shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die Debatte zieht Kreise

leave a comment »

Der Kampf gegen den § 218 (5)

„Die Forderung, den Paragraphen 218 völlig zu streichen, akzeptiere ich nicht.“

Bundesjustizminister Jahn (SPD), 1971

Was bisher geschah: In der letzten Folge hatten wir uns angesehen, wie die katholische Kirche darauf reagierte, daß sich immer mehr Frauen gegen ihre patriarchalische Bevormundung auflehnten. Geschickt gelang es ihr, von der eigentlichen Frage nach dem Selbstbestimmungsrecht der Frauen abzulenken und eine Pseudodebatte über den angeblichen Beginn des menschlichen Lebens anzuzuzetteln.

Kehren wir zurück zur Frauenaktion 70, die in Frankfurt mit ihrem Teach-In, der öffentlichen Demonstration und der Unterschriftensammlung Furore machte. Die Wirkung dieser Aktionen blieb nicht auf Frankfurt beschränkt. Auch überregionale Medien berichteten: Praktisch alle Rundfunkanstalten der ARD, auch der Bayerische Rundfunk sendeten Beiträge, bundesweite Zeitungen wie Frankfurter Allgemeine, Frankfurter Rundschau, Welt, BILD und Bild-am-Sonntag veröffentlichten Artikel und selbst Zeitschriften wie die St. Pauli Nachrichten oder die Neue Revue fanden diese Aktionen der Berichterstattung wert.

Es kann also keine Rede davon sein, wie Alice Schwarzer später unterstellte, daß es sich bei der Frauenaktion 70 um „ein Häuflein Frauen“ gehandelt habe, die „tapfer und allein gegen den §218 protestiert hatten“ und – so wird suggeriert – nur darauf gewartet hatten, sich der großen Alice anschließen zu können ([4]). Die Frauenaktion 70 war im Gegenteil äußerst erfolgreich darin, das Thema Abtreibung in die Öffentlichkeit zu tragen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Nur weil die Frauenaktion 70 die Öffentlichkeit bereits sensibilisiert und der Stern einen ganzseitigen Artikel über ihre Aktionen veröffentlicht hatte ([3], S. 79), konnte Alice Schwarzer dann später mit ihren Vorschlägen bei dieser Zeitschrift offene Türen einrennen.

Die Aktionen blieben dann auch nicht auf Frankfurt beschränkt. Rasch breitete sich die Bewegung aus. Vermittelt über die Humanistische Union wurde im November 1970 in weiteren Großstädten der BRD die Frankfurter Vorgehensweise kopiert:

„Der Information dienten zunächst drei Podiumsdiskussionen in Köln, Dortmund und Essen, bei denen vor zahlreichen Teilnehmern Juristen, Mediziner, Soziologen und Moraltheologen miteinander debattierten.
Außerdem wurden in Köln, Essen, Dortmund und Düsseldorf Straßenaktionen gemacht, bei denen Informationsmaterial verteilt und zur Unterschrift unter einen Offenen Brief an den Bundesjustizminister Gerhard Jahn aufgefordert wurde. Insgesamt wurden 90.000 Flugblätter ausgegeben. Bei den angesprochenen Passanten stießen die Aktivisten überwiegend auf Zustimmung. Ablehnung (und Beschimpfungen) waren sehr selten, sie kam vorallem aus katholischen Bevölkerungskreisen.“ ([5])

Die Zustimmung zu den Forderungen kam nicht unerwartet. Bereits ein Jahr zuvor hatte die Universität Mannheim eine großangelegte Studie zu Deutschlands Eliten durchgeführt und dabei auch deren moralische Einstellung in sexuellen Fragen abgefragt. Das Ergebnis war recht eindeutig (wohl vor allem, weil sich Mitglieder des katholischen Klerus rundweg geweigert hatten, an der Befragung teilzunehmen):

„64 Prozent billigen jeder Frau, entgegen dem Abtreibungsparagraphen 218 StGB, das Recht auf Schwangerschaftsunterbrechung zu;
66 Prozent sind nicht der Ansicht, daß ein Mädchen, »das etwas auf sich hält … auch heute noch unberührt in die Ehe gehen« solle;
75 Prozent wünschen, daß Homosexualität zwischen Erwachsenen (Paragraph 175 StGB) nicht bestraft wird; und
80 Prozent gar glauben, daß sich mit dem Wandel der Gesellschaft zwangsläufig auch die gesellschaftliche Moral wandle.“ ([1], S. 73)

Ausnahmen machten in diesen Fragen nur bestimmte Berufsgruppen:

„Hüter überkommener Moralprinzipien dominieren (beim Stichwort Abtreibung) unter den evangelischen Kirchenfürsten, den Funktionären der Berufsverbände und den Vorsitzenden der Bundestagsausschüsse. Intakte Bräute hingegen halten nur noch die Spitzenprotestanten (79 Prozent) für wichtig.“ ([1], S. 73)

Der katholische Klerus hatte, wie gesagt, die Auskunft verweigert, sonst stünden die Protestanten nicht ganz so einsam da.

