shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for Mai 2014

Entschuldigung an meine treuen Leserinnen und Leser

leave a comment »

Meine Küchenrenovierung hat ziemlich überhand genommen – diese Woche wird es also nichts mit einer Fortsetzung der Geschichte von Brot und Rosen. Bis nächste Woche…

Written by alterbolschewik

31. Mai 2014 at 15:21

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

Brot und Rosen (2)

leave a comment »

Die Frauenbewegung in der BRD (31)

„Die Ärzte sind jedoch gewöhnt, uns als dumme oder hysterische Patientinnen zu behandeln und nicht als Menschen, die verlangen können, alles zu erfahren, was für ihre Gesundheit und Sicherheit notwendig ist.“

Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1

Was bisher geschah: Ende 1971 tauchte Helke Sander, die seit dem Ende des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen nur noch als Filmemacherin in Erscheinung getreten war, in einer neuen Frauengruppe auf: Brot und Rosen. Brot und Rosen sollte nicht viel länger existieren als der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen – gute zwei Jahre. Aber in dieser Zeit sollte die Gruppe, wie schon vorher der Aktionsrat, einiges anstoßen, was für die Entwicklung der Frauenbewegung in der BRD entscheidend sein sollte.

Brot und Rosen verknüpften während ihres Bestehens theoretische mit praktischer Arbeit; und zwar auf eine Weise, die in der besten Tradition der antiautoritären Bewegungen stand. Im Vordergrund stand die Aufklärung – durch Aufklärung sollten Menschen befähigt werden, über ihr eigenes Leben entscheiden zu können. Und die praktischen Aktionen sollten dann dieser Aufklärungsarbeit die notwendige Publizität verschaffen, damit sie nicht im medialen Grundrauschen unterging.

Doch worüber klärten Brot und Rosen auf? Ich hatte schon erwähnt, daß die Gruppe im Zusammenhang mit den Aktionen gegen den Abtreibungsparagraphen 218 gegründet wurde. In diesem Kontext bewegte sich dann auch ihre Aufklärungsarbeit. Ausgehend von der Abtreibungsfrage verfaßte die Gruppe eine 144 Seiten starke Broschüre mit dem Titel Frauenhandbuch Nr. 1. In dieser Broschüre beantworteten sie nicht nur praktische Fragen zur Abtreibung, sondern thematisierten den gesamten Bereich der Geburtenkontrolle, von der Verhütung bis eben zur Abtreibung.

Ursprünglich hatte die Gruppe zu diesem Zweck nur vor, die amerikanischen bzw. kanadischen Broschüren Our Bodies, Ourselves und Handbook for Birth Control einem deutschen Publikum zugänglich zu machen:

„Zuerst wollten wir diese Hefte nur übersetzen, aber dann zweifelten wir an den ungeheuerlichen und völlig neuen Sachen, die wir erfuhren, wir glaubten den amerikanischen Frauen nicht so ganz (weil sie doch auch keine Fachleute sind).“ ([1], S. 5)

Doch im Laufe ihrer Recherchen stellten sie dann fest, daß die Amerikanerinnen völlig recht hatten. Was an Mythen über Verhütung und Abtreibung im Umlauf war und auch von Ärzten vertreten wurden, war unglaublich. Selbst in der Frauenbewegung machten sich die Brot und Rosen-Frauen unbeliebt, als sie die angebliche Unschädlichkeit der Pille aufs Korn nahmen:

„Als wir anfingen, über die Pille nachzudenken, fanden wir sie im grossen und ganzen gut. Fast alle von uns nahmen sie Tag für Tag schon mehrere Jahre, und an Krampfadern, blaue Hände, mehr Gewicht, trockene Haut, Haarausfall oder auch Bartwuchs hatte sich jede so gewöhnt, dass es schon vergessen war. Jetzt, wo die Broschüre fertig ist, und wir sehr viel mehr über die Pille wissen, haben einige von uns aufgehört, sie zu nehmen.“ ([1], S. 75)

In der ersten Auflage der Broschüre listeten die Frauen verschiedene Verdachtsmomente zur Gesundheitsschädlichkeit der Pille auf und zitieren eine medizinische Veröffentlichung:

„Man sollte sich darüberhinaus bewusst machen, dass alle Frauen, die heute Ovulationshemmer einnehmen, sich an einem Grossexperiment beteiligen, dessen Ausgang noch völlig offen ist, da über Langzeitauswirkungen (insbesondere genetische Auswirkungen) zur Zeit noch keine Aussagen möglich sind.“ (zit. nach [1], S. 79)

Daraus zogen Brot und Rosen den Schluß, daß die damals in der Abtreibungsdebatte gängige Forderung der „Pille auf Krankenschein“ abzulehnen sei. Stattdessen beharrten sie auf einer staatlich gesponsorten Langzeitstudie zu schädlichen Nebenwirkungen der Pille und die Entwicklung unschädlicher Verhütungsmittel. In der zweite Auflage der Broschüre verteidigten sie diese Forderungen ausdrücklich:

„Uns wurde vorgeworfen, wir würden den Frauen die Pille wegnehmen wollen oder wir wurden gefragt, welche Alternative wir denn anzubieten hätten. Wir haben keine Alternative anzubieten. Wir haben aber klarmachen können, daß das, was uns vorgesetzt wird, nicht akzeptabel ist. Wir haben klarzumachen versucht, daß wir die Alternativen politisch erkämpfen müssen.“ ([2], S. 2)

Leider müssen junge Frauen auch heute noch feststellen, daß in diesem Kampf in den letzten vierzig Jahren keinerlei Fortschritte erzielt wurden. In dem aktuellen, trotz seines bescheuerten Titels sehr lesenswerten Buch Tussikratie muß Theresa Bäuerlein feststellen:

„Mein Leben lang haben Frauenärzte mir gesagt, die Nebenwirkungen der Pille seien minimal. Deshalb hatte ich lange wenig Ahnung davon, dass Hormontabletten durchaus nennenswerte, durchaus unerwünschte Effekte wie Kopfschmerzen, Depressionen und Wassereinlagerungen auf den Körper haben können.“ ([4], S. 148)

Nichts Neues also an der Verhütungsfront. Daß auch die amerikanischen Frauen zu derartigen Schlüssen gekommen waren, die Frauen von Brot und Rosen also doppelte Arbeit geleistet hatten, hatte durchaus positive Nebenwirkungen.

