noch in unbedeutendem Maße in Anspruch nimmt.“ ([2], S. 4)

Arbeit wurde hier überhaupt nicht mehr nach ihrem sachlichen Gehalt beurteilt, sondern nur danach, ob es sich um gesellschaftliche oder um private Arbeit handelt. Und die eine Form der Arbeit ist gut, wenn auch noch, als Lohnarbeit, in entfremdeter Form. Und die andere ist schlecht, weil sie individuell, privat ist. Aus dieser leeren Abstraktion wurde dann ein mehr als kruder Schluß gezogen:

„Frauen werden also durch den Eintritt ins Berufsleben einerseits Teil der Lohnabhängigen, die organisiert die Produktionsverhältnisse zu verändern in der Lage sind, andererseits ist irgend eine Befreiung außerhalb der Arbeit überhaupt nicht denkbar.“ ([2], S. 6)

Das war es, was nach gut zwei Jahren Schulungstätigkeit tatsächlich herausgekommen war: Eine höchst abstrakte, von der Lebenswirklichkeit maximal entfernte Begründung dafür, warum es für Frauen besser sei, einer Berufstätigkeit nachzugehen. Natürlich war und ist diese Forderung jenseits ihrer hanebüchenen Begründung nicht nur legitim, sondern durch und durch vernünftig. Das ist ja genau das, was Betty Friedan schon viel früher in ihrem Buch Der Weiblichkeitswahn (1963) gefordert hatte. Aber Friedan kam dabei ohne jedes marxistisch-leninistisches Brimborium aus. Sie brauchte nicht viel mehr als die direkten Anschauung, daß ein bloßes Hausfrauendasein verblödet und unglücklich macht.

Die eigentliche Ironie dabei ist, daß die Sozialistische Frauenbund schon einmal klüger war. Das erste Positionspapier des Frauenbundes aus dem Jahr 1970, das im ersten Heft der Pelagea veröffentlicht worden war, hatte noch deutlich differenzierter argumentiert. Zumindest wurde damals darauf hingewiesen, daß auch der Kapitalismus ein gesteigertes Interesse daran haben könnte, mehr weibliche Arbeitskräfte in den Verwertungsprozeß einzuspannen:

„Die Partnerschaftsideologie wird in letzter Zeit immer stärker von sogenannt fortschrittlicher Seite anstelle der Familienideologie propagiert. […] Die »Partnerschaft« hebt die auf Dauer für den Kapitalismus unbefriedigende Arbeitsteilung in produktive Arbeit und Hausarbeit auf, zugunsten der profitträchtigeren Arbeitsteilung: zusätzliche unproduktive Arbeit des Mannes, zusätzliche produktive (mehrwertschaffende) Arbeit der Frau.“ ([1], S. 7)

Wer sich dabei an die Arbeitszeitverteilungsmodelle unserer aktuellen Familienministerin erinnert fühlt, liegt sicherlich nicht falsch. Doch dies nur nebenbei. Das eigentliche Problem ist offensichtlich, daß die Theorie zwischen 1970 und 1972 keinen Schritt weitergekommen war, sondern im Gegenteil dogmatische Züge angenommen hatte. Das war kein alleiniges Problem des Frauenbundes. In vielen Gruppen versteinerte damals die Theorie zu abstrakter Standpunkthuberei, diente mehr der Abgrenzung von anderen Gruppen als zu einem besseren Verständnis der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Und im Jahr 1972 waren dem Sozialistischen Frauenbund, der sich als Speerspitze der Frauenemanzipation verstand, mächtige Gegner erwachsen, von denen man sich abgrenzen mußte, nämlich die feministischen Gruppen.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn hier erklärt wird, warum sich der Sozialistische Frauenbund nicht als feministisch verstand, weshalb Jutta Menschik später erklären konnte:

„Ich habe mich bisher nicht als »Feministin« bezeichnet, sondern (ein wenig trotzig) als »Frauenrechtlerin«, weil Feminismus – zu Unrecht – bei uns immer mit Männerhaß gleichgesetzt wurde.“ ([3], S. 9)

Nachweise

[1] Anonym, „Frauen im Kapitalismus. Ansätze zu einer Analyse“, in: Pelagea, Jg.1 (1970), Nr.1 (Mai 1970), S.1 – 15.

