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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Anruf bei Alice Schwarzer

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Der Kampf gegen den § 218 (14)

„Wo aber sind sie, die aufmüpfigen Frauen? Ich suche, doch ich kriege sie nicht zu fassen.“

Alice Schwarzer

Was bisher geschah: Angeregt durch den Journalisten Jean Moreau organisierte eine Gruppe von Frauen aus dem Mouvement de Libération des Femmes (MLF) um Anne Zelensky eine Bekenntnisaktion: 343 Frauen erklärten im Nouvel Observateur, daß sie gegen das Gesetz verstoßen und abgetrieben haben. Die Aktion machte Furore, nicht nur in Frankreich, sondern auch im Ausland.

Kurz nach der Veröffentlichung des Abtreibungs-Manifestes klingelte das Telefon beim Nouvel Observateur. Eine deutsche Zeitschrift namens Jasmin erkundigte sich nach dem Initiator und wurde an Jean Moreau durchgestellt. Jasmin hatte die Absicht, die Aktion in Deutschland zu wiederholen.

Um die ganze Ironie dieser Geschichte zu vestehen, muß man wissen, daß Jasmin 1968 die Antwort des Springer-Verlags war, mit der dieser auf den sexuell liberaleren Zeitgeist reagierte. Das Blatt trug den Untertitel „Die Zeitschrift für das Leben zu zweit“ und drehte sich vor allem um Beziehungsgeschichten. Der Spiegel charakterisierte damals die erste Nummer folgendermaßen:

„Thematik: Wie reiche Männer ihre Frauen verwöhnen. Die geheimen Wünsche der verheirateten Männer. Der Versager mit den zarten Händen. […] Der größte Heuler innerhalb des »Jasmin«-Heftes ist ohne Frage »Das Lexikon der Erotik«. Natürlich unter wissenschaftlicher Beratung eines Professors. »Dieses Lexikon ist ein Beitrag für Erwachsene, nicht für Kinder und Jugendliche. Deshalb sind die Seiten geschlossen. Sie können herausgelöst und aufgeschnitten werden, ohne daß das übrige Heft beschädigt wird.« Keine Frage, daß sie aufgeschnitten werden. Es beginnt mit »Abartig«, geht über »Abortus«, »Abtreibung« zu »Adam und Eva«, »Alter Jungfer«, »Anal-Erotik« bis »Außerehelicher Geschlechtsverkehr«.“ ([2], S. 28)

Das Heft wurde mit gigantischem Werbeaufwand in den Markt gedrückt, startete mit einer Auflage von 900.000 Exemplaren und überschritt schon mit dem zweiten Heft die Millionengrenze. Aus kartellrechtlichen Gründen verscherbelte Springer das Blatt nach wenigen Monaten an Gruner + Jahr, inhaltlich blieb sich das Blatt zunächst treu. Doch die Zahl der Leserinnen und Leser fiel kontinuierlich. Und so hatten sich die Jasmin-Redakteure offentlich überlegt, mit einer deutschen Kopie des französischen Abtreibungs-Manifests die Auflage wieder in die Höhe zu treiben. Doch Jean Moreau, der das Ganze aus Überzeugung angeleiert hatte, war zurecht mißtrauisch, und so rief er bei Alice Schwarzer an:

„Alice, eben hat bei uns eine deutsche Zeitschrift namens Jasmin oder so ähnlich angerufen. Sie wollen unser Manifest auch in Deutschland machen. Aber ich habe das Gefühl, dass die das nicht wirklich politisch meinen, sondern auf die Sensationsmasche gehen. Kannst du nicht mal überlegen, mit welcher Zeitschrift man das in Deutschland machen könnte?“ (zit. nach [3], S. 235)

Nun liegt es heutzutage natürlich auf der Hand, bei so einem Thema Alice Schwarzer anzurufen. Doch wie kam Jean Moreau 1971, als praktisch niemand wußte, wer Alice Schwarzer war, auf diese Idee? Die Antwort ist einfach.

Bereits 1964 war Schwarzer als Au-pair-Mädchen nach Paris gegangen, gab das aber schnell auf und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, während sie die Sprache lernte. Ihr Traum aber war es, Journalistin zu werden. Noch von Paris aus bewarb sie sich an der Münchner Journalistenschule, fiel aber durch die Aufnahmeprüfung. Ende 1965 ergatterte sie ein Volontariat bei den Düsseldorfer Nachrichten und verließ Paris. Später landet sie bei Frau und Film und schließlich bei der Satirezeitschrift Pardon. Doch auch bei Pardon hielt es sie nicht lange – 1969 zog sie wieder zurück nach Paris, zu ihrem langjährigen Liebsten Bruno, schlug sich dort als freie Journalistin durch und studierte nebenbei, natürlich in Vincennes:

„Wir sind in Vincennes am Rand von Paris, wo ich seit Herbst 1969 studiere. Endlich. Soziologie und Psychologie. Das geht, weil die »rote Fakultät« kein Abitur verlangt. Doch es geht nur mit Teilzeit, weil ich einen Beruf habe, der mich stark in Anspruch nimmt. Also nehme ich das Studium locker, aber das tun wir alle in dieser Zeit.“ ([3], S. 197)

Die erste Frauendemo in Vincennes verpaßt sie, weil sie an diesem Tag auf Deutschlandreise ist. Dann liest sie, wie auch Anne Zelensky, den Artikel der Geschwister Wittig in L’Idiot international. Auch sie versucht über die Zeitschrift Kontakt mit den Frauen aufzunehmen, erhält aber ebenfalls keine Antwort. Auch während der Kranzniederlegung für die „Unbekannte Frau des unbekannten Soldaten“ ist sie nicht in Paris – da ist sie mit Bruno in Italien im Urlaub.

