shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Frauenbefreiungsfront (1)

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Die Frauenbewegung in der BRD (33)

„Die militanten Panthertanten Terror schon vor Rauschgift kannten.“

Panthertanten

Was bisher geschah: Der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen spaltete sich in die Mehrheitsfraktion des Sozialistischen Frauenbundes und die kleine Gruppe Brot und Rosen – wobei die politische Wirkungsmächtigkeit im umgekehrten Verhältnis zur Größe der Fraktionen stand. (Falls sich jemand für den Stand meiner Küchenrenovierungsarbeiten interessiert: Nein, die Küche ist immer noch nicht fertig…)

Es wird meine verbliebenen treuen Leserinnen und Leser erleichtern, daß die Erlösung von diesem Endlosthema Aktionsrat unmittelbar bevorsteht: Die Geschichte des Aktionsrates und seiner Ausläufer neigt sich dem Ende zu. Es bleibt nur noch eine Fraktion zu skizzieren, die ebenfalls aus dem Aktionsrat heraus entstanden ist. Allerdings sind deren Spuren schwer zu finden und noch schwerer zu deuten. Denn es führt, was selten erwähnt wird, auch eine Linie vom Aktionsrat zum linken Terrorismus der 70er Jahre, zur RAF und zur Bewegung 2. Juni.

Allerdings, es fällt verhältnismäßig schwer, diese Linie anhand von existierenden Dokumenten und veröffentlichten Erinnerungen nachzuziehen. Quellen, die einen Zusammenhang herstellen, sind Mangelware und mir ist nur ein Erinnerungstext bekannt ([6]), der diese Verbindung explizit ausspricht.

Äußerst verrätselt finden sich Spuren davon in Helke Sanders Film Der Subjektive Faktor. Heute würde man den Film als eine Art „Doku-Fiction“ bezeichnen, weil er als Spielfilm versucht, die Geschichte des Aktionsrates zu erzählen. Dort gibt es am Ende eine kryptische Szene. Man sieht die Hände „Annis“, dem alter ego von Helke Sander, die an einem Schreibtisch sitzt und nervös die Finger ineinanderknetet. Aus dem off ertönt eine Männerstimme, die „Anni“ in herrischem Ton dazu auffordert, in die Küche zu gehen, wenn es klingelt. Als wir die ganze Szene sehen, wird klar, daß die Stimme dem Freund von „Annemarie“ gehört, mit der zusammen „Anni“ den Aktionsrat gegründet hatte. Das Paar sitzt „Anni“ gegenüber, der Mann hält eine Pistole in der Hand. Dann folgt ein harter Schnitt, „Anni“ ist deutlich älter und versucht, eine Narbe zu überschminken. Als sie den Schminkspiegel weglegt, reflektiert dieser ein Buch mit dem Titel Der Fall Stammheim.

Ich glaube nicht, daß damals, 1981, als der Film herauskam, das Publikum die Zusammenhänge verstand. Das Vorbild für diesen Freund mit der Pistole war Jan-Carl Raspe. 1969 war Raspe einer der Mitbegründer der Kommune II gewesen, die einen wichtigen Einfluß auf die Kinderladenbewegung hatte. Anfang der 70er Jahre zog er mit Marianne Herzog zusammen, einer der zentralen Gründungsfiguren des Aktionsrates. Diese wiederum war mit Ulrike Meinhof befreundet, und so kamen beide, nach der Befreiung Baaders, ins Umfeld der sich formierenden Roten Armee Fraktion. Raspes Schicksal ist bekannt: 1972 wurde er zusammen mit Andreas Baader verhaftet und nahm sich 1977 in Stammheim das Leben. Im Gegensatz zu Raspe trennte sich Herzog recht schnell von der RAF, und zwar schon zu Beginn des Jahres 1971, als die RAF noch niemanden umgebracht hatte und nur einige Banküberfälle auf ihr Konto gingen ([7], S. 79). Anfang 1972 wurde Marianne Herzog in Köln erkannt und ließ sich widerstandslos festnehmen. Sie wurde des Banküberfalls und der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung angeklagt und Ende 1973 zu 27 Monaten Gefängnis verurteilt – ob sie tatsächlich je an einem Banküberfall beteiligt war, ist mehr als zweifelhaft ([1], S. 21). Die Erfahrungen im Gefängnis dokumentierte sie in dem Buch Nicht den Hunger verlieren ([5]).

Nun ließe sich diese Verbindung zwischen dem Aktionsrat und dem sogenannten „bewaffneten Kampf“ einfach als individueller biographischer Zufall abtun, als etwas, das in keinem inneren Zusammenhang steht. Und wenn dies die einzige Verbindung zwischen dem Aktionsrat und militanten Gruppen gewesen wäre, würde das hier auch nicht weiter thematisiert werden. Doch dies ist eben nicht die einzige existierende Verbindung. Von durchaus einigem Gewicht ist die Frauenbefreiungsfront, die in der (Vor-)Geschichte des „bewaffneten Kampfes“ so gut wie nicht erwähnt wird, die dort aber eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte.