[2] Anonym, „Warum wir uns als Frauen organisieren“, in: Pelagea, Jg.3 (1972), Nr.3 (Juni 1972), S.2 – 8.

[3] Menschik, J., Feminismus. Geschichte, Theorie, Praxis, Köln 1977.

[4] Sander, H.:Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (1968)“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 12 – 22.

Advertisements

Written by alterbolschewik

26. April 2014 at 9:52

Das Ende des Aktionsrates

leave a comment »

Die Frauenbewegung in der BRD (26)

„Beim Sozialistischen Frauenbund besteht immer, oder ich empfand es so, diese Tendenz zum Perfekten, die einfach abhält, selber aktiv zu werden.“

Maren, Karteileiche des Sozialistischen Frauenbundes West-Berlin

Was bisher geschah: Im Herbst 1969 spitzte sich im Aktionsrat zur Befreiung der Frauen die Auseinandersetzung zwischen der anti-autoritären Fraktion um Helke Sander und der traditionsmarxistischen Fraktion um Frigga Haug zu. Die einen forderten konkrete Veränderungen – auch und gerade innerhalb der radikalen Linken, die anderen wollten vor allem ein marxistisches Schulungsprogramm durchsetzen.

Ende 1969 spaltete sich Helke Sanders Gruppe vom Aktionsrat zur Befreiung der Frauen ab und machte später unter dem schönen Namen Brot und Rosen weiter (auf diese Gruppe werde ich in späteren Beiträgen dieses Blogs noch zurückkommen). Damit hatte sich Frigga Haug im Aktionsrat mit ihrem Schulungsprogramm durchgesetzt. An die Stelle der weitgehend informellen Struktur des Aktionsrates trat ein fester Organisationsaufbau. In langwierigen Diskussionen wurden ein Statut und ein Schulungsprogramm entwickelt. Diese grundlegende Veränderung wurde öffentlich dokumentiert, indem sich der Aktionsrat im Jahr 1970 einen neuen Namen gab: Sozialistischer Frauenbund West-Berlin.

Es wäre nun sehr verführerisch, Frigga Haug zur alleinigen Buhfrau aufzubauen, die den eigentlich tollen Aktionsrat zu einer drögen sozialistischen Schulungsanstalt umfunktioniert hat. Natürlich ist das nicht ganz falsch, aber es ist auch nicht richtig. Denn das Statut des Sozialistischen Frauenbundes versuchte eine Antwort auf konkrete Probleme zu geben, die den Fortbestand oder besser: die Weiterentwicklung des Aktionsrates lähmten. Auch die Gruppe Brot und Rosen setzte später nicht einfach die Politik des Aktionsrates fort; nur zog sie aus der Tatsache, daß sich der Aktionsrat überlebt hatte, andere Konsequenzen als die Frauen aus dem Sozialistischen Frauenbund. Wir müssen uns deshalb die Probleme genauer ansehen, die letztlich zur Auflösung des Aktionsrates führten.