„Eigentlich wollten wir nur ein Heft über Abtreibung schreiben, dann aber merkten wir, womit alles das zusammenhängt. Um ein richtiges Bild zu geben, mussten wir ausserdem folgende Themen behandeln: die Verhütungsmittel, besonders die Pille, Verhütungsmittel für Männer, die Standesorganisationen der Ärzte, die chemische Industrie, die Kirche.“ ([1], S. 5f)

Die Diskussion über Reproduktion und Verhütung bewegt sich nämlich keineswegs im Rahmen eines rein privaten Problems. Sie ist hochpolitisch, weil sich hier ökonomische, politische und ideologische Interessen kreuzen. Erneut kam die alte Parole des Aktionsrates, daß das Private politisch sei, zu ihrem Recht. Das spielt sich zunächst auf der Ebene ab, die im obigen Zitat schon angezeigt wurde. Die Broschüre von Brot und Rosen enthielt eben nicht nur ganz praktische Informationen über die verschiedenen Verhütungsmethoden oder Hinweise, wie man legal zu einer Abtreibung kommen konnte. Sondern es gab auch allgemeinere, politische Kapitel darüber, welche Interessen Ärzte und ärztliche Standesorganisationen, die Pharmaindustrie (am Beispiel von Schering) und die Kirche daran haben, den sexualpolitischen Ist-Zustand aufrecht zu erhalten.

Doch die Broschüre geht sogar noch einen Schritt weiter und lenkt den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. Auch in den Ländern der sogenannten Dritten Welt ist die Geburtenkontrolle ein Politikum. Allerdings auf eine ganz andere Art und Weise, als das in den kapitalistischen Metropolen der Fall ist. In den USA wurde seit den 60er Jahren die Propagandatrommel gerührt, daß der Untergang der Menschheit bevorstünde, wenn das Bevölkerungswachstum nicht eingedämmt würde. In der BRD übernahm dieses Propagandageschäft dann der Fernseh-Professor Heinz Haber. In dieser Propaganda kam, so analysieren Brot und Rosen, die Angst vor den pauperisierten Massen zum Ausdruck, die durch die neo-imperialistischen Politik der kapitalistischen Metropolen ihrer Subsistenz beraubt wurden. Am Beispiel der „Grünen Revolution“ in Indien führten sie aus:

„»Grüne Revolution« bedeutet, dass die alten Anbaumethoden durch moderne ersetzt werden […] und dass der landwirtschaftliche Betrieb ganz nach kapitalistischen Vorbildern durchorganisiert wird. […] Das bedeutet für viele kleine Pächter, dass sie rausgeschmissen werden, um für die Maschinen Platz zu machen.
Die Folge ist: mehr und landlose Bauern strömen in die Städte. […] Die »Grüne Revolution« produziert grosse Gewinne für die ausländischen Kapitalisten und für die neuen Agrarkapitalisten. Gleichzeitig aber produziert sie auch die rasante Zunahme der Arbeitslosen. Das erfordert dringend Massnahmen zur Geburtenkontrolle, um die Profite aus der »grünen Revolution« nicht zu gefährden.« ([1], S. 66)

Und so kommt es zu einem Paradoxon:

„Während wir hier in Deutschland gegen die Bundesregierung kämpfen müssen, um wenigstens die übelsten Formen des Gebärzwanges (z.B. Jahn’s Paragraph 218) abzuschaffen, lässt dieselbe Bundesregierung durch gemeinnützige Vereine gedeckt, Omnibuskliniken in Tunesien und anderen Entwicklungsländern herumfahren, um Geburtenkontrollen durchzuführen.“ ([1], S. 67)

Indem Brot und Rosen auf diesen neo-imperialistischen Aspekt der Geburtenkontrolle hinwiesen, waren sie der linken Diskussion um eineinhalb Jahrzehnt voraus. Erst mit den Materialien gegen Bevölkerungspolitik und Gentechnologie, die ab 1987 erscheinen sollten, wird dieses Thema in der linken Diskussion breiteren Raum einnehmen.

So verzahnten damals Brot und Rosen die alltäglichen Aspekte von Abtreibung und Verhütung mit einer allgemeinen Kapitalismuskritik, die sich von der anderer Frauengruppen qualitativ deutlich unterschied. Zum einen setzten sie sich damit von den rein feministischen Gruppen ab, die in der ganzen Reproduktionsfrage nur ein Männerkomplott sehen wollten. Zum anderen ging ihr präziser Blick auf die konkreten Zusammenhänge weit über die marxistisch-leninistischen Abstraktionen der sogenannten sozialistischen Frauengruppen hinaus. Das Frauenhandbuch Nr. 1 wurde zunächst mit 10.000 Exemplaren aufgelegt, 1974 erschien dann eine gründlich überarbeitete Neuauflage mit der beeindruckenden Stückzahl von 100.000 Exemplaren.

Nächste Woche werden wir uns der aktivistischen Seite von Brot und Rosen widmen. Freuen Sie sich also schon jetzt darauf, daß uns Brot und Rosen erklären werden:

„Zwar kann spontanes Handeln ein Zeichen für Bewußtsein und Organisiertheit, doch ebenso auch von Ziellosigkeit und schlechter Organisation sein.“ ([3], S. 70)

Nachweise

[1] Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1. Abtreibung und Verhütungsmittel (1. Auflage), Berlin 1972.

[2] Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1. Abtreibung und Verhütungsmittel (2. Auflage), Berlin 1974.

[3] Brot und Rosen: „Kritik am Tribunal zum § 218“, in: Linnhoff, U., Die neue Frauenbewegung. USA – Europa seit 1968, Köln 1974, S. 68 – 70.

[4] Bäuerlein, T. & Knüpling, F., Tussikratie, München 2014.

