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Zwei Filme

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Die Frauenbewegung in der BRD (29)

Kinder sind keine Rinder

Ein braves Rind
Gehorcht geschwind.
Zwei brave Rinder
Gehorchen geschwinder.
Drei brave Rinder
folgen aufs Wort.
Doch Katzen und Kinder,
die laufen fort.

Hans Stempel und Martin Ripkens: Purzelbaum. Verse für Kinder, München 1972

Was bisher geschah: Im Dezember 1969 kam es zu einer Fraktionierung innerhalb des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen. Als sich Frigga Haug mit ihrem marxistisch-leninistischen Schulungskonzept durchsetzte, trennte sich Helke Sander zusammen mit einigen anderen Frauen vom Rest.

Doch Helke Sander war zu dieser Zeit mit anderen Dingen beschäftigt, denn natürlich war sie hauptberuflich nicht Kämpferin für Frauenrechte, sondern Filmemacherin. Als solche hatte sie sich schon früher in die antiautoritären Bewegungen eingebracht. Zunächst 1967/68 mit dem Film Brecht die Macht der Manipulateure, den Sander im Umfeld der Enteignet-Springer!-Kampagne gedreht hatte. Kleine Anekdote am Rande: In den 90er Jahren setzte der Konzern den Film bei Schulungen über seine eigene Geschichte ein ([3], S. 99). 1969 unterstützte Sander den hier im Blog schon thematisierten Kindergärtnerinnenstreik, mit einem sogenannten Flugblattfilm: »Vor der Videozeit wurde das auf Umkehrmaterial versucht, morgens wurde gedreht und abends wurde der Film möglichst auf Veranstaltungen gezeigt.« ([4], S. 99). 1970/71, nach der Trennung vom Aktionsrat, drehte sie dann zwei Filme, die sich mit ihrem zentralen Thema beschäftigten, nämlich der Problematik einer vergesellschafteten Kindererziehung und dem Status der Mütter in der Gesellschaft. Das erste Thema schlug sich im Film Kinder sind keine Rinder nieder, die zweite in Eine Prämie für Irene.

Ursprünglich hatte Sander vor, für das Fernsehen einen Film über den Aktionsrat drehen. Doch ein solcher Film wurde, wie sie sich 2003 erinnerte, „wegen meiner »mangelnden Objektivität als Frau« (O-Ton NDR-Redakteur) nicht genehmigt.“ ([5], S. 101) Ein anderer Vorschlag, nämlich einen Film über Kinderläden zu machen, wurde ebenfalls abgelehnt. Und das, obwohl der NDR das Thema wohl durchaus interessant fand. Nur wurde an Stelle von Helke Sander jemand anderes losgeschickt, um einen Film über die Kinderläden zu drehen, nämlich Gerhard Bott. Botts Film wurde am 1. Dezember 1969 im NDR ausgestrahlt und stieß eine große öffentliche Debatte an. Über 600 Zuschriften und 200 Telefonanrufe wurden von der Sendeanstalt registriert, der Film wurde rege zur Ausleihe nachgefragt. Im April 1970 wurde er, zusammen mit einer Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern der Kinderläden, erneut ausgestrahlt (vgl. [7], S. 109ff).

Weniger Furore macht des Projekt, das Helke Sander dann selbst auf die Beine stellte, nämlich ein Film über den ersten Schülerladen in der Witzlebenstraße. Natürlich als low-budget Produktion ohne öffentlich-rechtliche Unterstützung:

„Ich erinnere mich an eine Szene, bei der Bott und ich gleichzeitig im Schülerladen Neukölln drehten. Ich mit kleinstem Team, alle arbeiteten unbezahlt, er mit großem Equipment vom NDR.“ ([5], S. 102)

