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Ein wagemutiger Plan

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Der Kampf gegen den § 218 (12)

„Ich habe in meinem Leben eine ganze Menge Unfug angerichtet, aber das ist einer, mit dem ich nicht ganz unzufrieden bin.“

Jean Moreau

Was bisher geschah: Die 68er-Bewegung in Frankreich brachte keine öffentlich sichtbare Frauenbewegung hervor – aber jenseits der bürgerlichen wie der linken Öffentlichkeit bildeten sich Gruppen, in denen die Frage der Frauenemanzipation diskutiert wurde. Das Jahr 1970 sollte dann das „Jahr null“ der französischen Frauenbewegung werden. Einzelne Artikel erschienen in linken Publikationen, eine Kranzniederlegung für die „Unbekannte Frau des Unbekannten Soldaten“ schuf die erste mediale Öffentlichkeit. Im Herbst wurde dann eine Doppelnummer der Zeitschrift Partisans zur, von der und für die Frauenbewegung veröffentlicht. Das Heft verkaufte sich wie warme Semmeln. Als dann die Frauen des Mouvement de Libération des Femmes (MLF) auf einem Frauenkongreß der Zeitschrift Elle intervenierte, war klar, daß die Frauenbewegung eine Kraft darstellte, mit der man rechnen mußte.

Man darf sich das MLF nicht als eine statische Organisation vorstellen. Es gab verschiedene Grüppchen mit unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlichen Zielvorstellungen. Die Bezeichnung MLF war einfach ein (dankbar angenommenes) Label, das von den Medien vergeben worden war. Und es war gut und sinnvoll, unter diesem Label aufzutreten, denn das gab den Aktionen in der Öffentlichkeit mehr Gewicht. De facto war das MLF jedoch einfach ein loser, unverbindlicher Zusammenschluß. Fixpunkt waren Plena, die regelmäßig alle zwei Wochen in der École nationale supérieure des Beaux-Arts abgehalten wurden. Auf diese Plena kamen regelmäßig mehrere hundert Frauen. Vom Organisationsprinzip entsprach dies in etwa dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen in Berlin, bevor sich dieser unter dem Diktat von Frigga Haug in eine mehr formelle Organisation umwandelte.

Aus dem Plenum heraus sollten dann Arbeitsgruppen entstehen – das Prinzip war in Paris das selbe wie in Berlin. Wenn eine oder mehrere Frauen Lust hatten, eine Arbeitsgruppe zu gründen, dann wurde das im Plenum vorgetragen, ein Ort und ein Termin festgelegt und dann wurde geschaut, wer auftauchen würde. Und so schlugen Anne Zelensky und Christine Delphy vor, eine Arbeitsgruppe zum Thema Abtreibung zu machen. Die Reaktionen waren, wie sich Anne Zelensky erinnerte, nicht besonders hilfreich:

„Wie gewöhnlich wurde Unmut laut: »Schon wieder Abtreibung! Können wir denn nicht mal über was anderes reden!« Diese Reaktion macht mich wütend. Unglaublich! Als ob ihnen das nicht passieren könnte, diesen dummen Weibern! Einige von diesen Frauen regten mich wirklich auf mit ihrem »intellektuellen Gehabe«. Was hatten sie in einer Frauengruppe verloren? Ich war, weiß Gott, nicht vom Missionseifer besessen, aber diese Abwehr dagegen, an die Öffentlichkeit zu treten, machte mich rebellisch.“ ([1], S. 53f)

Die Parallelen zur Fraktionierung im Berliner Aktionsrat sind nicht zu übersehen. Auf der einen Seite finden wir Frauen, die schon etwas älter sind, die konkrete Erfahrungen gemacht haben und aus dieser konkreten Erfahrung heraus öffentlichkeitswirksame Aktionen machen wollen, damit sich an der Situation der Frauen in der Gesellschaft etwas ändert. In Berlin steht hierfür exemplarisch Helke Sander, die die Situation der Mütter in der Bundesrepublik Deutschland thematisierte und mit der Gründung von Kinderläden oder der Unterstützung des Kindergärtnerinnenstreiks die Öffentlichkeit erreichen wollte.

