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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Brot und Rosen (1)

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Die Frauenbewegung in der BRD (30)

„As we come marching, marching, unnumbered women dead
Go crying through our singing their ancient cry for bread.
Small art and love and beauty their drudging spirits knew.
Yes, it is bread we fight for — but we fight for roses, too!“

James Oppenheim, Bread and Roses

Was bisher geschah: Ende 1969 verließ Helke Sander den von ihr mitgegründeten Aktionsrat zur Befreiung der Frauen. Statt sich auf das abstrakte marxistisch-leninistische Schulungsprogramm des sich nunmehr Sozialistischer Frauenbund West-Berlin nennenden Aktionsrates einzulassen, drehte sie lieber Filme. In diesen thematisierte sie in neuer Form die Fragestellungen, die ursprünglich einmal zur Gründung des Aktionsrates geführt hatten.

Doch während Sander Kinder sind keine Rinder und Eine Prämie für Irene drehte, fand in der Frauenbewegung ein enormer Aufschwung statt. Und das an einem Thema, das weder in den Diskussionen des Aktionsrates noch des Sozialistischen Frauenbundes vorgekommen war: Der Frage der Strafbarkeit von Schwangerschaftsabbrüchen. Zwar gab es bereits seit 1969 eine Kampagne gegen den § 218, der die Abtreibung rechtlich regelte, aber diese Kampagne ging ursprünglich nicht von den Frauengruppen aus, sondern war von der Humanistischen Union initiiert worden. Dazu in einer der späteren Folgen dieses Blogs mehr. 1971 jedoch wurde aus dieser, von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenen Kampagne ein Politikum, das die ganze Republik aufwühlte. Alice Schwarzer hatte die Redaktion des Stern dazu gebracht, auf der Titelseite das Bekenntnis von 374 Frauen abzudrucken: „Wir haben abgetrieben!“

Dieses öffentliche Bekenntnis zum Rechtsbruch war die Initialzündung für die Frauenbewegung als Massenbewegung. Am 6. Juni war die Veröffentlichung im Stern, bereits einen Monat später, am 10. Juli 1971 fand in Frankfurt ein bundesweites Treffen von Frauengruppen statt. Hatte sich Alice Schwarzer zur Vorbereitung ihres Medien-Coups gerade einmal auf vier existierende Frauengruppen stützen können, kamen nun in Frankfurt Vertreterinnen von Aktionsgruppen aus 21 Städten zusammen. Eine weitere Konferenz fand im Oktober statt, auf der für den 6. November koordinierte Demonstrationen in Berlin, München, Bremen und Frankfurt beschlossen wurden.

Nach diesen Demonstrationen war zweierlei klar: Die Gegnerinnen des § 218 hatten zwar eine riesige Öffentlichkeit für das Problem geschaffen, doch das nützte leider nichts:

„Heute haben wir ca. 70 bis 80% der Bevölkerung hinter uns, wenn wir die Abschaffung des Paragraphen verlangen.
Nur, was machen wir mit dieser überwältigenden Mehrheit, wenn der Bundestag, das Justizministerium und die Regierung sich über unsere massiven Demonstrationen, Unterschriftensammlungen und Selbstanzeigen einfach hinwegsetzen. Wir und viele andere haben daraus gelernt, dass diese »Volksvertreter« nicht unsere Forderungen vertreten, sondern die Interessen derjenigen, die sowieso die Macht in dieser Gesellschaft haben.“ ([1], S. 3)

Aus diesem gemischten Gefühl heraus – wir sind viele, aber wir werden ignoriert – entstand dann Ende 1971 die Gruppe Brot und Rosen, bei der wieder deutlich die Handschrift von Helke Sander sichtbar wurde. Diese Gruppe unterschied sich allerdings organisatorisch gewaltig vom Aktionsrat. Der Aktionsrat war im Grunde ein regelmäßig stattfindendes öffentliches Plenum gewesen, zu dem jede kommen konnte, die Lust dazu hatte. Dadurch hatte es dem Aktionsrat an Stringenz und Verbindlichkeit gefehlt. Das um Schulungen konzentrierte Organisationskonzept, das die Fraktion um Frigga Haug entwickelte, sollte zwar mehr Verbindlichkeit schaffen – doch ein produktiver Arbeitszusammenhang entstand daraus nicht. Der Sozialistische Frauenbund fungierte in den ersten Jahren als reiner Durchlauferhitzer, es bildete sich keine stabile, handlungsfähige Kontinuität heraus.

Brot und Rosen sollte anders sein. Die ursprüngliche Gruppe bestand wohl zu Beginn aus ungefähr zehn Frauen ([1], S. 3), die sich dann schnell auf einen harten Kern von fünf Aktivistinnen reduzierte ([2], S. 7). Diese Beschränkung auf wenige, aber engagierte Mitglieder dürfte den Erfahrungen mit dem Aktionsrat geschuldet gewesen sein:

„Wir haben bei Frauengruppen nicht nur den Ruf, eine »gute Gruppe« zu sein, sondern auch den, autoritär und überheblich zu sein. Das sind wir nicht, aber wir sind oft abweisend und das wird als unangenehm empfunden.“ ([2], S. 8)

Das Wachstum der Gruppe im Laufe der nächsten zwei Jahre wurde bewußt begrenzt:

