shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Frauenbefreiung. Das Jahr Null

with 2 comments

Der Kampf gegen den § 218 (8)

„Es ist uns bewußt geworden, daß es, nach dem Vorbild aller unterdrückter Gruppen, an uns selbst liegt, unsere eigene Befreiung anzugehen.“

Partisans Nr. 54/55 (Juli-Oktober 1970): Frauenbefreiung. Das Jahr Null

Was bisher geschah: In den letzten Folgen hatten wir den Kampf gegen den Abtreibungsparagraphen, wie er vor der spektakulären Aktion im Stern geführt wurde, dargestellt. Abgeschlossen hatten wir mit einem Zeitzeuginnenbericht, der die repressive Stimmung dieser Jahre in der oberschwäbischen Provinz schilderte – und den Emanzipationsprozeß, der daraus erwuchs.

Der heutige Text ändert, scheinbar abrupt, den Schauplatz. Statt zu berichten, wie sich die Agitation gegen den § 218 weiterentwickelte, richten wir unseren Blick nach Frankreich. Das hat einen guten Grund: Die Aktion, die den nächsten Schritt dieser Geschichte in der Bundesrepublik markiert, war kein einheimisches Gewächs, sondern wurde aus Frankreich importiert. Insofern ist es ganz sinnvoll, die französische Entwicklung zumindest zu skizzieren.

Wer der irrigen Meinung ist, Frankreich sei ein in sexueller Hinsicht aufgeklärtes Land und hätte einen lockerere Haltung in Sachen Abtreibung, sitzt einem schweren Irrtum auf. Die katholische Tradition des reaktionären Frankreichs führte schon 1810 zu einer expliziten Abtreibungsgesetzgebung, gut sechzig Jahre, bevor dies im Deutschen Reich durch den § 218 geregelt wurde. In der Folge des ersten Weltkrieges wurde dann 1920 die Gesetzgebung verschärft – schließlich sollten die Gefallenen des Weltkrieges möglichst schnell ersetzt werden. Und so wurde nicht nur Abtreibung zu einem Verbrechen erklärt, sondern selbst der Verkauf von Verhütungsmitteln und die Aufklärung über Empfängnisverhütung unter Strafe gestellt.

1923 wurde das Gesetz dahingehend geändert, daß Abtreibung nun nicht mehr als Verbrechen, sondern nur als Delikt angesehen wurde. Diese scheinbare Entschärfung des Gesetzes war allerdings keineswegs menschenfreundlich: Sie diente dazu, die Rate der Verurteilungen hochzusetzen. Als Verbrechen hatte die Abtreibung vor einem Schwurgericht verhandelt werden müssen und die Geschworenen neigten notorisch dazu, mildernde Umstände gelten zu lassen. Indem die Abtreibung zum Delikt heruntergestuft wurde, entfiel die Verhandlung vor Geschworenen, die Zahl der Verurteilungen schnellte nach oben.

Doch es kam noch schlimmer: Ähnlich wie in Deutschland unter den Nazis erklärte 1942 die Vichy-Regierung Abtreibung zu einem Staatsverbrechen, auf das die Todesstrafe stand. 1943 wurde deshalb Marie-Louise Giraud auf die Guillotine geschickt. Nach der Befreiung Frankreichs wurde dieses Gesetz zurückgenommen, aber die Gesetze von 1920 und 1923 blieben bestehen.

Dagegen wandte sich der 1957 gegründete Verein Maternité heureuse (glückliche Mutterschaft), der dann 1960 im Mouvement français pour le planning familial (Französische Bewegung für die Familienplanung) aufging. Diese Organisation importierte illegal Diaphragmen und Spermizide aus Großbritannien, später auch die Pille aus den USA. In den lokalen Zentren des Vereins wurden die Verhütungsmittel vertrieben und die Frauen in ihrem Gebrauch unterwiesen.

1967 wurde wenigstens das Verbot von Verhütungsmitteln aufgehoben, wenn auch die Werbung dafür verboten blieb. Allerdings vergingen noch einmal fünf Jahre zwischen der Verabschiedung des Gesetzes bis zu dessen Rechtsgültigkeit. Doch wie in der Bundesrepublik Deutschland beeinflußte der Kampf gegen die Abtreibungsgesetzgebung die Anfänge der zweiten Frauenbewegung zunächst einmal nicht. Diese entwickelte sich vielmehr aus den antiautoritären Bewegungen heraus.

