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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die Frau des Unbekannten Soldaten

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Der Kampf gegen den § 218 (9)

„Wir fühlten uns als direkte Erbinnen der Suffragetten, sowohl was die Theorie betraf als auch und vor allem im Hinblick auf die Anwendung gewaltsamer Methoden. Leider hatten wir bislang noch keine Möglichkeit gefunden, sie anzuwenden…“

Anne Zelensky

Was bisher geschah: Der Mai 1968 in Frankreich brachte keine unmittelbar sichtbare Frauenbewegung hervor. Erst im Frühjahr 1970 fanden einige schon länger existierende Zirkel zusammen und traten an die Öffentlichkeit. Eine erste Demonstration, die von der Universität Paris-Vincennes ausging, blieb so ohne Resonanz, daß heute nicht einmal mehr ihr Datum rekonstruierbar ist.

Die Herangehensweise in Frankreich war eine völlig andere als in der BRD. Dort war der Berliner Aktionsrat zur Befreiung der Frauen vor allem praktisch tätig geworden – durch Gründung antiautoritärer Kinderläden oder die Unterstützung eines Kindergärtnerinnenstreiks. Die Französinnen hatten sich dagegen zwei bis drei Jahre lang (je nachdem, welche Gruppe man nimmt) in eher privaten Zirkeln theoretisch und unter weitgehendem Ausschluß der Öffentlichkeit mit Fragen der Frauenemanzipation beschäftigt. Der Gang an die Öffentlichkeit gestaltete sich dementsprechend: Die ersten Schritte waren publizistischer Natur.

Es begann, wie bereits letzte Woche erwähnt, mit Artikeln in der Zeitschrift L’Idiot international. Im Mai erschien der Artikel „Combat pour la libération de la femme“ (Kampf für die Befreiung der Frau). Geschrieben wurde er von den Schwestern Monique und Gilles Wittig, zusammen mit den beiden Amerikanerinnen Marcia Rothenburg und Margaret Stephenson. Diese Frauen gehörten zu der namenlosen Gruppe um Antoinette Fouque, die sich an Marx, Freud und Lacan orientierte.

Zur selben Zeit arbeiteten Anne Zelensky und Jacqueline Feldmann-Hogasen von der Gruppe FMA (das Akronym stand inzwischen nicht mehr für feminin – masculin – avenir, sondern für Féminisme – Marxisme – Action) an einem Buch mit dem Titel Féminisme, Sexualité et Révolution. Sie boten das Manuskript dem linken Verlag Maspero an, der das Ganze allerdings ziemlich überarbeitungswürdig fand. Vom Verlag kam der Kompromißvorschlag, die besten Teile aus dem Buch herauszunehmen und in der verlagseigenen Zeitschrift Partisans zu veröffentlichen. Und zwar im Rahmen einer Nummer, die sich ausdrücklich Frauenfragen widmen sollte. Zelensky und Feldmann nahmen dieses Angebot begeistert an und überzeugten die Redaktion, daß ein solches Heft ausschließlich von Frauen gemacht werden sollte.

Und so wurde fieberhaft an einer schließlich mehr als 250 Seiten umfassenden Doppelnummer der Zeitschrift gearbeitet, die nach einigen Verzögerungen endlich im Oktober herauskommen sollte. Die erste Hälfte des Heftes bestand aus Übersetzungen von Texten der amerikanischen Frauenbewegung, die aus einem von Shulamith Firestone und Anne Koedt herausgegebenen Sammelband übernommen wurden. Der Titel dieses Sammelbandes – Notes From The Second Year – inspirierte dann auch den Titel der französischen Veröffentlichung, der schlicht Libération des femmes année zero (Frauenbefreiung Jahr Null) lautete. Die andere Hälfte bestand aus aktuellen Texten französischer Autorinnen (und dem einzigen Text eines Mannes, der in den Anhang abgedrängt wurde).

Während an der Zeitschrift gearbeitet wurde, begannen die verschiedenen Frauengruppen aufeinander aufmerksam zu werden. Die Frauen der FMA hatten den ersten Artikel in L’idiot international zur Kenntnis genommen und versuchten, Kontakt zur Gruppe um Fouque aufzunehmen. Andererseits war im Nouvel Observateur ein Brief der FMA veröffentlicht worden, worauf sich eine Gruppe namens Les oreilles vertes (Die scharfen Ohren) bei ihnen meldete. Verblüffenderweise stellte sich dann bei einem Treffen heraus, daß es sich bei den Frauen von Les oreilles vertes um Mitglieder der Gruppe von Fouque handelte, die sich auf die Anfrage der FMA nicht gemeldet hatte ([1], S. 40f).

