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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Brot und Rosen (2)

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Die Frauenbewegung in der BRD (31)

„Die Ärzte sind jedoch gewöhnt, uns als dumme oder hysterische Patientinnen zu behandeln und nicht als Menschen, die verlangen können, alles zu erfahren, was für ihre Gesundheit und Sicherheit notwendig ist.“

Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1

Was bisher geschah: Ende 1971 tauchte Helke Sander, die seit dem Ende des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen nur noch als Filmemacherin in Erscheinung getreten war, in einer neuen Frauengruppe auf: Brot und Rosen. Brot und Rosen sollte nicht viel länger existieren als der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen – gute zwei Jahre. Aber in dieser Zeit sollte die Gruppe, wie schon vorher der Aktionsrat, einiges anstoßen, was für die Entwicklung der Frauenbewegung in der BRD entscheidend sein sollte.

Brot und Rosen verknüpften während ihres Bestehens theoretische mit praktischer Arbeit; und zwar auf eine Weise, die in der besten Tradition der antiautoritären Bewegungen stand. Im Vordergrund stand die Aufklärung – durch Aufklärung sollten Menschen befähigt werden, über ihr eigenes Leben entscheiden zu können. Und die praktischen Aktionen sollten dann dieser Aufklärungsarbeit die notwendige Publizität verschaffen, damit sie nicht im medialen Grundrauschen unterging.

Doch worüber klärten Brot und Rosen auf? Ich hatte schon erwähnt, daß die Gruppe im Zusammenhang mit den Aktionen gegen den Abtreibungsparagraphen 218 gegründet wurde. In diesem Kontext bewegte sich dann auch ihre Aufklärungsarbeit. Ausgehend von der Abtreibungsfrage verfaßte die Gruppe eine 144 Seiten starke Broschüre mit dem Titel Frauenhandbuch Nr. 1. In dieser Broschüre beantworteten sie nicht nur praktische Fragen zur Abtreibung, sondern thematisierten den gesamten Bereich der Geburtenkontrolle, von der Verhütung bis eben zur Abtreibung.

Ursprünglich hatte die Gruppe zu diesem Zweck nur vor, die amerikanischen bzw. kanadischen Broschüren Our Bodies, Ourselves und Handbook for Birth Control einem deutschen Publikum zugänglich zu machen:

„Zuerst wollten wir diese Hefte nur übersetzen, aber dann zweifelten wir an den ungeheuerlichen und völlig neuen Sachen, die wir erfuhren, wir glaubten den amerikanischen Frauen nicht so ganz (weil sie doch auch keine Fachleute sind).“ ([1], S. 5)

Doch im Laufe ihrer Recherchen stellten sie dann fest, daß die Amerikanerinnen völlig recht hatten. Was an Mythen über Verhütung und Abtreibung im Umlauf war und auch von Ärzten vertreten wurden, war unglaublich. Selbst in der Frauenbewegung machten sich die Brot und Rosen-Frauen unbeliebt, als sie die angebliche Unschädlichkeit der Pille aufs Korn nahmen:

„Als wir anfingen, über die Pille nachzudenken, fanden wir sie im grossen und ganzen gut. Fast alle von uns nahmen sie Tag für Tag schon mehrere Jahre, und an Krampfadern, blaue Hände, mehr Gewicht, trockene Haut, Haarausfall oder auch Bartwuchs hatte sich jede so gewöhnt, dass es schon vergessen war. Jetzt, wo die Broschüre fertig ist, und wir sehr viel mehr über die Pille wissen, haben einige von uns aufgehört, sie zu nehmen.“ ([1], S. 75)

In der ersten Auflage der Broschüre listeten die Frauen verschiedene Verdachtsmomente zur Gesundheitsschädlichkeit der Pille auf und zitieren eine medizinische Veröffentlichung:

„Man sollte sich darüberhinaus bewusst machen, dass alle Frauen, die heute Ovulationshemmer einnehmen, sich an einem Grossexperiment beteiligen, dessen Ausgang noch völlig offen ist, da über Langzeitauswirkungen (insbesondere genetische Auswirkungen) zur Zeit noch keine Aussagen möglich sind.“ (zit. nach [1], S. 79)

Daraus zogen Brot und Rosen den Schluß, daß die damals in der Abtreibungsdebatte gängige Forderung der „Pille auf Krankenschein“ abzulehnen sei. Stattdessen beharrten sie auf einer staatlich gesponsorten Langzeitstudie zu schädlichen Nebenwirkungen der Pille und die Entwicklung unschädlicher Verhütungsmittel. In der zweite Auflage der Broschüre verteidigten sie diese Forderungen ausdrücklich:

„Uns wurde vorgeworfen, wir würden den Frauen die Pille wegnehmen wollen oder wir wurden gefragt, welche Alternative wir denn anzubieten hätten. Wir haben keine Alternative anzubieten. Wir haben aber klarmachen können, daß das, was uns vorgesetzt wird, nicht akzeptabel ist. Wir haben klarzumachen versucht, daß wir die Alternativen politisch erkämpfen müssen.“ ([2], S. 2)

Leider müssen junge Frauen auch heute noch feststellen, daß in diesem Kampf in den letzten vierzig Jahren keinerlei Fortschritte erzielt wurden. In dem aktuellen, trotz seines bescheuerten Titels sehr lesenswerten Buch Tussikratie muß Theresa Bäuerlein feststellen:

„Mein Leben lang haben Frauenärzte mir gesagt, die Nebenwirkungen der Pille seien minimal. Deshalb hatte ich lange wenig Ahnung davon, dass Hormontabletten durchaus nennenswerte, durchaus unerwünschte Effekte wie Kopfschmerzen, Depressionen und Wassereinlagerungen auf den Körper haben können.“ ([4], S. 148)

Nichts Neues also an der Verhütungsfront. Daß auch die amerikanischen Frauen zu derartigen Schlüssen gekommen waren, die Frauen von Brot und Rosen also doppelte Arbeit geleistet hatten, hatte durchaus positive Nebenwirkungen.

„Eigentlich wollten wir nur ein Heft über Abtreibung schreiben, dann aber merkten wir, womit alles das zusammenhängt. Um ein richtiges Bild zu geben, mussten wir ausserdem folgende Themen behandeln: die Verhütungsmittel, besonders die Pille, Verhütungsmittel für Männer, die Standesorganisationen der Ärzte, die chemische Industrie, die Kirche.“ ([1], S. 5f)

Die Diskussion über Reproduktion und Verhütung bewegt sich nämlich keineswegs im Rahmen eines rein privaten Problems. Sie ist hochpolitisch, weil sich hier ökonomische, politische und ideologische Interessen kreuzen. Erneut kam die alte Parole des Aktionsrates, daß das Private politisch sei, zu ihrem Recht. Das spielt sich zunächst auf der Ebene ab, die im obigen Zitat schon angezeigt wurde. Die Broschüre von Brot und Rosen enthielt eben nicht nur ganz praktische Informationen über die verschiedenen Verhütungsmethoden oder Hinweise, wie man legal zu einer Abtreibung kommen konnte. Sondern es gab auch allgemeinere, politische Kapitel darüber, welche Interessen Ärzte und ärztliche Standesorganisationen, die Pharmaindustrie (am Beispiel von Schering) und die Kirche daran haben, den sexualpolitischen Ist-Zustand aufrecht zu erhalten.

