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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Ein Zeitzeuginnenbericht (2)

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Der Kampf gegen den § 218 (7)

Was bisher geschah: Die Mutter des alten Bolschewiken berichtete, wie es um die Rolle der Frauen in der oberschwäbischen Provinz der 60er Jahren und 70er Jahre bestellt war. Heute wird dieser Bericht fortgesetzt.

„Die ersten Diskussionen um die Reform des § 218, des sogenannten Abtreibungsparagraphen begannen, auch in unserer katholischen Frauengruppe. So ganz allmählich merkte ich, dass meine Ansichten und Überzeugungen nicht der allgemeinen Lehrmeinung entsprachen. Meine erste Reaktion war, es solle doch erst einmal eine vernünftige Schwangerschaftsverhütung eingeführt werden, dann würde sich das Thema von selbst erledigen. Wenn eine Frau schon bei der Verhütung ein schlechtes Gewissen habe, würde sie sicherlich nicht leichtfertig eine Abtreibung vornehmen lassen. Es wollte nicht in meinen Kopf, warum eine Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruchs der Untergang des Abendlandes sein sollte. Damit ging doch kein Zwang zum Schwangerschaftsabbruch einher.

Ich weiß noch, dass zu Demonstrationen gegen die Reform des § 218 aufgerufen wurde. Da ich nie an einer teilgenommen habe, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob, wo und wie diese stattgefunden haben.

Nein, in diese verlogene, bigotte Welt möchte ich nicht mehr zurück. Alles was später kam war besser. Die Kämpfe im Privaten wie im Berufsleben, die ich ausfocht, brauchten Kraft und Nerven, dafür bekam ich mehr Freiheit und Unabhängigkeit. Auch die langsame Abwendung von der katholischen Kirche, die mit dem Verlust von durchaus guten Beziehung einher ging, war zwar schmerzlich, aber notwendig. Stück für Stück verlor ich meinen Kinderglauben.

Am 6. Juni 1971 wurde in der Zeitschrift Stern der legendäre Artikel „Wir haben abgetrieben“ veröffentlicht. Viel später stellte sich heraus, dass einige der Frauen schlichtweg gelogen und nie abgetrieben hatten. Dass sie das dennoch behaupteten, kann ich gut verstehen, denn eine unsägliche Diskussion war entbrannt. Es ging längst nicht mehr nur um die Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruchs, sondern auch um „die Pille“ und vor allem um das Selbstbestimmungsrecht der Frauen.

Wahrscheinlich meinem losen Mundwerk hatte ich es zu verdanken, dass ich zu einer Podiumsdisskusion über den § 218 eingeladen wurde. Wo diese Tagung stattfand, weiß ich nicht mehr. Es war jedenfalls noch vor der Veröffentlichung des Artikels im Stern. Auch der Veranstalter ist mir nicht mehr in Erinnerung. Bei der Fahrt dorthin saßen außer mir nur noch Männer im Auto, darunter auch ein Landtagsabgeordneter und ein Biologe. Wir waren repräsentativ für die Zusammensetzung der vollbesetzten Tagung. Experten (Expertinnen gab es keine, später wurde bei Diskussionen meist auch eine konservative Frau gefunden und präsentiert) äußerten sich stundenlang zu dem Thema. Sie wussten, mit Berufung auf ihr Fachgebiet, ganz genau, wie Frauen denken und fühlen. Was das Weibliche ausmacht, was gut und was schlecht ist, wo die ethischen Grenzen lagen usw. Mir wurde zum ersten Mal in voller Tragweite bewusst, was es bedeutete, eine Frau zu sein. Da saßen Männer, die vollkommen davon überzeugt waren, dass sie das Recht hätten, untereinander über Frauen zu beraten. Die progressiven Wohlmeinenden brachten mich dabei fast noch mehr auf die Palme als die ewig gestrigen Moralapostel.

Es war offensichtlich, dass hier etwas gewaltig schief lief. Wie konnte es sein, dass Männer auf einem Gebiet das große Wort führten, das doch in erster Linie die Frauen betraf? Warum waren drei Viertel der Anwesenden Männer?

