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Das Ende des Aktionsrates

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Die Frauenbewegung in der BRD (26)

„Beim Sozialistischen Frauenbund besteht immer, oder ich empfand es so, diese Tendenz zum Perfekten, die einfach abhält, selber aktiv zu werden.“

Maren, Karteileiche des Sozialistischen Frauenbundes West-Berlin

Was bisher geschah: Im Herbst 1969 spitzte sich im Aktionsrat zur Befreiung der Frauen die Auseinandersetzung zwischen der anti-autoritären Fraktion um Helke Sander und der traditionsmarxistischen Fraktion um Frigga Haug zu. Die einen forderten konkrete Veränderungen – auch und gerade innerhalb der radikalen Linken, die anderen wollten vor allem ein marxistisches Schulungsprogramm durchsetzen.

Ende 1969 spaltete sich Helke Sanders Gruppe vom Aktionsrat zur Befreiung der Frauen ab und machte später unter dem schönen Namen Brot und Rosen weiter (auf diese Gruppe werde ich in späteren Beiträgen dieses Blogs noch zurückkommen). Damit hatte sich Frigga Haug im Aktionsrat mit ihrem Schulungsprogramm durchgesetzt. An die Stelle der weitgehend informellen Struktur des Aktionsrates trat ein fester Organisationsaufbau. In langwierigen Diskussionen wurden ein Statut und ein Schulungsprogramm entwickelt. Diese grundlegende Veränderung wurde öffentlich dokumentiert, indem sich der Aktionsrat im Jahr 1970 einen neuen Namen gab: Sozialistischer Frauenbund West-Berlin.

Es wäre nun sehr verführerisch, Frigga Haug zur alleinigen Buhfrau aufzubauen, die den eigentlich tollen Aktionsrat zu einer drögen sozialistischen Schulungsanstalt umfunktioniert hat. Natürlich ist das nicht ganz falsch, aber es ist auch nicht richtig. Denn das Statut des Sozialistischen Frauenbundes versuchte eine Antwort auf konkrete Probleme zu geben, die den Fortbestand oder besser: die Weiterentwicklung des Aktionsrates lähmten. Auch die Gruppe Brot und Rosen setzte später nicht einfach die Politik des Aktionsrates fort; nur zog sie aus der Tatsache, daß sich der Aktionsrat überlebt hatte, andere Konsequenzen als die Frauen aus dem Sozialistischen Frauenbund. Wir müssen uns deshalb die Probleme genauer ansehen, die letztlich zur Auflösung des Aktionsrates führten.

Helke Sander führte im Rückblick die Probleme im Aktionsrat darauf zurück, daß seine Aufgaben innerhalb kürzester Zeit über die ursprüngliche Gründungsproblematik hinauswuchsen:

„Es kamen mehr Studentinnen und Kinderlose mit ihren eigenen, für die einzelnen aktuell dringenden aber verschiedenen Problemen, die im Aktionsrat zwar noch geäußert, aber kaum mehr behandelt werden konnten, was zu unzähligen Organisationsansätzen führte, die aber wegen der Fülle der Fragen und der mangelnden Zeit zu keiner befriedigenden Organisationsstruktur führten.“ ([3], S. 6f)

Mit Frigga Haug war Ende 1968 eine Frau in den Aktionsrat gekommen, die einen klaren Plan hatte – auch wenn sich die Umsetzung dieses Planes eher als Fehlschlag erweisen sollte. Haug war aus dem Umfeld der marxistischen Theoriezeitschrift Das Argument gekommen, die wesentlich von ihrem Mann, Wolfgang Fritz Haug, geführt wurde. Diese politische Sozialisation prägte dann ihr Verhalten im Aktionsrat:

„Mein Standpunkt war: »Um diese Frauenunterdrückung bei der Wurzel zu packen, müssen wir viel theoretische Literatur lesen.« Binnen kurzer Zeit hatte ich diesen Aktionsrat auf ordentliche Schulungsfüße gestellt, und im Grunde habe ich dort lauter kleine »Argument-Clubs« gegründet.“ ([2], S. 191)

Nicht alle Frauen im Aktionsrat waren davon begeistert. Helke Sander erinnerte sich später:

„An dieser Schulungsfrage entwickelten sich Konflikte, die ganze Gruppen aus dem Aktionsrat austreten ließ […]. Die Konflikte bestanden vor allem darin, daß die einen […] die Frauenfrage nur aus der Klassenfrage ableiten wollten und die anderen – die meistes theoretisch auch weniger gebildet waren – darauf bestanden, daß es eine patriarchale Kultur gibt, die klassenunspezifisch ist und kapitalismusunspezifisch.“ ([3], S. 7)

Das Problem war, daß der scheinbare Erfolg Frigga Haug recht zu geben schien. Es ist nicht ganz falsch, wenn sie später bemerkte, daß man, trotz des Austrittes verschiedener Gruppen, nicht von einer Spaltung des Aktionsrates reden konnte:

„Dass der Aktionsrat sich spaltete, habe ich in absolut guter Erinnerung. Ich fand die Politik, die vorher gemacht wurde, falsch. […] Es war vielleicht ein Machtkampf zwischen Helke und mir, aber der Aktionsrat blieb bestehen. Manche sagen, er wurde »gespalten«. Doch Spaltung ist nicht das richtige Wort, wenn sieben gehen und etwa hundert Frauen und damit die Mehrheit übrig bleiben.“ ([2], S. 191)

Daß es nur sieben Frauen gewesen seien, die durch die Neuorientierung vergrault wurden, ist sicherlich untertrieben. Doch der Sozialistische Frauenbund erwies sich dann als erstaunlich stabil. Zumindest die Organisation existierte bis zu Beginn der 80er Jahre, auch wenn es viel Fluktuation und heftige Brüche im Selbstverständnis gab.