Written by alterbolschewik

24. Mai 2014 at 8:38

Brot und Rosen (1)

leave a comment »

Die Frauenbewegung in der BRD (30)

„As we come marching, marching, unnumbered women dead
Go crying through our singing their ancient cry for bread.
Small art and love and beauty their drudging spirits knew.
Yes, it is bread we fight for — but we fight for roses, too!“

James Oppenheim, Bread and Roses

Was bisher geschah: Ende 1969 verließ Helke Sander den von ihr mitgegründeten Aktionsrat zur Befreiung der Frauen. Statt sich auf das abstrakte marxistisch-leninistische Schulungsprogramm des sich nunmehr Sozialistischer Frauenbund West-Berlin nennenden Aktionsrates einzulassen, drehte sie lieber Filme. In diesen thematisierte sie in neuer Form die Fragestellungen, die ursprünglich einmal zur Gründung des Aktionsrates geführt hatten.

Doch während Sander Kinder sind keine Rinder und Eine Prämie für Irene drehte, fand in der Frauenbewegung ein enormer Aufschwung statt. Und das an einem Thema, das weder in den Diskussionen des Aktionsrates noch des Sozialistischen Frauenbundes vorgekommen war: Der Frage der Strafbarkeit von Schwangerschaftsabbrüchen. Zwar gab es bereits seit 1969 eine Kampagne gegen den § 218, der die Abtreibung rechtlich regelte, aber diese Kampagne ging ursprünglich nicht von den Frauengruppen aus, sondern war von der Humanistischen Union initiiert worden. Dazu in einer der späteren Folgen dieses Blogs mehr. 1971 jedoch wurde aus dieser, von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenen Kampagne ein Politikum, das die ganze Republik aufwühlte. Alice Schwarzer hatte die Redaktion des Stern dazu gebracht, auf der Titelseite das Bekenntnis von 374 Frauen abzudrucken: „Wir haben abgetrieben!“

Dieses öffentliche Bekenntnis zum Rechtsbruch war die Initialzündung für die Frauenbewegung als Massenbewegung. Am 6. Juni war die Veröffentlichung im Stern, bereits einen Monat später, am 10. Juli 1971 fand in Frankfurt ein bundesweites Treffen von Frauengruppen statt. Hatte sich Alice Schwarzer zur Vorbereitung ihres Medien-Coups gerade einmal auf vier existierende Frauengruppen stützen können, kamen nun in Frankfurt Vertreterinnen von Aktionsgruppen aus 21 Städten zusammen. Eine weitere Konferenz fand im Oktober statt, auf der für den 6. November koordinierte Demonstrationen in Berlin, München, Bremen und Frankfurt beschlossen wurden.

Nach diesen Demonstrationen war zweierlei klar: Die Gegnerinnen des § 218 hatten zwar eine riesige Öffentlichkeit für das Problem geschaffen, doch das nützte leider nichts:

„Heute haben wir ca. 70 bis 80% der Bevölkerung hinter uns, wenn wir die Abschaffung des Paragraphen verlangen.
Nur, was machen wir mit dieser überwältigenden Mehrheit, wenn der Bundestag, das Justizministerium und die Regierung sich über unsere massiven Demonstrationen, Unterschriftensammlungen und Selbstanzeigen einfach hinwegsetzen. Wir und viele andere haben daraus gelernt, dass diese »Volksvertreter« nicht unsere Forderungen vertreten, sondern die Interessen derjenigen, die sowieso die Macht in dieser Gesellschaft haben.“ ([1], S. 3)

Aus diesem gemischten Gefühl heraus – wir sind viele, aber wir werden ignoriert – entstand dann Ende 1971 die Gruppe Brot und Rosen, bei der wieder deutlich die Handschrift von Helke Sander sichtbar wurde. Diese Gruppe unterschied sich allerdings organisatorisch gewaltig vom Aktionsrat. Der Aktionsrat war im Grunde ein regelmäßig stattfindendes öffentliches Plenum gewesen, zu dem jede kommen konnte, die Lust dazu hatte. Dadurch hatte es dem Aktionsrat an Stringenz und Verbindlichkeit gefehlt. Das um Schulungen konzentrierte Organisationskonzept, das die Fraktion um Frigga Haug entwickelte, sollte zwar mehr Verbindlichkeit schaffen – doch ein produktiver Arbeitszusammenhang entstand daraus nicht. Der Sozialistische Frauenbund fungierte in den ersten Jahren als reiner Durchlauferhitzer, es bildete sich keine stabile, handlungsfähige Kontinuität heraus.

Brot und Rosen sollte anders sein. Die ursprüngliche Gruppe bestand wohl zu Beginn aus ungefähr zehn Frauen ([1], S. 3), die sich dann schnell auf einen harten Kern von fünf Aktivistinnen reduzierte ([2], S. 7). Diese Beschränkung auf wenige, aber engagierte Mitglieder dürfte den Erfahrungen mit dem Aktionsrat geschuldet gewesen sein:

„Wir haben bei Frauengruppen nicht nur den Ruf, eine »gute Gruppe« zu sein, sondern auch den, autoritär und überheblich zu sein. Das sind wir nicht, aber wir sind oft abweisend und das wird als unangenehm empfunden.“ ([2], S. 8)

Das Wachstum der Gruppe im Laufe der nächsten zwei Jahre wurde bewußt begrenzt:

„Wir haben uns bis jetzt mehr zufällig und privat erweitert. Meistens war es so, daß Frauen längere Zeit praktisch gezeigt haben, daß sie unsere Forderungen unterstützen und sich dafür mit viel Arbeit – theoretischer und praktischer – einsetzen.“ ([2], S 8)

Tatsächlich bemühten sich Brot und Rosen, Theorie und Praxis eng miteinander zu verzahnen, nicht nur, um bloße Mitläuferinnen abzuschrecken. Wobei sie unter Theorie etwas anderes verstanden als blutleere Mao- oder Leninschulungen. Theorie begriff die Gruppe als intellektuelle Selbstermächtigung:

„Wir Frauen müssen uns selbst dazu befähigen, das, was mit uns gemacht wird, fachlich beurteilen zu können. Wir müssen lernen, irgendwelchen Fachidioten, seien es Gynäkologen oder Pillenfabrikanten, Gesetzemachern oder Arbeitgebern auf die Finger zu schauen. Wir müssen unsere Angst verlieren vor Männern, die im Namen irgendeiner Wissenschaft Respekt für sich und ihre Handlungen fordern. Wir müssen es wagen, Fragen zu stellen, so gründlich zu stellen, dass sie uns nicht mehr abtun können wie bisher.
Wir müssen die Furcht verlieren, etwas Falsches zu sagen und uns nicht richtig ausdrücken zu können. Schliesslich ist es nicht unsere Schuld, dass wir nicht ausgebildet sind, und es ist nicht ihr Verdienst, dass sie privilegiert sind.“ ([1], S. 4f)

Und so lasen die Frauen von Brot und Rosen nicht Engels‘ Vom Ursprung der Familie, sondern Our Bodies, Ourselves vom Boston Women’s Health Book Collective. Die amerikanische Historikerin Nancy MacLean charakterisierte diese 1971 erstmals veröffentlichte Broschüre folgendermaßen:

„Eine der elektrisierendsten Kräfte war ein weitverbreiteter und erschwinglicher Selbsthilfe-Ratgeber zur Frauengesundheit, der 1970 vom Boston Woman’s Health Collective veröffentlicht wurde, einer Gruppe von zwölf Frauen, die verschiedene Aspekte der weiblichen Physiologie untersuchten. Von der ersten, auf billigem Papier gedruckten Ausgabe wurden innerhalb von drei Jahren 250.000 Exemplare verkauft. […] Hier bildete sich das Beste der neuen Bewegung ab, indem die Aufmerksamkeit auf die Unterschiedlichkeit von Frauen gelenkt wurde, zudem Körper und Geist verbunden und Selbstfürsorge mit einem Engagement zum Aufbau einer Gemeinschaft vereint wurden. Vor allem wurde Frauen das Wissen zur Verfügung gestellt, das sie benötigten, um ihr Leben selbstbestimmter leben zu können.“ ([3], S. 25)

Insofern ist Theorie vielleicht das falsche Wort. Was Brot und Rosen anstrebten, war nicht eine abstrakte Theorie, sondern die Aneignung und Verbreitung von Wissen, praktischem Wissen, das den Frauen unmittelbar helfen sollte, sich aus gesellschaftlichen Abhängigkeiten zu befreien. Hier scheint erneut die programmatische Absicht des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen auf, wo es ja auch darum ging, Frauen den Freiraum zu schaffen, in dem sie selbst über ihr Leben entscheiden konnten.

Doch in dieser reinen Wissensaneignung und -vermittlung sollte sich die Arbeit von Brot und Rosen nicht erschöpfen. Ihre Programmatik enthielt noch einen anderen Punkt:

„Wir müssen den Frauen, die vorerst noch nicht an unserer Arbeit teilnehmen, durch direkte und allgemein verständliche Aktionen zeigen, wer aus unserer Lage Profit schlägt. Wir müssen die einzelnen Gynäkologen und ihre Interessensverbände bekämpfen, wir müssen die pharmazeutisch Industrie und einzelne Firmen angreifen. Wir müssen die Kirche und ihre Vertreter blosstellen.“ ([1], S. 6)

Damit stellte sich Brot und Rosen ausdrücklich in die Tradition der antiautoritären Bewegungen, indem sie die vor dem Zerfall der antiautoritären Bewegungen propagierte Einheit von Aktion und Aufklärung erneut aufgriff und zum Programm machte.

Nächste Woche werden wir uns genauer ansehen, wie Brot und Rosen versuchten, diesen programmatischen Anspruch tatsächlich umzusetzen. Freuen Sie sich also darauf, wenn die Gruppe schreibt:

„Nur wenn wir wissen, was wir wollen, sind wir eine gesellschaftliche Kraft, mit der andere sich auseinanderzusetzen haben. Nur, wenn wir unsere Interessen kennen und klar benennen, nur dann können wir mit Männern zusammenarbeiten, nur dann sind »Männer und Frauen stark«.“ ([2], S. 28f)

Nachweise

[1] Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1. Abtreibung und Verhütungsmittel (1. Auflage), Berlin 1972.

[2] Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1. Abtreibung und Verhütungsmittel (2. Auflage), Berlin 1974.

[3] MacLean, N., The American Women’s Movement, 1945 – 2000, Boston und New York 2009.

Written by alterbolschewik

16. Mai 2014 at 16:20

Veröffentlicht in Feminismus

Tagged with , ,

Zwei Filme

leave a comment »

Die Frauenbewegung in der BRD (29)

Kinder sind keine Rinder

Ein braves Rind
Gehorcht geschwind.
Zwei brave Rinder
Gehorchen geschwinder.
Drei brave Rinder
folgen aufs Wort.
Doch Katzen und Kinder,
die laufen fort.

Hans Stempel und Martin Ripkens: Purzelbaum. Verse für Kinder, München 1972

Was bisher geschah: Im Dezember 1969 kam es zu einer Fraktionierung innerhalb des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen. Als sich Frigga Haug mit ihrem marxistisch-leninistischen Schulungskonzept durchsetzte, trennte sich Helke Sander zusammen mit einigen anderen Frauen vom Rest.

Doch Helke Sander war zu dieser Zeit mit anderen Dingen beschäftigt, denn natürlich war sie hauptberuflich nicht Kämpferin für Frauenrechte, sondern Filmemacherin. Als solche hatte sie sich schon früher in die antiautoritären Bewegungen eingebracht. Zunächst 1967/68 mit dem Film Brecht die Macht der Manipulateure, den Sander im Umfeld der Enteignet-Springer!-Kampagne gedreht hatte. Kleine Anekdote am Rande: In den 90er Jahren setzte der Konzern den Film bei Schulungen über seine eigene Geschichte ein ([3], S. 99). 1969 unterstützte Sander den hier im Blog schon thematisierten Kindergärtnerinnenstreik, mit einem sogenannten Flugblattfilm: »Vor der Videozeit wurde das auf Umkehrmaterial versucht, morgens wurde gedreht und abends wurde der Film möglichst auf Veranstaltungen gezeigt.« ([4], S. 99). 1970/71, nach der Trennung vom Aktionsrat, drehte sie dann zwei Filme, die sich mit ihrem zentralen Thema beschäftigten, nämlich der Problematik einer vergesellschafteten Kindererziehung und dem Status der Mütter in der Gesellschaft. Das erste Thema schlug sich im Film Kinder sind keine Rinder nieder, die zweite in Eine Prämie für Irene.

