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„Politisierung“

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Die Frauenbewegung in der BRD (25)

„Die bürgerliche Reduktion des politischen Kampfes der linken Frauen auf den Sektor Kind und Familie kann eine Änderung allenfalls für wenige Individuen zur Folge haben.“

Einige Genossinnen aus dem Aktionsrat (1969)

Was bisher geschah: Die „Mütter-Fraktion“ im Aktionsrat zur Befreiung der Frauen hatte Anfang Oktober 1969 noch einmal versucht, den Aktionsrat wieder zu seinen ursprünglichen Zielen zurückzuführen. Unter dem Gruppennamen „Gegen das Alte und für das Neue“ veröffentlichten sie eine Art Manifest in der Roten Presse-Korrespondenz. Darin erklärten sie, daß ohne die Lösung der Kinderfrage, also der Frage, wie die Last der Kindererziehung von den Müttern genommen werden kann, eine sozialistische Perspektive nicht denkbar sei.

Damit wurde die schon länger existierende Fraktionierung innerhalb des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen öffentlich. Die erste Reaktion auf das Manifest der Mütter-Fraktion erschien gleich im Anschluß an den Artikel. Es handelte sich dabei um die Übersetzung eines Interview mit Frauen aus der Black Panther Party. Die Black Panther Party war eine linksradikale militante Organisation der Schwarzen in den USA, deren Entschlossenheit, Gewalt mit Gegengewalt zu beantworten, in Teilen der deutschen Linken ziemlich bewundert wurde. Das war allerdings nicht das entscheidende Thema des Interviews und auch nicht der Grund, warum dieses abgedruckt wurde. Darin ging es vielmehr um etwas ganz anderes, nämlich darum, ob sich Frauen getrennt von den Männern organisieren sollten oder doch lieber, im Dienste der gemeinsamen Sache, zusammen. Die Black-Panther-Frauen äußerten sich dazu eindeutig:

„Der Widerspruch zwischen Männern und Frauen ist ein Widerspruch, der innerhalb der revolutionären Kräfte ausgefochten werden muß. Er ist nicht vergleichbar mit den Klassenwidersprüchen. Daher kommt dem Klassenkampf Priorität zu. In dem Maße, in dem die Frauenorganisationen sich nicht dem Klassenkampf oder dem nationalen Befreiungskampf zuwenden, fördern sie nicht wirklich die Befreiungsbewegung der Frauen.“ ([1], S. 13)

Heute erscheint uns eine derartige Argumentation mehr als fremd. Wir empfinden es als völlig normal, daß sich Frauen unabhängig von irgendwelchen Männer organisieren – auch weil wir nicht mehr an den Klassenkampf als Ausdruck eines kapitalistischen Hauptwiderspruches glauben. Zu der Zeit, um die es hier geht, war das aber noch keineswegs ausgemacht. Es ist schlicht und ergreifend falsch, wenn etwa Jutta Menschik schreibt, daß es sich beim Aktionsrat zur Befreiung der Frauen um einen Arbeitskreis handelte, „in dem Männer nicht mitarbeiten durften“ ([4], S. 358). Das widerspricht der Aussage von Helke Sander, die vom ersten Treffen des Aktionsrates berichtet: „Es waren auch ein paar Männer dabei, die wir nicht wegschickten.“ ([5], S. 165) Allerdings erlahmte das männliche Interesse offensichtlich sehr schnell, weshalb Männer im Aktionsrat keine Rolle spielten. Aber es gab keinen expliziten Ausschluß von Männern – zumindest habe ich darauf keinen Hinweis gefunden. Und wenn es so etwas gegeben hätte, dann wären darüber sicherlich erbitterte Diskussionen geführt worden.

Insofern war der Abdruck des Black-Panther-Interviews verblüffend, denn er stellte eine Erwiderung auf eine Forderung dar, die so gar nicht erhoben worden war, nämlich die nach einer getrennten Frauenorganisation. Die Gruppe „Gegen das Alte und für das Neue“ hatte offensichlich etwas Unerhörtes gemacht. Sie hatte Forderungen erhoben, die sich nicht nur an die Adresse der bösen Kapitalisten oder abstrakt der Gesellschaft richteten, sondern ganz direkt an die männlichen Genossen. Diese sollten sich gefälligst ein paar Fragen zu Familie und Kindererziehung stellen und vor allem entsprechend handeln. Daß in solchen Forderungen ein massives Konfliktpotential steckte, das auf die Dauer zur Abspaltung einer autonomen Frauenbewegung führen könnte, war den Übersetzerinnen des Black-Panther-Interviews offensichtlich bewußt. Tatsächlich sollten die „Pantheretten“ im Aktionsrat dann auch einen Weg einschlagen, der sie von unmittelbaren Frauenfragen wegführen sollte. Doch dazu in einem der folgenden Beiträge mehr.