Sanders Film wurde am 9. Oktober während der Internationalen Filmwoche in Mannheim uraufgeführt, später dann auch im Berliner Kino Arsenal und im Jugendfreizeitheim Prisma (über das Prisma werde ich vielleicht in einem der folgenden Blogbeiträge noch schreiben). 1972 legte Sander ihn in einer gekürzten Neufassung noch einmal auf. Leider ist der Film in der wunderbaren und sehr empfehlenswerten DVD-Box mit Filmen von Helke Sander nicht enthalten, weshalb ich über den Inhalt nur das wiedergeben kann, was im Helke Sander gewidmeten Kinemathek-Heft steht:

„Die Kinder geben gemeinsam die Zeitung »Radau« heraus, schreiben, malen und drucken die Zeitung und verteilen sie an andere Kinder.“ ([5])

Mit ihrem nächsten Film hatte Sander mehr Glück. Eine Prämie für Irene wurde vom Westdeutschen Rundfunk produziert. Ausgestrahlt wurde er am 18. September 1971, nachdem er vorher auf der Berlinale gelaufen war. Es lohnt sich wirklich, diesen Film anzuschauen – die erwähnte DVD-Box gibt einem die Gelegenheit dazu. Aus heutiger Sicht verblüfft, daß damals im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Filme gezeigt wurden, die versuchten, die arbeitende Bevölkerung zum Widerstand gegen ihre Arbeits- und Lebensbedingungen aufzustacheln. Ein solcher Agitationsfilm würde heute bestenfalls noch in einem kommunalen Kino oder einem autonomen Jugendzentrum gezeigt werden.

Was den Film von anderen Arbeiterfilmen, die zur damaligen Zeit entstanden, unterscheidet, ist die Frauenperspektive. Die titelgebende Irene arbeitet in einer Waschmaschinenfabrik, wo sie im Akkord Platinen bestückt. Doch der Film thematisiert nicht allein die Arbeitsbedingungen in der Fabrik. Irene ist eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Und der Film kritisiert, neben den Arbeitsbedingungen, auch die Situation, in der sich Frauen und insbesondere alleinerziehende Mütter befinden. Es geht eben nicht nur um die Gewalt, die in der Fabrik ausgeübt wird, sondern auch die Gewalt, die Frauen im sogenannten Privatleben erfahren.

Im Film gibt es eine Szene, die die Scharnierstelle zwischen diesen beiden Welten markiert. Diese Szene ereignet sich auf dem Heimweg von der Arbeit in die Wohnung. Irene geht auf dem Weg noch im Supermarkt einkaufen. Vor ihr an der Kasse ist ein Ehepaar. Als der Ehemann entdeckt, daß seine Frau eine Flasche Likör in den Einkaufswagen geschmuggelt hat, demütigt er sie vor den anderen Kunden und der Kassiererin, erklärt ihr, daß er so etwas von seinem Geld nicht bezahlen werde, und läßt die Flasche an der Kasse stehen. Im anschließenden Dialog zwischen Irene und der Kassiererin wird deutlich, daß die beiden Frauen, trotz ihrer beschissenen Jobs, dank ihrer ökonomischen Unabhängigkeit immerhin eine gewisse Freiheit besitzen, von der diese völlig abhängige Ehefrau nur träumen kann.

Doch das ist ein schwacher Trost. Denn trotz ihrer ökonomischen Unabhängigkeit ist Irene als Frau und alleinerziehende Mutter einer Vielzahl von Schikanen ausgesetzt. Beim Abendspaziergang wird sie angegrapscht, in der Kneipe kann sie kein Bier trinken, ohne dumm angemacht zu werden, wenn ihre Kinder in der Wohnung spielen, beschweren sich die Nachbarn. Man merkt diesen ganzen Szenen an, daß hier das Drehbuch auf bitterer, eigener Erfahrung beruht. Etwas hölzerner wirken die Szenen in der Fabrik, die aber dennoch ziemlich visionär sind.

