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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Der große Bluff

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Der Kampf gegen den § 218 (4)

„Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz vestößt.“

Artikel 2 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland

Was bisher geschah: Mit Unterstützung der Frankfurter Ortsgruppe der Humanistischen Union entstand 1970 die Frauenaktion 70, die die ein Jahr zuvor begonnene Kampagne der Humanistischen Union gegen den § 218 fortsetzt. Mit ihren Aktionen erreichte die Frauenaktion 70 eine breite Öffentlichkeit – was wiederum bei den christlichen Kirchen, besonders der katholischen, zu panischen Reaktionen führte.

Es ist ganz erstaunlich, mit welcher Dreistigkeit sich die Katholische Kirche nach 1945 in die selbstgerechte Pose einer moralische Autorität warf. Eigentlich hätte sie angesichts ihres Versagens während des nationalsozialistischen Regimes in Sack und Asche gehen müssen. Doch stattdessen schrieb man sich den Widerstand einzelner Katholiken, Priestern wie Laien, die oft genug von ihrer eigenen Kirche im Stich gelassen worden waren, auf die Fahne, während man die institutionelle Kollaboration unter den Teppich kehrte. Und das funktionierte erstaunlich gut. Im Adenauer-Deutschland verfügte die katholische Kirche wieder über eine politische Machtposition, die sie durch die Zustimmung der Zentrumspartei zu Hitlers Ermächtigungsgesetz und dem Reichskonkordat freiwillig aufgegeben hatte.

Doch von den antiautoritären Bewegungen, die sich in den 60er Jahren entwickelten, fühlte sich die katholische Kirche in ihrer in der Nachkriegszeit wiedergewonnen politischen Autorität zusehends bedroht. Und das zurecht. Denn auch wenn der Katholizismus politisch wieder ganz gut im Sattel saß, blieb seinen Ideologen nicht verborgen, daß ihm die Menschen auf der vorpolitischen Ebene des Alltags allmählich entglitten. Und die Kirche wußte sehr gut, daß ihre politische Macht darauf beruhte, auch und vor allem das Alltagsleben ihrer Schäfchen fest im Griff zu haben. Wenn sie diesen Zugriff verlöre, wäre es auf die Dauer mit der Macht und Herrlichkeit der katholischen Kirche nicht mehr weit her.

Es ist deshalb kein Wunder, daß die Kirche sich beharrlich dagegen sträubte, den ideologischen Würgegriff zu lockern, mit dem sie den intimsten Bereich des individuellen Lebens umklammert hielt: Die Sexualität. Doch gerade in diesem Bereich begann ihr die Jugend in den 60er Jahren zu entgleiten. Schon die Antibaby-Pille, die in der BRD seit 1961 verkauft wurde, war ein schwerer Schlag. Mit der Angst vor ungewollter Schwangerschaft war es vorbei – was natürlich für die Kopplung von Sexualität und bürgerlicher Familie, auf die sich der katholische Konservatismus stützte, verheerend war. Damit geriet eine seiner wichtigsten Bastionen unter massiven Beschuß. Mit der Forderung, den § 218 abzuschaffen, wurde in diesem Kampf eine zweite Front eröffnet.

Bei diesen ganzen Diskussionen ging es natürlich primär um Macht. Auf der einen Seite standen die Frauen, die ein Selbstbestimmungsrecht für sich, ihre Körper, ihr Leben einforderten; und auf der anderen Seite die patriarchale Institution der katholischen Kirche, die sich mit Zähnen und Klauen dagegen wehrte, den Frauen dieses Recht zuzugestehen. Das Problem war nur, daß die Kirche nicht mehr einfach die Heilige Inquisition ausschicken konnte, um die unbotmäßigen Frauen wieder unter ihre Fuchtel zu bekommen. Statt einfach Machtworte aussprechen zu können, mußte sie sich der gesellschaftlichen Diskussion stellen.

Damit stand die Kirche allerdings vor einem Problem. Denn wenn sie den eigentlichen Konflikt thematisiert hätte, nämlich den zwischen ihren patriarchal-autoritären Ordnungsvorstellungen auf der einen Seite und dem Recht der Frauen auf ein selbstbestimmtes Leben auf der anderen Seite, hätte sie in einer pluralistischen Gesellschaft ganz schnell ganz alt ausgesehen. Nun verfügt die katholische Kirche natürlich über Jahrhunderte der Erfahrung in ideologischen Auseinandersetzungen. Und sie wußte genau, daß sie nur verlieren konnte, wenn sie den eigentlichen Konflikt thematisierte, um den es in der ganzen Auseinandersetzung um Verhütung und Abtreibung ging. Und so kommt es, daß gerade in den kirchlichen Schriften über den § 218 genau diese eine Frage immer geschickt umgangen wird, nämlich die nach dem Selbstbestimmungsrecht der Frauen.