Eine Aussprache sollte sich anschließen. In mir hatte sich ein unbändiger Zorn entwickelt. Zu meiner eigenen Überraschung stand ich am Rednerpult vor dem Mikrofon. Vor kalter Wut hatte ich keinerlei Hemmungen mehr angesichts der auf dem Podium sitzenden Kapazitäten. Was ich da zum Besten gab, weiß ich nicht mehr. Ich nehme an, es waren bissige Kommentare zum zuvor Gehörten. Ob ich Beifall bekam, ist mir auch nicht in Erinnerung, zumindest hat niemand gebuht. An was ich mich noch gut entsinne, sind die Frauen, die anschließend auf mich zu kamen. Wir standen in einer Gruppe zusammen, in seltener Eintracht.

Nie wurde mehr darüber geredet, was weiblich beziehungsweise männlich sei, als zu dieser Zeit – vor allem über das „Weibliche“. Alle alten Vorstellungen von Weiblichkeit lebten nochmals auf. Die mütterliche, selbstlose, gebärende, der Erde verbundene, die Familie zusammenhaltende, dem Manne den Rücken freihaltende Frau wurde beschworen. Gleichzeitig artikulierten sich die Proteste der Frauen immer schärfer. Viele von uns sahen und fühlten sich in diesen Vorstellungen nicht mehr gemeint.

Diese Diskussionen waren für mich ein Signal, nicht mehr den Mund zu halten, wenn Männer über mich hinweg Meinungen verbreiteten und Beschlüsse fassten, in der festen Überzeugung, ihre Privilegien zu Recht zu behaupten. Trotzdem war eine zunehmende Verunsicherung der Männer zu spüren. Die Proteste und Argumente der Frauen konnten von denkenden Männern nicht einfach zur Seite geschoben werden. Es war für mich eine unglaubliche Entdeckung, mit meinem bisher nicht artikulierten Unbehagen an den bestehenden Verhältnissen nicht allein zu stehen. Als einmal der Anfang gemacht war, den Blick auf die Ungerechtigkeiten zu richten, die uns Frauen betrafen, und diese zu benennen, gab es kein Zurück mehr. Wir wollten unsere, ich wollte meine uneingeschränkten Menschenrechte, mein Recht auf Selbstbestimmung in allen Bereichen meines Lebens haben.

Die Aufklärungsfilme, die Oswalt Kolle zwischen 1968 und 1972 drehte, bewirkten, zusammen mit seinen Publikationen, dass auch in unserem verklemmten Oberschwaben über Sexualität offener gesprochen wurde. Ich kann mich noch gut an ein Gespräch in privater Runde erinnern, in dem ein Mann im Brustton der Überzeugung verkündete, dass Frauen ganz anders seien als Männer und kein Interesse an Sex hätten. Es war ein Moment Stille im Raum, wir Frauen schauten uns an und sind dann in schallendes Gelächter ausgebrochen.

Der Schlachtruf „Mein Bauch gehört mir“ war eine Kampfansage, die über die Forderung nach der Reform des § 218 weit hinaus ging. Durch die Pille konnten Frauen viel leichter ein selbstbestimmtes Leben anstreben. Zunehmend spalteten sich die Frauen in zwei Lager. Die einen, die „weiblichen Frauen“, wurden von den meisten Männern sehr wohlwollend zur Kenntnis genommen und mit Zustimmung bedachte. Die anderen waren „Emanzen“, was durchaus als Schimpfwort gemeint war und als letztes Totschlagargument benutzt wurde. Die Männer, die sich an ihre Privilegien klammerten, und auch die Frauen, die sich mit der bestehenden Ordnung einverstanden erklärten, reagierten mit unverhohlener Aggression. Exemplarisch wurde das deutlich an den Beleidigungen und der Häme, mit der Alice Schwarzer überschüttet wurde.