Und auch sonst rumorte es allerorten. Die oben erwähnten Aktionen in Nordrhein-Westfalen wurden nicht nur von der Humanistischen Union getragen. Mit im Boot waren auch die Jungsozialisten und die Jungen Liberalen. Auf dem Bundeskongreß der Jusos, der im Dezember 1969 in Bremen stattfand, sprachen sich die Jusos für die Abschaffung des § 218 aus. In einem Spiegel-Interview erklärte der auf dem Kongreß neu gewählte Vorsitzende der Jusos, Karsten Voigt:

„Die Frage Abtreibung ist eine Frage der Selbstbestimmung der Frauen über ihren Körper und steht so im Zusammenhang mit der Selbstbestimmung des Menschen.“ ([6], S. 33)

Vorbereitet worden war diese Linie bereits einige Monate zuvor, während der Bundesfrauenkonferenz am 23. Oktober, als sich die Arbeitsgemeinschaft der Frauen in der SPD in Nürnberg traf. Dort hatte gleich zur Eröffnung die Frankfurter Juso-Vorsitzende Dorothée Vorbeck gefragt:

„Sollen wir weiter in der Ecke des still geduldeten Frauenkränzchens verharren? Wir müssen endlich die gesellschaftlichen Zusammenhänge der Unterprivilegierung der Frau auch im Parteisystem erkennen.“ (zit. nach [2], S. 117)

In der Folge kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen den jungen, linken Frauen und dem weiblichen Establishment in der Partei, das von Annemarie Renger angeführt wurde. Nachdem die Rebellinnen am ersten Tag der Konferenz eine Abstimmungsniederlage erlitten hatten, als sie die Geschäftsordnung demokratisieren wollten, zogen sich ungefähr 40 Frauen – immerhin rund ein Viertel der Delegierten – aus dem Hauptprogramm zurück und diskutierten in einem eigenen Raum über Fragen der Emazipation. Heraus kam dabei ein Resolutionsentwurf, den sie vervielfältigen und diskutieren wollten. Das Parteiestablischment verhielt sich autoritär, hatte aber nicht mit der Basis gerechnet:

„Hausherrin Annemarie Renger […] verbot ihnen die Benutzung der Hektographier-Maschine mit dem Argument: »Euch gibt es gar nicht, und was es nicht gibt, kann man auch nicht abziehen« […].
Mit Hilfe eines Nürnberger Hoteliers gelang es dem linken Zirkel dann doch, seine Diskussions-Ergebnisse zu vervielfältigen. Und die Delegierten – zumeist über 50 Jahre alt – votierten am letzten Tag sogar mit 84 zu 80 Stimmen dafür, im Plenum über das Minderheiten-Papier zu diskutieren.“ ([2], S. 118)

Noch verblüffender war, daß sich die Minderheit am Ende mit einem Resolutionsentwurf zum Paragraphen 218 gegen die Parteilinie durchsetzen konnte:

„Entgegen dem Vorschlag der Antragskommission votierten die Delegierten für den schärfsten Resolutionsentwurf zur Schwangerschaftsunterbrechung: Auf Kosten der Krankenkassen soll jede Frau berechtigt sein, »ihre Schwangerschaft in einer staatlich anerkannten Frauenklinik oder durch einen fachlich vorgebildeten Arzt unterbrechen zu lassen«. Der Abtreibungs-Paragraph 218 des Strafgesetzbuches solle ersatzlos gestrichen werden.“ ([2], S. 118)

Mit anderen Worten: Schon im Jahr 1970 hatte die Diskussion um die Abschaffung des § 218 weite gesellschaftliche Kreise erreicht und wurde breit diskutiert. Von einem Häuflein Frauen, die sich ganz allein tapfer gegen den gesellschaftlichen Mainstream stellten, konnte also nicht die Rede sein. Gerade in der Frage des § 218 war sich die Mehrheit der Frauen in der BRD ziemlich darin einig, daß dieser ihrem grundgesetzlich garantierten Selbstbestimmungsrecht massiv widersprach.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn eine Zeitzeugin und Gastautorin in diesem Blog erklären wird:

„Die Studentenproteste ab dem Jahr 1968 hatten mit meiner Lebenswirklichkeit nichts zu tun. Ich war 26 Jahre alt, berufstätig, verheiratet und Mutter eines vierjährigen Kindes. Dies unter einen Hut zu bekommen, brauchte all meine Kräfte.“

Nachweise

[1] Redaktioneller Beitrag, „Fragen an Uschi“, in: Der Spiegel, Jg.23 (1969), Nr.18 (28. April 1969), S.66 – 81 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45589675.html).

[2] Redaktioneller Beitrag, „Loch im Strumpf“, in: Der Spiegel, Jg.24 (1970), Nr.45 (2. November 1970), S.116 – 118 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44303087.html).

[3] Scheunemann, R. & Scheunemann, K.: „Die Kampagne der ‚Frauenaktion 70‘ gegen den § 218“, in: Grossmann, H. (Hg.), Bürgerinitiativen. Schritte zur Veränderung?, Frankfurt a.M. 1973 (3. Aufl.), S. 68 – 84.

[4] Schwarzer, A., „Mein persönliches 68“, in: Emma, Jg.32 (2008) (http://www.emma.de/artikel/alice-schwarzer-mein-persoenliches-68-263763).

[5] vg, „Neue Straßenaktion gegen den Abtreibungsparagraphen“, in: Vorgänge, Jg.9 (1970), Nr.12 (Dezember 1970), S.345.

[6] Voigt, K., „Wir wollen nicht wild herumfuchteln“, in: Der Spiegel, Jg.24 (1970), Nr.52 (21. Dezember 1970), S.31 – 34 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43801016.html).

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s