Der Mai 1968, der Frankreich stärker erschütterte als alles, was sich im Rahmen der antiautoritären Bewegungen in der Bundesrepublik ereignete, führte merkwürdigerweise nicht dazu, daß öffentlich sichtbare Frauenorganisationen entstanden. Eine Organisation wie den Aktionsrat zur Befreiung der Frauen sucht man im Frankreich der Jahre 1968 und 1969 vergebens. Das heißt nicht, daß es nicht kleinere Zirkel gab. Zum einen gab es die Gruppe féminin, masculin, avenir (FMA – weiblich, männlich, Zukunft). Diese war mit der Frauenorganisation der Sozialistischen Partei verbunden und organisierte auch schon vor dem Mai 1968 Treffen, bei denen das Verhältnis zwischen den Geschlechtern thematisiert wurde. Mehr als ein Dutzend Personen beiderlei Geschlechts nahmen an diesen Treffen allerdings nicht teil. Als dann im Rahmen der Maiunruhen die Sorbonne besetzt wurde, ging die FMA erstmals an die Öffentlichkeit:

„Spontan entschloss man sich, für den 4. Juni 1968 eine Debatte zum Thema »Frauen in der Revolution« in einem der Hörsäle der Sorbonne zu organisieren. Im Anschluss an die gut besuchte Veranstaltung erhielt die FMA regen Zulauf.“ ([1], S. 99f)

Natürlich fiel der FMA das Offensichtliche auf. Das Verhalten der Männer in der Revolte unterschied sich, bei aller behaupteten Progressivität, nicht von dem der Gesamtgesellschaft. Männer führten das große Wort, die Frauen wurden in eine reine Statistinnenrolle gedrängt. Und so stellte FMA in einem Flugblatt vom Sommer 1968 zurecht die Frage:

„Student, Arbeiter, auch wenn Du alles und jedes hinterfragst […], hast Du daran gedacht, die Beziehung zwischen Mann und Frau infrage zu stellen?“ (zit. nach [1], S. 100)

Offensichtlich nicht. Und genau so offensichtlich gedachten die Männer auch nicht, in Zukunft daran etwas zu ändern. Für die FDA hieß das, daß der Aufschwung der Gruppe nur von kurzer Dauer war:

„Die Mobilisierung von bis zu 40 Teilnehmern hielt jedoch nur kurzfristig an. Nach der Sommerpause des Jahres 1968, die für viele andere Aktionskomitees und Initiativen der Mai-Bewegung das Aus bedeutete, verblieben in diesem Kreis nur noch eine Handvoll Personen.“ ([1], S. 100)

Noch weniger öffentlich sichtbar war ein anderer Zirkel, der sich im Herbst 1968 gründete und der zunächst keinen Namen trug. Während die FMA, wie bereits der Name andeutete, zunächst eine gemischtgeschlechtliche Gruppe war, konstituierte sich der namenlose Zirkel als ein exklusives Frauentreffen. Anfangs handelte es sich um einen reinen Debattenzirkel, der sich in Privatwohnungen traf. Führende Gruppenmitglieder waren die Schriftstellerin Monique Wittig und die spätere Psychoanalytikerin Antoinette Fouque. Worüber wurde diskutiert? Fouque erinnert sich:

„Wir haben Marx, Freud, Lacan durchgearbeitet, über die Hysterie und die Widersprüchlichkeit der Sexualität gesprochen.“ (zit. nach [1], S. 100)

Das kam nicht von ungefähr: Fouque war zu dieser Zeit Lektorin beim Verlag Seuil und über ihre Arbeit mit Lacan und Derrida vertraut, 1969 begann sie eine Analyse bei Lacan.

Erst 1970 trat diese Gruppe in die Öffentlichkeit. Am 30. März riefen sie zu einer Frauenversammlung an der Universität Paris-Vincennes auf. Dieser Ort war nicht zufällig. Die erst im Herbst 1968 frisch gegründete Universität Vincennes war ein Brennpunkt linksradikaler Aktivitäten in der Folge des Mai 1968. Nicht nur die ganzen politischen Gruppen und Sekten waren stark vertreten und beherrschten die universitäre Öffentlichkeit. Auch das Lehrpersonal gehörte teilweise zur radikalen Avantgarde. Das Lehrpersonal schloß beispielsweise Hélène Cixous, Gilles Deleuze und Michel Foucault ein. Und, für die Gruppe um Wittig und Fouque ganz wichtig: Auch wenn Lacan selbst nicht dort lehrte (er war abgelehnt worden), war diese Universität eine Hauptbastion der lacanschen Variante der Psychoanalyse.

