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Die Frauenbewegung in der BRD (27)

„Es ist […] unbedingt notwendig, für bewußte weibliche Berufstätigkeit und gesellschaftliche Erziehung der Kinder zu agitieren“

Sozialistischer Frauenbund Westberlin, 1970

Was bisher geschah: Nachdem diverse Gruppen aus dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen ausgetreten waren, benannte sich dieser in Sozialistischer Frauenbund Westberlin um und organisierte sich in Schulungsgruppen. In diesen Schulungsgruppen wurden vor allem „Klassiker des Marxismus-Leninismus“ gelesen.

Der Aktionsrat war 1968 aus einem konkreten Bedürfnis heraus entstanden. Die Situation von Müttern innerhalb der Bewegung sollte verbessert werden, um ihnen die Möglichkeit zu geben, ebenso am politischen Prozeß teilhaben zu können wie die Männer oder auch Frauen ohne Kinder. Aus diesem praktischen Beweggrund heraus entwickelte sich dann eine Theorie, die den Müttern ein revolutionäres Potential zuschrieb. In ihrer Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS hatte Helke Sander erklärt:

„Die Gruppen, die am leichtesten politisierbar sind, sind die Frauen mit Kindern. Bei ihnen sind die Aggressionen am stärksten und ist die Sprachlosigkeit am geringsten.“ ([4], S. 14)

Doch im Übergang vom Aktionsrat zum Sozialistischen Frauenbund wurden solche Behauptung zur Blasphemie erklärt. Schließlich konnte man bei Marx, Lenin oder Mao nachlesen, daß es das Proletariat war, das zu Politisieren war, und nicht die Mütter. Wollte man eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse – und eine solche wurde für eine wirkliche Frauenemanzipation als unerläßlich angesehen – dann brauchte man das Proletariat. Allerdings waren die Frauen im Sozialistischen Frauenbund so realitätstüchtig, daß ihnen bewußt war, daß ihnen das (männliche) Proletariat die Emanzipation nicht schenken würde. Und daraus zogen sie dann den Schluß, daß die Frauen selbst Teil der lohnabhängigen Massen werden müßten.

Zwei Argumente wurden zur Legitimation dieses Anspruchs, Frauen müßten zum Zwecke ihrer Emanzipation Lohnarbeiterinnen werden, angeführt. Zum Frauentag 1972 führte der Sozialistische Frauenbund dies in einem elaborierten Vortrag aus. Zunächst wurde anthropologisch, unter Berufung auf die Marxschen Frühschriften argumentiert. Das Wesen des Menschen, so wurde unter Aufbietung der Deutschen Ideologie von Marx und Engels erklärt, bestünde darin, daß er arbeite. Und daraus wurde messerscharf geschlossen:

„Von daher ist jede Tätigkeit, die für den Menschen spezifisch ist, primär für den Mann vorbehalten.“ ([2], S. 4)

Frauen, die nicht berufstätig sind, werden dagegen von ihrem Menschsein ausgeschlossen:

„Die Rolle der Hausfrauen engt die Frau heute mehr oder weniger in ihre biologische Funktion ein.“ ([2], S. 4)

In einer marxistischen Schulungsgruppe mochte so etwas vielleicht als Argument durchgegangen sein. Angesichts des konkreten kapitalistischen Produktionsprozesses war das natürlich kompletter Unsinn. Der Arbeiter am Fließband verwirklichte dort so wenig sein menschliches Wesen wie die Frau am Herd. Wenn man das ernst nehmen wollte, dann bot die Stellung am Herd sicherlich bessere Bedingungen dafür, die potentielle Kreativität der menschlichen Arbeit zum Ausdruck zu bringen als ein Platz am Fließband.

Das zweite damals vorgebrachte Argument für eine Berufstätigkeit der Frauen ist eine Fortspinnung des ersten:

„Der zweite Grund, aus dem wir für die Berufsergreifung der Frau eintreten, der mit dem ersten zusammenhängt, und doch ein anderer ist, ergibt sich aus der Tatsache, daß die Hausfrau in ihrer Situation vereinzelt und isoliert bar jeder Perspektive ist. Ihre Arbeit ist nicht gesellschaftlich bzw. wird als solche nicht anerkannt. Die Hausarbeit der Frau verschwindet heute neben der Erwerbstätigkeit des Mannes. Diese ist alles, jene eine unbedeutende Beigabe. Hier zeigt sich schon, daß die Befreiung der Frau und ihre Gleichstellung mit dem Mann eine Unmöglichkeit ist und bleibt, solange die Frau von der gesellschaftlich produktiven Arbeit ausgeschlossen und auf die häusliche Privatarbeit beschränkt bleibt. Die Befreiung der Frau wird erst möglich, sobald diese auf großem gesellschaftlichen Maßstab an der Produktion sich beteiligen kann und die häusliche Arbeit sie nur noch in unbedeutendem Maße in Anspruch nimmt.“ ([2], S. 4)