Stattdessen wurde, propagandistisch gekonnt, die ganze Diskussion auf ein Nebengleis abgeschoben, wo dann absurde scholastische Auseinandersetzungen geführt wurden, die mit der eigentlichen Frage nichts zu tun hatten. Es wurde eben nicht über die Stellung der Frauen in der Gesellschaft gesprochen und darüber, wie die absurden katholischen Vorstellungen über Sexualität dazu dienten, diese in einer subalternen Rolle als Hausfrau und Mutter zu halten. Stattdessen wurde darüber diskutiert, wann menschliches Leben beginne. Denn mit jesuitischer Spitzfindigkeit wurde ein einfacher Syllogismus vorgetragen: Zum einen sei die Tötung von Menschen in zivilisierten Gesellschaften geächtet. Der im Mutterleib heranwachsende Embryo sei aber ein Mensch. Daraus ergebe sich zwangsläufig der Schluß, daß der Abbruch einer Schwangerschaft die Tötung eines Menschen darstelle, weswegen sie geächtet gehöre.

Und man muß das Geschick der katholischen Kirche bewundern, genau diesen Syllogismus als unhinterfragebare Grundlage der Diskussion über den § 218 etabliert zu haben. Die ganzen Diskussionen in den Hearings und Enquete-Kommissionen drehten sich dann nur noch darum, ob das menschliche Leben mit der Verschmelzung von Eizelle und Spermium beginne, oder mit der Nidation der befruchteten Eizelle, oder dem Fortschritt der Zellteilung bis zu dem Punkt, wo keine Zwillinge mehr entstehen können oder der Ausbildung der ersten Hirnzellen… Und die katholische Kirche beharrte natürlich darauf, daß das menschliche Leben mit der Verschmelzung von Eizelle und Spermium beginne.

Natürlich war diese ganze Diskussion völlig absurd. Das Leben beginnt nicht mit der Verschmelzung von Eizelle und Spermium. Und auch nicht zu einem der anderen vorgeschlagenen Zeitpunkte. Es beginnt überhaupt nicht. Schon die Eizelle und das Spermium sind lebende Zellen. Das Ganze ist einfach ein kontinuierlicher Prozeß, in dem die andauernd im lebenden Organismus vor sich gehende Entstehung neuer Zellen so gesteuert wird, daß dabei ein Organismus entsteht, der sich irgendwann von dem erzeugenden Körper lösen kann, um eigenständig weiter zu existieren. Es gibt nirgendwo den Moment, vor dem kein Leben ist und nach dem auf einmal Leben da wäre.

Tatsächlich, und genau darin liegt die jesuitische Spitzfindigkeit in dieser Argumentation, meint die katholische Kirche aber gar nicht „Leben“, wenn sie von „Leben“ spricht, sondern meint eigentlich die „Seele“. Denn ihre reichlich absurde Doktrin, der zufolge jeder Mensch eine unsterbliche, individuelle Seele habe, ist natürlich mit diesem evolutionären Entwicklungsgang logisch nicht vereinbar. Wenn jeder Mensch eine unsterbliche Seele besäße, dann müßte ihm diese irgendwann einmal eingepflanzt worden sein. Ich hatte bereits vor ein paar Wochen als Kuriosum erwähnt, daß die katholische Kirche bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts davon ausgegangen war, daß die Seele nach 40 Tagen in den Embryo hineinführe (bei weiblichen Embryonen etwas später).

Da man sich mit einer solchen Vorstellung angesichts des Fortschrittes naturwissenschaftlicher Erkenntnisse lächerlich machte, wurde 1869 diese Doktrin aufgegeben. Doch damit war das logische Problem, ab wann der Mensch eine Seele habe, nicht aus der Welt geschafft. Ob man jetzt sagte, das geschehe bei der Verschmelzung der Eizelle mit dem Spermium oder zu einem beliebigen anderen Zeitpunkt, ist völlig gleichgültig. Und diese individualgeschichtliche Absurdität potenziert sich noch, wenn man sie menschheitsgeschichtlich betrachtet. Allein die Vorstellung, daß Gott irgendwann beschlossen habe, daß er ab nächster Woche den Affen im Neandertal eine Seele spendieren werde, ist grotesk. Im einen wie im anderen Fall wird die Kontinuität der evolutionären Entwicklung willkürlich in ein Vorher und ein Nachher eingeteilt.