Auf der anderen Seite finden sich hauptsächlich junge Studentinnen, die von der intellektuellen Atmosphäre angezogen wurden. Man muß sich klarmachen: Die frühen siebziger Jahre waren eine Zeit, in der intellektuelle Auseinandersetzungen sexy waren. Wer irgendwie im Trend liegen wollte, mußte einfach über ein Minimum an gesellschaftskritischem Wissen verfügen. Doch die Diskussionen darüber wurden weitgehend von Männern dominiert und deren Diskussionsverhalten war meist nicht dazu geeignet, Frauen zu ermutigen, sich mit kritischer Gesellschaftstheorie zu beschäftigen. Die frühe Frauenbewegung war deshalb auch ein Versprechen, sich dieses Wissen in einer Umgebung aneignen zu können, das von männlicher Dominanz verschont blieb. Ironischerweise lief das darauf hinaus, daß sich diese mehr an der Theorie orientierenden jungen Frauen der Autorität weiblicher Führungsfiguren unterwarfen. So scharten sie sich dann im Berliner Aktionsrat um jemanden wie Frigga Haug oder in Paris um Antoinette Fouque.

Die Frauen, die der Meinung waren, daß die Probleme eigentlich auf der Hand lägen und daß man endlich anfangen müßte, dagegen etwas zu tun, waren zu Beginn des Jahres 1971 ganz klar in der Minderheit. Zum ersten Treffen der Abtreibungsgruppe kamen neben Zelensky und Delphy gerade einmal zwei Frauen. Doch davon ließen sie sich nicht entmutigen, das nächste Treffen war dann mit rund fünfzehn Teilnehmerinnen schon erfolgreicher:

„Die Mund-zu-Mund-Propaganda der Frauenbewegung hatte funktioniert. Einige Frauen, die nicht aufs Plenum gingen, weil das Chaos dort sie verschreckt hatte, die aber Lust zu konkreter Arbeit hatten, waren gekommen.“ ([1], S. 54)

Die Gruppe diskutierte, schrieb Flugblätter und überlegte sich einen Aktionsplan. Doch noch bevor sie eine Aktion aushecken konnte, kam die Aktion zu ihnen. Die Journalistin Nicole Muchnik rief bei Zelensky an und bat sie um ein Treffen. Sie wolle ein gemeinsames Projekt ihrer Zeitung Le Nouvel Observateur mit den Frauen des MLF besprechen. Man traf sich in einem Café, doch die Journalistin kam nicht allen. Sie hatte ihren Kollegen Jean Moreau mitgebracht:

„Jean Moreau, das war die große Klappe des »Obs«, der ewig Revoltierende. Ein Journalist, wie man sie heute nicht mehr herstellt, der Sohn eines Automechanikers […], ein Freund von Sartre und Glucksmann, ein kommunistischer Gewerkschaftler, der von seinen Chefs geschätzt wurde, der sein Leben in den Fabriken, auf Demonstrationen, auf den großen Boulevards verbrachte, wo er »La Cause du peuple« [verbotene maoistische Zeitung] verkaufte.“ ([2])

Und Moreau kam mit einem Vorschlag, der so simpel wie genial war: Um das geltende Abtreibungsrecht auszuhebeln, sollten die Frauen ein Manifest verfassen. Darin sollten sie sich nicht einfach nur für eine Abschaffung des Abtreibungsverbotes aussprechen, sondern in einer Form des zivilen Ungehorsams erklären, daß sie bereits gegen geltendes Recht verstoßen hätten: Sie sollten öffentlich dazu stehen, abgetrieben zu haben. Und der Nouvel Observateur würde dieses Manifest veröffentlichen.