Ursprünglich hatte Sander vor, für das Fernsehen einen Film über den Aktionsrat drehen. Doch ein solcher Film wurde, wie sie sich 2003 erinnerte, „wegen meiner »mangelnden Objektivität als Frau« (O-Ton NDR-Redakteur) nicht genehmigt.“ ([5], S. 101) Ein anderer Vorschlag, nämlich einen Film über Kinderläden zu machen, wurde ebenfalls abgelehnt. Und das, obwohl der NDR das Thema wohl durchaus interessant fand. Nur wurde an Stelle von Helke Sander jemand anderes losgeschickt, um einen Film über die Kinderläden zu drehen, nämlich Gerhard Bott. Botts Film wurde am 1. Dezember 1969 im NDR ausgestrahlt und stieß eine große öffentliche Debatte an. Über 600 Zuschriften und 200 Telefonanrufe wurden von der Sendeanstalt registriert, der Film wurde rege zur Ausleihe nachgefragt. Im April 1970 wurde er, zusammen mit einer Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern der Kinderläden, erneut ausgestrahlt (vgl. [7], S. 109ff).

Weniger Furore macht des Projekt, das Helke Sander dann selbst auf die Beine stellte, nämlich ein Film über den ersten Schülerladen in der Witzlebenstraße. Natürlich als low-budget Produktion ohne öffentlich-rechtliche Unterstützung:

„Ich erinnere mich an eine Szene, bei der Bott und ich gleichzeitig im Schülerladen Neukölln drehten. Ich mit kleinstem Team, alle arbeiteten unbezahlt, er mit großem Equipment vom NDR.“ ([5], S. 102)

Sanders Film wurde am 9. Oktober während der Internationalen Filmwoche in Mannheim uraufgeführt, später dann auch im Berliner Kino Arsenal und im Jugendfreizeitheim Prisma (über das Prisma werde ich vielleicht in einem der folgenden Blogbeiträge noch schreiben). 1972 legte Sander ihn in einer gekürzten Neufassung noch einmal auf. Leider ist der Film in der wunderbaren und sehr empfehlenswerten DVD-Box mit Filmen von Helke Sander nicht enthalten, weshalb ich über den Inhalt nur das wiedergeben kann, was im Helke Sander gewidmeten Kinemathek-Heft steht:

„Die Kinder geben gemeinsam die Zeitung »Radau« heraus, schreiben, malen und drucken die Zeitung und verteilen sie an andere Kinder.“ ([5])

Mit ihrem nächsten Film hatte Sander mehr Glück. Eine Prämie für Irene wurde vom Westdeutschen Rundfunk produziert. Ausgestrahlt wurde er am 18. September 1971, nachdem er vorher auf der Berlinale gelaufen war. Es lohnt sich wirklich, diesen Film anzuschauen – die erwähnte DVD-Box gibt einem die Gelegenheit dazu. Aus heutiger Sicht verblüfft, daß damals im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Filme gezeigt wurden, die versuchten, die arbeitende Bevölkerung zum Widerstand gegen ihre Arbeits- und Lebensbedingungen aufzustacheln. Ein solcher Agitationsfilm würde heute bestenfalls noch in einem kommunalen Kino oder einem autonomen Jugendzentrum gezeigt werden.

Was den Film von anderen Arbeiterfilmen, die zur damaligen Zeit entstanden, unterscheidet, ist die Frauenperspektive. Die titelgebende Irene arbeitet in einer Waschmaschinenfabrik, wo sie im Akkord Platinen bestückt. Doch der Film thematisiert nicht allein die Arbeitsbedingungen in der Fabrik. Irene ist eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Und der Film kritisiert, neben den Arbeitsbedingungen, auch die Situation, in der sich Frauen und insbesondere alleinerziehende Mütter befinden. Es geht eben nicht nur um die Gewalt, die in der Fabrik ausgeübt wird, sondern auch die Gewalt, die Frauen im sogenannten Privatleben erfahren.

Im Film gibt es eine Szene, die die Scharnierstelle zwischen diesen beiden Welten markiert. Diese Szene ereignet sich auf dem Heimweg von der Arbeit in die Wohnung. Irene geht auf dem Weg noch im Supermarkt einkaufen. Vor ihr an der Kasse ist ein Ehepaar. Als der Ehemann entdeckt, daß seine Frau eine Flasche Likör in den Einkaufswagen geschmuggelt hat, demütigt er sie vor den anderen Kunden und der Kassiererin, erklärt ihr, daß er so etwas von seinem Geld nicht bezahlen werde, und läßt die Flasche an der Kasse stehen. Im anschließenden Dialog zwischen Irene und der Kassiererin wird deutlich, daß die beiden Frauen, trotz ihrer beschissenen Jobs, dank ihrer ökonomischen Unabhängigkeit immerhin eine gewisse Freiheit besitzen, von der diese völlig abhängige Ehefrau nur träumen kann.

Doch das ist ein schwacher Trost. Denn trotz ihrer ökonomischen Unabhängigkeit ist Irene als Frau und alleinerziehende Mutter einer Vielzahl von Schikanen ausgesetzt. Beim Abendspaziergang wird sie angegrapscht, in der Kneipe kann sie kein Bier trinken, ohne dumm angemacht zu werden, wenn ihre Kinder in der Wohnung spielen, beschweren sich die Nachbarn. Man merkt diesen ganzen Szenen an, daß hier das Drehbuch auf bitterer, eigener Erfahrung beruht. Etwas hölzerner wirken die Szenen in der Fabrik, die aber dennoch ziemlich visionär sind.