Helke Sander führte im Rückblick die Probleme im Aktionsrat darauf zurück, daß seine Aufgaben innerhalb kürzester Zeit über die ursprüngliche Gründungsproblematik hinauswuchsen:

„Es kamen mehr Studentinnen und Kinderlose mit ihren eigenen, für die einzelnen aktuell dringenden aber verschiedenen Problemen, die im Aktionsrat zwar noch geäußert, aber kaum mehr behandelt werden konnten, was zu unzähligen Organisationsansätzen führte, die aber wegen der Fülle der Fragen und der mangelnden Zeit zu keiner befriedigenden Organisationsstruktur führten.“ ([3], S. 6f)

Mit Frigga Haug war Ende 1968 eine Frau in den Aktionsrat gekommen, die einen klaren Plan hatte – auch wenn sich die Umsetzung dieses Planes eher als Fehlschlag erweisen sollte. Haug war aus dem Umfeld der marxistischen Theoriezeitschrift Das Argument gekommen, die wesentlich von ihrem Mann, Wolfgang Fritz Haug, geführt wurde. Diese politische Sozialisation prägte dann ihr Verhalten im Aktionsrat:

„Mein Standpunkt war: »Um diese Frauenunterdrückung bei der Wurzel zu packen, müssen wir viel theoretische Literatur lesen.« Binnen kurzer Zeit hatte ich diesen Aktionsrat auf ordentliche Schulungsfüße gestellt, und im Grunde habe ich dort lauter kleine »Argument-Clubs« gegründet.“ ([2], S. 191)

Nicht alle Frauen im Aktionsrat waren davon begeistert. Helke Sander erinnerte sich später:

„An dieser Schulungsfrage entwickelten sich Konflikte, die ganze Gruppen aus dem Aktionsrat austreten ließ […]. Die Konflikte bestanden vor allem darin, daß die einen […] die Frauenfrage nur aus der Klassenfrage ableiten wollten und die anderen – die meistes theoretisch auch weniger gebildet waren – darauf bestanden, daß es eine patriarchale Kultur gibt, die klassenunspezifisch ist und kapitalismusunspezifisch.“ ([3], S. 7)

Das Problem war, daß der scheinbare Erfolg Frigga Haug recht zu geben schien. Es ist nicht ganz falsch, wenn sie später bemerkte, daß man, trotz des Austrittes verschiedener Gruppen, nicht von einer Spaltung des Aktionsrates reden konnte:

„Dass der Aktionsrat sich spaltete, habe ich in absolut guter Erinnerung. Ich fand die Politik, die vorher gemacht wurde, falsch. […] Es war vielleicht ein Machtkampf zwischen Helke und mir, aber der Aktionsrat blieb bestehen. Manche sagen, er wurde »gespalten«. Doch Spaltung ist nicht das richtige Wort, wenn sieben gehen und etwa hundert Frauen und damit die Mehrheit übrig bleiben.“ ([2], S. 191)

Daß es nur sieben Frauen gewesen seien, die durch die Neuorientierung vergrault wurden, ist sicherlich untertrieben. Doch der Sozialistische Frauenbund erwies sich dann als erstaunlich stabil. Zumindest die Organisation existierte bis zu Beginn der 80er Jahre, auch wenn es viel Fluktuation und heftige Brüche im Selbstverständnis gab.

Die Organisationsstruktur, die im Statut von 1971 festgeschrieben wurde, war durchaus basisdemokratisch angelegt. Höchstes beschlußfassendes Organ war die Mitgliederversammlung, die einmal im Monat stattfinden sollte und die für alle Mitglieder verbindlich war. Die eigentliche (Schulungs-) Arbeit wurde in kleineren Gruppen durchgeführt, wobei drei Typen unterschieden wurden. Zum einen Arbeitsgruppen für die Grundschulung, dann Kapital-Arbeitskreise und schließlich Untersuchungsgruppen. Koordiniert werden sollten diese Gruppen einerseits durch einen Delegiertenrat, der über die inhaltliche Ausrichtung des Frauenbundes wachte, andererseits durch ein Sekretariat, das sich um den Formalkram wie Einzug der Mitgliedsbeiträge kümmerte.

