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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

„Wir sind doch immer für den Dialog gewesen…“

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Der Kampf gegen den § 218 (10)

„Das wahrnehmbare Gesicht der Bewegung, das sind die Aktionen, die von der Presse ständig verzerrt werden. Das verborgene Gesicht, das ist die Arbeit, die tagtäglich geleistet werden muß.“

Eine Gruppe von Frauen

Was bisher geschah: Die neue französische Frauenbewegung, die zwischen 1968 und 1970 mehr im Verborgenen als in der Öffentlichkeit agierte, wurde mit einem Schlag bekannt. Und zwar durch eine einfache, von wenigen Frauen schnell organisierte Aktion: Dem Versuch, am Grabmal des Unbekannten Soldaten einen Kranz für dessen noch unbekanntere Frau abzulegen.

Die Presseresonanz auf die Aktion war zwiespältig. Es wurde zwar von Le Monde bis France Soir berichtet, doch die Beteiligten erkannten sich in der Berichterstattung nicht mehr wieder. Cathy Bernheim, eine der beteiligten Aktivistinnen, faßte die Reaktion der Frauen auf das Presseecho folgendermaßen zusammen:

„Für L’Aurore und Combat organisierten sich in der »Bewegung zur Befreiung der französischen Frau« (warum »französische« fragten sie sich, und warum nicht »der Frauen«?) 3.000 Anhängerinnen (wo hatten sie denn das aufgegabelt?). Immer noch L’Aurore zufolge »wollten rund zehn Frauen, die vom Autor des Romans Le Repos du guerrier, Christiane Rochefort begleitet wurden (die, als Autor, nicht das Glück hatte, unter die Kategorie »Frauen« zu fallen), der Frau des Unbekannten Soldaten Blumen darbringen, die keine Gelegenheit hatte, die Berühmtheit ihres Gatten zu teilen.« !!!
Le Monde hingegen fand nichts besonders Bemerkenswertes: Sie widmete einen Artikel auf Seite 3 »dem Tag der Frauenbefreiung«, dem eine Agenturmeldung (Reuter) zugrunde lag und der den Untertitel trug (auch eine lange Tradition, die hier begann, nämlich die, Aktionen, die von Frauengruppen unternommen wurden, herunterzuspielen): »Die Streiks blieben sehr begrenzt«. Exakt 51 Zeilen wurden dann der amerikanischen Bewegung gewidmet und 5 der Kundgebung am Arc de triomphe.
France-Soir schien, man wagt es kaum zu sagen, stärker beeindruckt, konnte es sich aber nicht verkneifen darauf hinzuweisen, daß etwas, was die auf der Titelseite veröffentlichte Photographie zu zeigen schien, nicht stattgefunden hatte: Sie titelten »Den feministischen Demonstrantinnen vom l’Etoile gelang es nicht, ihren Kranz »für die unbekannte Frau des Soldaten« abzulegen.«.
Die Bildunterschrift der besagten Photographie war im übrigen deutlich offenherziger: »Die kleine berockte Kampfgruppe (der Leser konnte aus eigenem Augenschein feststellen, daß der Großteil der Demonstrantinnen an diesem Tag in Hosen auftrat), die, wie ihre amerikanischen »Schwestern« für »die Befreiung der Frau« demonstrierten, wurde schnell in der Grünen Minna abtransportiert.« ([3], S. 72f)

Doch unabhängig davon, wie verzerrt die Medien die Aktion darstellten – die Tatsache, daß es in Frankreich eine Frauenbewegung gab, war nun eine öffentlich bekannte Tatsache.

Einige Wochen später kam dann endlich die Frauen-Nummer von Partisans an die Kioske. Sie trug den Titel Frauenbewegung, Jahr null ([8]). Anne Zelensky, die treibende Kraft hinter der Publikation, erinnert sich:

„Als ich das dicke weiße Heft mit unserem Frauenzeichen sah, tastete ich es vorsichtig ab, um mich davon zu überzeugen, daß es tatsächlich existierte. Es war das erste Buch seit vielen Jahren, das Frauen gemeinsam geschrieben hatten. Über ihre Erfahrungen und ihre Revolte. Endlich ein anderer Ton als die netten »Frauen«romane oder die beschwichtigenden Analysen über die »Verwirklichung der Emanzipation«. Endlich Zeugnisse, Reflexionen, Berichte über das, was wir wirklich erlebten und dachten.“ ([2], S. 48f)