Denn Sander thematisiert die Ausbeutung in der Fabrik keineswegs als traditionellen Konflikt zwischen Kapital und Arbeit im Sinne der alten Arbeiterbewegung. Ihr feministisch geschärfter Blick auf die Macht erinnert weniger an Marx als vielmehr an Foucault. Es geht Sander darum zu zeigen, wie sich die Fabrikleitung bemüht, die Arbeiterinnen nicht direkt zu unterdrücken, sondern vielmehr zu manipulieren. So ist Sanders Fabrik – damals ihrer Zeit deutlich voraus – überall mit Bildschirmen ausgestattet, über die die Fabrikleitung versucht, die Arbeiterinnen zu Komplizinnen ihrer eigenen Unterdrückung und Ausbeutung zu machen. In der Mittagspause werden Gymnastik-Filme zum Mitmachen ausgestrahlt, es wird Mitarbeiterinnen zum Geburtstag gratuliert und ihnen irgendein unsäglicher Schlager gewidmet. So wird vorgetäuscht, daß der Betrieb seine Arbeiterinnen als menschliche Individuen ernst nehmen würde. Höhepunkt dieser Farce ist der „Frischluft“-Mann, der mit zwei Gasflaschen auf dem Rücken durch das Fabrikgebäude geht und in der stickigen Halle „Frischluft“ versprüht. Die Arbeiterinnen dürfen dann entscheiden, ob sie lieber „Waldluft“ oder „Seeluft“ haben wollen.

Parallel zu dieser angeblichen „Fürsorge“ ist in der Fabrik ein striktes Überwachungsregime installiert. Nicht nur, daß die Arbeiterinnen beim Verlassen der Fabrik durchsucht werden. In der Fabrikhalle selbst sind überall Überwachungskameras installiert, mit der die Arbeiterinnen während der gesamten Arbeitszeit kontrolliert werden. Der Film endet dann auch konsequent damit, daß die Arbeiterinnen spontan eine der Überwachungskameras zerstören.

Während Sander an diesem Film arbeitet, erfährt die schon tot geglaubte Frauenbewegung in der Bundesrepublik einen unglaublichen Aufschwung. In der Kampagne gegen den § 218 werden auf einmal Frauen massenhaft aktiv. Und auch Helke Sander beschließt, wieder mitzumischen. Ende 1971 gründet sie eine neue Frauengruppe, Brot und Rosen.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn Brot und Rosen schreiben:

„Alle Frauen müssen sich damit auseinandersetzen, daß die Geschlechtsunterdrückung als gesellschaftlich anerkannte Kategorie von Unterdrückung nicht zählt. Gegen die Geschlechtsunterdrückung gibt es noch keine institutionalisierten Kampforganisationen, wie es dies für den Kampf gegen die ökonomische Ausbeutung in Form der Gewerkschaften gibt.“ ([1], S. 4)

Nachweise

[1] Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1. Abtreibung und Verhütungsmittel (2. Auflage), Berlin 1974.

[2] Diverse Basisgruppen, „Aufruf zum 1. Mai“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.2 (1970), Nr.60 (10. April 1970), S.3 – 5.

[3] Sander, H., „Brecht die Macht der Manipulateure“, in: Kinemathek, Jg.40 (2003), Nr.97 (Oktober 2003), S.97 – 99.

[4] Sander, H., „Kindergärtnerin, was nun?“, in: Kinemathek, Jg.40 (2003), Nr.97 (Oktober 2003), S.99.

[5] Sander, H., „Kinder sind keine Rinder“, in: Kinemathek, Jg.40 (2003), Nr.97 (Oktober 2003), S.100 – 102.

[6] Sander, H.: „Geburtstagsbesuch bei meiner Schwester“, in: Sander, H. & Christians, U. (Hg.), Subkultur Berlin, Darmstadt 1969, S. 55 – 57.

[7] Bott, G. (Hg.), Erziehung zum Ungehorsam. Kinderläden berichten aus der Praxis der antiautoritären Erziehung, Frankfurt a.M. 1970.

Written by alterbolschewik

10. Mai 2014 at 10:56

Veröffentlicht in Feminismus

Tagged with

Feminismus

with 2 comments

Die Frauenbewegung in der BRD (28)

„Frauen gemeinsam sind stark! Frauen und Männer sind stärker!“

Sozialistischer Frauenbund Westberlin (1971)

Was bisher geschah: Der Sozialistische Frauenbund Westberlin verkünstelte sich damit, eine marxistisch-leninistische Begründung für eine alte Weisheit der Frauenbewegung zu finden: Die Emanzipation der Frauen ist ohne ökonomische Unabhängigkeit, zu der es Berufstätigkeit braucht, ein Ding der Unmöglichkeit.

Doch bei allem nachträglichen Spott über den Marxismus-Leninismus: Der Sozialistische Frauenbund beackerte in den folgenden Jahren ein Thema, das von herausragender gesellschaftlicher Bedeutung war, nämlich die Lohnarbeit von Frauen. Nicht, weil lohnarbeitende Frauen als „Proletarierinnen“ eher der Revolution zuneigen würden als Hausfrauen. Sondern weil dies einfach ein gesellschaftlicher Bereich war, in dem sehr viel im Argen lag und liegt.

Das fing schon mit der Ausbildung an: Da die gesellschaftliche Norm festlegte, die eigentliche Bestimmung der Frau sei ein Dasein als Hausfrau und Mutter, wurde die Ausbildung von Mädchen vernachlässigt. Wenn sie dann doch einen Beruf hatten, wurden sie schlechter bezahlt als Männer. Zwar hatte das Bundesarbeitsgericht 1955 entschieden, daß eine schlechtere Bezahlung von Frauen gegen den Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes verstoße (daß es dazu überhaupt eines Urteils bedurfte, ist schon ein Skandal). Doch zur Umgehung dieses Urteils wurden dann die Leichtlohngruppen erfunden. Diese erlaubten es, mit Billigung der Gewerkschaften, Frauen weiterhin schlechter zu bezahlen. Kurz und schlecht: Die Diskriminierung von Frauen im Arbeitsleben war (und ist) ein gesellschaftliches Problem ersten Ranges. Und der Sozialistische Frauenbund leistete dort, wo er nicht dem marxistisch-leninistischen Schwadronieren erlag, gute Arbeit.

In seiner Zeitschrift Pelagea, die in ihren ersten Nummern einer eher abstrakten Selbstverständigung diente, wurde ab der vierten Nummer auf konkrete Themen eingegangen: Lohn für Hausarbeit (was der Frauenbund als Forderung ablehnte), Frauenarbeitslosigkeit, Quotierung von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen, die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Berufstätigkeit – alles Themen der Hefte 4 bis 9.