Die Grundidee war, daß jeder Frau, die neu zum Frauenbund hinzukam, erst einmal eine einjährige Grundschulung verpaßt wurde. Dadurch qualifizierte sie sich einerseits für die Untersuchungsgruppen, die im Kollektiv, ohne Leitung, eigenständig Themen aufarbeiten sollten. Andererseits sollte die Teilnahme an einer Grundschulung auch dazu befähigen, selbst Grundschulungen zu leiten. Damit sollte eine Art Schneeball-System etabliert werden, das immer größere Kreise zog. Doch de facto funktionierte das aus verschiedenen Gründen nicht. Eine Frau, die als ärztliche Schreibkraft arbeitete, berichtete etwa über ihre Tätigkeit als Schulungsleiterin:

„In dieser Zeit habe ich mitgekriegt, daß ich mit meinem Wissen nicht mehr mit den anderen Frauen mitkam. In meiner Schulungsgruppe waren mehrere Akademikerinnen – die eigentlich nicht meine Zielgruppe waren –, denen nicht ich als Schulungsleiterin was beibringen konnte, sondern die mir. Das war so entsetzlich und ein Grund, warum ich ausgetreten bin.“ ([3], S. 9)

Ein anderes Problem war, daß das Schulungsprogramm hochgradig abstrakt und meilenweit von der Lebenswirklichkeit der Frauen entfernt war. Das ursprüngliche Grundschulungsprogramm umfaßte die folgenden Texte ([1], S. 14): Von Marx und Engels das Kommunistische Manifest sowie Lohn, Preis, Profit und von Mao Tse-Tung die beiden Schriften Unser Studium umgestalten und Über die Praxis. Als einziger von einer Frau geschriebener Text stand Rosa Luxemburgs Aufsatz über Massenstreik, Partei und Gewerkschaften auf dem Programm. Mit anderen Worten: Unmittelbare Frauenthema wurden nicht angesprochen.

Interessanterweise wurde dieser Abstand zur eigenen Lebenswirklichkeit teilweise gar nicht als so besonders tragisch angesehen. Die schon zitierte ärztliche Schreibkraft meinte:

„Wir haben nur Polit-Ökonomie gemacht, was mich sehr interessiert hat. Ich konnte einiges davon auch in meinem späteren Beruf anwenden bzw. das Wissen hat mir geholfen.“ ([3], S. 9)

Insofern muß man Frigga Haug wahrscheinlich recht geben, wenn sie im Rückblick meinte:

„Das waren Frauen, die das Gefühl hatten, bisher mit dem Lernen zu kurz gekommen zu sein und nun gehe es endlich los. […] Ich habe Leselisten erstellt, und ich bin auch heute noch der Meinung, es schadet nichts, Marx, Engels, Bebel und Clara Zetkin zu lesen. Frauentexte, wie wir sie heute kennen, gab es damals nicht. Allerdings war es wirklich blödsinnig, nicht mit dem Alltag der Frauen anzufangen und mit etwas, das sie direkt betraf. Aber dieses Schulungsprogramm war eben kein spezifisches Frauenprogramm, sondern ganz genau das, was die anderen Gruppen in der Studentenbewegung auch gemacht haben, vielleicht mit anderen Schwerpunkten.“ ([2], S. 192)

Ganz stimmte das natürlich nicht. Es hätte durchaus feministische Literatur gegeben – Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht war bereits seit 1951 auch auf deutsch verfügbar, Betty Friedans Der Weiblichkeitswahn seit 1966. Man hätte also durchaus auch andere Lektüre heranziehen können. Doch das verbot sich aufgrund der eigentümlichen Ideologie, die im Sozialistischen Frauenbund vorherrschte.

Diese werden wir uns nächste Woche genauer anschauen. Freuen Sie sich also darauf, wenn der Sozialistische Frauenbund ex kathedra erklärt:

„Von allen nicht berufstätigen Frauen aber kann gesagt werden, daß sie keine organisierbaren Interessen haben, die auf den kapitalistischen Grundwiderspruch hinweisen und einen kontinuierlichen Kampf notwendig machen.“ ([1], S. 5)

Nachweise

[1] Anonym, „Frauen im Kapitalismus. Ansätze zu einer Analyse“, in: Pelagea, Jg.1 (1970), Nr.1 (Mai 1970), S.1 – 15.