Denn Sander thematisiert die Ausbeutung in der Fabrik keineswegs als traditionellen Konflikt zwischen Kapital und Arbeit im Sinne der alten Arbeiterbewegung. Ihr feministisch geschärfter Blick auf die Macht erinnert weniger an Marx als vielmehr an Foucault. Es geht Sander darum zu zeigen, wie sich die Fabrikleitung bemüht, die Arbeiterinnen nicht direkt zu unterdrücken, sondern vielmehr zu manipulieren. So ist Sanders Fabrik – damals ihrer Zeit deutlich voraus – überall mit Bildschirmen ausgestattet, über die die Fabrikleitung versucht, die Arbeiterinnen zu Komplizinnen ihrer eigenen Unterdrückung und Ausbeutung zu machen. In der Mittagspause werden Gymnastik-Filme zum Mitmachen ausgestrahlt, es wird Mitarbeiterinnen zum Geburtstag gratuliert und ihnen irgendein unsäglicher Schlager gewidmet. So wird vorgetäuscht, daß der Betrieb seine Arbeiterinnen als menschliche Individuen ernst nehmen würde. Höhepunkt dieser Farce ist der „Frischluft“-Mann, der mit zwei Gasflaschen auf dem Rücken durch das Fabrikgebäude geht und in der stickigen Halle „Frischluft“ versprüht. Die Arbeiterinnen dürfen dann entscheiden, ob sie lieber „Waldluft“ oder „Seeluft“ haben wollen.

Parallel zu dieser angeblichen „Fürsorge“ ist in der Fabrik ein striktes Überwachungsregime installiert. Nicht nur, daß die Arbeiterinnen beim Verlassen der Fabrik durchsucht werden. In der Fabrikhalle selbst sind überall Überwachungskameras installiert, mit der die Arbeiterinnen während der gesamten Arbeitszeit kontrolliert werden. Der Film endet dann auch konsequent damit, daß die Arbeiterinnen spontan eine der Überwachungskameras zerstören.

Während Sander an diesem Film arbeitet, erfährt die schon tot geglaubte Frauenbewegung in der Bundesrepublik einen unglaublichen Aufschwung. In der Kampagne gegen den § 218 werden auf einmal Frauen massenhaft aktiv. Und auch Helke Sander beschließt, wieder mitzumischen. Ende 1971 gründet sie eine neue Frauengruppe, Brot und Rosen.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn Brot und Rosen schreiben:

„Alle Frauen müssen sich damit auseinandersetzen, daß die Geschlechtsunterdrückung als gesellschaftlich anerkannte Kategorie von Unterdrückung nicht zählt. Gegen die Geschlechtsunterdrückung gibt es noch keine institutionalisierten Kampforganisationen, wie es dies für den Kampf gegen die ökonomische Ausbeutung in Form der Gewerkschaften gibt.“ ([1], S. 4)

Nachweise

[1] Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1. Abtreibung und Verhütungsmittel (2. Auflage), Berlin 1974.

[2] Diverse Basisgruppen, „Aufruf zum 1. Mai“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.2 (1970), Nr.60 (10. April 1970), S.3 – 5.

[3] Sander, H., „Brecht die Macht der Manipulateure“, in: Kinemathek, Jg.40 (2003), Nr.97 (Oktober 2003), S.97 – 99.

[4] Sander, H., „Kindergärtnerin, was nun?“, in: Kinemathek, Jg.40 (2003), Nr.97 (Oktober 2003), S.99.

[5] Sander, H., „Kinder sind keine Rinder“, in: Kinemathek, Jg.40 (2003), Nr.97 (Oktober 2003), S.100 – 102.

[6] Sander, H.: „Geburtstagsbesuch bei meiner Schwester“, in: Sander, H. & Christians, U. (Hg.), Subkultur Berlin, Darmstadt 1969, S. 55 – 57.

[7] Bott, G. (Hg.), Erziehung zum Ungehorsam. Kinderläden berichten aus der Praxis der antiautoritären Erziehung, Frankfurt a.M. 1970.

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Written by alterbolschewik

10. Mai 2014 um 10:56

Veröffentlicht in Feminismus

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