Doch bereits bei den ersten Treffen gab es Unstimmigkeiten. Es war der klassische Streit, der die Anfänge der zweiten Frauenbewegung durchzog: Verstand man sich als Teil einer revolutionären Bewegung, die sich im wesentlichen auf das Proletariat als Subjekt der gesellschaftlichen Umwälzung stützte? Oder begriff man sich als reine Frauenbewegung, für die zunächst einmal die eigenen Belange im Zentrum standen? Es kam zu einem harten Schlagabtausch zwischen der marxistischen und der feministischen Fraktion:

„Die Diskussion konzentrierte sich immer mehr auf Antoinette [Fouque], Monique [Wittig] und Christine [Delphy]. Eine Spaltung zeichnete sich ab zwischen den Verfechtern der »F.M.A./Christine«-Thesen – sie waren in der Minderheit und wurden von Monique vertreten – und den Gegnern dieser Thesen, die die Mehrheit bildeten und von Antoinette vertreten wurden. Die zukünftigen Gruppen des späteren Mouvement de Liberation des Femmes waren an jenem Abend im Keim entstanden, und sie würden sich in Zukunft immer über die Fragen »Klassenkampf« oder »Feminismus« definieren.“ ([1], S. 44)

Das waren die analogen Auseinandersetzungen, die im Berliner Aktionsrat zur Befreiung der Frauen zwischen Helke Sander und Frigga Haug ausgetragen wurden. Und wie in Berlin waren es natürlich die Feministinnen, die das antiautoritäre Erbe der 60er Jahre bewahrten und mit spektakulären öffentlichkeitswirksamen Aktionen die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse vorantrieben.

Gelegenheit dazu gab es am 26. August 1970. An diesem Tag inszenierten die Feministinnen die Aktion, die die Existenz einer Frauenbewegung ein für alle Mal ins öffentliche Bewußtsein Frankreichs rückte. Der eigentliche Anlaß dafür war wieder einmal eine Sache von außerhalb, diesmal aus den USA. Die von Betty Friedan gegründete National Organization for Woman hatte für eben diesen Tag zu einem Frauenstreik aufgerufen. Anläßlich des fünfzigsten Jahrestages des Frauenwahlrechtes sollte dieser Streik – zusammen mit landesweiten Demonstrationen – darauf aufmerksam machen, daß mit dem Wahlrecht die Gleichberechtigung der Frauen noch lange nicht erreicht war.

Dieser Streik elektrisierte auch die französischen Feministinnen. Anne Zelensky erinnert sich:

„Ich schlief noch […] Das Telefon weckte mich. Es war Mano. »Hast du jetzt sofort Zeit? Ich erklär‘ dir weshalb. Die amerikanischen Feministinnen streiken heute. Ein Frauenstreik.«
»Sagenhaft«, ich war sofort wach.
»Wir haben uns überlegt, eine Aktion zu ihrer Unterstützung zu machen. Aber ich will es dir am Telefon nicht sagen. Komm‘ gegen Mittag in das Café oben an den Champs-Elysées.«
Eine Frauenaktion? Davon träumte ich seit Jahren. Ich zog mich schnell an und ging zum vereinbarten Treffpunkt.“ ([1] , S. 46)

Dort fand sie nur eine kleine Gruppe von Frauen vor – ungefähr zehn, denn es war August und ganz Frankreich war in den Ferien. Aber sie hatten die Presse informiert, Transparente gemalt und vor allem: Einen Kranz besorgt, wie man ihn an Gräbern ablegt, mit Blumen und beschrifteten Schleifen. Diese Schleifen widmeten den Kranz der Frau des Unbekannten Soldaten, die, wie es auf einem der Transparente hieß, noch viel unbekannter war als ihr Mann (ein anderes Transparent trug den schönen, ins Deutschen nicht wirklich übersetzbaren Slogan „Jeder zweite Mann/Mensch ist eine Frau“). Dieser Kranz, so war es geplant, sollte am Grabmal des Unbekannten Soldaten am Arc de Triomphe abgelegt werden.

„Aber kaum waren wir aus dem Auto gestiegen und auf das Grab zugegangen, als Bullen auftauchten und uns brutal unsere Blumen und Spruchbänder aus den Händen rissen. Bevor wir richtig merkten was los war, hatten sie kurzerhand einige von uns festgenommen. […] Am nächsten Morgen war auf der Titelseite des France-Soir zu lesen: »Die feministischen Demonstrantinnen am Etoile konnten ihren Kranz „für die unbekannte Frau des Soldaten“ nicht niederlegen.« Zum ersten mal sprach man von Mouvement de liberation des femmes. War hatten uns diesen Namen nicht gegeben. Die Presse hat uns in Anlehnung an die amerikanische Women’s Lib so getauft. Der Frauenkampf war im Begriff wiederaufzuleben.“ ([1], S. 46)

Das war die symbolische Geburtsstunde der zweiten Frauenbewegung in Frankreich – so wie der Tomatenwurf Sigrid Rügers in der BRD zum Symbol geworden war. Von diesem Datum an existierte das MLF, die Bewegung zur Befreiung der Frauen. Und im Gegensatz zum Tomatenwurf gibt es sogar Filmaufnahmen, die man sich auf der Seite des Institut National de l’Audiovisuel anschauen kann.

Über den Charakter dieser Bewegung und die weiteren spektakulären Aktionen erfahren Sie nächste Woche mehr, wenn Anne Zelensky sich empört:

„Als erstes mußte nun eine Abtreibungsgruppe gegründet werden. […] Wie gewöhnlich wurde Unmut laut: »Schon wieder Abtreibung! Können wir denn nicht mal über was anderes reden!« Diese Reaktion machte mich wütend. Unglaublich! Als ob ihnen das nicht passieren könnte, diesen dummen Weibern! […] Was hatten sie in einer Frauengruppe verloren?“ ([1], S. 53)

Nachweise

[1] Tristan, A. & de Pisan, A., Jedesmal, wenn eine Frau sich wehrt…, Münster 1979.

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Written by alterbolschewik

29. August 2014 um 15:57

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