Die Frauenbefreiungsfront war keine strikt organisierte Gruppe wie die RAF, sondern gehörte zum Dunstkreis dessen, was in West-Berlin „Der Blues“ genannt wurde – dieser Zirkel der Umherschweifenden Haschrebellen, aus dem sich später die Bewegung 2. Juni herauskristallisieren sollte. Zum ersten Mal namentlich in Erscheinung trat die Frauenbefreiungsfront im Dezember 1969, als ein offener Brief an den ehemaligen Justizminister und aktuellen Bundespräsidenten Gustav Heinemann von folgenden Gruppen unterzeichnet wurde: „Zentralkomitee der Palästinafront, Zentralkomitee der Tupamaros Westeuropa, Zentralkomitee der Frauenbefreiungfront. Die Kommandos: Schwarze Ratten, Schwarze Front, die Panthertanten, Che, Brian Jones, Amnestie International, Viva Maria“. Dieses Gerede von „Zentralkomitees“ war natürlich ironisch gemeint und machte sich über die ganzen K-Gruppen und ihren Organisationsfimmel lustig. De facto handelte es sich um einen ziemlich chaotischen, weitgehend unorganisierten Haufen, der seine Stützpunkte in verschiedenen Berliner Kommunen hatte. In diesem Dunstkreis bewegte sich auch eine Gruppe von Frauen, die vorher im Aktionsrat gewesen war und sich nun Frauenbefreiungsfront oder Panthertanten nannte.

In diesem offenen Brief, der den erneuten Prozeß gegen den Kommunarden Karl Pawla zum Anlaß hatte, äußerten sich die Autoren und Autorinnen folgendermaßen:

„Fest steht: wir haben aufgegeben zu jammern. Anfangs sind wir noch massenhaft friedlich vor die Justizpaläste marschiert – die Prozesse fingen gerade an. Dann haben wir alle Verhandlungen auf den Kopf gestellt – es prasselte Ordnungsstrafen. Am Schluß begannen wir, Fensterscheiben einzuschmeißen – die Urteile der letzten Instanz wurden verkündet. […] Wir spielen nicht die Juden. Wir marschieren nicht freiwillig in den Knast. Wir wehren uns, wir kämpfen, wir schlagen zu. Die Mittel dieses Kampfes bestimmen wir. […] Fassen wir zusammen: von der Uni-Revolte zum Kampf gegen die Justiz, vom Knastologen zum Guerillakämpfer, von der radikaldemokratischen Massenbewegung zur Stadtguerilla.“ ([8], S. 4)

Was hatte das nun alles mit dem Aktionsrat zu tun? In einem Grundsatzartikel, der im April 1970 in der Berliner Zeitschrift Agit 883 erschien, wies die Frauenbefreiungsfront auf genau diese ihre Ursprünge hin:

„Wir haben schon lange erkannt, daß wir alleine nichts tun können. Deshalb haben wir damals den Aktionsrat gegründet, und unsere erste Parole hieß: FRAUEN GEMEINSAM SIND STARK. Der Aktionsrat als bürgerlicher Frauenverein mußte scheitern, deshalb machen wir die Frauenbefreiungsfront.“ ([3], S. 6)

In einem späteren Text von Anfang Mai wurde die Kritik am Aktionsrat präzisiert und seine Wendung hin zum Schulungsprogramm des Sozialistischen Frauenbundes verdammt:

„Nichts von dem, was wir im Aktionsrat erreichen wollten, ist in Verhalten und Praxis der einzelnen eingegangen. Die Frauen stehen nach wie vor im Konkurrenzkampf untereinander. Früher haben wir uns mit Kleidern geschmückt, um den Männern zu gefallen, heute schmücken wir uns mit Theorien.“ ([4])

Das sollte grundsätzlich anders werden. Dazu wurde ein Konzept vertreten, das sich von dem des Aktionsrates und auch der späteren autonomen Frauenbewegung unterschied:

„Die Frauenbefreiungsfront will nicht die Frauen, die politisch kämpfen aus den Gruppen ziehen, um sie wie im Aktionsrat in einer reinen Frauengruppe zu sammeln, sondern daß gerade die Frauen in den politischen Gruppen bleiben und dort ihre Vorstellungen durchsetzen. Wir dürfen uns nicht wieder in die traditionellen Frauen- und Fürsorgetätigkeiten abdrängen lassen, sondern wir schalten uns massiv in den Kampf aller politischen Gruppen ein; wir bilden keine neue in-group, sondern wir kämpfen und dabei überwinden wir das Sektierertum.“ ([4])

Das war natürlich eine viel zu abstrakte und unverbindliche Perspektive, als daß sie in einen wirklichen Organisierungsprozeß hätte münden können. Dennoch: Dieses Konzept, daß Frauen wirklich gleichberechtigt in politischen Organisationen agieren sollen, setzte sich dann in überraschendem Maße in den bewaffnet agierenden Gruppen durch.