Dem Sozialistischen Frauenbund ging es vor allem darum, das ganze Themenfeld der ökonomischen Benachteiligung der Frauen auszuloten. Und natürlich setzte man dabei perspektivisch auf eine Zusammenarbeit mit Arbeiterorganisationen. Eine ganze Reihe von Frauen aus dem Sozialistischen Frauenbund waren dann auch in den Gewerkschaften aktiv. Es war sogar so, daß sich der Frauenbund über die große Fluktuation in den ersten Jahren damit hinwegtröstete, er sei halt ein Durchlauferhitzer. Hier würden die Frauen eine solide politisch-ökonomische Grundbildung bekommen, die sie dann als Frauen und Sozialistinnen in anderen Organisationen einsetzen könnten.

Mit dieser Haltung war der Frauenbund in Berlin nicht allein. In anderen Städten gab es ähnliche sozialistische Frauenorganisationen, die ebenfalls aus den antiautoritären Bewegung hervorgegangen waren: In Frankfurt den Weiberrat und in München die Roten Frauen. Auch hier war Anfang der 70er Jahre polit-ökonomische Schulung angesagt. Eine der Münchener Frauen erinnerte sich später:

„Wir trafen uns einmal in der Woche, jeden Freitagabend, im Asta. Ein Teil studierte, ein Teil war berufstätig, so wie ich. Warum wir uns trafen, konnten wir selbst nicht so genau sagen. Da war so ein gewisses Unbehagen… Ja, und dann gingen die Schulungen los. Karl Marx, Band 1. Wir haben das gehaßt wie die Pest. Aber zu sagen traute sich auch keine was…“ (zit. nach [4] , S. 21)

Doch die Münchener Frauen, ebenso wie der Sozialistische Frauenbund Westberlins, sollten noch eine wichtige Rolle in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland spielen – ironischerweise aber gerade nicht in Zusammenhang mit dem, was sie als ihre Kernkompetenz ansahen, den Arbeitsverhältnissen. In der dritten Nummer der Pelagea blitzte, zwischen den ganzen Untersuchungen zur Lohnabhängigkeit, kurz etwas auf, was für die Frauenbewegung ganz entscheidend war, aber weitab von der eigentlichen Linie des Frauenbundes lag: Die Auseinandersetzung um den Abtreibungsparagraphen 218. In dieser Nummer der Pelagea wurde zum einen die Stellungnahme der Aktion 218 abgedruckt, die am 10. April 1972 in Bonn beim Hearing zum § 218 vorgetragen worden war. Und eine eigene Presseerklärung des Sozialistischen Frauenbundes zum Thema.

Es ist nämlich so, daß der Sozialistische Frauenbund entscheidend dazu beigetragen hatte, den § 218 und in der Folge davon die Emanzipation der Frauen überhaupt zu einem zentralen gesellschaftlichen Anliegen zu machen. Der Anstoß dazu kam allerdings von außen. Die Aktion 218 war 1971 von Alice Schwarzer ins Leben gerufen worden, um eine Kampagne gegen den § 218 nach französischem Vorbild ins Leben zu rufen. Im April hatten in Frankreich 343 Frauen öffentlich erklärt, abgetrieben zu haben – was einen Skandal auslöste und eine überfällige Diskussion über die Strafbarkeit von Abtreibung in Gang setzte. Alice Schwarzer, eine damals weithin unbekannte Journalistin, die lange in Paris gelebt hatte und dort in der Frauenbewegung aktiv gewesen war, rang dem Stern die Zusage ab, einer solchen Aktion in Deutschland eine publizistische Plattform zu bieten. Doch woher in Deutschland die Frauen nehmen, die bereit waren, ein solches Risiko auf sich zu nehmen? Abtreibung war schließlich eine Straftat, die eine Frau mehrere Jahre ins Gefängnis bringen konnte. Dazu bedurfte es der Zusammenarbeit mit den bestehenden Frauengruppen.

Leider steht der Chronist hier vor einem Problem. Die Geschichtsschreibung der Aktion 218 liegt fest in der Hand der Frau, die diese Aktion initiiert hat und darauf zurecht stolz sein kann. Doch genau das ist das Problem. Alice Schwarzer hat ein, vorsichtig gesagt, recht lockeres Verhältnis zu den Fakten. Über die Rolle der verschiedenen Organisationen bei der Initiierung der Aktion 218 liegen deshalb, je nach politischer Opportunität, unterschiedliche Berichte vor. 1971 klang das beispielsweise so:

„Ich selbst habe die ersten Unterschriften gesammelt und die Gruppen miteinander in Kontakt gebracht. Von Beginn an übernahmen der Sozialistische Frauenbund Westberlin und eine Teilgruppe der der Müchener Emanzipationsgruppe die Kampagne. Andere sozialistische und liberale Frauen zögerten. Vergeblich wurden Frauen der FDP, SPD, DKP und des Deutschen Gewerkschaftsbundes zur Mitarbeit aufgefordert. […] So kam es, daß die ersten 374 Unterschriften etwa zur Hälfte von den beiden sozialistischen Frauengruppen eingebracht wurden, zur anderen Hälfte aber von einzelnen Frauen, die nach dem Schneeballsystem mehr oder weniger willkürlich in Stadt und Land aufmerksam gemacht worden waren.“ ([3], S. 148)

Doch ein Jahrzehnt später heißt es dann:

„Von den vier noch existierenden Frauengruppen waren drei bereit, mitzumachen: in Frankfurt die »Frauenaktion 70« (die aus der »Humanistischen Union« entstanden war […]); in Berlin die SEW-nahe Nachfolgeorganisation des einstigen Aktionsrates, der »Sozialistische Frauenbund Berlin«; und in München die besagten »Roten Frauen«. Der studentische Frankfurter »Weiberrat« wies die Aktion zunächst pikiert von sich, er fand sie »unpolitisch« und »reformistisch«.“ ([4], S. 22)

