shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Ein Zeitzeuginnenbericht (1)

with one comment

Der Kampf gegen den § 218 (6)

Was bisher geschah: Ab 1969 brach eine vehemente gesellschaftliche Debatte über den § 218 aus. Außerparlamentarische Gruppen wie die Humanistische Union forderten anläßlich der aktuellen Strafrechtsreform die Abschaffung des Paragraphen. Diese Forderung wurde dann von der Frauenaktion 70 aufgegriffen, erreichte eine größere Öffentlichkeit und führte auch zu heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der Regierungspartei SPD. Ich habe nun meine Mutter gebeten, sie möge doch bitte aufschreiben, wie sie die damalige Zeit erlebt hat. Dieser Bericht wird in zwei Teilen, heute und nächste Woche, hier zu lesen sein.

„Wenn ich hier über die Zeit berichte, in der wir Frauen in Deutschland begannen, uns zu Wort zu melden, auch wenn wir zunächst nicht gehört wurden, so kann ich das nur aus meinem persönlichen Erleben heraus. Unsere Lebensumstände waren und sind geprägt durch die Familien, aus denen wir stammen, durch Weltanschauungen, den Bildungs- und Berufsfeldern, der Region, in der wir leben, und dem Lebensalter, in dem wir uns gerade befinden. Dies galt in besonderem Maße für uns Frauen. Im viel zitierten Grundgesetz vom 23. Mai 1949 steht zwar:

„Männer und Frauen sind gleichberechigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitung bestehender Nachteile hin.“

Doch im täglichen Leben gab es für Frauen viele Ein- und Beschränkungen.

Anfang der 1970er Jahre begannen die Diskussionen um die Reform des § 218, des sogenannten Abtreibungsparagraphen. Diese waren für mich der Beginn, mich in meinem privaten Umfeld und in kleinem Umfang auch öffentlich, mit meiner eigenen Meinung dazu zu äußern.

Um meine Entwicklung besser zu verstehen, sind einige Hintergrundinfomationen notwendig. Ich lebte und lebe auch heute noch im katholischen Oberschwaben. Meine Eltern zogen nach ihrer Heirat 1937 vom Niederrhein in den Süden. Mein Vater fand in einer der großen Fabriken am Bodensee Arbeit. Diese produzierte später für die Kriegsrüstung. 1942 kam ich am Bodensee zur Welt. In unserer Familie wurden meine Geschwister und ich ganz selbstverständlich katholisch erzogen. Von der Geburt bis zum Tode war man eingebettet in die Rituale und Moralvorstellungen der katholischen Kirche. Zunächst fühlte ich mich darin auch wohl und geborgen, weil ich nichts anderes kannte. Die Enge und Bevormundung wurden mir erst viel später bewusst.

Gleichzeitig sah ich mit Staunen, wie viel Glück ich hatte, in einer intakten Familie aufzuwachsen. Unsere Eltern verstanden sich gut. Wir Kinder standen im Mittelpunkt der Familie. Dies ging bestimmt zum Teil auf die religiöse Einstellung unserer Eltern. zurück. Auch ein weiterer Aspekt wurde mir sehr spät klar. Ein Protest gegen die Nazivergangenheit der Eltern fiel bei mir aus. In der ganzen Familie (vor allem mütterlicherseits, denn mein Vater hatte nur noch eine Schwester) war niemand auch nur NSDAP-Mitglied. Als der Druck, in die Partei einzutreten, auch auf kleine Beamte zu groß wurde, ließ sich mein Großvater mit etwas über 50 Jahren pensionieren. Wie er das gemacht hat, ist mir ein Rätsel. Er wurde über 80 Jahre alt. Sicherlich war er kein Widerstandskämpfer, aber er hatte seine Prinzipien. Zu denen gehörte, dass er sich in den ganzen Jahren der Naziherrschaft weigerte, bei den zahlreichen Anlässen, bei denen zur Beflaggung der Häuser aufgerufen wurde, eine Fahne zu hissen. Meine niederrheinische Familie war einfach zu katholisch, um nationalsozialistisch zu sein.