Es ist deshalb einfach ein Bluff, wenn das Kommissariat der deutschen Bischöfe in einer Stellungnahme schrieb:

„Die Mutter hat kein Verfügungsrecht über das werdende Leben. Zwar trägt sie es aus, das Leben im Mutterschoße ist aber nicht Teil des Körpers der Frau, sondern eigenständiges Leben. Sein Eigen- und Anderssein muß heute sowohl genetisch wie biologisch als wissenschaftlich gesicherte Erkenntnis gelten.“ ([1], S. 82)

Das ist kompletter Unsinn, im Brustton der Überzeugung vorgetragen. Diese Behauptung, es handle sich um „wissenschaftlich gesicherte Erkenntnis“, ist der erfolglose Versuch, die eigenen irrationalen religiösen Vorstellungen objektiv zu untermauern. Der Embryologe Professor Klaus V. Hinrichsen erklärte dann auch in einem Hearing des Bundestages:

„Die Diskussion über eine Änderung der strafrechtlichen Bestimmungen zum Schwangerschaftsabbruch ist vorzugsweise unter der Frage nach dem Beginn des Lebens oder nach dem Beginn des individuellen Lebens geführt worden. Der biologisch orientierte Mediziner kann diese Fragestellung nicht akzeptieren, handelt es sich doch vielmehr unter der zutreffenden Bezeichnung »Fortpflanzung« um die Übertragung menschlichen Lebens auf eine neue Generation. Biologisch reicht die Vorgeschichte des einzelnen Trägers dieses fortgepflanzten Lebens vor die Befruchtung zurück.“ (zit. nach [2], S. 51)

Gerhard Kraiker stellte deshalb auch zurecht fest:

„Mit der immer wieder von den Bischöfen betonten Übereinstimmung ihrer Auffassung mit den Erkenntnissen der »modernen Wissenschaft« versuchen sie, den Anspruch der Allgemeinverbindlichkeit über die Kirchengläubigen hinaus für ihre Anschaung zu behaupten. Kern ihrer Argumentation bleibt indes die nur dem Gläubigen nachzuvollziehende Annahme, daß der Mensch mit Beginn seines Lebens von Gott eine unsterbliche Seele erhalte.“ ([2], S. 51)

Während es also der Katholischen Kirche gelang, dem Gesetzgeber eine Scheindiskussion aufzuzwingen, ließen sich die Frauen von diesen angeblichen „sachorientierten“ und „objektiven“ Diskussionen nicht auf’s Glatteis führen. Ihnen war klar, daß es sich nicht um Fragen der Moral, sondern um Machtfragen handelte.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn die Frauenaktion 70 erklärt:

„Hat die Bischofskonferenz je etwas getan, um eine massenhafte Aufklärung der Bevölkerung über Antikonzeptiva zu fördern? Im Gegenteil. In den Kirchen liegen in Millionenauflage Traktate aus, die die Jugend nicht aufklären und zur Lust an der Sexualität ermuntern, sondern irrationale Schuldgefühle vermitteln.“ (zit. nach [3], S. 82)

Nachweise

[1] Kommissariat der deutschen Bischöfe: „Stellungnahme zum Schutze des werdenden Lebens“, in: Schroeder, F.-C. (Hg.), Abtreibung. Reform des § 218, Berlin 1972, S. 82 – 86.

[2] Kraiker, G., § 218. Zwei Schritte vorwärts, einen Schritt zurück, Frankfurt a.M. 1983.

[3] Scheunemann, R. & Scheunemann, K.: „Die Kampagne der ‚Frauenaktion 70‘ gegen den § 218“, in: Grossmann, H. (Hg.), Bürgerinitiativen. Schritte zur Veränderung?, Frankfurt a.M. 1973 (3. Aufl.), S. 68 – 84.

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Written by alterbolschewik

25. Juli 2014 um 16:50

Veröffentlicht in Feminismus, Paragraph 218

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2 Antworten

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  1. Nach dieser katholischen Logik wäre das Reinigen von Kühlschränken Mord, denn Amöben entsprechen vom organisatorischen Niveau ihrer Komplexität etwa frisch befruchteten Eizellen. Es stellt sich aber auch die Frage nach dem in Embryonen einfahrenden Geist: Im Hinduismus und Buddhismus wird die Reinkarnation der Seelen physisch gestorbener Menschen ja als gegebene Realität behandelt, das Christentum lässt hingegen offen, wo solche Seelen eigentlich herkommen sollten.

    che2001

    28. Juli 2014 at 23:01

    • Daß Theologie tatsächlich noch als ernsthaftes wissenschaftliches Fach an Universitäten gelehrt werden darf, ist angesichts des schreienden Widersinns, der von den verschiedenen Religionen ernsthaft vertreten wird, eigentlich ein Skandal ersten Ranges. Gegen eine historisch orientierte Religionswissenschaft hätte ich ja nichts einzuwenden; und daß jeder, der meint, Kinder im Religionsunterricht indoktrinieren zu dürfen, ein solches Studium absolvieren muß, fände ich auch eine gerechte Forderung. Aber Theologie? Im 21. Jahrhundert?

      alterbolschewik

      1. August 2014 at 16:30


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