„Ein paar Wochen später legt Bruno mir zufrieden lächelnd partisans auf den Tisch, eine Art französisches Kursbuch. Er hatte die Ausgabe in der linken Buchhandlung Maspero entdeckt. Auf dem Cover prangt das Frauenzeichen – der von den Amerikanerinnen eingeführte Venusspiegel –, darüber steht »Libération des femmes« und darunter »Année zero« (Das Jahr null). Ich bin elektrisiert.“ ([3]; S. 198)

Wieder versucht sie, über den Verlag an die Herausgeberinnen heranzukommen, wieder erhält sie keine Antwort. Dann kommt ihr der Zufall zu Hilfe:

„Es ist meine Freundin Sonja, die Malerin, die eines schönen Septembertages zu mir sagt: »Alice, ich glaube, ich habe die Frauen getroffen, die du suchst. Ich war gestern mit so einer Bande beim Bretonen. Sie haben den ganzen Abend nur über den klitoralen Orgasmus geredet.« Beim Bretonen im alten Montparnasse-Viertel, der mit seiner köstlichen Fischsuppe und den riesigen Taschenkrebsen unser aller Stammlokal war. Ich bin erfreut, doch irritiert zugleich. Über den klitoralen Orgasmus hatte ich doch noch nie gesprochen, oder?“ ([3], S. 199)

Die Vermutung erwies sich als richtig. Von da an war Schwarzer immer mit dabei:

„Dieser Herbst, Winter, Frühling 1970/71 ist wie ein Rausch. Treffen in der »kleinen Gruppe« mit Anne [Zelensky], Monique [Wittig] und Christine [Delphy]; Vollversammlungen, Feste, Bouffes (im Restaurant oder wir kochen zusammen). Erst sind wir ein, zwei Dutzend; dann ein-, zwei-, dreihundert und bald ist das ganze Land infiziert.“ ([3], S. 200)

Die erste Aktion, an der sich Schwarzer beteiligte, ist der Eklat, den das MLF bei der Eröffnung der »Etats généraux de la Femme« der Zeitschrift Elle im November 1970 provozierte. Und vor allem gehörte sie zu der kleinen Gruppe von Frauen, die mit Hilfe von Simone de Beauvoir die Unterschriftenliste unter das Abtreibungsmanifest organisierten. Sie unterschreibt allerdings nicht selbst:

„Ich habe die Aktion zwar mit organisiert, kann mir jedoch nicht erlauben zu unterzeichnen. Denn als Ausländerin mit befristeter Aufenthaltsgenehmigung kann ich bei Gesetzesverstoß ausgewiesen werden.“ ([3], S. 209)

Aber Jean Moreau kannte natürlich Alice Schwarzer, die Deutsche im MLF, denn dort war sie durchaus eine auffällige Figur:

„Alice Schwarzer ist im MLF bald für ihre Redefreudigkeit bekannt. »Sie redete viel, und jedesmal machte es „bumm“ wie bei einem Donnerschlag«, spöttelt eine frühere MLF-Frau. Alice sei als »eher deutsch« wahrgenommen worden. Außerdem habe sie eine »große Schnauze gehabt«, ergänzt eine andere Ehemalige.“ ([1], S. 79)

Insofern war es natürlich logisch, daß Schwarzer für Moreau die erste Adresse war, als sich die Jasmin bei ihm meldete, um die Aktion in Deutschland zu kopieren. Und von da an nahm Alice Schwarzer das Heft in die Hand.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche (wahrscheinlich erst am Samstag), wenn Alice Schwarzer meint:

„Ich überlegte nur kurz. Dann griff ich zum Telefon und rief Winfried Maaß an, Ressortleiter beim Stern. Mit ihm hatte ich ab und an beruflich zu tun, und die politische Illustrierte schien mir das passende Forum für diese Aktion.“ ([3], S. 235)

Nachweise

[1] Mika, B., Alice Schwarzer. Eine kritische Biographie, Reinbek bei Hamburg 1998.

[2] Redaktioneller Beitrag, „Elefant mit fünf Beinen“, in: Der Spiegel, Jg.22 (1968), Nr.12 (18. März 1968), S.28 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46106695.html).

[3] Schwarzer, A., Lebenslauf, Köln 2011.

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Written by alterbolschewik

10. Oktober 2014 um 18:14

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