Katholisch ist anscheinend nicht gleich katholisch. Nach einem Bombenangriff wurden wir nach Oberschwaben evakuiert. Unsere Wohnung am See konnte nicht mehr bewohnt werden. Der oberschwäbische Katholizismus ließ sich, anders als der rheinische, in vielen Fällen gut mit der Naziidelogie verbinden. Hier schloss das eine das andere nicht aus.

Mein Vater war nie Soldat. Zum einen war er kurzsichtig, zum anderen waren wegen eines Betriebsunfalls zwei Finger der linken Hand ab den mittleren Fingergelenken amputiert. Das und seine Arbeit in einem Rüstungsbetrieb bewahrten ihn vor dem Kriegseinsatz und möglicher Gefangenschaft. Dies war ihm Zeit seines Lebens immer etwas peinlich. Uns Kindern aber blieb ein traumatisierter Vater erspart.

Die Studentenproteste ab dem Jahr 1968 hatten mit meiner Lebenswirklichkeit nichts zu tun. Ich war 26 Jahre alt, berufstätig, verheiratet und Mutter eines vierjährigen Kindes. Dies unter einen Hut zu bekommen, brauchte all meine Kräfte. Mein Mann war von Beginn seiner Berufsausbildung an in der Gewerkschaft IG Metall aktiv. Arbeitskollegen überredeten ihn, in eine katholische Laienbewegung für Männer einzutreten. Diese bildete die Männer vor allem in Rhetorik weiter. Die Idee war, die Männer zu befähigen, sich in ihrem Umfeld im Sinne der katholischen Soziallehre einzubringen. Zu Beginn der 70er Jahre gab es auch eine Frauengemeinschaft dieser Organisation, zu der ich dann gehörte. Auch hier redeten wir über Probleme des Glaubens, der Kirche und der Zeit.

Es fällt mir schwer, mich noch einmal in diese Zeit zurückzuversetzen. In meiner oberschwäbischen Kleinstadt herrschten, zumindest an der Oberfläche, die moralischen Vorstellung der katholischen Kirche. Doch das war eben nur die Oberfläche. Eine ganze Gesellschaft vertrat nach außen hin Wertvorstellungen, die im Innern nicht gelebt wurden. Der berühmte Kuppeleiparagraph hatte noch seine Gültigkeit. Er führte dazu, daß Paare nur eine Wohnung bekommen konnten, wenn sie den Trauschein vorlegten. Wenn man zusammen leben wollte, blieb einem nur, früh zu heiraten. Geschlechtsverkehr vor der Ehe sollte es nicht geben, er wurde verheimlicht. Mit der Verhütung ging es oft schief (oder wurde gar keine angewandt?). Kam es zu einer Schwangerschaft, wurde geheiratet. Trotzdem wurden solche erzwungenen Heiraten als Schande für die ganze Familie angesehen. Diese wurde nur noch übertroffen von der, ein „sitzengelassenenes“ Mädchen zu sein, das ein „lediges Kind“ zur Welt brachte (als ob Kinder verheiratet zur Welt kommen könnten).

Heirat war natürlich keine Lösung für das Problem der Verhütung. Die von der katholischen Kirche bis heute propagierten Methoden verhalfen autoritätsgläubigen Katholiken zu überproportional vielen Kindern. Alle andern hielten sich nicht daran und schwiegen. Schon meine Großmutter, eine sehr gläubige Frau, war der Meinung, die Kirchenmänner verstünden nichts von den Problemen der Familien und hier insbesondere der Frauen. Unverheiratete Frauen, die bis ins hohe Alter als Fräulein angesprochen wurden, bezeichnete man herablassend als alte Jungfern. Allein aufgrund einer Scheidung wurden Frauen als moralisch zweifelhaft angesehen.

Wir Frauen waren in keiner Weise gleichberechtigt. Um über ein gemeinsames Bankkonto verfügen zu können, musste mir mein Mann eine Verfügungsberechtigung ausstellen, die er jederzeit hätte widerrufen können. Dies, obwohl auch mein Gehalt auf dieses Konto überwiesen wurde. Viele Frauen wussten nicht, was ihre Männer verdienten. Sie bekamen Haushaltsgeld und wurden über die Finanzsituation der Familie im Unklaren gelassen. Kinder schränkten die Möglichkeiten zur Berufstätigkeit der Frauen ein. Eine öffentliche Kinderbetreuung vor dem vollendeten 3. Lebensjahr des Kindes gab es nicht. Die Kindergarten- und Schulzeiten und die Arbeitszeiten in den Betrieben stimmten nicht überein.