Leider weiß ich nicht, wie es heute den jungen Frauen geht, wenn sie sich im Beruf und privat behaupten müssen. Wie sie mit der Doppelbelastung von Familie und Beruf umgehen. Wie es für sie ist, auf eine Beziehung nicht bauen zu können und trotzdem Kinder zu haben, oder sich dagegen zu entscheiden. Sicher gibt es, wie in jedem Leben, ein Auf und Ab. Ein sich Verlieren und wieder Finden und erneutes Scheitern. Aber es ist eine Geschichte, für die die Frauen selber die Verantwortung übernehmen müssen. Sie haben die Möglichkeiten es zu tun.“

Damit schließt dieser Erfahrungsbericht aus gar nicht so lang vergangenen Zeiten. Nächste Woche blicken wir kurz über den Rhein nach Frankreich, wo sich eine ähnliche Entwicklung vollzog wie in der Bundesrepublik Deutschland. Freuen Sie sich also darauf, daß im Anschluß an den Pariser Mai 1968 ein Flugblatt verteilt wurde, in dem es hieß:

„Studentin, Arbeiterin, auch wenn Du auf den Barrikaden gestanden hast, zähltest Du während der Proteste jemals zu den führenden Persönlichkeiten? Auch wenn Du an vielen Diskussionen teilgenommen hast, warst Du jemals in der Lage, Deine Bedürfnisse wirklich zu formulieren?“ (zit. nach [1], S. 99)

Nachweise

[1] Schulz, K., Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968–1976, Frankfurt a.M. / New York 2002 (http://www.hist.unibe.ch/unibe/philhist/hist/content/e267/e6141/e8165/datei/datei/schulz_provokation_ger.pdf).

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Written by alterbolschewik

15. August 2014 um 12:00

Veröffentlicht in Feminismus, Paragraph 218

4 Antworten

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  1. Die wunderbare Serie kann nicht genug gelobt werden. Es wäre schön für mich, hätte ich familliär ähnliche Erfahrungsberichte sammeln können. Leider ging es bei uns nie über das „die Sozen können nicht mit Geld umgehen“ hinaus. Naja, (fast) egal.

    Wie war das eigentlich? Die bis Mitte der 60er Jahre hinein gut zu nennenden Arbeitslosen- und Wirtschaftsdaten hatten doch nicht wenig damit zu tun, dass sich die Haus- und Ehefrauen so gut wie nie arbeitslos meldeten, brav am Herd die Statistik niedrig hielten. Oder stolpere ich da über einen Denkfehler?
    Dann kam ja die erste Rezession in der Geschichte der Bundesrepublik mit Zahlen, die heute lächerlich wirken. Damals aber für Verwirrung sorgten. Es ging eben nicht immer nur bergauf, die Wirtschaft war (ist) offenbar doch eine Berg-und Talfahrt.
    Worauf die zweite Frage folgt: Der neue Geist der Empörung, der Emanzipation und der Revolte! Hat dieser Geist mit der Rezession direkt zu tun?

    summacumlaudeblog

    18. August 2014 at 18:43

  2. Es stimmt, wer arbeiten wollte, konnte Arbeit finden. Frauen bevorzugt als Fabrikarbeiterinnen. Als meine Eltern 1953/54 für meine Schwester einen Ausbildungsplatz suchten, konnten sie trotz vieler Bemühungen keinen finden. Unsere Mutter wollte sich damit abfinden, nur unser Vater blieb hartnäckig und suchte auch im weiteren Umkreis, egal was. So kam meine Schwester zu ihrer Lehrstelle bei guten Bekannten unserer Eltern. Die Bedingung war, dass sie zuerst ein Jahr als Kindermädchen und im Haushalt arbeitete. Vier Jahre wohnte sie bei ihren Lehrmeistern. Obwohl die Entfernung nur 15 km betrug, konnte sie wegen der langen Arbeitszeiten nur am Wochende mit ihrem Rad (ohne Gangschaltung) nach Hause fahren.

    Fünf Jahre später, als ich mit dem Berufsleben anfing, warben die Firmen an der Fachschule um uns.