„Wir haben uns bis jetzt mehr zufällig und privat erweitert. Meistens war es so, daß Frauen längere Zeit praktisch gezeigt haben, daß sie unsere Forderungen unterstützen und sich dafür mit viel Arbeit – theoretischer und praktischer – einsetzen.“ ([2], S 8)

Tatsächlich bemühten sich Brot und Rosen, Theorie und Praxis eng miteinander zu verzahnen, nicht nur, um bloße Mitläuferinnen abzuschrecken. Wobei sie unter Theorie etwas anderes verstanden als blutleere Mao- oder Leninschulungen. Theorie begriff die Gruppe als intellektuelle Selbstermächtigung:

„Wir Frauen müssen uns selbst dazu befähigen, das, was mit uns gemacht wird, fachlich beurteilen zu können. Wir müssen lernen, irgendwelchen Fachidioten, seien es Gynäkologen oder Pillenfabrikanten, Gesetzemachern oder Arbeitgebern auf die Finger zu schauen. Wir müssen unsere Angst verlieren vor Männern, die im Namen irgendeiner Wissenschaft Respekt für sich und ihre Handlungen fordern. Wir müssen es wagen, Fragen zu stellen, so gründlich zu stellen, dass sie uns nicht mehr abtun können wie bisher.
Wir müssen die Furcht verlieren, etwas Falsches zu sagen und uns nicht richtig ausdrücken zu können. Schliesslich ist es nicht unsere Schuld, dass wir nicht ausgebildet sind, und es ist nicht ihr Verdienst, dass sie privilegiert sind.“ ([1], S. 4f)

Und so lasen die Frauen von Brot und Rosen nicht Engels‘ Vom Ursprung der Familie, sondern Our Bodies, Ourselves vom Boston Women’s Health Book Collective. Die amerikanische Historikerin Nancy MacLean charakterisierte diese 1971 erstmals veröffentlichte Broschüre folgendermaßen:

„Eine der elektrisierendsten Kräfte war ein weitverbreiteter und erschwinglicher Selbsthilfe-Ratgeber zur Frauengesundheit, der 1970 vom Boston Woman’s Health Collective veröffentlicht wurde, einer Gruppe von zwölf Frauen, die verschiedene Aspekte der weiblichen Physiologie untersuchten. Von der ersten, auf billigem Papier gedruckten Ausgabe wurden innerhalb von drei Jahren 250.000 Exemplare verkauft. […] Hier bildete sich das Beste der neuen Bewegung ab, indem die Aufmerksamkeit auf die Unterschiedlichkeit von Frauen gelenkt wurde, zudem Körper und Geist verbunden und Selbstfürsorge mit einem Engagement zum Aufbau einer Gemeinschaft vereint wurden. Vor allem wurde Frauen das Wissen zur Verfügung gestellt, das sie benötigten, um ihr Leben selbstbestimmter leben zu können.“ ([3], S. 25)

Insofern ist Theorie vielleicht das falsche Wort. Was Brot und Rosen anstrebten, war nicht eine abstrakte Theorie, sondern die Aneignung und Verbreitung von Wissen, praktischem Wissen, das den Frauen unmittelbar helfen sollte, sich aus gesellschaftlichen Abhängigkeiten zu befreien. Hier scheint erneut die programmatische Absicht des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen auf, wo es ja auch darum ging, Frauen den Freiraum zu schaffen, in dem sie selbst über ihr Leben entscheiden konnten.

Doch in dieser reinen Wissensaneignung und -vermittlung sollte sich die Arbeit von Brot und Rosen nicht erschöpfen. Ihre Programmatik enthielt noch einen anderen Punkt:

„Wir müssen den Frauen, die vorerst noch nicht an unserer Arbeit teilnehmen, durch direkte und allgemein verständliche Aktionen zeigen, wer aus unserer Lage Profit schlägt. Wir müssen die einzelnen Gynäkologen und ihre Interessensverbände bekämpfen, wir müssen die pharmazeutisch Industrie und einzelne Firmen angreifen. Wir müssen die Kirche und ihre Vertreter blosstellen.“ ([1], S. 6)

Damit stellte sich Brot und Rosen ausdrücklich in die Tradition der antiautoritären Bewegungen, indem sie die vor dem Zerfall der antiautoritären Bewegungen propagierte Einheit von Aktion und Aufklärung erneut aufgriff und zum Programm machte.

Nächste Woche werden wir uns genauer ansehen, wie Brot und Rosen versuchten, diesen programmatischen Anspruch tatsächlich umzusetzen. Freuen Sie sich also darauf, wenn die Gruppe schreibt:

„Nur wenn wir wissen, was wir wollen, sind wir eine gesellschaftliche Kraft, mit der andere sich auseinanderzusetzen haben. Nur, wenn wir unsere Interessen kennen und klar benennen, nur dann können wir mit Männern zusammenarbeiten, nur dann sind »Männer und Frauen stark«.“ ([2], S. 28f)

Nachweise

[1] Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1. Abtreibung und Verhütungsmittel (1. Auflage), Berlin 1972.

[2] Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1. Abtreibung und Verhütungsmittel (2. Auflage), Berlin 1974.

[3] MacLean, N., The American Women’s Movement, 1945 – 2000, Boston und New York 2009.

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Written by alterbolschewik

16. Mai 2014 um 16:20

Veröffentlicht in Feminismus

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