Hinzu kam, daß die Schul- und Berufsausbildung der Mädchen in der Regel dürftig waren. Acht Jahre Volksschule genügten. Es lohnte sich nicht, viel zu investieren, da angenommen wurde, daß sie sowieso heirateten und Kinder bekommen würden. Aus der Klasse meiner älteren Schwester, geboren 1939, erlernten nur drei oder vier von über 60 Mädchen einen Beruf. Die Fabriken stellten die ungelernten Arbeiterinnnen ein und zahlten ihnen für die damaligen Verhältnisse einen guten Lohn. Mit diesem konnten sie die Aussteuer, die jedes anständige Mädchen haben musste, verdienen. Eine gelernte Verkäuferin verdiente deutlich weniger.

Meinen ersten Teilzeitarbeitsvertrag bekam ich 1968. Mit der Teilzeitarbeit wurden ausschließlich Frauen für den Arbeitsmarkt mobilisiert. Die Möglichkeit der gleitenden Arbeitszeit habe ich nicht mehr erlebt. Ich musste morgens immer zur gleichen Zeit erscheinen, ganz gleich, wie die Situation zu Hause war. Nur wenn es sich für die Firma vorteilhafter auswirkte, konnte meine Arbeit durchaus auch auf den Abend verlegt werden.“

Freuen Sie sich auf nächste Woche, wenn die Mutter des alten Bolschewiken weiter berichtet:

„Mir wurde zum ersten Mal in voller Tragweite bewusst, was es bedeutet, eine Frau zu sein. Da saßen Männer, vollkommen überzeugt, dass sie das Recht hätten, untereinander über Frauen zu beraten.“

Nachweise

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Written by alterbolschewik

8. August 2014 um 15:34

Veröffentlicht in Feminismus, Paragraph 218

Eine Antwort

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  1. Aufgrund eines recht schweren Unfalls ist mir dieser Teil glatt „durchgerutscht“. Da stehen ja schon die Antworten meiner Fragen, die ich zum nachfolgenden Posting gestellt hatte.

    In Teilen Norddeutschlands war es gar bis in die 70er Jahre hinein so, dass es – man glaubt es kaum – überhaupt keine vorschulische Kinderbetreuung gab. Für meine Mutter bedeutete das das Ende des angefangenen Lehramtsstudiums. Nach drei Kindern und 9 Jahren Pause mit Kinderbetreuung 24 h am Tag und 365 Tage im Jahr sowie einem sich nicht wesentlich engagierenden Mann (den damaligen bürgerlichen Standards entsprechend) war es aus. Der Abstand war einfach zu groß geworden.

    Ärgerlich nur, dass sie nicht den plausiblen Schluß aus ihrer Geschichte zieht. Sie ist darüber ein wenig verbittert geworden. So wirft sie meiner Frau vor, mich „zu wenig zu unterstützen“ (Wobei? Wahrscheinlich beim Karrieremachen). Dabei hat meine Frau aufgrund der geteilten Kinderbetreuung (immerhin auch drei Kinder) ihr Studium beenden und sich beruflich etablieren können. In der Tat bedeutete die geteilte Kinderbetreuung (die vor 10 Jahren noch keineswegs selbstverständlich war, zumindest nicht als Mediziner!!!) für mich auch ein klein wenig berufliche Benachteiligung, sprich: So wird man halt nicht Chefarzt! Mein Gott! Wie furchtbar! Was für ein Opfergang!
    Aber Spaß beiseite: Der Weg der geteilten Betreuung war natürlich richtig. Anders gibt es immer eine/n wirtschaftlich Abhängige/n und das war und ist – siehe Ihre Serie – meistens die Frau.

    So, das ist nun ziemlich persönlich geworden, eigentlich mein persönlichster Kommentar in der Blogosphäre überhaupt. Aber Ihre Mutter hat ja auch sehr persönlich berichtet und anders geht es ja gar nicht bei diesem Thema. Grüße, natürlich auch an die Mutter.

    summacumlaudeblog

    20. August 2014 at 22:14


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