[2] Haug, F.: „»Frauenpolitik galt als kleinbürgerlich«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 180 – 198.

[3] Menschik, J.; Sander, H. & andere, „10 Jahre Sozialistischer Frauenbund – 10 Jahre neue Frauenbewegung“, in: Pelagea, Jg.9 (1978), Nr.7/8, S.2 – 14.

Written by alterbolschewik

18. April 2014 at 14:26

Veröffentlicht in Feminismus

Tagged with

„Politisierung“

leave a comment »

Die Frauenbewegung in der BRD (25)

„Die bürgerliche Reduktion des politischen Kampfes der linken Frauen auf den Sektor Kind und Familie kann eine Änderung allenfalls für wenige Individuen zur Folge haben.“

Einige Genossinnen aus dem Aktionsrat (1969)

Was bisher geschah: Die „Mütter-Fraktion“ im Aktionsrat zur Befreiung der Frauen hatte Anfang Oktober 1969 noch einmal versucht, den Aktionsrat wieder zu seinen ursprünglichen Zielen zurückzuführen. Unter dem Gruppennamen „Gegen das Alte und für das Neue“ veröffentlichten sie eine Art Manifest in der Roten Presse-Korrespondenz. Darin erklärten sie, daß ohne die Lösung der Kinderfrage, also der Frage, wie die Last der Kindererziehung von den Müttern genommen werden kann, eine sozialistische Perspektive nicht denkbar sei.

Damit wurde die schon länger existierende Fraktionierung innerhalb des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen öffentlich. Die erste Reaktion auf das Manifest der Mütter-Fraktion erschien gleich im Anschluß an den Artikel. Es handelte sich dabei um die Übersetzung eines Interview mit Frauen aus der Black Panther Party. Die Black Panther Party war eine linksradikale militante Organisation der Schwarzen in den USA, deren Entschlossenheit, Gewalt mit Gegengewalt zu beantworten, in Teilen der deutschen Linken ziemlich bewundert wurde. Das war allerdings nicht das entscheidende Thema des Interviews und auch nicht der Grund, warum dieses abgedruckt wurde. Darin ging es vielmehr um etwas ganz anderes, nämlich darum, ob sich Frauen getrennt von den Männern organisieren sollten oder doch lieber, im Dienste der gemeinsamen Sache, zusammen. Die Black-Panther-Frauen äußerten sich dazu eindeutig:

„Der Widerspruch zwischen Männern und Frauen ist ein Widerspruch, der innerhalb der revolutionären Kräfte ausgefochten werden muß. Er ist nicht vergleichbar mit den Klassenwidersprüchen. Daher kommt dem Klassenkampf Priorität zu. In dem Maße, in dem die Frauenorganisationen sich nicht dem Klassenkampf oder dem nationalen Befreiungskampf zuwenden, fördern sie nicht wirklich die Befreiungsbewegung der Frauen.“ ([1], S. 13)

Heute erscheint uns eine derartige Argumentation mehr als fremd. Wir empfinden es als völlig normal, daß sich Frauen unabhängig von irgendwelchen Männer organisieren – auch weil wir nicht mehr an den Klassenkampf als Ausdruck eines kapitalistischen Hauptwiderspruches glauben. Zu der Zeit, um die es hier geht, war das aber noch keineswegs ausgemacht. Es ist schlicht und ergreifend falsch, wenn etwa Jutta Menschik schreibt, daß es sich beim Aktionsrat zur Befreiung der Frauen um einen Arbeitskreis handelte, „in dem Männer nicht mitarbeiten durften“ ([4], S. 358). Das widerspricht der Aussage von Helke Sander, die vom ersten Treffen des Aktionsrates berichtet: „Es waren auch ein paar Männer dabei, die wir nicht wegschickten.“ ([5], S. 165) Allerdings erlahmte das männliche Interesse offensichtlich sehr schnell, weshalb Männer im Aktionsrat keine Rolle spielten. Aber es gab keinen expliziten Ausschluß von Männern – zumindest habe ich darauf keinen Hinweis gefunden. Und wenn es so etwas gegeben hätte, dann wären darüber sicherlich erbitterte Diskussionen geführt worden.