Die Organisationsstruktur, die im Statut von 1971 festgeschrieben wurde, war durchaus basisdemokratisch angelegt. Höchstes beschlußfassendes Organ war die Mitgliederversammlung, die einmal im Monat stattfinden sollte und die für alle Mitglieder verbindlich war. Die eigentliche (Schulungs-) Arbeit wurde in kleineren Gruppen durchgeführt, wobei drei Typen unterschieden wurden. Zum einen Arbeitsgruppen für die Grundschulung, dann Kapital-Arbeitskreise und schließlich Untersuchungsgruppen. Koordiniert werden sollten diese Gruppen einerseits durch einen Delegiertenrat, der über die inhaltliche Ausrichtung des Frauenbundes wachte, andererseits durch ein Sekretariat, das sich um den Formalkram wie Einzug der Mitgliedsbeiträge kümmerte.

Die Grundidee war, daß jeder Frau, die neu zum Frauenbund hinzukam, erst einmal eine einjährige Grundschulung verpaßt wurde. Dadurch qualifizierte sie sich einerseits für die Untersuchungsgruppen, die im Kollektiv, ohne Leitung, eigenständig Themen aufarbeiten sollten. Andererseits sollte die Teilnahme an einer Grundschulung auch dazu befähigen, selbst Grundschulungen zu leiten. Damit sollte eine Art Schneeball-System etabliert werden, das immer größere Kreise zog. Doch de facto funktionierte das aus verschiedenen Gründen nicht. Eine Frau, die als ärztliche Schreibkraft arbeitete, berichtete etwa über ihre Tätigkeit als Schulungsleiterin:

„In dieser Zeit habe ich mitgekriegt, daß ich mit meinem Wissen nicht mehr mit den anderen Frauen mitkam. In meiner Schulungsgruppe waren mehrere Akademikerinnen – die eigentlich nicht meine Zielgruppe waren –, denen nicht ich als Schulungsleiterin was beibringen konnte, sondern die mir. Das war so entsetzlich und ein Grund, warum ich ausgetreten bin.“ ([3], S. 9)

Ein anderes Problem war, daß das Schulungsprogramm hochgradig abstrakt und meilenweit von der Lebenswirklichkeit der Frauen entfernt war. Das ursprüngliche Grundschulungsprogramm umfaßte die folgenden Texte ([1], S. 14): Von Marx und Engels das Kommunistische Manifest sowie Lohn, Preis, Profit und von Mao Tse-Tung die beiden Schriften Unser Studium umgestalten und Über die Praxis. Als einziger von einer Frau geschriebener Text stand Rosa Luxemburgs Aufsatz über Massenstreik, Partei und Gewerkschaften auf dem Programm. Mit anderen Worten: Unmittelbare Frauenthema wurden nicht angesprochen.

Interessanterweise wurde dieser Abstand zur eigenen Lebenswirklichkeit teilweise gar nicht als so besonders tragisch angesehen. Die schon zitierte ärztliche Schreibkraft meinte:

„Wir haben nur Polit-Ökonomie gemacht, was mich sehr interessiert hat. Ich konnte einiges davon auch in meinem späteren Beruf anwenden bzw. das Wissen hat mir geholfen.“ ([3], S. 9)

Insofern muß man Frigga Haug wahrscheinlich recht geben, wenn sie im Rückblick meinte:

„Das waren Frauen, die das Gefühl hatten, bisher mit dem Lernen zu kurz gekommen zu sein und nun gehe es endlich los. […] Ich habe Leselisten erstellt, und ich bin auch heute noch der Meinung, es schadet nichts, Marx, Engels, Bebel und Clara Zetkin zu lesen. Frauentexte, wie wir sie heute kennen, gab es damals nicht. Allerdings war es wirklich blödsinnig, nicht mit dem Alltag der Frauen anzufangen und mit etwas, das sie direkt betraf. Aber dieses Schulungsprogramm war eben kein spezifisches Frauenprogramm, sondern ganz genau das, was die anderen Gruppen in der Studentenbewegung auch gemacht haben, vielleicht mit anderen Schwerpunkten.“ ([2], S. 192)

Ganz stimmte das natürlich nicht. Es hätte durchaus feministische Literatur gegeben – Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht war bereits seit 1951 auch auf deutsch verfügbar, Betty Friedans Der Weiblichkeitswahn seit 1966. Man hätte also durchaus auch andere Lektüre heranziehen können. Doch das verbot sich aufgrund der eigentümlichen Ideologie, die im Sozialistischen Frauenbund vorherrschte.

Diese werden wir uns nächste Woche genauer anschauen. Freuen Sie sich also darauf, wenn der Sozialistische Frauenbund ex kathedra erklärt:

„Von allen nicht berufstätigen Frauen aber kann gesagt werden, daß sie keine organisierbaren Interessen haben, die auf den kapitalistischen Grundwiderspruch hinweisen und einen kontinuierlichen Kampf notwendig machen.“ ([1], S. 5)

Nachweise

[1] Anonym, „Frauen im Kapitalismus. Ansätze zu einer Analyse“, in: Pelagea, Jg.1 (1970), Nr.1 (Mai 1970), S.1 – 15.

[2] Haug, F.: „»Frauenpolitik galt als kleinbürgerlich«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 180 – 198.

[3] Menschik, J.; Sander, H. & andere, „10 Jahre Sozialistischer Frauenbund – 10 Jahre neue Frauenbewegung“, in: Pelagea, Jg.9 (1978), Nr.7/8, S.2 – 14.

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Written by alterbolschewik

18. April 2014 um 14:26

Veröffentlicht in Feminismus

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