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Alice Schwarzers Sternstunde

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Der Kampf gegen den § 218 (15)

„Bei dieser Aktion benutzte der Stern uns, und wir benutzten den Stern. Er hatte die Auflage, und wir hatten das Aufsehen.“

Alice Schwarzer

Was bisher geschah: In Frankreich war die Selbstbezichtigungsaktion von Frauen, die abgetrieben hatten, ein großer politischer Erfolg der Frauenbewegung. Der Mitinitiator der Aktion, der Journalist Jean Moreau, bringt die in Paris lebende deutsche Journalistin Alice Schwarzer auf die Idee, die Aktion in der Bundesrepublik Deutschland zu wiederholen.

Endlich sind wir an dem Punkt angekommen, an dem, zumindest der gängigen Frauengeschichtsschreibung zufolge, die zweite deutsche Frauenbewegung begann: Die Selbstbezichtigungskampagne im Stern. Die Kurzfassung, wie diese Kampagne zustande kam, ist schnell erzählt: Alice Schwarzer machte sich von Paris auf nach Deutschland und kontaktierte die existierenden Frauengruppen, deren sie habhaft werden konnte. Mit deren Hilfe wurden 374 Unterschriften unter folgendem Text gesammelt:

„Jährlich treiben in der Bundesrepublik rund 1 Million Frauen ab. Hunderte sterben, Zehntausende bleiben krank und steril, weil der Eingriff von Kurpfuschern vorgenommen wurde. Von Fachärzten gemacht, ist die Schwangerschaftsunterbrechung ein einfacher Eingriff. Frauen mit Geld können gefahrlos im In- und Ausland abtreiben, Frauen ohne Geld zwingt der Paragraph 218 auf die Küchentische der Kurpfuscher. Er stempelt sie zu Verbrecherinnen und droht ihnen mit Gefängnis bis zu fünf Jahren. Trotzdem treiben Millionen Frauen ab – unter erniedrigenden und lebensgefährlichen Umständen. Ich gehöre dazu. – Ich habe abgetrieben. Ich bin gegen den Paragraphen 218 und für Wunschkinder. Wir Frauen wollen keine Almosen vom Gesetzgeber und keine Reform auf Raten! Wir fordern die ersatzlose Streichung des Paragraphen 218! Wir fordern umfassende sexuelle Aufklärung für alle und freien Zugang zu Verhütungsmitteln! Wir fordern das Recht auf die von den Krankenkassen getragene Schwangerschaftsunterbrechung!“ (zit. nach [4], S. 146)

Als die Erklärung am 6. Juni 1971 im Stern erschien, schlug sie, wie auch schon zwei Monate zuvor in Paris, ein wie eine Bombe und wurde zur Initalzündung für die Frauenbewegung der 70er Jahre. Noch im Juni fand eine erste bundesweite Delegiertenkonferenz von Frauengruppen gegen den § 218 statt: Es waren Gruppen aus sieben Städten vertreten. Einen Monat später, im Juli, hatten bereits 16 Gruppen Delegierte entsandt. Am 11./12. März 1972 fand schließlich der erste Bundesfrauenkongreß statt:

„An diesem Kongress haben rund 400 Frauen aus allen Teilen der Bundesrepublik teilgenommen. Nicht alle, aber die meisten gehörten bereits zu einer Gruppe und als wir durchzählten, stellten wir fest, daß es inzwischen 35 Gruppen in mehr als 20 Städten gibt, und nicht nur in Groß- und Universitätsstädten. … Alles in allem kann es über eins nach diesem Kongreß keinen Zweifel mehr geben: Wir haben eine deutsche Frauenbewegung.“ ([7], S. 41)

So weit erst einmal die unstrittigen Fakten. Wenn man aber versucht, etwas mehr ins Detail zu gehen, wird es ganz schnell schwierig. Das hängt mit der Person zusammen, die die Aktion in Deutschland angestoßen hatte: Alice Schwarzer. Es ist unbestreitbar, daß die Geschichte der Frauenbewegung ohne ihre Initiative anders verlaufen wäre. So kann man sie mit Fug und Recht ein „welthistorisches Individuum“ im Sinne Hegels nennen:

„Dies sind die großen Menschen in der Geschichte, deren eigene partikuläre Zwecke das Substantielle enthalten, welches Wille des Weltgeistes ist.“ ([1], S. 45)

Insofern ist es müßig, an Alice Schwarzers Charakter herumzukritteln oder den Versuch zu unternehmen, ihr mit amateurpsychologischen Mitteln beizukommen, wie das ihre kritische Biographien Bascha Mika getan hat ([2]). Alice Schwarzer war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und sie hat das objektiv Richtige getan, völlig gleichgültig, ob sie sich nun selbstlos in den Dienst der Sache gestellt hat oder ihren übersteigerten persönlichen Geltungsdrang ausgelebt hat. Was zählt, ist das historische Resultat, nicht die subjektive Intention, und dieses historische Resultat ist beeindruckend.