Als die Rote Armee Fraktion mit ihren Aktionen die Bundesrepublik erschütterte, fiel das auch dem politischen Gegner auf:

„Günter Nollau, damals im Bundesinnenministerium und später Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, sah »etwas Irrationales an der ganzen Sache«. Ihm fiel auf, »daß viele Mädchen dabei sind«, und er hatte auch gleich eine Erklärung parat: »Vielleicht ist das ein Exzeß der Befreiung der Frau.«“ ([2], S. 176)

Natürlich ist diese Rede mehr als schief und frauenfeindlich. Schon die Begriffe „Mädchen“, „Irrationalität“ und „Exzeß“ verbannen die terroristischen Aktionen aus dem Bereich männlich konnotierter Rationalität. Doch diese Beobachtung hatte, wenn man von der Form, in der sie geäußert wurde, absieht, durchaus einen nicht wegdiskutierbaren richtigen Kern.

Seien sie deshalb gespannt auf nächste Woche, wenn die Frauenbefreiungsfront folgende Losungen ausgibt:

„Die revolutionäre Situation durch erfolgreiche Aktionen vorantreiben
Die Sicherheitsbedingungen diszipliniert beachten
Verräter liquidieren“ ([3], S. 7)

Nachweise

[1] Anonym, „Weg mit dem Schandurteil gegen Marianne Herzog!“, in: Rote Hilfe, Jg.2 (1974), Nr.1 (Januar 1974), S.21 – 22.

[2] Aust, S., Der Baader Meinhof Komplex, München 2008 (8. Auflage).

[3] Frauenbefreiungsfront, „Der Kampf der Frauenbefreiungsfront in den Metropolen“, in: agit883, Jg.2 (1970), Nr.56 (16. April 1970), S.6-7.

[4] Frauenbefreiungsfront, „Frauen erhebt euch und die Welt erlebt euch“, in: agit883, Jg.2 (1970), Nr.58 (1. Mai 1970), S.8.

[5] Herzog, M., Nicht den Hunger verlieren, Berlin 1980.

[6] Perincioli, C.: „Anarchismus, Lesbianismus, Frauenzentrum. Warum mußte die Tomate so weit fliegen?“, in: Heinrich-Böll-Stiftung und Feministisches Institut (Hg.), Wie weit flog die Tomate?, Berlin 1999, S. 98 – 117.

[7] Redaktioneller Beitrag, „Verräter und Verschwundene“, in: Der Spiegel, Jg.61 (2007), Nr.40 (1. Oktober 2007), S.78 – 79 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-53135553.html).

[8] Zentralkomitee der Tupamaros Westeuropa, Zentralkomitee der Frauenbefreiungsfront u.a., „Offener Brief an Gustav Heinemann und andere“, in: agit883, Jg.1 (1969), Nr.44 (11. Dezember 1969), S.4.

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Written by alterbolschewik

13. Juni 2014 um 15:27

2 Antworten

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  1. Gibt es die Serie alsbald auch als Buch? Warum nicht z.B. ondemand? Einen Kunden hätten Sie schon. Schön wie der switch weg vom Unbill des täglich erlebten Frauenlebens damals hin zur politisch-terroristischen Aktion dargestellt wird.
    Ich erinnere übrigens noch das Sprechen der bürgerlichen Welt, der ich entstamme, über dieses Gesamtphänomen Frauenbewegung. Dieses Sprechen ähnelte in Teilen der Wochenschau-Diktion: Sowiet-russische Flintenweiber, Mannweiber usw! Nicht zu verschweigen ist die Tatsache, dass es auch die bürgerlich-konservativen Frauen waren, die so redeten. Was wiederum ein Hinweis darauf ist, dass nicht das Geschlecht, sondern die Schicht, die Klassenzugehörigkeit das Urteil sprach.

    summacumlaudeblog

    14. Juni 2014 at 6:29

    • Ich habe in der Tat vor, aus dieser Geschichte des Aktionsrates ein Buch zu machen. Das Ganze ist allerdings ein Zeitproblem.

      Ein Problem der Frauenbewegung in der Öffentlichkeit – damals wie heute – ist sicherlich, daß weniger die große Vielfalt als vielmehr einige wenige herausstechende Extreme gesehen werden. Und da wird dann, je nach eigenem Vorurteil, das herausgepickt, was in das eigenen Weltbild paßt.

      Und gerade bei bürgerlichen Frauen wurde die Frauenbewegung ja auch als Angriff auf ihren eigenen Lebensstil erfahren. Aber ich will hier nicht herumpsychologisieren.

      alterbolschewik

      14. Juni 2014 at 8:39


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