Doch die Broschüre geht sogar noch einen Schritt weiter und lenkt den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. Auch in den Ländern der sogenannten Dritten Welt ist die Geburtenkontrolle ein Politikum. Allerdings auf eine ganz andere Art und Weise, als das in den kapitalistischen Metropolen der Fall ist. In den USA wurde seit den 60er Jahren die Propagandatrommel gerührt, daß der Untergang der Menschheit bevorstünde, wenn das Bevölkerungswachstum nicht eingedämmt würde. In der BRD übernahm dieses Propagandageschäft dann der Fernseh-Professor Heinz Haber. In dieser Propaganda kam, so analysieren Brot und Rosen, die Angst vor den pauperisierten Massen zum Ausdruck, die durch die neo-imperialistischen Politik der kapitalistischen Metropolen ihrer Subsistenz beraubt wurden. Am Beispiel der „Grünen Revolution“ in Indien führten sie aus:

„»Grüne Revolution« bedeutet, dass die alten Anbaumethoden durch moderne ersetzt werden […] und dass der landwirtschaftliche Betrieb ganz nach kapitalistischen Vorbildern durchorganisiert wird. […] Das bedeutet für viele kleine Pächter, dass sie rausgeschmissen werden, um für die Maschinen Platz zu machen.
Die Folge ist: mehr und landlose Bauern strömen in die Städte. […] Die »Grüne Revolution« produziert grosse Gewinne für die ausländischen Kapitalisten und für die neuen Agrarkapitalisten. Gleichzeitig aber produziert sie auch die rasante Zunahme der Arbeitslosen. Das erfordert dringend Massnahmen zur Geburtenkontrolle, um die Profite aus der »grünen Revolution« nicht zu gefährden.« ([1], S. 66)

Und so kommt es zu einem Paradoxon:

„Während wir hier in Deutschland gegen die Bundesregierung kämpfen müssen, um wenigstens die übelsten Formen des Gebärzwanges (z.B. Jahn’s Paragraph 218) abzuschaffen, lässt dieselbe Bundesregierung durch gemeinnützige Vereine gedeckt, Omnibuskliniken in Tunesien und anderen Entwicklungsländern herumfahren, um Geburtenkontrollen durchzuführen.“ ([1], S. 67)

Indem Brot und Rosen auf diesen neo-imperialistischen Aspekt der Geburtenkontrolle hinwiesen, waren sie der linken Diskussion um eineinhalb Jahrzehnt voraus. Erst mit den Materialien gegen Bevölkerungspolitik und Gentechnologie, die ab 1987 erscheinen sollten, wird dieses Thema in der linken Diskussion breiteren Raum einnehmen.

So verzahnten damals Brot und Rosen die alltäglichen Aspekte von Abtreibung und Verhütung mit einer allgemeinen Kapitalismuskritik, die sich von der anderer Frauengruppen qualitativ deutlich unterschied. Zum einen setzten sie sich damit von den rein feministischen Gruppen ab, die in der ganzen Reproduktionsfrage nur ein Männerkomplott sehen wollten. Zum anderen ging ihr präziser Blick auf die konkreten Zusammenhänge weit über die marxistisch-leninistischen Abstraktionen der sogenannten sozialistischen Frauengruppen hinaus. Das Frauenhandbuch Nr. 1 wurde zunächst mit 10.000 Exemplaren aufgelegt, 1974 erschien dann eine gründlich überarbeitete Neuauflage mit der beeindruckenden Stückzahl von 100.000 Exemplaren.

Nächste Woche werden wir uns der aktivistischen Seite von Brot und Rosen widmen. Freuen Sie sich also schon jetzt darauf, daß uns Brot und Rosen erklären werden:

„Zwar kann spontanes Handeln ein Zeichen für Bewußtsein und Organisiertheit, doch ebenso auch von Ziellosigkeit und schlechter Organisation sein.“ ([3], S. 70)

Nachweise

[1] Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1. Abtreibung und Verhütungsmittel (1. Auflage), Berlin 1972.

[2] Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1. Abtreibung und Verhütungsmittel (2. Auflage), Berlin 1974.

[3] Brot und Rosen: „Kritik am Tribunal zum § 218“, in: Linnhoff, U., Die neue Frauenbewegung. USA – Europa seit 1968, Köln 1974, S. 68 – 70.

[4] Bäuerlein, T. & Knüpling, F., Tussikratie, München 2014.

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Written by alterbolschewik

24. Mai 2014 um 8:38

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