Damit diese Aktion gelingen konnte, mußte sie natürlich so gestaltet werden, daß es der Justiz unmöglich wäre, das geltende Recht durchzusetzen. Genau das ist ja das Ziel von zivilen Ungehorsam: Das Recht auf eine Art und Weise zu brechen, daß der Versuch, es durchzusetzen, auf den Staat und die Strafverfolgungsbehörden zurückfällt. Für Moreaus Vorschlag hieß dies: Es mußten einfach so viele Frauen wie möglich sein. Und es mußten genügend Prominente dabei sein. Das Kalkül dabei war folgendes: Sollten sich die Strafverfolgungsbehörden wirklich dazu entscheiden, Anklage zu erheben, dann müßte dafür gesorgt werden, daß dies ein maximales Medienecho auslösen würde. Und dies wäre garantiert, wenn zumindest einige der Frauen die nötige Prominenz besäßen, daß die Medien daran nicht vorbeigehen konnten. Jean Moreau war ein gerissener Hund und wußte genau, wie man die Politik mit Hilfe der Medien unter Druck setzen konnte.

Zelensky und Delphy trugen dieses Angebot zurück in ihre Abtreibungsgruppe. Und waren schockiert: Statt daß das Ganze enthusiastisch begrüßt worden wäre, hagelt es Kritik. Kritik an der Zusammenarbeit mit der „bürgerlichen“ Presse. Und Kritik daran, daß man mit Prominenten zusammenarbeiten wollte, mit „Star-Frauen“. Offensichtlich begriffen diese Frauen nicht, daß das ganze Konzept gerade darauf beruhte, die Medien mit großer Reichweite zu erobern und daß die „Star-Frauen“ dafür eine notwendige Voraussetzung waren. Zelensky regte sich zurecht auf:

„Diese Argumente – bürgerliche Presse, reformistisch – hatte ich oft genug gehört. Sie kamen mir vor wie eine fruchtlose Utopie. Wenn man irgendetwas an dieser kaputten Welt ändern wollte, was auch immer es sei, mußte man sich wohl oder übel dieser Kanäle bedienen, um sich überhaupt Gehör zu verschaffen. Man ändert die Dinge von innen her nicht, indem man sie ignoriert.“ ([1], S. 55)

Und zurecht stellte sie fest, daß es ein ganz bestimmter Typus von Aktivistinnen war, die mit solchen Einwänden kamen:

„Die Frauen, die sich ablehnend geäußert hatten, kamen im übrigen nicht regelmäßig in die Gruppe, die ja für alle Frauen offen war. Ich hatte schon gemerkt, daß oft diejenigen, die am meisten redeten und systematisch gegen alles etwas einzuwenden hatten, nichts machten. Ihr »Purismus« löste ihre Zunge, aber sonst auch nichts.“ ([1], S. 55)

Und so beschloß ein kleiner Kreis, die Aktion auch gegen die Widerstände in der eigenen Gruppe durchzuziehen. Doch wie an die prominenten Frauen herankommen, die für das Gelingen des Plans unabdingbar waren?

Seien Sie gespannt auf nächste Woche, wenn Anne Zelensky berichtet:

„Ich setzte mich mit Simone de Beauvoir in Verbindung, die ich im Herbst mit einigen anderen Frauen kennengelernt hatte. […] Wir besuchten sie zu dritt. Wie bei unserer ersten Begegnung saß sie am Rand des Sofas, zurückhaltend und aufmerksam. Wir haben es gewagt. Als wir zu Ende waren, klopfte mein Herz.“ ([1], S. 55)

Nachweise

[1] Anne Tristan [A. Zelensky] und Annie de Pisan [A. Sugier], Jedesmal, wenn eine Frau sich wehrt…, Münster 1979.

[2] Le Nouvel Observateur, 30. März 2006:L’histoire secrète du manifeste des 343 »salopes«“ (Deserts, S. D.).

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Written by alterbolschewik

26. September 2014 um 16:00

Veröffentlicht in Feminismus, Paragraph 218

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