An dieser Universität fand also im Frühjahr 1970 die erste explizit von Frauen organisierte öffentliche Versammlung seit dem Juni 1968 statt:

„Der Einladung gefolgt sind etwa dreißig Frauen. Sie bereiten T-shirts, Banderolen und Anstecker für eine Demonstration vor. Als Erkennungszeichen wird das in der Biologie verwendete Symbol für das weibliche Geschlecht gewählt, ergänzt durch eine geballte Faust im Innern des Kreises.“ ([1], S. 102)

Die Demonstration fand dann wohl statt, fand aber offensichtlich keinerlei Echo in der französischen Öffentlichkeit:

„Wann die Demonstration in Vincennes schließlich stattgefunden hat, ist – trotz des großen Andrangs, den Antoinette Fouque in mehreren Interviews bestätigt – nicht mehr zu rekonstruieren. Die Akteurinnen bestätigen, dass in der Presse über das Ereignis nicht berichtet wurde.“ ([1], S. 102)

Allerdings kamen durch diesen Schritt in die Öffentlichkeit die Gruppe von Wittig und Fouque mit der FMA in Kontakt. Eine weitere Veranstaltung fand dann am 4. Juni statt. Im Aufruf wurden Männer explizit ausgeschlossen – was zu einer wüsten verbalen Auseinandersetzung mit den linksradikalen Sekten auf dem Campus führt. Diese wollten das Treffen „im Namen der Revolution“ verhindern (zit. nach [1], S. 102). Eine Polemik schloß sich an:

„»Seit wann müssen die Unterdrückten ihre Unterdrücker um die Erlaubnis zur Revolte bitten?« – »Wenn wir euch nicht unterstützen, ist eure Bewegung zum Scheitern verurteilt!« – »Nieder mit den Unterstützern. Wir wollen uns von unseren Unterstützern befreien!« – »Ihr seid ja alle unbefriedigt!« (»mal baisées«)“ ([1], S. 102)

Diese Auseinandersetzung führt dann zu einem der ersten veröffentlichten Dokumente der zweiten Frauenbewegung in Frankreich, dem Artikel „Contre le terrorisme mâle. La Révolution fera le ménage“ (Gegen den männlichen Terrorismus. Die Revolution wird aufräumen), der in der Zeitschrift L’Idiot international publiziert wurde, wo einige der Frauen bereits in der April-Nummer einen Artikel veröffentlich hatten.

Doch all dies hat keine größer Außenwirkung. Es fehlte das symbolische Ereignis, an dem sich der Protest kristallisieren konnte. Dieses symbolische Ereignis, das analog dem Tomatenwurf Sigrid Rügers in der BRD als symbolische Geburtsstunde der französischen Frauenbewegung gilt, fand dann am 26. August 1970 statt.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn es heißt:

„Es gibt jemand Unbekannteren als den unbekannten Soldaten – seine Frau“

Nachweise

[1] Schulz, K., Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968–1976, Frankfurt a.M. / New York 2002 (http://www.hist.unibe.ch/unibe/philhist/hist/content/e267/e6141/e8165/datei/datei/schulz_provokation_ger.pdf).

Advertisements

Written by alterbolschewik

22. August 2014 um 16:03

2 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. „Wer der irrigen Meinung ist, Frankreich sei ein in sexueller Hinsicht aufgeklärtes Land und hätte einen lockerere Haltung in Sachen Abtreibung, sitzt einem schweren Irrtum auf. Die katholische Tradition des reaktionären Frankreichs führte schon 1810 zu einer expliziten Abtreibungsgesetzgebung, “ aber das lag neben dem Einfluß der katholischen Kirche auch an der Revolution, die sich gegen den Adel und damit eben gegen das moralisch freizügige Rokkoko zur Wehr setzte. Nicht umsonst war Fragonard in Frankreich lange vergessen. Man darf allerdings nicht vergessen, dass die Zeit vor 1789 in Frankreich eben nur für eine kleine Schicht Freizügigkeit bedeutete.
    Manche Reaktionäre ziehen heute fälschlich den Schluß daraus, das ancien regime wäre freizügig gewesen, nur die moralinsaure Revolution hätte als Prototyp des linken Spaßverderbers dieser Freizügigkeit den Saft abgedreht. Also ganz so war es nicht. Das Volk hatte natürlich keine Freitügigkeit sondern Fron.

    summacumlaudeblog

    25. August 2014 at 21:24

    • Ich muß gestehen, daß ich mehr als das Jahr der ersten Abtreibungsgesetzgebung in Frankreich bislang nicht herausfinden konnte; theoretisch wäre es durchaus möglich, daß diese Gesetzgebung sogar eine Verbesserung des status quo dargestellt haben könnte (ich bin da allerdings pessimistisch). Zumindest in in Deutschland wurde Abtreibung vor der entsprechenden Gesetzgebung als Kindesmord verhandelt – wobei ich auch nicht weiß, welches Strafmaß dann angelegt wurde.

      Im übrigen gebe ich Ihnen natürlich Recht, daß der Moralismus des reaktionären Frankreichs sich auch und gerade gegen den Adel und dessen lockere Sitten richtete.

      alterbolschewik

      26. August 2014 at 16:28


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s