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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

„Unser Bauch gehört uns“

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Der Kampf gegen den § 218 (13)

„Ich weinte vor Freude. […] Das greifbare Resultat unserer Aktion breitete sich in den Zeitungen aus. Die Frauenbewegung existierte in der Öffentlichket; man konnte sie nicht mehr ignorieren.“

Anne Zelensky

Was bisher geschah: Anfang 1971 hatte der Journalist Jean Moreau angesichts der sich sprunghaft entwickelnden Frauenbewegung eine Idee. Wie wäre es, wenn eine große Zahl von Frauen erklären würden, das Gesetz gebrochen und abgetrieben zu haben? Damit würde man den Staat unter Zugzwang setzen: Entweder müßte er die Frauen juristisch verfolgen oder endlich die unerträgliche Gesetzeslage ändern. Er kontaktierte die Abtreibungsgruppe im Mouvement de libération des Femmes (MLF); es gab Widerstände, aber eine Gruppe um Anne Zelensky beschloß, den Vorschlag aufzugreifen.

Das eigentliche Problem war jedoch: Wie sollte man an genügend prominente Frauen heranzukommen, damit sich eine mögliche juristische Verfolgung der Unterzeichnerinnen zu einem veritablen Skandal ausweiten würde? Zelensky griff auf einen Kontakt zurück, der im Herbst 1970 zustande gekommen war: Simone de Beauvoir. Die Lebensgefährtin von Sartre war das große Vorbild all der engagierten Frauen, die nicht mehr bereit waren, den traditionellen Rollenbildern zu entsprechen, die die Gesellschaft für Frauen vorsah. Ihr Buch Das andere Geschlecht von 1949 war so ziemlich das Einzige, was damals an theoretischer Grundlage für die Frauenemanzipation zur Verfügung stand. Und für Frauen, die wenig Lust hatten, den umfänglichen Wälzer durchzulesen, war immerhin die offene Beziehung, die Sartre und de Beauvoir führten, ein praktisches Identifikationsangebot.

Und so trugen Zelensky und einige Mitstreiterinnen ihr Anliegen Simone de Beauvoir vor. Die Reaktion folgte ohne großes Zögern:

„»Nun, ich finde die Idee sehr gut. Was mich betrifft, ich unterzeichne das Manifest«, hat sie sofort mit lauter, fester Stimme geantwortet.
Ich wäre ihr am liebsten um den Hals gefallen!
»Ich kann versuchen die Frauen, die ich kenne, anzusprechen. Machen wir eine Liste! Also…«“ ([1], S. 56)

Mit Hilfe des Adressbuchs von Simone de Beauvoir und deren Unterstützung war es beinahe ein Kinderspiel, genügend prominente Frauen dazu zu bringen, die Aktion mit ihrer Unterschrift unter dem Selbstbezichtigungsmanifest zu unterstützen. Jetzt mußt nur noch das MLF einsteigen. Zelensky schwante, daß das nicht einfach werden würde. Schon mit der Thematisierung der Abtreibungsproblematik war sie im Plenum auf erbitterten Widerstand gestoßen. Und im kleinen Arbeitskreis zum Schwangerschaftsabbruch hatte es selbst bei diesen prinzipiell interessierten Frauen Kritik an der Aktion gegeben: Reformistisch sei das, mit der bürgerlichen Presse wolle man nicht zusammenarbeiten, und überhaupt: Was sollte das mit diesen Star-Frauen? Doch jetzt, als die Sache weiter gediehen war und man die Unterstützung von Simone de Beauvoir hatte sollte es doch kein Problem sein, daß sich das MLF mit Elan in die Kampagne stürzte. Und so stellte Zelensky das Projekt im Plenum des MLF vor und wies ausdrücklich darauf hin, daß man die Unterstützung von Simone de Beauvoir hatte. Die Reaktion kam wie aus der Pistole geschossen:

„»Auf die können wir verzichten! Deren Feminismus stammt doch aus der Zeit unserer Mütter! Das andere Geschlecht ist längst überholt…«
Ich kochte vor Wut. Es war nicht mehr möglich, zu Wort zu kommen. Es war nur noch ein Gebrüll. Die Frauen keiften einander an. Marfa stieg auf einen Tisch, und ihre Stimme brachte einen Augenblick lang den Tumult unter Kontrolle:
»Verdammte Weiber! Soll das die Frauenbewegung sein? Dieser bourgeoise Haufen hier kotzt mich an! Ihr scheint euch ja jederzeit eine Abtreibung leisten zu können…«“ ([1], S. 56f)

Daß eine Mehrheit des MLF die Manifest-Aktion ablehnte ist für die damalige Zeit durchaus typisch. Die Vorstellung einer autonomen Frauenbewegung existierte noch überhaupt nicht; vielmehr verstanden sich die bestehenden Gruppen als Teil der linken revolutionären Bewegungen in der Folge von 1968. Und diese Bewegungen orientierten sich bei ihrer Vision radikaler gesellschaftlicher Veränderung an der Arbeiterklasse als dem revolutionären Subjekt. Das galt auch für den größten Teil der engagierten Frauen. Sicher kämpften sie für die Befreiung der Frauen (oder redeten zumindest davon), aber dies wurde im Rahmen einer allgemeineren sozialistischen Bewegung gedacht. Eine grundlegende Emanzipation der Frauen innerhalb des Kapitalismus erschien in diesem theoretischen Rahmen unrealistisch.