Ich will hier keine ausführliche Besprechung des Bandes abliefern, aber dennoch auf einige Punkte hinweisen. Zum einen darauf, daß sich die Verfasserinnen zwar eindeutig und explizit auf die Tradition des Pariser Mai 68 bezogen, sich aber gleichzeitig von den ganzen sozialistischen, maoistischen, trotzkistischen und was auch immer für Gruppen distanzierten:

„Es ist wichtig darauf hinzuweisen, […] daß wir zu der Notwendigkeit gekommen sind, die Gemischt-Geschlechtlichkeit abzulehnen. Es ist uns, durch das Beispiel aller unterdrückten Gruppen, klar geworden, daß wir uns selbst um unsere eigene Befreiung kümmern müssen. […] Nur die Unterdrückte kann ihre Unterdrückung analysieren, in einer Theorie zusammenfassen und daraus folgend die Mittel für den Kampf wählen. Es hat sich herausgestellt, daß sich Frauen in gemischtgeschlechtlichen Versammlungen nicht frei genug fühlen, um ihre Revolte gegenüber ihren (Bett-)Genossen zum Ausdruck zu bringen.“ ([7], S. 9)

Doch gerade in dieser Ablehnung der Nach-68er-Gruppen bewahrten sie die besten Traditionen der anti-autoritären Revolte:

„Die Bewegung, so wie sie gegenwärtig funktioniert, zeichnet sich durch den Willen aus, Dirigismus und Bürokratie zu vermeiden. Spontane Initiativen stehen am Anfang der Gruppen, die sich unabhängig voneinander in Paris und den großen Städten der Provinz gründen.“ ([7], S. 9)

Dieser Versuch, keine Hierarchien aufkommen zu lassen spiegelt sich dann im Autorinnenverzeichnis der Publikation. Die Frauen zeichnen mit Kürzeln wie „J.K.“, schreiben als „Anne und Jacqueline“ oder gleich als „Einige Aktivistinnen“. Die Texte sind außerordentlich unterschiedlich und decken in ihrer Diversität ein breites Spektrum ab.

Auf der einen Seite gibt es quasi wissenschaftliche Abhandlungen. Anne Zelensky und Jacqueline Hogasen etwa schreiben über unterschiedliche Haltungen zur Sexualität im Vergleich. Sie handeln die USA, Skandinavien, die UdSSR ab, aber auch die Haltung der marxistischen Revolutionäre und die Vorstellungen der Aktivisten während des Mai ’68, um dann einen radikalen feministischen Standpunkt zu entwickeln ([1]). Der wohl theoretisch schwergewichtigste Artikel stammt von Christine Delphy, die hier bereits unter dem Titel ihres späteren Hauptwerkes, L’ennemi principal (Der Hauptfeind) eine faktengesättigte Skizze der spezifischer Ausbeutung weiblicher Arbeitskraft liefert ([4]).

Andere Texte nehmen ganz bewußt keinen distanzierten, wissenschaftlichen Standpunkt ein, sondern gehen vom persönlichen Erleben aus. Wohlgemerkt: Es handelt sich dabei keinesfalls um Betroffenheitstexte, die auf individuelles Gejammere hinausliefen. Aber für diese Autorinnen ist die persönliche Involviertheit nicht nur kein Hindernis für die Wahrheitsfähigkeit ihrer Ausführungen, sondern ganz im Gegenteil: Erst die auf persönlichem Erleben fußende Reflexion führt zu einer nicht nur abstrakten, sondern einer konkreten, auf Veränderung abzielenden Erkenntnis. Die Autorin „J.K.“ kritisierte deshalb zurecht eine theoretische Herangehensweise, die auf Abstraktionen beruht:

„Wir fegen die Hindernisse, die uns den Weg versperren, nicht dadurch weg, daß wir von Anfang an einen theoretischen Rahmen aufstellen, den wir aus Büchern und von anderen geliehen haben.
Denn ein solcher theoretischer Rahmen ist sehr sicher für viele von uns […] eine Flucht in Ideen, die ein bißchen bedeuten: »Schaut uns an, wir sind befreit, weil wir das große Ganze sehen, die Gesamtheit der Probleme; nun müssen wir den anderen Frauen erklären, was sie tun müssen, um sich ebenfalls zu befreien.« Wenn wir das tun, bilden wir uns eine, eine Etappe überspringen zu können, die aber die Basis von allem ist, sowohl für uns wie auch für alle Frauen, nämlich die der Erfahrung und der individuellen Revolte. Wir schlagen uns nicht für die Befreiung der Frau, weil wir die Unterdrückung der Frau »im Allgemeinen« begriffen haben, sondern zunächst einmal, weil wir selbst am Ersticken sind.“ ([6], S. 91)