Arbeit wurde hier überhaupt nicht mehr nach ihrem sachlichen Gehalt beurteilt, sondern nur danach, ob es sich um gesellschaftliche oder um private Arbeit handelt. Und die eine Form der Arbeit ist gut, wenn auch noch, als Lohnarbeit, in entfremdeter Form. Und die andere ist schlecht, weil sie individuell, privat ist. Aus dieser leeren Abstraktion wurde dann ein mehr als kruder Schluß gezogen:

„Frauen werden also durch den Eintritt ins Berufsleben einerseits Teil der Lohnabhängigen, die organisiert die Produktionsverhältnisse zu verändern in der Lage sind, andererseits ist irgend eine Befreiung außerhalb der Arbeit überhaupt nicht denkbar.“ ([2], S. 6)

Das war es, was nach gut zwei Jahren Schulungstätigkeit tatsächlich herausgekommen war: Eine höchst abstrakte, von der Lebenswirklichkeit maximal entfernte Begründung dafür, warum es für Frauen besser sei, einer Berufstätigkeit nachzugehen. Natürlich war und ist diese Forderung jenseits ihrer hanebüchenen Begründung nicht nur legitim, sondern durch und durch vernünftig. Das ist ja genau das, was Betty Friedan schon viel früher in ihrem Buch Der Weiblichkeitswahn (1963) gefordert hatte. Aber Friedan kam dabei ohne jedes marxistisch-leninistisches Brimborium aus. Sie brauchte nicht viel mehr als die direkten Anschauung, daß ein bloßes Hausfrauendasein verblödet und unglücklich macht.

Die eigentliche Ironie dabei ist, daß die Sozialistische Frauenbund schon einmal klüger war. Das erste Positionspapier des Frauenbundes aus dem Jahr 1970, das im ersten Heft der Pelagea veröffentlicht worden war, hatte noch deutlich differenzierter argumentiert. Zumindest wurde damals darauf hingewiesen, daß auch der Kapitalismus ein gesteigertes Interesse daran haben könnte, mehr weibliche Arbeitskräfte in den Verwertungsprozeß einzuspannen:

„Die Partnerschaftsideologie wird in letzter Zeit immer stärker von sogenannt fortschrittlicher Seite anstelle der Familienideologie propagiert. […] Die »Partnerschaft« hebt die auf Dauer für den Kapitalismus unbefriedigende Arbeitsteilung in produktive Arbeit und Hausarbeit auf, zugunsten der profitträchtigeren Arbeitsteilung: zusätzliche unproduktive Arbeit des Mannes, zusätzliche produktive (mehrwertschaffende) Arbeit der Frau.“ ([1], S. 7)

Wer sich dabei an die Arbeitszeitverteilungsmodelle unserer aktuellen Familienministerin erinnert fühlt, liegt sicherlich nicht falsch. Doch dies nur nebenbei. Das eigentliche Problem ist offensichtlich, daß die Theorie zwischen 1970 und 1972 keinen Schritt weitergekommen war, sondern im Gegenteil dogmatische Züge angenommen hatte. Das war kein alleiniges Problem des Frauenbundes. In vielen Gruppen versteinerte damals die Theorie zu abstrakter Standpunkthuberei, diente mehr der Abgrenzung von anderen Gruppen als zu einem besseren Verständnis der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Und im Jahr 1972 waren dem Sozialistischen Frauenbund, der sich als Speerspitze der Frauenemanzipation verstand, mächtige Gegner erwachsen, von denen man sich abgrenzen mußte, nämlich die feministischen Gruppen.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn hier erklärt wird, warum sich der Sozialistische Frauenbund nicht als feministisch verstand, weshalb Jutta Menschik später erklären konnte:

„Ich habe mich bisher nicht als »Feministin« bezeichnet, sondern (ein wenig trotzig) als »Frauenrechtlerin«, weil Feminismus – zu Unrecht – bei uns immer mit Männerhaß gleichgesetzt wurde.“ ([3], S. 9)

Nachweise

[1] Anonym, „Frauen im Kapitalismus. Ansätze zu einer Analyse“, in: Pelagea, Jg.1 (1970), Nr.1 (Mai 1970), S.1 – 15.

[2] Anonym, „Warum wir uns als Frauen organisieren“, in: Pelagea, Jg.3 (1972), Nr.3 (Juni 1972), S.2 – 8.

[3] Menschik, J., Feminismus. Geschichte, Theorie, Praxis, Köln 1977.

[4] Sander, H.:Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (1968)“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 12 – 22.

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Written by alterbolschewik

26. April 2014 um 9:52

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