Natürlich liegt der böse Verdacht nahe. Wenn man wirklich daraufhinarbeiten wollte, die Situation der Frauen zu verbessern, hätte man im hier und jetzt die Ärmel hochkrempeln müssen. So lange man das Fernziel einer großen, alles verändernden Revolution hatte, konnte man endlos diskutieren und Theorien wälzen. Damit ersparte man es sich, konkret etwas anzupacken. Und man konnte es vermeiden, sich in der Öffentlichkeit zu exponieren. Das gilt sicherlich nicht für alle, aber für einen gewissen Prozentsatz von Mitläuferinnen ist dieser Verdacht nicht ganz von der Hand zu weisen.

Kurz und schlecht: Die eigentliche Sammlung der Unterschriften blieb also an einer kleinen Minderheit hängen.

Im Vergleich dazu war der Umgang mit den „bürgerlichen“ Medien geradezu ein Kinderspiel. Jean Moreau, der Journalist des Nouvel Observateur, von dem die Idee zu der Aktion stammte, hatte niemanden in der Zeitung informiert. Erst im letzten Moment, als ein Großteil der Unterschriften bereits beisammen war, stellte er das Projekt dem Leiter der Zeitung und der Redaktion vor – und erntete allgemeinen Zuspruch. Tatsächlich brachte auch die Belegschaft des Nouvel Observateur noch weiter Unterschriften bei.

Die konkreten Verhandlungen zwischen den Frauen und der Leitung des Nouvel Observateur verlief etwas konfrontativer:

„»Ich fürchtete ein bißchen, daß die Genossinnen die Hölle losmachen würden.« amüsiert sich Jean Moreau. Wie üblich, zogen sie ihre Show ab: Provokationen, Geschrei, auf die Tische steigen, sie wollten die ganze Zeitung für sich. »Ich mußte mich dieser Meute stellen« erinnert sich [der Geschäftsführer des Nouvel Observateur] Jean Daniel. »Manche waren beleidigend. Sie sahen in mir einen Reaktionär im Dienste des maskulinen kapitalistischen Systems. Das mir, der ich immer der Meinung war, daß die feministische Revolution die bedeutendste von allen ist…« Nach stundenlanger Verhandlung machte der Chef des »Obs« das Zugeständnis, alle Namen und Vornamen der Unterzeichnerinnen abzudrucken und dem MLF eine Seite zur freien Verfügung zu stellen. Sie gaben ihr die Schlagzeile »Unser Bauch gehört uns.«“ ([2])

Am 5. April erschien dann das Manifest, dessen Endredaktion von Simone de Beauvoir stammte:

„Eine Millionen Frauen pro Jahr lassen in Frankreich eine Abtreibung vornehmen. Sie tun dies unter gefährlichen Umständen, da die Abtreibung gesetzlich verboten ist. Wenn diese Operation unter ärztlicher Kontrolle geschieht, ist sie denkbar einfach. Man schweigt über die Millionen Frauen die abgetrieben haben. Ich erkläre, daß ich eine davon bin. Ich erkläre, daß ich abgetrieben habe.“ (zit. nach [3], S. 107)

Und dann folgten 343 Unterzeichnerinnen, darunter prominente Schauspielerinnen wie Jeanne Moreau oder Autorinnen wie Françoise Sagan oder Marguerite Duras. Zeitgleich wollten die Organisatorinnen Anzeigenplatz in Le Monde kaufen, um auch dort das Manifest und zumindest einen Teil der Unterschriften abzudrucken. Doch es kam anders. Am 6. April erschien Le Monde mit der Schlagzeile „Ein historisches Ereignis“, das Manifest stand direkt auf der Titelseite und die komplette Liste der Unterzeichnerinnen füllte zwei Seiten. Die Zeitung hatte kein Geld dafür genommen, es genügte ihr, selbst Teil des historischen Ereignisses zu sein.

Der Aktion schlug landesweit eine Welle der Sympathie entgegen, daß es die Justiz nicht wagte, irgendetwas zu unternehmen. Weder gegen die Unterzeichnerinnen noch gegen die abdruckenden Zeitungen. Und innerhalb weniger Jahre war der Kampf gewonnen: Im Dezember 1974 legalisierte das französische Parlament die Abtreibung.

Doch die Aktion hatte auch ein Echo außerhalb Frankreichs. Lesen Sie nächste Woche weiter, wenn Jean Moreau einen Anruf aus Deutschland bekommt. Und erfahren Sie, warum er daraufhin eine gewisse Alice Schwarzer anruft…

Nachweise

[1] Anne Tristan [A. Zelensky] und Annie de Pisan [A. Sugier], Jedesmal, wenn eine Frau sich wehrt…, Münster 1979.

[2] Le Nouvel Observateur, 30. März 2006:L’histoire secrète du manifeste des 343 »salopes«“ (Deserts, S. D.).

[3] Schulz, K., Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968–1976, Frankfurt a.M. / New York 2002 (http://www.hist.unibe.ch/unibe/philhist/hist/content/e267/e6141/e8165/datei/datei/schulz_provokation_ger.pdf).

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Written by alterbolschewik

3. Oktober 2014 um 14:03

Veröffentlicht in Feminismus

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