Warum 1971 die Frauenaktion 70, die sich schon vor Alice Schwarzer gegen den § 218 stark gemacht hatte, unterschlagen worden war, weiß wohl nur Alice Schwarzer. Und daß der Sozialistische Frauenbund in Berlin der SEW, also dem dortigen Ableger der DKP nahegestanden hätte, ist eine bösartige Verleumdung. Tatsächlich hatte die SEW eine eigene Frauenorganisation, den Demokratischen Frauenbund. Gerade in Abgrenzung zu diesem habe sich, so Frigga Haug, der Aktionsrat damals in Sozialistischer Frauenbund umbenannt:

„Die DDR und die Kommunisten hatten in Berlin und in der Bundesrepublik eine dogmatische und einfrierende Wirkung auf die gesamte kulturelle Linke. Wir wollten auf keinen Fall mit den Frauengruppen aus der SEW identifiziert werde, die sich »demokratisch« nannten, ihre wahren Ziele im Grunde versteckten und dabei auch noch Socken strickten.“ ([2], S. 192)

Doch es kommt noch besser. Schwarzers Version der Geschichte aus dem Jahr 2008 ist völlig bizarr. Die sozialistischen Frauengruppen werden nun durch die Bank diffamiert. Krönender Höhepunkt ist die Ersetzung des Sozialistischen Frauenbundes durch seinen SEW-Gegenpart, den Demokratischen Frauenbund:

„Zuvor hatten nur noch rudimentäre Reste des Frauenprotestes innerhalb der Studentenbewegung existiert. Wie der »Weiberrat« in Frankfurt, der noch immer »Kapitalschulungen« machte und mich, die Botin aus Frankreich beschied, er mache bei dieser »kleinbürgerlichen« und »reaktionären« Abtreibungsaktion auf keinen Fall mit. Oder die »Roten Frauen« in München, die auch schon mal Bakunin lesen durften, und bei der Diskussion über meinen aus Frankreich importierten Vorschlag noch am selben Abend in zwei Teile zerfielen: die einen machten weiter Kapitalschulungen, die anderen machten mit bei der »Aktion 218« (gegen den §218). Und der »Demokratische Frauenbund Westberlin« (ein Ableger der SEW, der Berliner DKP), der zwar die Reihen stramm geschlossen hielt, die Aktion jedoch als geeignet befand zur »Agitation des Proletariats« und mir eine Reihe Unterschriften mit strikten politischen Auflagen überließ.« ([5])

Nur diejenigen, die sie 1971 noch völlig unter den Tisch fallen ließ, werden jetzt auf’s Podest gehoben, nun aber als Repräsentantinnen der vormals verhaßten Parteien präsentiert:

„Die einzigen, die die »Aktion 218« als Gruppe mittrugen, war die »Frauenaktion 70« in Frankfurt, ein Häuflein Frauen aus SPD und FDP, die schon in den Monaten zuvor tapfer und allein gegen den §218 protestiert hatten.“ ([5])

Das lehrt vor allem eins: Wer die Geschichte der Frauenbewegung in der Bundesrepublik schreiben will, tut gut daran, jede Behauptung von Alice Schwarzer mehrfach gegenzuchecken. In diesem Fall sieht es wohl so aus, daß Schwarzer den Sozialistischen Frauenbund als Trittleiter benutzt hatte, um ihn dann wegzukicken, als sie ihn nicht mehr benötigte.

Es geht hier nicht (primär) darum, Alice Schwarzer schlechtzumachen. Sondern darum, daß die Aktion 218 einen grundlegenden Bruch markiert – ein Bruch, bei dem der Sozialistische Frauenbund Westberlin zwar eine wichtige Rolle spielte, wo er dann selbst auf der falschen Seite der Bruchlinie landete. Denn aus dem Protest gegen den § 218 entwickelte sich die sogenannte „autonome Frauenbewegung“. Diese setzte sich zum Ziel, unabhängig von bestehenden, männlich dominierten Organisationen eine eigene politische und kulturelle Infrastruktur aufzubauen. Diese autonomen Frauen nannten sich dann auch offensiv Feministinnen (obwohl das, wie »Emanze« als Schimpfwort galt).

Damit hatten andere, wie die Frauen aus dem Sozialistischen Frauenbund, ihre Probleme. Denn diese begriffen sich in erster Linie als Sozialistinnen, die für Frauenrechte stritten. Natürlich waren sie sich der spezifischen Unterdrückung der Frauen wohl bewußt, aber den Kampf dagegen wollten sie innerhalb von bestehenden Organisationen wie Gewerkschaften oder Parteien führen. Zumindest theoretisch, denn ironischerweise war der Sozialistische Frauenbund eigentlich eine autonome Frauengruppe – de facto organisierte er sich völlig eigenständig und unabhängig von Parteien und Gewerkschaften. Sein sozialistisches Selbstverständnis sorgte aber dafür, daß er von der nun entstehenden autonomen Frauenbewegung ausgrenzte wurde. 1979 sollte er dann deswegen tatsächlich von der Berliner Frauenuniversität ausgeschlossen werden.

Doch damit sind wir der Geschichte der Frauenbewegung in der Bundesrepublik weit vorausgeeilt. Nächste Woche kehren wir noch einmal zurück zum Aktionsrat zur Befreiung der Frauen beziehungsweise zu dessen Spaltprodukten. Freuen Sie sich also darauf, daß die Gruppe Brot und Rosen erklärt:

„Nach der grossen Abtreibungsdemonstration in Berlin im November 1971 trafen sich ca. 10 Frauen. Wir alle hatten den Eindruck, dass mit dieser Demonstration ein gewisser Endpunkt erreicht worden war, dass man jetzt anders weitermachen müsse.“ ([1], S. 3)

Nachweise

[1] Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1. Abtreibung und Verhütungsmittel (1. Auflage), Berlin 1972.

[2] Haug, F.: „»Frauenpolitik galt als kleinbürgerlich«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 180 – 198.

[3] Schwarzer, A., Frauen gegen den § 218. 18 Protokolle, Frankfurt a.M. 1971.

[4] Schwarzer, A., So fing es an! Die neue Frauenbewegung, München 1983.

[5] Schwarzer, A., „Mein persönliches 68“, in: Emma, Jg.32 (2008) (http://www.emma.de/artikel/alice-schwarzer-mein-persoenliches-68-263763).

Written by alterbolschewik

2. Mai 2014 at 15:49