Doch diese Einsicht macht die Arbeit des Bewegungshistorikers nicht einfacher. Denn die Geschichtsschreibung dieses Ereignisses ist leider fest in der Hand der Initiatorin, und deren Verhältnis zur Faktentreue ist nicht besonders ausgeprägt. Was sie auch gerne selbst zugibt, reklamiert sie doch für sich

„einen Journalismus, der sich gegen die Lüge von der Objektivität wendet und damit die Spielregeln bricht, die nur denen nutzen, die sie aufgestellt haben.“ ([5], S. 12)

Und so erzählt Alice Schwarzer, wie ich an anderer Stelle in diesem Blog bereits dargestellt habe, die Geschichte immer wieder unterschiedlich, je nach politischer Opportunität. Wenn man alle Varianten der Schwarzerschen Geschichtserzählung miteinander vergleicht, kommt man ungefähr auf den folgenden Ablauf. Zunächst quartierte sie sich wohl bei ihrer Mutter ein und versuchte ihr Glück in Bonn:

„Ich schlage meine Zelte in Wuppertal auf und klopfe zunächst bei den Gewerkschafterinnen sowie den Politikerinnen aus SPD, FDP und DKP in Bonn an. Vergebens.“ ([6], S. 238)

So richtig plausibel ist das nicht unbedingt. Wie ich hier im Blog ebenfalls schon berichtet habe, verabschiedete die Bundesfrauenkonferenz der SPD bereits im Oktober 1969 eine Resolution, in der die ersatzlose Streichung des § 218 verlangt wurde, was dann im Dezember auch von den Jusos unterstützt wurde. In der SPD hätte es also offensichtlich genug Bündnisgenossinnen gegeben – offensichtlich hatte Schwarzer an die falschen Türen geklopft. Ähnliches gilt wahrscheinlich auch für die FDP, die sich als Partei schon klar auf eine Fristenlösung festgelegt hatte – die damals in der offiziellen Parteienlandschaft progressivste Position.

Der DKP traue ich allerdings tatsächlich die von Schwarzer kolportierte Ablehnung zu, die angeblich damit begründet wurde, die „Frauen in den Betrieben wären schockiert.“ ([5], S. 20) Aber das liegt wahrscheinlich daran, daß ich der DKP jeden reaktionären Schwachsinn zutraue. Ähnliches gilt für die Gewerkschaften, deren Vorstellungswelt damals noch weitgehend patriarchal geprägt war, was dazu führte, daß der gewerkschaftliche Organisationsgrad berufstätiger Frauen in den 60er Jahren auf 15% zurückging, was die Historikerin Sylvia Schraut zu dem Schluß führte:

„Es bedurfte der Neuen Frauenbewegung der 1970er und 80er Jahre außerhalb der Gewerkschaften, um frischen Wind in das spannungsreiche Verhältnis von Arbeit(nehm)er- und Frauenbewegung zu bringen.“ ([3], S. 435)

Wie auch immer: Die ersten Versuche, über Parteien und Gewerkschaften Unterstützung zu bekommen, scheiterten.

Besser sah es bei den studentischen Frauengruppen aus, die Schwarzer an den Universitäten Frankfurt, München und Berlin aufsuchte. In Berlin hatte Schwarzer die uneingeschränkte Unterstützung des Sozialistischen Frauenbundes, der aus dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen hervorgegangen war, in München lehnten zwar einige der Roten Frauen die Kampagne als reformistisch ab, aber ein anderer Teil der Gruppe stürzte sich enthusiastisch in das Unternehmen. Nur der Frankfurter Weiberrat verwarf die Aktion in Bausch und Bogen, wie Schwarzer berichtet:

„Ich trage die Idee vor, die Genossinnnen beraten sich – und die zwei Wortführerinnen der Gruppe, Margit und Hilde, bescheiden mich sodann kategorisch: »Der Weiberrat beteiligt sich nicht an dieser Art reformistischer, kleinbürgerlicher Aktion.« Ich falle von hoch runter. Damit hatte ich nicht gerechnet.“ ([6], S. 238f)

Diese Überraschung ist zweifellos geheuchelt, denn die Erfahrungen im Pariser MLF waren schließlich exakt die selben gewesen. Auch dort schlug, wie ebenfalls bereits dargestellt, den Initiatorinnen der Kampagne zunächst der blanke Haß von Seiten der sozialistischen Frauengruppen entgegen. Im Gegenteil muß man feststellen, daß, verglichen mit Frankreich, die Kampagne von den universitären Frauengruppen erstaunlich wohlwollend und mit ziemlichem Engagement aufgenommen wurde.

Wen Schwarzer noch kontaktierte und was sonst noch geschah erfahren Sie nächste Woche, wenn sie erzählt:

„Endlich ist es so weit. An dem Montag, an dem der Stern die Selbstbezichtigung ins Heft hebt, bin ich in Hamburg. Bis weit nach Mitternacht. Und erst, als der Titel steht – ein Kollektiv-Cover und nicht nur ein Foto von Romy Schneider […] –, erst als alles layoutet ist, erst dann rücke ich die 374 Unterschriften raus. Bis zuletzt halte ich die Mappe, in der sie liegen, fest umklammert.“ ([6], S. 241f)

Nachweise

[1] Hegel, G. W. F.: „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“, in: Hegel, G. W. F., Theorie Werkausgabe Bd. 12, Frankfurt a. M. 1970.

[2] Mika, B., Alice Schwarzer. Eine kritische Biographie, Reinbek bei Hamburg 1998.

[3] Schraut, S.: „Arbeiterbewegung und Geschlechterverhältnisse“, in: Technoseum. Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim (Hg.), Durch Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung 1863 — 2013, Mannheim 2013, S. 424 – 438.

[4] Schwarzer, A., Frauen gegen den § 218. 18 Protokolle, Frankfurt a.M. 1971.

[5] Schwarzer, A., Mit Leidenschaft, Reinbek bei Hamburg 1985.

[6] Schwarzer, A., Lebenslauf, Köln 2011.

[7] Frankfurter Frauen (Hg.), Frauenjahrbuch 1, Frankfurt 1975 (2. Aufl.).

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Written by alterbolschewik

18. Oktober 2014 um 16:24

Veröffentlicht in Feminismus, Paragraph 218

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