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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Einberufung der Generalstände

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Der Kampf gegen den § 218 (11)

„ELLE fragt: Halten Sie es, absolut gesehen, für wünschenswert, daß eine Frau einen Beruf ausübt?
MLF übersetzt: Denken Sie, daß Frauen, die siebzig Stunden in der Woche umsonst arbeiten und völlig von ihrem Mann abhängig sind, das Recht haben, hundertzehn Stunden pro Woche zu arbeiten, um die gleiche ökonomische Unabhängigkeit zu erreichen, die ihre Ehemänner mit nur vierzig Stunden erreichen?“

Mouvement de Libération des Femmes (MLF), 1970

Was bisher geschah: Die Kranzniederlegung am Arc de Triomphe im Sommer 1970 bot der entstehenden feministischen Bewegung in Frankreich die notwendige mediale Öffentlichkeit. Von nun an agierten die locker verbundenen Gruppen unter dem von der Presse erfundenen Namen Mouvement de Libération des Femmes (MLF). Und mit der Doppelnummer 54/55 der Zeitschrift Partisans, die den Titel Frauenbewegung Jahr Null trug, konnte man sich ab Oktober 1970 auch aus erster Hand darüber informieren, was diese Frauen wollten.

Doch zunächst machen wir heute einen Sprung zurück in der Geschichte: 1789 sah sich Ludwig XVI dazu gezwungen, die Generalstände einzuberufen: Das Parlament wollte ihm nicht länger die Gelder bewilligen, die er benötigte, um den drohenden Staatsbankrott abzuwenden. Die Einberufung der Ständeversammlung (der ersten seit 1614) schien dem absoluten Monarchen die einzige Chance, die Blockade durch das Parlament zu durchbrechen. Am 5. Mai 1789 traten die Generalstände erstmals zusammen. Doch statt die Steuerwünsche einfach abzunicken, erhob der sogenannte dritte Stand, das Bürgertum, die Forderung nach weitergehende Mitbestimmungsrechten. Als diese Hoffnungen enttäuscht wurden, konstituierten sich die Generalstände als Nationalversammlung neu, um eine Verfassung auszuarbeiten. Nur gut zwei Monate nach der Einberufung der Generalstände wurde am 14. Juli 1789 die Bastille gestürmt, im weiteren Verlauf der Geschichte verlor Ludwig XVI dann seinen Kopf unter der Guillotine…

Diese Einberufung der Generalstände hatte und hat in Frankreich einen hohen symbolischen Gehalt. Und diese politische Symbolik versuchte sich 1970 die Frauenzeitschrift Elle zu Nutze zu machen. Sie berief im November einen Frauenkongreß ein, den sie „Die Generalstände der Frauen“ betitelte. Daß eine Frauenzeitschrift, die ein mehr als zweifelhaftes Frauenbild vermittelte, die revolutionäre Tradition und Symbolik zu kapern versuchte, provozierte zurecht den Zorn der sich gerade konstituierenden feministischen Bewegung.

Verantwortlich für das Ganze zeichnete natürlich keine Frau, sondern der Chef der Zeitschrift, Jean Mauduit. Und dieser lud dann auch die Presse zu Cocktails in einem Restaurant auf den Champs Elysées ein, um das Programm vorzustellen. Wie ein Stier, dem ein rotes Tuch hingehalten wird, reagierte das MLF – rund dreißig Frauen sprengten die Veranstaltung. Christine Delphy entwand Mauduit das Mikrophon und verlas einen vorbereiteten Text. Außerdem wurde ein Fragebogen verteilt. Beziehungsweise die Übersetzung eines Fragebogens, denn die Zeitschrift Elle hatte einen Fragebogen für die Teilnehmerinnen ihrer „Generalstände“ entworfen, den die Frauen des MLF übersetzt hatten. Beispielsweise so:

Elle fragt: Wenn eine Frau ihren Gatten betrügt, dann ist das
– auf jeden Fall ein unentschuldbares Vergehen
– ein unter Umständen mehr oder weniger verzeihbares Vergehen?
MLF übersetzt: Sind Sie der Meinung, daß eine Frau, die ihren Unterdrücker mit anderen Frauen teilt, das Recht hat, sich auch anderswo unterdrücken zu lassen?“ (zit. nach [2])

Und sie übersetzten den Fragebogen nicht nur, sondern ergänzten ihn auch um Fragen, die von Elle überhaupt nicht gestellt wurde, wie etwa:

„Sie sind schwanger und wollen ihr Kind nicht austragen, was ziehen Sie vor:
– Stricknadeln
– Weinreben
– Eisen-, Kupfer-, Messing-, Stacheldraht
– Auf den Strich gehen, um 2000 Francs zu beschaffen.“ (zit. nach [1], S. 51)

Nachdem sie ihre Stellungnahme verlesen hatten, verließen die Frauen die Veranstaltung. Das Presseecho fiel nur zu erwartbar aus:

„Am nächsten Tag war im Figaro zu lesen, daß »furchterregende, kurzgeschorene Amazonen mit großen Filzhüten« den Eröffnungs-Cocktail gestürmt hätten. Dabei waren wir alle langhaarig und ohne Kopfbedeckung! Der Mythos der furchterregenden, hysterischen, lesbischen »Frauenbewegung« war im Begriff zu entstehen.“ ([1], S. 51)

Der eigentliche Kongreß fand dann vom 18. bis zum 20. November 1970 in Versailles statt. Und die Frauen des MLF waren wieder mittendrin:

„Wir waren bei den »Etats Généraux« dabeigewesen. Im Saal. Am Mikrofon. Unsere erste chaotische Aktion hatte Aufsehen erregt. Zur zweiten wurden wir von der »Direktion« selbst aufgefordert. Wir hatten in der großen Vorhalle einen ebenfalls nicht genehmigten Infostand aufgebaut, wo wir mit großem Erfolg Partisans verkauften. Wir waren nicht eingeladen worden, aber wir waren überall.“ ([4], S. 52)

Entscheidend ist hier wieder, daß bei dieser Aktion die besten Traditionen der antiautoritären Revolte wieder aufgriffen wurden: Selbsttätigkeit der Aktivistinnen, Koordination in der Aktion und nicht Verfolgung eines vorher ausgeklügelten Planes, der von irgendwelchen Strategen ausgearbeitet worden war:

„Wir mußten völlig improvisieren. Es gab keinen Aktionsplan, keine Anweisungen, wenig Koordination. Jemand hatte eine Idee, und wenn sie gut war bzw. der Mehrzahl gut erschien, wurde sie ausgeführt.“ ([4], S. 52)

Die Frauen waren schon viel zu lange Statistinnen in ihrem eigenen Leben gewesen, als daß sie sich nun feministischen hierarchischen Strukturen unterworfen hätten. Dieser antiautoritäre Geist übertrug sich dann auf andere Veranstaltungsteilnehmerinnen:

„Viele Frauen verließen den Saal und kamen in den Abtreibungs-Arbeitskreis. Sie waren mehr an Diskussionen interessiert, bei denen sie über sich selbst sprechen konnten, als an endlosen, geschraubten Vorträgen von männlichen »Experten«.“ ([4], S. 52)

Und genau das war das Thema, das den Nerv der Zeit traf. In der Abtreibungsfrage bündelte sich all das, was gesellschaftlich als unerträglich empfunden wurde. In ihrem parodistischen Fragebogen hatten die Frauen des MLF das bereits auf den Punkt gebracht:

„Wer ist am besten geeignet, darüber zu entscheiden, wie viele Kinder Sie haben sollen?
– der Papst, der niemals welche gehabt hat
– der Präsident, der sich leisten kann, sie aufziehen zu lassen
– der Arzt, der das Leben des Fötus über das der Frau stellt
– Ihr Mann, der abends, wenn er nach Hause kommt, kurz killekille mit ihnen macht
– Sie, die Sie die Kinder austragen und aufziehen?“ (zit. nach [4], S. 119f)

Nirgendwo wurde die fehlende Selbstbestimmung der Frauen deutlicher als in der Frage der Abtreibung, nichts bot ein größeres Mobilisierungspotential. Und deshalb konzentrierte sich das MLF in der Folge auf das Thema Schwangerschaftsabbruch.

Ich weiß nicht genau, ob ich dazukomme, für nächsten Freitag einen Text vorzubereiten, da ich unterwegs bin. Falls es nicht klappt, können Sie sich auf in zwei Wochen freuen, wenn das MLF-Komitee aus dem Pariser 18. Bezirk meint:

„Als wir unsere Kräfte maßen und über die Arbeit des vergangenen Jahres nachdachten, sahen wir klar, daß wir uns nicht verzetteln durften, uns auf einen bestimmten Punkt konzentrieren mußten, um ein genaues Resultat zu erzielen, bevor wir etwas Neues begannen. Darum brauchten wir ein Thema, mit dem wir möglichst viele Frauen ansprechen konnten.
Und wir entschlossen uns, auf den Märkten eine Unterschriftenkampagne für die Freigebung der Abtreibung durchzuführen.“ ([3], S. 84)

Nachweise

[1] Anne Tristan [A. Zelensky] und Annie de Pisan [A. Sugier], Jedesmal, wenn eine Frau sich wehrt…, Münster 1979.

[2] Les Poupées en Pantalon: „1970, les militantes du MLF aux Etats Généraux de la Femme…“, URL: http://lespoupeesenpantalon.blogspot.de/2010/04/1970-les-militantes-du-mlf-aux-etats.html, abgerufen am 12. September 2014.

[3] MLF-Komitee für den 18. Bezirk: „Stadtviertelarbeit im 18. Bezirk von Paris“, in: Linnhoff, U., Die neue Frauenbewegung. USA – Europa seit 1968, Köln 1974, S. 82 – 88.

[4] Schulz, K., Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968–1976, Frankfurt a.M. / New York 2002 (http://www.hist.unibe.ch/unibe/philhist/hist/content/e267/e6141/e8165/datei/datei/schulz_provokation_ger.pdf).

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Written by alterbolschewik

12. September 2014 um 16:02

Veröffentlicht in Feminismus

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