Eine direkte Antwort auf das Manifest der Gruppe „Gegen das Alte und für das Neue“ erschien dann in der übernächsten Nummer der Roten Presse-Korrespondenz. Dort forderten „einige Genossinnen aus dem Aktionsrat“ eine „Politisierung des Aktionsrates zur Befreiung der Frau“ ([2]). Es ist symptomatisch, daß diese Fraktion den falschen Namen „Aktionsrat zur Befreiung der Frau“ statt „der Frauen“ verwendete. Diese Verballhornung des Names war uns schon früher begegnet. Damals hatte ich darauf hingewiesen, daß diese veränderte Namensgebung durchaus eine inhaltliche Bedeutung hat. Im ursprünglichen Ausdruck „Befreiung der Frauen“ wird anerkannt, daß die Subjekte dieser Befreiung sehr unterschiedliche Individuen sind, die sich nicht über einen Leisten schlagen lassen. Bei der Befreiung „der Frau“ geht es schon sprachlich um ein abstraktes Konzept, nicht um einen lebendigen Prozeß. Es ist die Sprache von Bürokratinnen und der Text macht genau in diesem bürokratischen Stil weiter. Da wird mit leeren Abstraktionen nur so um sich geworfen. Die Autorinnen unterstellen der Gruppe „Gegen das Alte und für das Neue“, sie würde sich auf die „verschleiernde Argumentationsebene des Klassenfeindes“ begeben und sei sich des „Grundwiderspruchs von Lohnarbeit und Kapital“ nicht bewußt.

Als wirklicher Witz erweist sich dann die Forderung nach „Politisierung“ des Aktionsrates, die sich als deren genaues Gegenteil erweist. Denn wenn man nachschaut, worin denn nun diese Politisierung bestehen soll, erfährt man, daß es darum gehe, „unser vages Bewußtsein von Unterdrückung in ein politisches Bewußtsein umwandeln“. Die Forderungen der Gruppe „Gegen das Alte und für das Neue“ mögen vielleicht unausgegoren und schwer umsetzbar gewesen sein – daran hätte eine Kritik durchaus ansetzen können. Doch diesen konkreten Forderungen wurde nun ein völlig abstraktes Konzept entgegengesetzt, das sich schon durch seine bürokratische Sprache verriet:

„Unumgänglich für die Erarbeitung einer Perspektive zur Veränderung unserer politischen und privaten Praxis ist die Orientierung an den objektiven Notwendigkeiten, die sich aus den bestehenden Produktionsverhältnissen und unserem Kampf dagegen ergeben. Die Analyse schafft zudem erst die Bedingungen für die politische Aktion über den bisherigen Rahmen des Aktionsrates hinaus, z. B. Agitation und Organisation von Arbeiterinnen.“ ([2])

Mit anderen Worten: Es sollte überhaupt nicht politisch agiert werden, sondern man wollte durch Schulung erst einmal die Bedingung der Möglichkeit für politisches Agieren herstellen. Nun bin ich der letzte, der sich gegen Theoriearbeit ausspricht. Aber den Rückzug in die Studierstube als „Politisierung“ zu verkaufen, ist schon ziemlich gewagt.

Das alles war nicht zufällig, sondern eine klare Strategie einer ganz bestimmten Frau. Es war Frigga Haug, die Ende 1968 beschlossen hatte, aus dem Aktionsrat nun einen Schulungsrat zu machen. Frigga Haug war seit 1965 mit Wolfgang Fritz Haug, dem Herausgeber der angesehenen marxistischen Theoriezeitschrift Das Argument verheiratet. Während ihr Mann eine wichtige öffentliche Rolle spielte, war Frigga Haug nach politischen Anfängen zu Beginn der ’60er Jahre nun, nachdem sie ihr Studium abgebrochen hatte, auf die Rolle als Hausfrau und Mutter reduziert:

„Mein jetziger Mann kommt aus einer ganz traditionellen schwäbischen Familie. Trotzdem war er bereit, zweimal in der Woche zu kochen. Ich sollte dreimal kochen, und einmal wollten wir in die Mensa gehen.
Aber ich habe allein das Kochen übernommen, das Einkaufen und den ganzen Haushalt, weil ich fand, dass ich das besser mache. Das hing genau damit zusammen, dass ich als Hausfrau keinen anderen Ort und keine Position für mich hatte.“ ([3], S. 186f)

Interessanterweise war es gerade nicht die Auseinandersetzung mit ihrer Hausfrauen- und Mutterrolle, die Frigga Haug in den Aktionsrat trieb. Vielmehr suchte sie sich anscheinend ganz bewußt ein politisches Aktionsfeld, in dem sie sich unabhängig von ihrem Mann profilieren konnte, wobei sie aber keinerlei inhaltlichen Bezug zu ihrer eigenen Situation herstellte.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn Frigga Haug erklärt:

„Neben politischen Aktionen, dem »Argument« und diesen ganzen Hilfstätigkeiten, die ich inzwischen an mich gerafft hatte, beschloss ich, dass der »Aktionsrat zur Befreiung der Frauen« mein Hauptbetätigungsfeld sein sollte. Ich war dabei, eine eigene Identität aufzubauen.“ ([3], S. 189)

Nachweise

[1] Anonym, „Pantheretten und die Emanzipation“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.33 (3. Oktober 1969), S.12 – 14 (http://www.infopartisan.net/archive/1967/266745.html).

[2] Genossinnen aus dem Aktionsrat, „Zur Frauenemanzipation. Für eine Politisierung des Aktionsrates zur Befreiung der Frau“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.35 (17. Oktober 1969), S.9 (http://www.infopartisan.net/archive/1967/266747.html).

[3] Haug, F.: „»Frauenpolitik galt als kleinbürgerlich«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 180 – 198.

[4] Menschik, J.: „Vom »Aktionsrat zur Befreiung der Frau« zum »Sozialistischen Frauenbund Westberlin«“, in: Menschik, J. (Hg.), Grundlagentexte zur Emanzipation der Frau, Köln 1977 (2. Aufl.), S. 358 – 371.

[5] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

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Written by alterbolschewik

11. April 2014 um 17:15

Veröffentlicht in Feminismus

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