Aus diesem persönlichen Erleben werden dann durchaus allgemeingültige Erkenntnisse abgeleitet, die die spezielle Form der Unterdrückung und Ausbeutung, der Frauen unterworfen sind, erhellen. In besonders eindrücklicher Weise gelingt diese Verschränkung von persönlichem Erleben und Reflexion über gesellschaftliche Mechanismen der Autorin Emmanuèle, bei deren Text es einem kalt über den Rücken läuft. In ruhiger, präziser Sprache analysiert sie im Detail, welche gesellschaftlichen Mechanismen abliefen, als sie sich in eine Situation manövrieren ließ, in der sie von einer Straßenbekanntschaft namens Marc vergewaltigt werden konnte ([5]). Dieses unvermittelte Nebeneinander einer absolut grauenhaften Situation und klarer, nüchterner Analyse macht wie kein zweiter Aufsatz in diesem Band deutlich, was es heißt, frauenfeindlichen Strukturen ausgeliefert zu sein.

Angesichts dessen verwundert es nicht, daß sich das Heft von Partisans verkaufte wie geschnitten Brot. Anfang 1972 wurden die Originalaufsätze daraus (die Hälfte des Heftes bestand aus Übersetzungen aus dem Amerikanischen) noch einmal mit einer Auflage von 15.000 Stück als Buch veröffentlicht. Die Frauenbewegung und ihre Themen waren endgültig in der Öffentlichkeit angekommen.

Das wollte sich dann auch die Frauenzeitschrift Elle (das französische Pendant zur Brigitte) marketingmäßig zu Nutze machen. Elle rief deshalb im November 1970 zu einem Frauen-Kongreß mit dem Namen Les Etats Généraux des Femmes auf. Was es damit auf sich hatte und wie die französische Frauenbewegung darauf reagierte, erfahren Sie nächste Woche, wenn Anne Zelensky schreibt:

„Inzwischen befinden sich alle Frauen von unserer Gruppe im Raum. Warum noch länger warten? Wir verständigen uns mit Blicken. Eine von uns schreit: »Jetzt reicht’s«. Wir drängen uns um das Mikrofon. Der weltgewandte Herr gibt es widerstandslos frei; er stammelt: »Aber meine Damen, wir sind doch immer für den Dialog gewesen…«“ ([2], S.51)

Nachweise

[1] Anne et Jacqueline: „D’un groupe à l’autre“, in: Un groupe de femmes (Hg.), Partisans / Liberation des femmes année zero, Paris 1972 [2., gekürzte Ausgabe], S. 140 – 188.

[2] Anne Tristan [A. Zelensky] und Annie de Pisan [A. Sugier], Jedesmal, wenn eine Frau sich wehrt…, Münster 1979.

[3] Bernheim, C., Perturbation, ma sœur. Naissance d’un mouvement de femmes, Paris 1983.

[4] Christine: „L’ennemi principal“, in: Un groupe de femmes (Hg.), Partisans / Liberation des femmes année zero, Paris 1972 [2., gekürzte Ausgabe], S. 112 – 139.

[5] Emmanuèle: „Le Viol“, in: Un groupe de femmes (Hg.), Partisans / Liberation des femmes année zero, Paris 1972 [2., gekürzte Ausgabe], S. 10 – 18.

[6] J.K.: „Les militants“, in: Un groupe de femmes (Hg.), Partisans / Liberation des femmes année zero, Paris 1972 [2., gekürzte Ausgabe], S. 90 – 100.

[7] Un groupe de femmes: „Introduction à la première édition“, in: Un groupe de femmes (Hg.), Partisans / Liberation des femmes année zero, Paris 1972 [2., gekürzte Ausgabe], S. 8 – 9.

[8] Un groupe de femmes (Hg.), Partisans / Liberation des femmes année zero, Paris 1972 [2., gekürzte Ausgabe].

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Written by alterbolschewik

5. September 2014 um 15:52

Veröffentlicht in Feminismus

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