Insofern war der Abdruck des Black-Panther-Interviews verblüffend, denn er stellte eine Erwiderung auf eine Forderung dar, die so gar nicht erhoben worden war, nämlich die nach einer getrennten Frauenorganisation. Die Gruppe „Gegen das Alte und für das Neue“ hatte offensichlich etwas Unerhörtes gemacht. Sie hatte Forderungen erhoben, die sich nicht nur an die Adresse der bösen Kapitalisten oder abstrakt der Gesellschaft richteten, sondern ganz direkt an die männlichen Genossen. Diese sollten sich gefälligst ein paar Fragen zu Familie und Kindererziehung stellen und vor allem entsprechend handeln. Daß in solchen Forderungen ein massives Konfliktpotential steckte, das auf die Dauer zur Abspaltung einer autonomen Frauenbewegung führen könnte, war den Übersetzerinnen des Black-Panther-Interviews offensichtlich bewußt. Tatsächlich sollten die „Pantheretten“ im Aktionsrat dann auch einen Weg einschlagen, der sie von unmittelbaren Frauenfragen wegführen sollte. Doch dazu in einem der folgenden Beiträge mehr.

Eine direkte Antwort auf das Manifest der Gruppe „Gegen das Alte und für das Neue“ erschien dann in der übernächsten Nummer der Roten Presse-Korrespondenz. Dort forderten „einige Genossinnen aus dem Aktionsrat“ eine „Politisierung des Aktionsrates zur Befreiung der Frau“ ([2]). Es ist symptomatisch, daß diese Fraktion den falschen Namen „Aktionsrat zur Befreiung der Frau“ statt „der Frauen“ verwendete. Diese Verballhornung des Names war uns schon früher begegnet. Damals hatte ich darauf hingewiesen, daß diese veränderte Namensgebung durchaus eine inhaltliche Bedeutung hat. Im ursprünglichen Ausdruck „Befreiung der Frauen“ wird anerkannt, daß die Subjekte dieser Befreiung sehr unterschiedliche Individuen sind, die sich nicht über einen Leisten schlagen lassen. Bei der Befreiung „der Frau“ geht es schon sprachlich um ein abstraktes Konzept, nicht um einen lebendigen Prozeß. Es ist die Sprache von Bürokratinnen und der Text macht genau in diesem bürokratischen Stil weiter. Da wird mit leeren Abstraktionen nur so um sich geworfen. Die Autorinnen unterstellen der Gruppe „Gegen das Alte und für das Neue“, sie würde sich auf die „verschleiernde Argumentationsebene des Klassenfeindes“ begeben und sei sich des „Grundwiderspruchs von Lohnarbeit und Kapital“ nicht bewußt.

Als wirklicher Witz erweist sich dann die Forderung nach „Politisierung“ des Aktionsrates, die sich als deren genaues Gegenteil erweist. Denn wenn man nachschaut, worin denn nun diese Politisierung bestehen soll, erfährt man, daß es darum gehe, „unser vages Bewußtsein von Unterdrückung in ein politisches Bewußtsein umwandeln“. Die Forderungen der Gruppe „Gegen das Alte und für das Neue“ mögen vielleicht unausgegoren und schwer umsetzbar gewesen sein – daran hätte eine Kritik durchaus ansetzen können. Doch diesen konkreten Forderungen wurde nun ein völlig abstraktes Konzept entgegengesetzt, das sich schon durch seine bürokratische Sprache verriet:

„Unumgänglich für die Erarbeitung einer Perspektive zur Veränderung unserer politischen und privaten Praxis ist die Orientierung an den objektiven Notwendigkeiten, die sich aus den bestehenden Produktionsverhältnissen und unserem Kampf dagegen ergeben. Die Analyse schafft zudem erst die Bedingungen für die politische Aktion über den bisherigen Rahmen des Aktionsrates hinaus, z. B. Agitation und Organisation von Arbeiterinnen.“ ([2])

Mit anderen Worten: Es sollte überhaupt nicht politisch agiert werden, sondern man wollte durch Schulung erst einmal die Bedingung der Möglichkeit für politisches Agieren herstellen. Nun bin ich der letzte, der sich gegen Theoriearbeit ausspricht. Aber den Rückzug in die Studierstube als „Politisierung“ zu verkaufen, ist schon ziemlich gewagt.

Das alles war nicht zufällig, sondern eine klare Strategie einer ganz bestimmten Frau. Es war Frigga Haug, die Ende 1968 beschlossen hatte, aus dem Aktionsrat nun einen Schulungsrat zu machen. Frigga Haug war seit 1965 mit Wolfgang Fritz Haug, dem Herausgeber der angesehenen marxistischen Theoriezeitschrift Das Argument verheiratet. Während ihr Mann eine wichtige öffentliche Rolle spielte, war Frigga Haug nach politischen Anfängen zu Beginn der ’60er Jahre nun, nachdem sie ihr Studium abgebrochen hatte, auf die Rolle als Hausfrau und Mutter reduziert:

„Mein jetziger Mann kommt aus einer ganz traditionellen schwäbischen Familie. Trotzdem war er bereit, zweimal in der Woche zu kochen. Ich sollte dreimal kochen, und einmal wollten wir in die Mensa gehen.
Aber ich habe allein das Kochen übernommen, das Einkaufen und den ganzen Haushalt, weil ich fand, dass ich das besser mache. Das hing genau damit zusammen, dass ich als Hausfrau keinen anderen Ort und keine Position für mich hatte.“ ([3], S. 186f)

Interessanterweise war es gerade nicht die Auseinandersetzung mit ihrer Hausfrauen- und Mutterrolle, die Frigga Haug in den Aktionsrat trieb. Vielmehr suchte sie sich anscheinend ganz bewußt ein politisches Aktionsfeld, in dem sie sich unabhängig von ihrem Mann profilieren konnte, wobei sie aber keinerlei inhaltlichen Bezug zu ihrer eigenen Situation herstellte.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn Frigga Haug erklärt:

„Neben politischen Aktionen, dem »Argument« und diesen ganzen Hilfstätigkeiten, die ich inzwischen an mich gerafft hatte, beschloss ich, dass der »Aktionsrat zur Befreiung der Frauen« mein Hauptbetätigungsfeld sein sollte. Ich war dabei, eine eigene Identität aufzubauen.“ ([3], S. 189)

Nachweise

[1] Anonym, „Pantheretten und die Emanzipation“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.33 (3. Oktober 1969), S.12 – 14 (http://www.infopartisan.net/archive/1967/266745.html).

[2] Genossinnen aus dem Aktionsrat, „Zur Frauenemanzipation. Für eine Politisierung des Aktionsrates zur Befreiung der Frau“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.35 (17. Oktober 1969), S.9 (http://www.infopartisan.net/archive/1967/266747.html).

[3] Haug, F.: „»Frauenpolitik galt als kleinbürgerlich«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 180 – 198.

[4] Menschik, J.: „Vom »Aktionsrat zur Befreiung der Frau« zum »Sozialistischen Frauenbund Westberlin«“, in: Menschik, J. (Hg.), Grundlagentexte zur Emanzipation der Frau, Köln 1977 (2. Aufl.), S. 358 – 371.

[5] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

Written by alterbolschewik

11. April 2014 at 17:15

Veröffentlicht in Feminismus

Tagged with