    Die erste Kurzarbeit meines Mannes traf uns völlig unvorbereitet. Dabei hatten wir noch das Glück, dass mein Arbeitsplatz nicht davon betroffen war. In vielen Familien reichte der Verdienst des Mannes gerade so bis zum Ende des Monats. Wie sie mit dem Verdienstausfall zurecht kamen, weiß ich nicht. Ob der Warnschuss viel bewirkt hat, bezweifle ich. Wir „Doppelverdiener“ wurden höchstens noch mehr beneidet.

    Anfang der 70er Jahre wurde die Firma in der ich arbeitete verkauft und umstrukturiert. Dabei zeigte sich, dass in der Verwaltung zu viele Angestellte arbeiteten. Das Problem konnte sehr einfach gelöst werden. Allen Halbtagskräften wurde gekündigt. Damit verloren ausschließlich Frauen ihren Arbeitsplatz. Alle Männer arbeiteten sowieso Vollzeit.

    Mutter

    19. August 2014 at 16:00

  3. „Es stimmt, wer arbeiten wollte, konnte Arbeit finden. Frauen bevorzugt als Fabrikarbeiterinnen.“ also wie ich natürlich bereits ahnte von Gleichberechtigung keine Spur. Diese Rolle des „Knuffers/Knufferin“, die in den 50er Jahren zunächst die Frauen auszufüllen hatten, mussten dann die sog. Gastarbeiter übernehmen.
    Bei den mir bekannten bürgerlichen Verhältnissen war es aber so, dass die Frauen am Herd und bei den Kindern blieben und sich nicht beim Amt meldeten. Das wäre im sozio-kulturellen Umfeld auch nicht verstanden worden. Hast doch einen Mann! So blieb die Arbeitslosenquote lange niedrig, obwohl sie es längst nicht mehr war. Heute beziehen diese Frauen Witwenrenten, da sie selbst kaum einzahlen konnten.

    Zu den sog. Gastarbeitern nur so viel: Ich sah vielen die Renten davon schwimmen, weil sie einen frühen Tod starben. Das „sozial verträgliche Frühableben“ – bei den „Gastarbeitern“ war es Realität. Ich vermute, dass das teilweise unmenschliche Ge“knuffe“ hier einen entscheidenden Anteil hatte.

    summacumlaudeblog

    20. August 2014 at 8:35

    • Zu den Zeitumständen kann meine Mutter sicherlich besser antworten als ich – was sie ja auch schon getan hat.
      Zur zweiten Frage, ob die Rezession mit der Rebellion der damaligen Jahre direkt etwas zu tun hatte, würde ich sagen: Wenig. Sie entlarvte zweifellos die Propaganda von der „sozialen Marktwirtschaft“ und der „Sozialpartnerschaft“, die die Krisen des Kapitalismus ein für allemal gebändigt hätten, als bloße Fiktion. Indirekt hatte dies allerdings ungeheure Implikationen: Dadurch wurde der Neo-Marxismus, der damals aufkam, scheinbar empirisch unterfüttert. Die Septemberstreiks 1969 taten ein übriges. Krise und Klassenkampf schienen auf einmal wieder durchaus brauchbare Begriffe, um die Verhältnisse in der BRD zu verstehen und dagegen anzuagitieren.
      Das führte dann in weiten Teilen der Bewegung zur unreflektierten Übernahme marxistisch-leninistischer Organisations- und Politik-Modelle. Das anti-autoritäre Lager, das ganz wesentlich die Umgestaltung der realen Verhältnisse in der BRD vorangetrieben hatte, und zwar ziemlich erfolgreich, schrumpfte, während Dogmatismus und Autoritarismus in der Linken die Überhand gewann.
      Man konnte dies ja an der Geschichte des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen sehen: Aus einem konkret im Sinne der Frauen agierenden losen Gruppierung wurde ein straff organisierter Schulungszirkel, der praktische jegliche Außenwirkung verlustig ging.

      alterbolschewik

      20. August 2014 at 16:45


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